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Marie-Luise Conen: Kinderschutz. Kontrolle oder Hilfe zur Veränderung?

Cover Marie-Luise Conen: Kinderschutz. Kontrolle oder Hilfe zur Veränderung? Ein systemischer Ansatz. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-2556-5. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR, CH: 11,50 sFr.
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Thema

Marie-Luise Conen greift die hohe Bedeutung des Kinderschutzes auf, um die aktuellen Entwicklungen in diesem Handlungsfeld kritisch zu hinterfragen. So bezweifelt sie, dass die zahlreichen Standardisierungen, Vorschriften, Dienstanweisungen und umfangreichen Dokumentationspflichten, insbesondere in den Jugendämtern, tatsächlich zu einem qualitativ verbesserten Kinderschutz geführt haben. Vielmehr konstatiert sie ein Mehr an Verunsicherung auf Seiten der Fachkräfte sowie eine kontrollierende Haltung als Reaktion auf die tendenziell ordnungspolitischen Erwartungen der Öffentlichkeit nach den spektakulären Kinderschutzfällen. Die Autorin setzt diesen von ihr so wahrgenommenen Entwicklungen eine systemische Perspektive entgegen, mit der sie für eine fachlich- und veränderungsorientierte Kinderschutzarbeit plädiert.

Herausgeber

Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. und der Lambertus Verlag geben die Schriftenreihe „Soziale Arbeit kontrovers (SAK)“ heraus, deren Nummer 9 diese Veröffentlichung ist. Sie greifen mit dieser Schriftenreihe in knapper Form aktuelle Fragen der sozialen Arbeit als Orientierungshilfe auf. Mit Hilfe einer provokanten Fragestellung soll ein Ist-Zustand kritisch hinterfragt werden. Es geht ausdrücklich nicht um die Präsentation einfacher Lösungen für komplexe Zusammenhänge, sondern um die Förderung eines fachlichen Diskurses.

Autorin

Dr. Marie-Luise Conen ist Dipl. Psychologin, Dipl.-Pädagogin und M. Ed (Temple University) und leitet das Context-Institut für systemische Therapie und Beratung in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Die schmale Veröffentlichung gliedert sich nach einer Einleitung in 9 Überschriften und schließt mit einer Literaturliste. Die jeweiligen Ausführungen zu den einzelnen Aspekten des Themas werden oft mit Fallbeispielen hinterlegt und schließen immer mit einer Zusammenfassung der zentralsten Thesen.

Das erste Kapitel heißt „Problemverhalten ist Lösungsverhalten“ und wirbt für die systemische Grundannahme, dass auch unangemessenes Verhalten immer als Versuch einer Problemlösung verstanden werden muss. Insofern ist schädigendes elterliches Verhalten im Kontext von Kindeswohlgefährdung, auch wenn es im Grundsatz destruktiv ist, weniger als Ursache denn als „Lösungsverhalten“ einzuordnen.

Unter der Überschrift „Helfen oder helfen zu verändern“ geht es um das Spannungsfeld zwischen der Sicherung des Kindeswohls einerseits und dem Bemühen bei Eltern für eine Kooperation andererseits. Kritisch bewertet wird ein oftmals bei Fachkräften fehlendes Verständnis für eine unbedingt notwendige kontextbezogene Betrachtung von problematischem Verhalten auf Seiten der Kinder.

Der dritte Aspekt ist mit „Kindeswohlgefährdung und destruktive Loyalitäten der Eltern“ überschrieben. Konstatiert wird von Marie-Luise Conen hinsichtlich der Fälle von Kindeswohlgefährdung eine fehlende Auseinandersetzung mit der Geschichte der Eltern. Stattdessen werden sie oftmals auf ihr Gefährdungspotential reduziert. Diese Kritik gilt auch Instrumenten und Methoden, die im Kontext von Kindeswohlgefährdung Anwendung finden und eine gewisse Verbreitung erfahren haben. Ihrer Meinung nach tragen auch diese zu einer verkürzten Sicht bei. Ein wichtiger Punkt hierbei sind die Loyalitäten der Kinder gegenüber ihren Eltern, auch wenn diese sie vernachlässigen oder misshandeln. Diese „destruktiven Loyalitäten“ werden ihrer Meinung nach, gerade bei der Unterbringung von Kindern außerhalb der Familie, zu wenig fachlich berücksichtigt.

