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Helmut Lambers: Reflexionsgrundlagen Sozialer Arbeit

Cover Helmut Lambers: Reflexionsgrundlagen Sozialer Arbeit. Eine systemtheoretische Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-2966-6. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

In diesem Buch geht es darum, die Bedeutung und den Nutzen der soziologischen Theorie sozialer Systeme für die Soziale Arbeit in den Blick zu nehmen. Zu diesem Zweck wird eine Einführung in die vor allem von Niklas Luhmann weiterentwickelte Systemtheorie sowie angrenzende Konzepte der Kybernetik vorgestellt und auf die Theorie und Praxis Sozialer Arbeit bezogen. Gesellschaftstheorie nach Luhmann versucht Auskunft darüber zu geben, wie moderne Gesellschaften sich entwickeln und wie es ihnen trotz aller augenscheinlichen Unordnung gelingt, zu einer sozialen Ordnung zu gelangen. Mit der Luhmannschen Theorie Sozialer Systeme liegt ein konkreter Analyserahmen zur Entstehung sozialer Ordnung vor. Daher könne Soziale Arbeit ihn nicht ignorieren, so Helmut Lambers.

Autor

Helmut Lambers, Jg. 1953, Dr. phil., Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialpädagoge, ist Professor an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Fachbereich Sozialwesen/Soziale Arbeit, Abteilung Münster. Seine Arbeits- und Lehrschwerpunkte sind: Geschichte, Theorien, Konzepte, Management, Systemtheorie, Arbeitsweltorientierung sowie erzieherische Kinder- und Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Eine erste Fassung dieses Buches ist 2010 im Verlag Barbara Budrich erschienen und wurde bereits von Heiko Kleve am 03.02.2010 für socialnet rezensiert (siehe www.socialnet.de/rezensionen/8089.php).

Aufbau

Das Buch scheint in weiten Teilen deckungsgleich zur ersten Fassung bei Budrich von 2010. Geändert haben sich vereinzelt etwa Anordnungen in der Gliederung der Themen und Inhalte, die jetzt noch engeren Bezug zur Sozialen Arbeit und ihren Handlungsfeldern haben. Auch bei den „Vertiefungskommentare“ gab es wichtige Ergänzungen für die reflexive Praxis, wie „Erleben und Handeln“ und – natürlich durfte dies nicht fehlen – „Inklusion/Exklusion“ (zuvor nur „Exklusion“).

Inhalt

Das Kapitel 1 beschäftigt sich mit dem Thema „Kontakt mit Systemtheorie“.

Kapitel 2 und 3 klären über die „Herkunft“ der Systemtheorie und ihrem konstruktivistischen „Wissenschaftsverständnis“ auf.

In Kapitel 4 werden das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, verschiedene Ordnungsebenen und Kategorien dargelegt. Hier ist ein kleiner, aber nicht unwichtiger Abschnitt zur Stellung des sozialen Systems „Familie“ dazugekommen.

Kapitel 5 stellt dar die „Soziale Arbeit aus systemtheoretischer Sicht“, d.h. ihre Codierung, Programme und dazu die systemtheoretische Professionstheorie.

In Kapitel 6 werden thematisiert die „Soziale Arbeit und die Steuerung sozialer Systeme“, insbesondere das systemtheoretische Steuerungsverständnis, der Kontext von Systembeziehungen und ein „kleiner Exkurs zu Sozialmanagement“.

Kapitel 7 reagiert auf Nutzenanfragen aus dem Blickwinkel von Profession und Disziplin und endet mit einem Schlusswort für das Buch. Ganz am Ende findet der Leser ein „Glossar“ und „Vertiefungskommentare“.

