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Guy Bodenmann: Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie

Cover Guy Bodenmann: Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. 358 Seiten. ISBN 978-3-456-85290-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Heute gilt als wissenschaftlich gesichert, dass viele psychische Erkrankungen (z.B. Essstörungen, Suchtverhalten, Depression) im Kontext von Familienbeziehungen entstehen und aufrechterhalten werden. Auf der anderen Seite wirken sich psychische Störungen nachhaltig auf die Familie des Betroffenen aus, so dass man zu Recht von „Familienkrankheiten“ sprechen kann. Vor diesem Hintergrund thematisiert das vorliegende Lehrbuch von Guy Bodenmann die Bedeutung von Familie und Partnerschaft für psychische Störungen und Erkrankungen.

Autor

Guy Bodenmann ist Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich. Er gilt im deutschsprachigen Raum als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Paar- und Familienpsychologie. Das von Bodenmann entwickelte Konzept des „Dyadischen Copings“ gehört heute zu den Basiskonzepten der Klinischen Psychologie.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um ein Lehrbuch, das im Kontext der vielfältigen Lehrtätigkeiten des Autors entstanden ist. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer an der Universität Zürich ist der Autor Ausbilder für verhaltenstherapeutisch orientierte Paartherapie und unterrichtet in diversen Weiterbildungsstudiengängen in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz

Aufbau

Das Lehrbuch umfasst 358 Seiten mit zehn unterschiedlich langen Kapiteln, ein umfangreiches Literaturverzeichnis (38 Seiten) sowie ein relativ knappes Sachwortverzeichnis (6 Seiten). Um den Stoff didaktisch aufzubereiten, finden sich im Text zahlreiche Kästen, die mit „Merke!“; „Beachte!“; „Wichtig“ überschrieben sind und ausgewählte Aspekte besonders hervorheben. Außerdem werden die Kapitel durch zahlreiche Abbildungen und tabellarische Darstellungen aufgelockert. Am Ende jedes Kapitels findet sich eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte („Wichtiges in Kürze“).

Inhalt

In einem einführenden Kapitel 1 geht der Autor zunächst auf Veränderungen von Partnerschaft und Familie ein, die sich in den letzten Dekaden in den westlichen Industrieländern vollzogen haben, insbesondere auf die hohen Scheidungsraten und die Pluralität von Familienformen.

In Kapitel 2 wird die klinisch-psychologische Bedeutung von Partnerschaft und Ehe thematisiert. Dabei wird einerseits deutlich, dass eine stabile und glückliche Paarbeziehung einer der besten Prädiktoren von Lebenszufriedenheit sowie seelischer und körperlicher Gesundheit ist. Andererseits kommt es bei vielen Paaren auf Dauer zu Unzufriedenheit, Entfremdung und Streit. Partnerschaftsprobleme und -störungen führen dann häufig zu Trennung und Scheidung.

Über psychische Störungen im Kontext der Partnerschaft informiert Kapitel 3. Der Autor zeigt auf, dass Partnerschaftsprobleme und psychische Störungen häufig eng miteinander zusammenhängen. Deswegen plädiert er dafür, psychische Störungen nicht als Problem des Individuums zu sehen, sondern als gemeinsam zu bewältigendes Paarproblem („we-disease“). Dies wiederum legt eine Einbeziehung des Partners in die individuelle Therapie nahe.

Das Kapitel 4 „Psychische Störungen bei Kindern und die Rolle der Familie“ ist mit fast 100 Seiten das längste des Lehrbuchs. Der Autor weist zunächst darauf hin, dass die Familie sowohl Ressource als auch Risikofaktor für die kindliche Entwicklung sein kann. In diesem Kontext arbeitet er heraus, dass psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters durch ein Zusammenspiel von individueller Vulnerabilität und ungünstigen Umweltbedingungen entstehen, wobei der Familie eine Schlüsselrolle zukommt. Als zentrale Risikofaktoren benennt er psychische Störungen der Eltern, ungünstiger Bindungsaufbau aufgrund von mangelnder mütterlicher bzw. elterlicher Sensitivität, Erziehungsfehler sowie Partnerschaftsstörungen der Eltern.

Im Kapitel 5 beschreibt der Autor, dass eine Scheidung in der Regel eine gravierende Belastung für die Partner, die Kinder und die Gesamtfamilie darstellt. Sehr häufig wirkt sich eine Scheidung langfristig negativ auf das Wohlbefinden und das Leben der Familienmitglieder aus, insbesondere auf das der Kinder. Solche ungünstigen Effekte lassen sich offenbar auch bei vermeintlich „positiven“ Scheidungen beobachten, bei denen sich die Eltern um konstruktive Lösungen bemühen.

Um familiäre Gewalt geht es im Kapitel 6. Der Autor zeigt auf, dass häusliche Gewalt gegen Kinder und zwischen Partnern erschreckend weit verbreitet ist und sehr negative Folgen für die Paarbeziehung und die Kinder nach sich zieht. Oft werden Kinder, die häusliche Gewalt erlebt haben, als Erwachsene selbst gewalttätig.

