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Evelyn Kauffenstein, Brigitte Vollmer-Schubert (Hrsg.): Mädchenarbeit im Wandel

Cover Evelyn Kauffenstein, Brigitte Vollmer-Schubert (Hrsg.): Mädchenarbeit im Wandel. Bleibt alles anders?! Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 150 Seiten. ISBN 978-3-7799-2964-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

In der Mädchen(arbeits-)forschung ist wieder etwas in Bewegung gekommen. Dies legt zumindest eine beträchtliche Anzahl an neuen Veröffentlichungen nahe (insbesondere empirische Qualifikationsarbeiten im Bereich der Hilfen zur Erziehung). In den „neueren“ Diskurslinien werden insbesondere die Verschränkungen von Differenzlinien in Theorie und Praxis sowie die Infragestellung von bisherigen Identitätskonstruktionen thematisiert mit dem Ziel, Theorie- und möglichst auch Praxisbestände weiterzuentwickeln. Dies korrespondiert damit, dass in Ausbildungsstätten wieder ein deutliches Interesse an Gender-Themen, insbesondere der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen aufkeimt. In diesen Zusammenhang ist der Sammelband von Evelyn Kauffenstein und Brigitte Vollmer-Schubert einzuordnen.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung geht auf eine Tagung zurück, die im April 2013 durch das Gleichstellungsbüro der Stadt Hannover veranstaltet wurde. Ziel der Tagung war, die Tradition des bewussten und kritischen Umgangs mit dem besonderen Verhältnis von Mädchenarbeit und Jugendhilfe fortzuführen und einen Rahmen für neue Verständigungen anzubieten.

Mit dem Sammelband möchten die Herausgeberinnen aktuelle fachliche und politische Impulse aufgreifen und Beiträge zu einer Standortbestimmung und Neu-Verortung der Mädchenarbeit anbieten.

Herausgeberinnen

Die beiden Herausgeberinnen sind die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hannover sowie eine Promotionsstudentin der Humboldt Universität zu Berlin. Der Band soll sich an Praktikerinnen und Praktiker sowie Forscherinnen und Forscher richten sowie an alle, die an feministischen, geschlechterpolitischen Fragen und Praxisformen interessiert sind (vgl. S.9).

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Band beinhaltet zwölf Beiträge (in der Größenordnung von 12 bis 24 Seiten). Den Beiträgen vorangestellt ist eine kurze Einleitung der Herausgeberinnen, in der folgende Ausgangsfragen formuliert werden:

  • Wie haben sich die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse verändert und was bedeutet Mädchenarbeit heute?
  • Welchen alten und neuen Formen von Sexismus können wir wie begegnen?
  • Welche Anforderungen stellen sich angesichts der Diagnosen an die Mädchenarbeit?
  • Wie können die langjährigen Erfahrungen genutzt werden? Wie können verschiedene Generationen von Mädchenarbeiterinnnen ihre Erfahrungen für die gemeinsame Sache stark machen?
  • Was bedeutet Mädchenpolitik heute?
  • Warum ist trotz aller intersektionaler Erkenntnisse die Kategorie Mädchen von Bedeutung?
  • Welche Potenziale bieten Cross Work sowie mono- und koedukative Praxisformen?

Die Beiträge sind in keine thematischen Kapitel untergliedert. Die Herausgeberinnen benennen einleitend jedoch vier thematische Kristallisationspunkte, die sie in der Vielfalt der Beiträge erkennen:

  1. (Re)Politisierung,
  2. Differenzlinien und Machtkritik,
  3. Mädchenarbeit im Zentrum verschiedener Praxisformen,
  4. Räume verteidigen, eröffnen, gestalten.

Eröffnet und beendet wird der Bogen der Beiträge mit Beiträgen der Herausgeberinnen.

Evelyn Kauffenstein beschäftigt sich zunächst mit dem Bewegungsbegriff und plädiert für eine Betrachtungsweise Feministischer Mädchenarbeit als politischer Bewegung unter Betonung des widerständigen, kritisch-emanzipatorischen Anteils.