Diskussion

Ein sehr lesenswertes Buch, wenn man als Student oder Experte intensiv mitdiskutieren möchte. Was kann kritisch andiskutiert werden? Vielleicht soviel:

Kapitelüberschriften wie „Gibt es weitere Systeme?“ wirken etwas ontologisch, auch wenn sicher eine didaktische Absicht dahinter steckt. Manche der neu dazugekommenen Erläuterungen, etwa zum gewissen theoretischen Vorrang der sozialen Systeme in der Luhmannschen Systemtheorie (S. 108) leuchten nicht recht ein und wirken zu unkritisch daherkommend. Lambers fragt z.B.: „Weshalb räumt er in seiner Theoriebildung den sozialen Systemen einen gewissen Vorrang vor den biologischen und psychischen Systemen ein?“ und erklärt dies unter anderem so: „Luhmann kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Systeme diesen Kontakt zur Realität eher halten als die psychischen Systeme.“ Ob Luhmann wirklich genau zu diesem Schluss käme? Und selbst wenn dies so wäre, wäre dieser Schluss für die Profession Sozialer Arbeit nicht eigentlich inakzeptabel, wenn damit eine Vorrangstellung wissenschaftlicher Erkenntnis vor der phänomenologischen Erfahrung ihrer Adressaten insinuiert würde? Weiter unten kommt der Rezensent in Bezug auf weitere Erklärungen etwas durcheinander: „Sprache im Sinne von Verständigung hält also mehr Kontakt zu dem, was wir Wirklichkeit nennen, als das Bewusstsein selber. Dies erklärt, weshalb sich Luhmann eher an Kommunikation als an Bewusstsein hält, um zu einer Theorie über die Gesellschaft zu kommen. Sprache hält zwar keinen direkten Kontakt zur Wirklichkeit, sie kann sie nicht objektiv erklären“ (S. 108). Hier werden m.E. mehrere wichtige Unterscheidungen zu sehr vermengt: a) wissenschaftliche Beobachtung im Unterschied zu alltäglichen Beobachtungen und b) Kommunikation im Unterschied zu Bewusstsein. Das kann Lambers sicher anders und noch besser erklären.

Das Theorem der konditionierten Koproduktion von Fuchs (2003: 61) zeigt im Übrigen auf, dass Priorisierungen und Rangordnungen von Systemen nicht haltbar sind. Wer würde auch seit den Erkenntnissen der Bindungsforschung noch ernsthaft behaupten, dass das biologische System funktional wichtiger für das Individuum ist als das soziale System? - Zwar nicht ad rem, aber dennoch hilfreich scheint mir erklärungshalber noch der Hinweis auf die wissenschaftliche Disziplin, die Luhmann vertritt: Soziologie. Insofern argumentiert er in seiner Leistungsrolle pro domo, denn Soziologie ist bekanntlich primär an wechselseitig aufeinander bezogenem kommunikativem Handeln – und eher nicht am Einzelhandeln und -erleben – interessiert. Damit ist zugleich ein Kritikpunkt dieses Buches angesprochen: die blinden Flecke der Luhmannschen Systemtheorie werden nicht explizit aufgezeigt und kritisch angesprochen. Man nehme nur einmal das Beispiel Familie. Zwar spricht der Gesellschaftssoziologe Luhmann zu Recht von einem Bedeutungsverlust in „politischer Hinsicht“. Ein „Bedeutungsverlust ihrer produktiven Funktionen“ (S. 106) lässt sich aber nicht einfach nachvollziehen, schüttet er damit doch zugleich „das Kind“ (sic) mit dem Bade aus. M.E. kann von einem „Bedeutungsverlust“ keinesfalls gesprochen werden, höchstens von einem „Bedeutungswandel“ und sogar einer Funktionszunahme insbesondere im Hinblick auf stetig steigende Inklusionsanforderungen (der heutigen „Wissensgesellschaft“). Die Vollinklusion hat größte Bedeutung und eine immense Multifunktionalität nicht nur für die Gesellschaft, sondern – und das ist für Soziale Arbeit (man denke nur an die Kinder- und Jugendhilfe etc.) ganz entscheidend und auch empirisch belegt – für die Lebenschancen ihrer nachwachsenden personalen Umwelt (vgl. Wirth 2014: 307ff. mit der Identifikation einer Vielzahl von konkreten Funktionen der Familie in der Lebensphase „Kindheit“). Einige eher beiläufig wirkende Hinweise auf die „originäre Übernahme von Aufgaben der primären Sozialisation“ werden dieser Bedeutung aber m.E. nicht gerecht.