Das vierte Kapitel mit der Überschrift „Hoffnung und Zutrauen – auch im Kinderschutz“ thematisiert die Familiendynamiken von Hoffnungslosigkeit und Resignation, die oft auch im Helfersystem ihren Niederschlag finden. Hier braucht es Fachkräfte, die, mit entsprechenden Zeitressourcen und angemessener Fachlichkeit ausgestattet, gemeinsam mit den Familien Kompetenzen und Ressourcen für Veränderungen aufspüren. Das geht nur, wenn die Familiendynamiken und ihre Handlungslogiken, auch hinsichtlich des destruktiven Verhaltens, in die sozialpädagogische Diagnose einfließen. In der Praxis ist jedoch häufig bei Multiproblemfamilien zu beobachten, dass Hilfen installiert, dann wieder abgebrochen oder beendet werden um dann wiederum neue Hilfen einzurichten. Diese „Hilfeketten“ wirken auf Dauer eher bestärkend für das dysfunktionale Familiensystem und die Hilflosigkeitsgefühle auf Seiten der Eltern.

Mit „Beratung als Teil der Berufsidentität“ ist das 5. Kapitel überschrieben. Insbesondere mit Blick auf den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Jugendamtes beklagt Conen den immer weiter fortschreitenden Wegfall beraterischer Arbeit aufgrund von Arbeitsverdichtung, Umstrukturierungen und Aufgabenverschiebungen. Damit einher geht stattdessen eine größere Konzentration auf die Kontrollrolle zur Sicherung des Kindeswohls. Als Beleg führt die Autorin die vereinfachte Formulierung von Zielen in Hilfeplänen an, ohne dass damit die Frage beantwortet wird, wodurch sich Menschen verändern.

Das 6. Kapitel widmet sich dem Aspekt von „Kinderschutz und Kontrolle“. Nachdem in den 80er und 90er Jahren der Dienstleistungsaspekt sowie die Kundenorientierung dazu führten, dass die ASD-Mitarbeiter/innen nur ungern Eltern nachdrücklich zu Veränderungen in Bezug auf ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern veranlassten, sorgten die spektakulären Todesfälle von Kindern zu einer massiven Kritik an dieser Haltung. Als Konsequenz wird von der Öffentlichkeit eine stärkere ordnungspolitische Haltung erwartet, also eine stärkere Fokussierung auf Kontrolle. Diese Erwartung schreibt Conen insbesondere der Mitte der Gesellschaft zu als Ausdruck nachlassender Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten. Und sie muss feststellen, dass viele Jugendämter zu schnell auf diese Erwartungen reagiert und entsprechend umstrukturiert und standardisiert haben. Wiederum plädiert sie für ein reflektiertes Fallverständnis bei den ASD-Mitarbeitern/innen statt einseitiger Betonung von Kontrollfunktionen. Gleichzeitig fordert sie eine deutlich bessere Wertschätzung gegenüber der Arbeit von Jugendämtern und eine klare politische Positionierung dieser zu unrealistischen Erwartungen hinsichtlich der Einflussmöglichkeiten auf dysfunktionale Familien.

