socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Arno Deister, Bettina Wilms: Regionale Verantwortung übernehmen

Cover Arno Deister, Bettina Wilms: Regionale Verantwortung übernehmen. Modellprojekte in Psychiatrie und Psychotherapie nach §64b SGB V. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-88414-605-7. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Durch den 2012 im fünften Sozialgesetzbuch eingeführten §64b sollen in jedem Bundesland mindestens ein Modellprojekt realisiert werden, um eine sektorenübergreifende Weiterentwicklung in der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung zu befördern, um so eine praxisbasierte Evidenz zu generieren für neue Formen der Leistungserbringung, optimierte Kooperationen sowie regionaler Psychiatriebudgets. „Die Übernahme von Verantwortung für die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen durch ein vernetztes Angebot von Hilfe- und Versorgungsmaßnahmen in der Region ist die Basis für eine gemeindenahe und psychosozial orientierte Psychiatrie, die sich nicht an die bestehenden Strukturen stationärer, tagesklinischer oder ambulanter Versorgung bindet, sondern die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten in den Vordergrund stellt.“ (S.8)

AutorInnen

Dr. Bettina Wilms und Prof. Dr. Arno Deister sind laut Verlagsauskunft MitinitiatorInnen des Netzwerkes „Steuerungs- und Anreizsysteme für eine moderne psychiatrische Versorgung“ und jeweils als ChefärztInnen tätig in zwei unterschiedlichen Kliniken für Psychiatrie bzw. psychosoziale Medizin.

Aufbau und Inhalt

Die Hauptmotivation dieses Buches liegt in der Vermittlung wesentlicher Kenntnisse zur Umsetzung eines Modellprojektes im Rahmen des §64b SGB V, um so maßgeblich leitende Mitarbeitende in Kliniken und anderen sozialpsychiatrischen Einrichtungen zu ermutigen und zu befähigen, neue Formen der integrierten Versorgung und eines regionalen Psychiatriebudgets anzugehen und zu evaluieren. Zunächst wird grundlegend in die argumentative Logik eingeführt, weshalb eine „regionale Verantwortung als Grundbedingung einer zukunftsfähigen Versorgungsstruktur“. Hierfür werden sechs zentrale Thesen erläutert:

  • Das Hilfesystem für Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigt spezifische Rahmenbedingungen.
  • Das Hilfesystem für Menschen mit psychischen Erkrankungen muss grundsätzlich verändert werden.
  • Das bestehende fragmentierte Hilfesystem führt zu erhöhtem Ressourcenverbrauch und zu unzureichender Ergebnisqualität.
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen zwingend eine integrierte Versorgung.
  • Ein auf den einzelnen Fall bezogenes Finanzierungssystem setzt Fehlanreize für die Versorgungsstruktur.
  • Die Ergebnisqualität muss der Maßstab für die Bemessung und den Einsatz der Ressourcen werden.

Es folgt eine Situationsanalyse des gewachsenen und bestehenden Gesundheitssystems in Deutschland, der damit einhergehenden Logiken sowie der Ableitungen für ein verändertes System, dass sich stärker an den Ausgangslagen der PatientInnen und deren Ressourcen orientiert und damit zu einem durchaus auch grundlegend anderen Verständnis einer Gesundheitsversorgung führt.

Es folgt ein Kapitel zu den Rahmenbedingungen, Potenzialen und Notwendigkeiten für Modellprojekte im Rahmen des titelgebenden Paragraphen. Hierbei werden von den AutorInnen zudem diverse ExpertInnen aus den beteiligten Systemen der Gesundheitsversorgung interviewt und die Transkripte in den Text direkt eingebaut.

Im Folgenden werden die verschiedenen Aspekte zur Vorbereitung, Einleitung und Umsetzung eines solch bedeutsamen Changeprozesses sehr praxisnah und handlungsorientiert ausgeführt. Teilweise bestehen über ein das Buch begleitendes Onlineportal Praxishilfen in Form von Checklisten, Musterverträgen und ähnlichem. Abschließend wird ein als ‚Wetterbericht‘ überschriebener Status und Ausblick auf die Modellprojekte gegeben, wobei chancenvolle ‚Hochdruckgebiete‘ und herausfordernde ‚Tiefdruckgebiete‘ resümiert werden, um „Behandlungsformen an die Bedarfe und Bedürfnisse der Patienten anzupassen“ (S.237). Zugleich wird ein Einblick in die begleitenden Evaluationen und die daraus ableitbaren Effekte gegeben, dass sich bspw. die vollstationäre eher in Richtung einer teilstationären Versorgung verschiebt, dass die kumulierte Behandlungsdauer sich verkürzt, dass dabei zugleich andere Behandlungssettings ermöglicht werden bspw. eine verbesserte Behandlungs- und Beziehungskonstanz, eine ausgesprochen voraussetzungs- und anspruchsvolle Entwicklung im Hometreatment sowie eine stärkere Aufwertung bspw. auch des sozialpädagogischen Kooperationssystems um nur wenige der beschreibbaren Veränderungseffekte zu nennen.

Fazit

„Wer Betten bezahlt, wird Betten erhalten, wer Ziffern bezahlt wird Ziffern erhalten“ (S.252), es geht folglich um eine zu entwickelnde Ergebnisqualität als Steuerungsgröße, die die Personenzentrierung sowie ein gesundheitsförderliches Verständnis von Wohlbefinden entsprechend der Definition des Gesundheitsbegriffes durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine Annäherung an einen Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich das ‚Freisein‘ von Krankheit und Schwäche in den Fokus bringt. „Ein Fachbuch für Nachahmer – auch für Kostenträger, Verwaltungen und Verbände“ ist auf dem Bucheinband zu lesen. Nach der Lektüre kann dem unbedingt zugestimmt werden, insbesondere aufgrund der praxisbezogenen und erfahrungsbasierten Expertise der AutorInnen, die durch das Buch ermutigend zur Verfügung gestellt wird.

Besonders reizvoll erscheint, dass sich die beschriebenen Herausforderungen, Notwendigkeiten und Ableitungen des psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Kontextes durchweg in den diversen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit bspw. der Altenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe oder auch der Behindertenhilfe wiederfinden, weshalb das Buch gerade auch Leitungskräften aus diesen Handlungsfeldern empfohlen werden kann, umso transdisziplinär ermutigt zu werden für einen notwendigen Change hin zu einem Sozial- und Gesundheitssystem, in welchem die Menschen mit ihren spezifischen Bedürfnissen, Ausgangslagen und Interessen sowie Ressourcen und Potenzialen im Fokus stehen und nicht die Logik einer betriebswirtschaftlich-renditeorientierte Versorgungsindustrie.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Stefan Bestmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 30.12.2014 zu: Arno Deister, Bettina Wilms: Regionale Verantwortung übernehmen. Modellprojekte in Psychiatrie und Psychotherapie nach §64b SGB V. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. ISBN 978-3-88414-605-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17507.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!