Punkte wie die angesprochenen sollten aber nicht den positiven Gesamteindruck schmälern.

Fazit

Der differenzierten Bewertung der 2010-er Fassung von Kleve schließe ich mich weitestgehend an. Das neue Buch von Helmut Lambers wirkt noch aufgeräumter und praxisrelevanter. Didaktisch hat es ebenfalls viel dazugewonnen, wie etwa durch das Weglassen oder Umarbeiten von Fußnoten und der Hinzunahme weiterer relevanter Vertiefungskommentare bzw. deren Überarbeitung.

Das Buch ist m.E. sehr informativ, sehr gut verständlich und enthält viele wichtige Systematiken (= theoretische Selbstfestlegungen) für Systemische Soziale Arbeit, die sich eng an die Systemtheorie von Niklas Luhmann anlehnen. Möglicherweise wichtige Weiterentwicklungen, insbesondere seit 2009/2010 werden jedoch – nicht mehr oder noch – nicht aufgegriffen. Ich empfehle dieses Buch dennoch uneingeschränkt für Studierende, Leitungskräfte und Lehrende als Standardwerk. Mit der zu stark gesellschaftstheoretischen Ausrichtung hadere ich etwas. Für die Reflexion Sozialer Arbeit sind die Beobachtungen des Soziologen Luhmanns aufgrund ihrer sozialtheoretischen und empirischen Plausibilität zwar grundlegend und insofern verpflichtend. Sie sind insgesamt aber keineswegs hinreichend, wie viele Nacharbeiten (Kieserling, Nassehi, Fuchs, Bommes/Scherr, Farzin et.al.) wie Scheinwerfer anzeigen. Soziale Arbeit (und ihre Reflexion) lässt sich keinesfalls folgenlos auf die Bearbeitung (makro)soziologischer oder sozialer Probleme eindampfen. Soziale Arbeit operiert inmitten der fundamentalen Ambivalenz von (In-)Dividuum und Gesellschaft, also in der dreckigen und einseitig nicht kontrollierbaren Janusköpfigkeit von Humanität und Produktivität. Um nun aber voreilige Parteinahmen zu vermeiden, ist Soziale Arbeit als eine Theorie und Praxis zu bestimmen, die sich – diese Ambivalenz damit übergreifend – auf Probleme der Lebensführung zu beziehen hat.

Literatur

  • Bommes, Michael; Scherr, Albert (2000; 2012): Soziologie der sozialen Arbeit: eine Einführung in Formen und Funktionen organisierter Hilfe. München: Juventa.
  • Farzin, Sina (2006): Inklusion/Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung. Bielefeld: transcript.
  • Fuchs, Peter (2003): Der Eigen-Sinn des Bewußtseins. Die Person, die Psyche, die Signatur. Bielefeld: transcript.
  • Fuchs, Peter (2010): Das System SELBST. Eine Studie zur Frage: Wer liebt wen, wenn jemand sagt: „Ich liebe Dich!“? Weilerswist: Velbrück.
  • Kieserling, André (1999): Kommunikation unter Anwesenden? Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Nassehi, Armin (1993; 2008): Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden: VS.
  • Wirth, Jan V. (2014): Die Lebensführung der Gesellschaft. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Heidelberg: Springer.

Rezensent
Dr. Jan V. Wirth
Derzeit Habilitation an der Universität Bielefeld / PH Freiburg und Gastprofessor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, Praxisberater / Supervisor (www.systeams.org), Dipl.-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH)
Homepage www.systeams.org
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Zitiervorschlag
Jan V. Wirth. Rezension vom 02.03.2015 zu: Helmut Lambers: Reflexionsgrundlagen Sozialer Arbeit. Eine systemtheoretische Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2966-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17470.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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