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Petra Janzen: Was passiert nach dem Krankenhaus?

Cover Petra Janzen: Was passiert nach dem Krankenhaus? Lebensweltorientierung und die Praxis der Entlassung Pflegebedürftiger. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. 316 Seiten. ISBN 978-3-8288-3387-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Die poststationäre Berücksichtigung der Lebenssituation pflegebedürftiger älterer Menschen in der aktuellen Entlassungspraxis aus Krankenhäusern steht im Mittelpunkt dieser empirischen Arbeit im Rahmen einer Dissertation von Petra Janzen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Bereiche:

  1. Theoretische Fundierung,
  2. methodische Durchführung und Auswertung sowie
  3. Ausblick und Lösungsansätze.

In der ausführlichen Einleitung beschäftigt sich die Autorin mit dem demografischen Kontext beim Älterwerden und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Behandlung und Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Deutschland. Damit wird auch die These verbunden, dass die „Bedürfnisse dieser [geriatrisch] fokussierten Patienten/innengruppe“ über ein G-DRG Fallgruppensystem abzubilden sind, was aufgrund der ICD-10 Nutzung theoretisch und praxisorientiert wohl kaum gelingen kann. Offen bleibt, warum die vielfältigen Aspekte einschließlich der Darstellung des lebensweltorientierten Ansatzes von Hans Thiersch zur Rahmung in der Einleitung thematisiert werden und nicht in einem eigenen Kapitel.

Im theoretischen Teil erfolgt eine ausführliche Darstellung des deutschen Gesundheitssystems einschließlich der pflegerischen Versorgung (17ff.). Die staatlichen Grundprinzipien sozialer Sicherung dienen als Hintergrund zur Beurteilung der konkreten Maßnahmen zum Entlassungsmanagement in Akutkrankenhäusern. Insofern ist die aktuelle Beschreibung der rechtlichen Situation (29ff.) in der Behandlung und pflegerischen Versorgung von älteren Menschen nachvollziehbar. Der demografische Wandel führt dann zur Betrachtung auf die Konsequenzen für das Sozialsystem Deutschlands. Die poststationäre Versorgung von älteren pflegebedürftigen Menschen steht somit im Mittelpunkt des Interesses von Petra Janzen und sie benennt dabei mögliche Problematiken und Ziele im Spannungsfeld zwischen „Geld und Gesundheit“ (56).

Die Krankenhausentlassung wird aus rechtlicher Perspektive und hinsichtlich der Aufgaben eingegrenzt sowie mit der Sozialdienstexpertise und dem pflegerischen Entlassungsmanagement verbunden. Die fachliche Weiterentwicklung über die spezialisierte Klinische Sozialarbeit wird indes nicht thematisiert. Dagegen wird das mittlerweile verselbständigte Care- und Case Management gesondert betrachtet und Soziale Altenhilfe mit ihren Leistungsmöglichkeiten skizziert (85). Im dritten Kapitel führt Petra Janzen in die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch ein mit besonderem Fokus auf die „Stärkung der Lebensräume und des sozialen Umfelds“ des Klientels (90). Hier wird der theoretisch begründete Zugang Sozialer Arbeit deutlicher und die Autorin differenziert wissenschaftshistorisch weiter in Lebenswelt und Lebenslagen um dann das Konzept nach Thiersch ausführlicher mit der Praxis des Entlassungsmanagements zu verbinden (106). Dabei kann die Fragestellung, ob auch andere Professionen die aus der Lebensweltorientierung abzuleitenden „Richtlinien“ ohne weitere Qualifizierung und Reflektion anwenden sollten, durchaus kritisch gesehen werden. Die mangelnde Orientierung an der subjektiven Lebenswelt ist ein erhebliches Problem in der Versorgung von Patientinnen und Patienten.

Die methodische Durchführung im zweiten Teil umfasst die Darstellung der Entwicklung dieser Untersuchung mit Verweis auf eine ab 2002 an der Universität Lüneburg durchgeführten Studie zu einem Thema der Optimierung der Entlassungsplanung von älteren Menschen aus dem Krankenhaus. Die überschaubare Studienplanung enthält im Rahmen empirischer Sozialforschung zum einen sechs leitfadengestützte Expertinnen bzw. Experteninterviews mit unterschiedlichen Professionen in einem Krankenhaus plus zwei Expertinnen aus dem ambulanten Versorgungsbereich sowie sechs Patientinnen und Patienten (131). Während die Leitfadenkonstruktion sehr transparent und nachvollziehbar dargestellt wird, wäre eine konkretere Vorstellung und Begründung des spezifischen Samplings wünschenswert gewesen.

