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Matthias Wolter: Gewalt vermeiden

Cover Matthias Wolter: Gewalt vermeiden. Vom Wissen zum Können! Wie soziale Kompetenztrainings effektiv wirken. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. 242 Seiten. ISBN 978-3-8288-3370-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Gewalt ist ein Produkt von zwischenmenschlicher Aktion

Das Nachdenken und die Auseinandersetzungen darüber, wie Aggressionen und gewaltsames Denken und Handeln bei Menschen wirken, beschäftigt Anthropologen, Psychologen, Philosophen, Soziologen und Pädagogen seit Jahrhunderten. Zahlreiche Theorien und Handlungsanweisungen werden auf den Markt gebracht, um Aggressionspotentiale zu erkennen und ihnen begegnen zu können. Ist „Gewalttätigkeit“ ein Überlebensmerkmal? Oder ist der Gegensatz davon, die „Friedfertigkeit“, eine hoffnungslos veraltete und nostalgische Illusion? Gegen die destruktiven Kräfte, die im lokalen und globalen Verhältnis der Menschen untereinander auftreten, wird Ursachenforschung betrieben (Joachim Bauer, Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12108.php) und es werden zahlreiche Präventionsmaßnahmen vorgeschlagen (z. B.: Cornelia Muth / Annette Nauert, Hrsg., Vertrauen gegen Aggression. Das dialogische Prinzip als Mittel der Gewaltprävention, Schwalbach 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10589.php). Im pädagogischen Diskurs wird insbesondere auf die (zunehmende?) Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen geschaut. Es werden die Ursachen diskutiert und Präventions- und Therapiemaßnahmen gegen Formen und Ausprägungen von alltäglichen, schulischer und außerschulischer Gewalt erprobt und eingesetzt (Sabine Kurtenbach / Rüdiger Blumör, u.a., Hrsg., Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten, Baden-Baden 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10408.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Der gesellschaftliche Diskurs über Jugendgewalt chargiert zwischen den Forderungen nach einem stärkeren sozialen und pädagogischen Engagement und einem härteren Durchgreifen. Jugendliche Gewalttäter und deren delinquentes Verhalten erhält in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit erfahrungsgemäß eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Nicht immer freilich setzt dabei eine objektive Betrachtung und Ursachenforschung ein; und: berücksichtigt man die Tatsache, dass Gewalttaten von Jugendlichen in hohem Maße im schulischen Umfeld stattfinden, zeigen sich erhebliche Aufmerksamkeitsdefizite und nicht angemessene Reaktionsformen.

Matthias Wolter legt mit dem Buch „Gewalt vermeiden“ seine an der Berliner Humboldt-Universität, Institut für Sportwissenschaften, eingereichte Dissertationsschrift vor. Jugendgewalt gerät immer wieder und in vermehrtem Maße in den Fokus gesellschaftlicher Diskussion; und Konflikte und Gewalttaten von Jugendlichen haben ihre Ursachen und Entstehungssituationen oftmals im schulischen Umfeld. Nicht selten herrschen dabei Ohnmächte, Nichtbeachtung, Gering- oder Überschätzung bei Erwachsenen vor. Anstelle von professionellen Handlungsmustern und präventiven Maßnahmen werden allzu oft spontane Reaktionen eingesetzt, die oft genug die Gewaltsituation verschlimmern, anstatt sie zu bereinigen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor legt mit seiner empirischen Arbeit die Ergebnisse von Trainings vor, die er mit Schülerinnen und Schülern in mehreren Hauptschulen durchgeführt hat. Es handelt sich um Formen und Methoden von Sozialem Kompetenztraining, die er mit verbal und körperlich aggressiven männlichen Jugendlichen erprobte. Er wählte dazu vier unterschiedliche Trainingsansätze aus und untersuchte damit Effektivität und Wirksamkeit hinsichtlich kognitiver und behavioraler Veränderungsprozesse bei den Jugendlichen: Da ist zum einen das kognitive Training auf Gesprächsbasis; zum zweiten das kognitive Kompetenztraining mit Verhaltensfeedback; zum dritten das Kompetenztraining mit Stresssimulation; und schließlich das Kompetenztraining mit Stresssimulation und Verhaltensfeedback. Alle vier Trainingsmethoden haben zum Ziel, den gewaltbereiten und für verbale und physische Gewalt empfänglichen Jugendlichen kognitive Informationen und alternative Lösungsstrategien zum Gewaltverhalten anzubieten. „Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zeigen, dass sowohl mit rein kognitiven Kompetenztrainings als auch mit verhaltensorientierten sozialen Trainingsmaßnahmen bedeutsame Veränderungen in den Denk- und Bewertungsmustern als auch im Konfliktverhalten erzielt werden können“. Der Schwerpunkt der empirisch durch Konfliktsimulationen, Beobachtungsleitfaden und Interviews gut dokumentierten Trainingsmethoden lag dabei – und das ist bedeutsam für Prävention und Konfliktlösung – „in der Auseinandersetzung mit alltagsnahen und jugendtypischen Konflikten, mit der an die Erfahrungen und Kompetenzen der Teilnehmer angeknüpft wurde“.

Fazit

Die pädagogische und sach- und situationsorientierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen von Jugendgewalt bedarf einer weitaus intensiveren Betrachtung als nur die Einordnung in kriminalstatistische Beweislagen; sie erfordert ein Soziales Kompetenztraining, das ermöglicht, „prosoziale Handlungsalternativen in alltagsnahen Konfliktsituationen auszuprobieren und einzutrainieren“. Diese Kompetenz muss erworben und eingebunden werden in schulische und gesellschaftliche Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Matthias Wolter bietet mit seinen Forschungsergebnissen einen erweiterten Blick auf die schulischen Möglichkeiten an.

Soziale Kompetenztrainingsmethoden stellen sich damit als Handlungsmuster dar, die von Lehrerinnen, Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern eingesetzt werden können, fachbezogen und fächerübergreifend.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.10.2014 zu: Matthias Wolter: Gewalt vermeiden. Vom Wissen zum Können! Wie soziale Kompetenztrainings effektiv wirken. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-8288-3370-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17539.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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