Ulrike Graff setzt sich mit der Aktualität monoedukativer Ansätze im Rahmen des erziehungswissenschaftlichen Diskurses auseinander und unterfüttert ihre Aussagen durch empirisches (nicht mehr ganz neuem) Material aus ihrer Erhebung in einem Mädchentreff.

Claudia Wallner leitet im Rekurs auf die Alphamädchendebatte und den Zumutungen einer konsumorientierten Populärkultur die Notwendigkeit von Mädchenarbeit ab.

Linda Kagerbauer referiert aus ihrer laufenden Dissertation zum Generationendialog in der Mädchenarbeit und spricht dabei neoliberale Entwicklungen in der Sozialen Arbeit an.

Zur Thematik „Of Color“ wird im Anschluss eine fingierte Gesprächsrunde wiedergegeben und darin u.a. Themen wie Opferstilisierung, Betroffenheit, Solidarität und Konkurrenz angesprochen.

Daran schließt der Beitrag von Güler Arapi zur Reflexivität der Wirkmächtigkeit und Reproduktion von rassistischer Diskriminierung in der Mädchenarbeit an.

In einem längeren Beitrag versucht Nicole Lormes Theoriebestände im Hinblick auf Widersprüche für die Übertragbarkeit auf das Verständnis von Mädchenarbeit auszuloten.

Im Rekurs auf Judith Butler entwickelt Karina Nordhoff Spannungsfelder einer heteronormativitätskritischen Mädchenarbeit und plädiert u.a. für eine Mädchenarbeit als Förderung der Egalität von Menschen.

Im Anschluss daran entwickelt Ines Pohlkamp Perspektiven darauf, was Queerfeminismus für die Mädchenarbeit bedeuten kann.

In einem kurzen Beitrag formulieren Christoph Grote und Olaf Jantz grundsätzliche Aspekte einer gendersensiblen Überkreuzpädagogik (Arbeit von Männern mit Mädchen).

Brigitte Schubert-Vollmer schließt mit einem Beitrag zur Reflexivität von Mädchenarbeiterinnen ab.

Der geschlechtshomogene Ansatz wird auch heute noch immer wieder als "überholt" angesehen. Der Beitrag von Ulrike Graff plädiert aus erziehungswissenschaftlichem Hintergrund dafür, das Verhältnis von Koedukation und Monoedukation als "eigene Orte" sorgfältig und neu zu denken und kontinuierlich die aktuellen Potenziale der Monoedukation in die Bildungsdebatte einzuweben.

Der Beitrag von Ines Pohlkamp ist insofern besonders interessant, dass darin Aufbegehren und Anpassen als zwei verschiedene Selbstermächtigungsstrategien von Mädchen und jungen Frauen anhand der Riot-Grrrl-Bewegung bzw. der TV-Castingsshows wie GNTM entwickelt werden. In einem nächsten Schritt werden Konsequenzen daraus für pädagogische und strukturelle Arbeit einer queer-feministischen Mädchenarbeit durchdacht werden. Auch hier beschreibt die Autorin nachvollziehbar, wie der Begriff Queer zu fassen und für eine queer-feministische Arbeit zu füllen ist.

Diskussion

Der Diskurs um Mädchen(arbeits)forschung befindet sich in einer eigentümlichen Situation. Einerseits ist es notwendig, sich immer wieder neu zu verständigen und neue Impulse aufzugreifen, Verknüpfungen vorzunehmen, Bisheriges zu hinterfragen. Andererseits ist die Frage, was heute wirklich neu zu denken, zu sagen und zu schreiben ist oder ob man/frau sich nicht fortlaufend in mehr oder weniger „Aufgewärmtem“ bewegt. Jährlich kommt eine Vielzahl von Büchern auf den Markt und Qualifikationsarbeiten stehen unter dem Druck, eine bestehende Lücke zumindest ansatzweise zu schließen. Faktisch ist dies meist nur begrenzt einzulösen. Bestenfalls handelt es sich um methodisch sauber aufbereitetes (empirisches) Material, das bisherige Theoriebestände bestätigt oder leicht zu modifizieren vermag.