Konsequenterweise ist das 7. Kapitel mit „Kinderschutz und politische Einmischung“ überschrieben. Conen fordert hier eine deutlichere politische Einmischung der ASD-Mitarbeiter/innen, da dies Bestandteil sozialer Arbeit sein muss. Dazu ist Unterstützung notwendig. Aber es gilt für eine fachlich fundierte Arbeit und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen und Strukturen zu streiten. Insofern fordert die Autorin angesichts des „Veränderungswettlaufs“ der Jugendämter in den letzten Jahren ein Innehalten und eine umfassende Analyse, inwiefern die Standardisierungen, Umstrukturierungen, Aufgabenverschiebungen etc. tatsächlich zu einem verbesserten Kinderschutz geführt haben. Ihrer Meinung nach bräuchten die ASD-Mitarbeiter/innen sehr viel mehr Gestaltungsspielraum statt weiterer Dienstanweisungen, weil erst mit dieser Haltung kreative Ideen in der Arbeit mit Eltern, die das Kindeswohl gefährden, entwickelt werden können.

In die gleiche Richtung weist auch das 8. Kapitel „Fachlichkeit und Kulturveränderung“, in dem eine neue Diskussionskultur in Jugendämtern gefordert wird, da in den letzten Jahren zu viele Entscheidungen an der Basis vorbei von oben nach unten getroffen wurden. Insbesondere plädiert sie für eine deutliche Verschlankung des Dokumentationswesens in den Jugendämtern, das zurzeit kaum Raum für die eigentliche Fallarbeit am Menschen lässt. Im Übrigen kann bisher nicht belegt werden, dass diese umfangreichen Dokumentationen, die der Absicherung dienen, tatsächlich Kinder gerettet haben.

Im 9. Kapitel unterbreitet die Autorin dann „Vorschläge zur Verbesserung der Kinderschutzarbeit“. Es handelt sich um sehr knapp und pointiert formulierte Vorschläge zur „Verbesserung der Klientenarbeit“ und zu „Organisationsveränderungen“. Im Grundsatz leiten sich diese Vorschläge aus den Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels ab.

Diskussion

Ich bin Marie-Luise Conen dankbar für diesen Anstoß zum fachlichen Diskurs. Es würde dem Kinder- und Jugendhilfesystem gut bekommen, einen kritischen Blick auf sich selbst zu riskieren und zu hinterfragen, ob die (knappen) Ressourcen tatsächlich zum Wohlergehen und verbesserten Schutz von Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden. Gerade in dysfunktionalen Familien sind oftmals erstaunliche „Hilfekarrieren“ nach dem Motto „viel hilft viel“ zu konstatieren. Hier ist eine Prüfung dringend überfällig, ob die Quantität der Hilfen nicht durch eine verbesserte Qualität der Hilfen zu reduzieren wäre. Die Frage, die sich angesichts solcher Fallverläufe stellt, ist die, ob denn die angebotenen Hilfen tatsächlich passgenau und effektiv im Sinne von Veränderung sind statt Familien regelrecht Hilflosigkeit erlernen zu lassen. Gerade weil die Ressourcen zumeist knapp sind, müsste über intelligentere und kreative Hilfen nachgedacht werden. Dazu gehört dann auch dringend die noch immer zu konstatierende Versäulung von Hilfen in der Kinder- und Jugendhilfe zu überwinden.

Auch wenn es in vielerlei Hinsicht durch die Veränderungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz, insbesondere durch die Einführung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII), zu einer deutlich wahrnehmbaren Qualifizierung der Kinderschutzarbeit gekommen ist, so ist auf der anderen Seite der Autorin Recht zu geben, dass damit auch bürokratische Anforderungen in manchmal unverhältnismäßiger Weise entstanden sind. Und dies gilt natürlich in erster Linie für die Verwaltung, also die Jugendämter und die Allgemeinen Sozialen Dienste im Besonderen.