Die Auswertung der Experteninterviews beinhaltet die Auswertungsstrategie durch eine Aufbereitung des Interviewmaterials mit Orientierung an den Auswertungsschritten nach Meuser und Nagel (142ff.). Insofern ergeben sich hier wichtige Erkenntnisse für künftige poststationäre Versorgungsplanungen aus den Äußerungen beteiligter Professionen. Insbesondere die veränderten Rahmenbedingungen durch schlechtere finanzielle, zeitliche und personelle Ausstattung werden durch die befragten Personen kritisiert. Die mangelnde Sensibilität für die schwierigen Lebenssituationen von Patientinnen und Patienten sind ebenfalls thematisch erfasst. Thematisiert wurden lebensweltorientierte Aspekte und ethische Einschätzungen der häufig problematischen Entlassungssituation. Die Priorisierung ambulanter gegenüber vollstationärer Versorgung kann insofern nur gelingen, wenn lebensweltorientiert in Krankenhäusern gehandelt wird (205). Die Ergebnisse aus den Patientinnen und Patienteninterviews werden durch Fallvignetten eingeführt und dann in einem äquivalenten Verfahren wie mit den Expertinnen und Experten ausgewertet. Deutlich wird, dass unterschiedliche Bewältigungsstrategien bei Patientinnen und Patienten bei sich verändernden Lebenswelten durch Krankheit und Pflegebedarf sehr subjektiv gekoppelt sind an viele Einflussfaktoren wie biografische Kontexte, Versorgungssituation, Persönlichkeit, etc. Die Autorin erkennt einen qualitativen Unterschied zwischen häuslicher und vollstationärer Nachsorge und skizziert eine deutlich höhere Zufriedenheit und Lebensqualität bei Menschen, die wieder in ihre gewohnte Umgebung wechseln (271). Daraus folgt eine Übertragung der Ergebnisse in eine Empfehlung für eine „gelingendes Entlassungsmanagement“ (273). Die altbekannte Schnittstellenproblematik zwischen Krankenhäusern und Nachsorgeeinrichtungen wird durch die Ergebnisse abermals bestätigt. Die Forderung nach einer übergreifenden Steuerung der poststationären Nachsorge erscheint daher folgerichtig und augenscheinlich sind Krankenhäuser nicht alleine dazu in der Lage im Selbstverständnis eines Reparaturbetriebes.

Im dritten Teil Ausblick und Lösungsansätze beschäftigt sich Petra Janzen mit möglichen Optionen, die den beschriebenen Problemlagen entgegentreten könnten. Die genannten Punkte sind allerdings schon lange durch Fachverbände wie z.B. der DVSG gefordert und der bloße Hinweis auf die Notwendigkeit konzeptioneller Entwicklung zur Einbindung einer lebensweltorientieren Perspektive erscheint aufgrund der rabiaten internen Personalpolitik in Kliniken etwas arglos. Eine patientennahe Versorgung wird nicht über Kliniken vorangebracht, sondern muss rechtlich reglementiert sein. Die fachlichen Voraussetzungen, theoretischen Begründungen und empirischen Erkenntnisse durch Soziale Arbeit liegen vor.

Diskussion

Petra Janzen liefert mit diesem Buch eine weitere gute Begründung für eine Aktivierung der patientennahen und lebensweltorientierten Perspektive bei der Planung der poststationären Versorgung von älteren und pflegebedürftigen Menschen. Dabei ist der empirische Zugang nachvollziehbar und führt zu konkreten Handlungsoptionen für die Soziale Arbeit in der Krankenhausversorgung.

Allerdings wurde etwas die Chance vertan, gestützt auf weitere Studien und die eigenen Erkenntnisse konkreter Bedingungen für eine lebensweltorientierte Entlassungsplanung zur formulieren und somit noch deutlicher fachlich und rechtlich im Sinne der sozialen Teilhabe zu argumentieren.

Fazit

Diese interessante Veröffentlichung kann ich uneingeschränkt für die Praxis insbesondere in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit empfehlen und sollte aufgrund des transparenten empirischen Zugang und des angemessenen Preises eine weitere Verbreitung in der Fachwelt des Entlassungsmanagements erfahren.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 17.02.2015 zu: Petra Janzen: Was passiert nach dem Krankenhaus? Lebensweltorientierung und die Praxis der Entlassung Pflegebedürftiger. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-8288-3387-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17518.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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