Was also gäbe es bezogen auf (Diskurse zu) Mädchenarbeit und Mädchenforschung wirklich Neues zu sagen und zu veröffentlichen? Die Debatte um „Alphamädchen“ ist in den vergangenen 15 Jahren ausreichend geführt und hat an Aktualität deutlich verloren. Aus meiner Sicht, müsste die Mädchenarbeitsforschung zum einen die verschiedenen Differenzlinien methodisch sauber in ihrer Verknüpfung weiterdenken und vor allem konsequent Erkenntnisse für die Debatte und Praxis daraus ableiten. Zum anderen muss sie mehr als zuvor systematisch die „Ränder“ thematisieren, d.h. Mädchen und junge Frauen in sozialen Ungleichheitslagen, Wohnungslosigkeit etc. Und drittens muss sie weitaus konsequenter als dies in den letzten Jahren der Fall war, die aktuellen Diskurse der Jugendhilfe durchdenken und hierzu aktuell forschen.

Der Verdienst des Bandes ist, dass er bezogen auf Mädchenarbeit etliche wichtige und aktuell zu führende Diskurse aufzeigt (Queeransätze, intersektionales Arbeiten etc.) und grundsätzlich den mono-eduaktiven Ansatz befragt. Hierfür kommt ihm die Ausgangsfolie einer Tagung zugute. Der Anspruch einer Standortbestimmung (bezogen auf die Diskurse in Theorie und Praxis) und in einem weiteren Schritt einer (Neu-)Verortung wird jedoch nicht eingelöst, ggf. auch deshalb, weil die Gesamtsystematik und die beiden rahmenden Beiträge nicht ausreichend durchgearbeitet sind. An diesen Stellen wurden Möglichkeiten vertan und die Veröffentlichung gerät in Gefahr zumindest bei Kennerinnen der Materie den Eindruck zu erzeugen, dass es sich um eine ausgeweitete Dokumentation einer (örtlichen) Tagung handele, die hinter den selbst formulierten Ansprüchen und Versprechungen deutlich zurückbleibt.

Dies macht jedoch auch deutlich, dass eine aktualisierte empirische Standortbestimmung bzw. Bestandsaufnahme fehlt (angefangen mit einem Überblick über Anzahl von Einrichtungen und Stellen in der Mädchenarbeit, ggf. auch über abgebaute Stellen und deutlich modifizierte Konzepte). Auch die im Sammelband angerissene Frage nach der Definition von Mädchenarbeit und Mädchenforschung (Geht es um Orte ausschließlich für Mädchen? Geht es Perspektiven auf Mädchen und junge Frauen? etc.) wäre dabei zu verhandeln und auszuweisen. Und weiter würde eine Standortbestimmung eine systematische Aufbereitung der Diskurse und ihrer Verschränkungen beinhalten müssen. Nicht zuletzt bedarf es der umfassenden Studien, die in der Lage sind, auf den Ausgangs- und Bezugspunkt der Arbeit, nämlich Mädchen und junge Frauen und deren Perspektiven und Leistungen zu fokussieren, nicht in einer Rede „über“, sondern mit ihren eigenen Stimmen. Daraus würden sich dann aus meiner Sicht Verortungen der Mädchenarbeit ergeben oder entwickeln.

Fazit

Ein Sammelband mit interessanten Ansätzen, der diskursive Aspekte und Fragen bezogen auf die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen aufgreift und engagiert verhandelt. Jedoch bleibt die Ausführung in einigen Teilen hinter dem hohen Anspruch des Bandes zurück und spornt damit zu Überlegungen an, was eine Standortbestimmung zur Mädchenarbeit und Mädchenarbeitsforschung beinhalten müsste.


Rezensentin
Dr. Claudia Daigler
Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg Organisationseinheit: Jugendhilfeplanung, Landesberichterstattung und Forschung
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 28.11.2014 zu: Evelyn Kauffenstein, Brigitte Vollmer-Schubert (Hrsg.): Mädchenarbeit im Wandel. Bleibt alles anders?! Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2964-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17473.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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