Während die Kapitel 3 bis 6 sehr ausführlich problematische und pathogene Aspekte der Familie beschreiben, beschäftigt sich das kurze Kapitel 7 (fünf Seiten) mit der Familie als Resilienzfaktor; hier führt der Autor eine Reihe von familiären Ressourcen auf, die sich nachweislich förderlich auf die Entwicklung von Kindern auswirken.

Im Kapitel 8 plädiert der Autor für verstärkte Prävention im Rahmen von Partnerschaft und Familie, vor allem im Hinblick auf elterliche Sensitivität, Erziehungskompetenz und Partnerschaftsqualität. Das Elternprogramm Triple P hebt er dabei als besonders empfehlenswertes Präventionskonzept hervor.

Im Mittelpunkt von Kapitel 9 steht das Thema „Paartherapie“. Der Autor legt dar, dass Paartherapie nicht nur bei Partnerschaftsproblemen indiziert ist, sondern auch bei der Behandlung psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen. Deswegen sei die Paartherapie „ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung, der die individualtherapeutische und die medikamentöse Behandlung psychischer Störungen ergänzt“ (S. 283). Im weiteren Verlauf des Kapitels stellt er ausgewählte Strategien und Methoden der von ihm favorisierten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Paartherapie dar.

Das abschließende Kapitel 10 beschäftigt sich mit der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Der Autor plädiert auch hier für eine verhaltenstherapeutische Behandlung im Sinne des SORCK-Schemas unter Einbeziehung der Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen.

Diskussion

Das vorliegende Lehrbuch verdeutlicht eindrücklich die wichtige Bedeutung von Familie und Partnerschaft für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen. Dabei arbeitet der Autor sehr plausibel heraus, dass ein individuumzentriertes Störungsverständnis bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Regel zu kurz greift. Im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Ansatzes ist es vielmehr sinnvoll, die Einflüsse von Familie und Paarbeziehung zu berücksichtigen und – falls möglich - Familienmitglieder auch in die Beratung, Behandlung und Therapie einzubeziehen.

Wie der Autor in der Einleitung zu Recht feststellt, ist es im Rahmen eines einführenden Lehrbuchs zur klinischen Paar- und Familienpsychologie kaum möglich, das Thema in seiner ganzen Breite „auch nur annähernd repräsentativ darzustellen, geschweige denn es erschöpfend zu diskutieren“. Die Themenauswahl und deren Akzentuierung ist daher notwendigerweise eine persönliche Setzung des Autors. Gleichwohl ist es schade, dass das Thema „Familie als Resilienzfaktor“ im Vergleich zu den anderen Themen so stiefmütterlich behandelt wird. Denn zu Recht weist der Autor ja darauf hin, welche enormen Entwicklungs-, Unterstützungs- und Heilungsressource die Familie gerade bei kritischen Lebensereignissen, Erkrankungen und Problemen darstellt. Schade und aus meiner Sicht schwer nachvollziehbar ist auch, dass der Autor keinerlei Bezüge zur systemischen Paar- und Familientherapie herstellt. Zwar entlehnt der Autor etliche Konzepte und Begriffe aus der Systemtheorie (z.B. Familiensystem, Kohäsion, Homöostase, Wandel erster und zweiter Ordnung), doch benennt er nicht deren theoretischen Ursprung. Auch die von Bodenmann entwickelten Konzepte des dyadischen Copings und der „we-disease“ weisen auf den ersten Blick eine große Nähe zu systemischen Konzepten auf, doch leider wird diese nicht weiter expliziert und diskutiert. Gerade bei Studierenden und Lernenden wäre aber eine solche theoretische Einordnung hilfreich gewesen. Im Hinblick auf die weitgehende Beschränkung auf verhaltenstherapeutische Konzepte bei familiärer Prävention und Paartherapie sowie die komplette Aussparung des Themas „Familientherapie“ hätte ich mir zumindest eine etwas eingehendere Erläuterung und Begründung gewünscht. Ob die Paartherapie – so wünschenswert dies wäre – tatsächlich als etablierter und wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung gelten kann, ist zweifelhaft. Weil in Deutschland die Paartherapie (gleich welcher theoretischen Orientierung) keine Kassenleistung ist und von den Klienten selbst bezahlt werden muss, kommt sie in der ambulanten Psychotherapie erfahrungsgemäß nur selten zum Einsatz. Auch dieser sehr praxisrelevante Aspekt hätte in dem Kapitel über Paartherapie durchaus Erwähnung und Diskussion verdient gehabt.

Fazit

Ungeachtet der etwas kritischen Anmerkungen handelt es sich bei dem vorliegenden Lehrbuch um eine sehr begrüßenswerte Neuerscheinung an der Schnittstelle von Klinischer Psychologie und Familienpsychologie. Anhand zahlreicher und aktueller Forschungsbefunde wird die Bedeutung von Familie und Partnerschaft für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen erläutert. Die Schlussfolgerungen für Prävention, Beratung und Therapie sind vor allem aus Sicht der Verhaltenstherapie bedeutsam.


Rezensent
Prof. Dr. phil. habil. Johannes Jungbauer
Diplom-Psychologe; Supervisor (BDP). Professor für Familien- und Entwicklungspsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen
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Zitiervorschlag
Johannes Jungbauer. Rezension vom 16.02.2015 zu: Guy Bodenmann: Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. ISBN 978-3-456-85290-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17575.php, Datum des Zugriffs 01.09.2016.


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