Bei aller Tendenz lassen sich auch erhebliche Unterschiede konstatieren: Für die einen waren die gesetzlichen Änderungen und sicherlich auch spektakulären Kinderschutzfälle ein Anlass, die Praxis auf den Prüfstand zu stellen und nachhaltig zu verbessern. Für die anderen wurden die neuen gesetzlichen Vorgaben eher als Zumutung erlebt und insbesondere die Verwaltung zeigt eine große Neigung, dies auf bürokratischem Wege zu bearbeiten, ohne die eigentliche Umsetzung mit Leben zu füllen. Die von Conen festgestellte Absicherungstendenz kann mit Blick auf einige Jugendämter, aber auch freie Träger nur bestätigt werden. Die Folge dieser Haltung sind alleingelassene Sozialarbeiter/innen, die oftmals tatsächlich mehr mit der Dokumentation beschäftigt sind als dass sie Zeit für die von ihnen betreuten Familien hätten. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen und der Druck wird immer größer. Im Vergleich dazu wird diese Gemengelage wenig politisch problematisiert, von Ausnahmen einzelner Jugendämter abgesehen. Es ist zu vermuten, dass Marie-Luise Conen in ihrer Bewertung Recht hat, dass diese fehlende Politisierung im Zusammenhang mit dem schlechten Ruf der Jugendämter steht. Kommt ein Kind zu Tode und gab es zwischen der Familie und dem Jugendamt einen Kontakt, wissen die Medien immer gleich, wer der Schuldige ist: das zuständige Jugendamt, das gar nicht oder zu spät oder zu langsam oder nicht nachdrücklich genug gehandelt hat. Mitarbeiter/innen der Jugendämter haben keine gute Lobby und beklagen oft fehlende Unterstützung von Seiten ihrer Vorgesetzten.

Dass oftmals den Erwartungen an ein Mehr an Kontrolle entsprochen wird, zeigen die beträchtlich gestiegenen Fallzahlen bei den Inobhutnahmen in den letzten Jahren, wobei es auch hier erhebliche regionale Schwankungen und Unterschiede gibt. Aber diese gestiegenen Zahlen lassen den Schluss zu, dass aus Gründen der Absicherung Kinder heute viel eher aus der Familie genommen werden als noch vor einigen Jahren. Diese Zahlen sagen noch nichts darüber aus, ob es in den Familien tatsächlich keine anderen Alternativen gab und ob diese Maßnahmen tatsächlich zu einer Verbesserung der Lebenssituation und der Lebensperspektive betroffener Mädchen und Jungen beigetragen haben. Dabei ist und bleibt die Arbeit mit Familien, die potentiell das Wohl ihrer Kinder gefährden, ein Drahtseilakt. So menschlich verständlich der Wunsch nach Absicherung ist, so braucht doch die Arbeit mit diesen Familien und Kindern die ständige Reflexion und kollegiale Beratung hinsichtlich der Frage, was für die betroffenen Kinder noch zumutbar ist und was nicht. Und es braucht in der Tat Sozialarbeiter/innen, die die Eltern nicht auf ihre schädigenden Verhaltensweisen reduzieren, sondern ein vertieftes sozialpädagogisches Fallverstehen beherrschen.

Fazit

Ich wünsche mir eine weite Verbreitung der Veröffentlichung in der Kinder- und Jugendhilfe und hoffe, es gibt tatsächlich einen Anstoß, so manche Entwicklung der letzten Jahre im Kinder- und Jugendhilfesystem kritisch auf den Prüfstand zu stellen. Darüber hinaus ist der Vorteil dieser Veröffentlichung, dass sie von einer Autorin erarbeitet wurde, die das Kinder- und Jugendhilfesystem gut kennt. Insofern ist dieser Beitrag mit einem vertieften Einblick in die Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe für einen fachlichen Diskurs sehr viel gewinnbringender als eine pauschalisierende und unsachgemäße Abwertung des Kinder- und Jugendhilfesystems, wie beispielsweise die Veröffentlichung von Tsokos und Guddat (2014) „Deutschland misshandelt seine Kinder“.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Homepage www.kinderschutzbund-nrw.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 18.02.2015 zu: Marie-Luise Conen: Kinderschutz. Kontrolle oder Hilfe zur Veränderung? Ein systemischer Ansatz. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2556-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17541.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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