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Klaus Fröhlich-Gildhoff, Iris Nentwig-Gesemann u.a. (Hrsg.): Kompetenz­entwicklung und Kompetenzerfassung in der Frühpädagogik

Cover Klaus Fröhlich-Gildhoff, Iris Nentwig-Gesemann, Stefanie Pietsch, Luisa Köhler, Maraike Koch (Hrsg.): Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in der Frühpädagogik. Konzepte und Methoden incl. Begleit-CD. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2014. 320 Seiten. ISBN 978-3-932650-63-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.

Materialien zur Frühpädagogik, Bd. 13.
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Autor und Autorinnen

  • Professor Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff ist Dozent für klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der PH Freiburg;
  • Professor Dr. Iris Nentwig-Gesemann ist Professorin für Bildung im Kindesalter an der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin;
  • Stefanie Pietsch (M.A.) ist Sozialpädagogin und Doktorandin an der FU Berlin;
  • Luisa Köhler (M.A.) ist Kindheitspädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie Lehrbeauftragte an der ASH;
  • Mareike Koch (B.A.) ist Kindheitspädagogin und angehende Master-Absolventin an der ASH.

Entstehungshintergrund

In diesem Buch werden die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „Kompetenzbasierte Prüfung-und Feedbackverfahren in unterschiedlichen frühpädagogischen Aus-und Weiterbildungsstrukturen“ vorgestellt. Das Projekt wurde im Rahmen der AWiFF-Initiative (Ausweitung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte) im Forschungsverbund von Alice Salomon Hochschule Berlin und dem Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Zeitraum April 2011 bis Juni 2013 durchgeführt.

Aufbau

Die theoretischen Ausführungen und die entwickelten Verfahren in diesem Buch stehen ganz im Zeichen des Paradigmas der Kompetenzorientierung. In vier Hauptkapitel werden nach der Einleitung (Kap. 1) die theoretische Einbettung (Kap. 2), Fragestellungen, Forschungsdesign und die Realisierung des Projektes (Kap. 3) sowie die entwickelten Methoden (Kap. 4) vorgestellt. Ein kurzes Diskussionskapitel schließt das Werk ab.

Die Endfassungen der verschiedenen Erhebungsinstrumente (einschließlich zweier Videosequenzen,) sowie Auswertungs- und Feedbackformulare werden auf der beiliegenden CD für den Gebrauch in der Lehre zur Verfügung gestellt.

Inhalt

Im fachwissenschaftlichen Diskurs hat die Kompetenzorientierung eine zunehmende Bedeutung für die Gestaltung von Studiengängen, aber auch für Konzepte der Aus-und Weiterbildungen im frühpädagogischen Bereich gewonnen, nicht zuletzt auch aufgrund der Vorgaben des EU Bologna Prozesses. Der Autor und die Autorinnen entwickelten, erprobten und evaluierten Methoden zur Erfassung von Kompetenzen und Vorschläge zur Gestaltung kompetenzbasierter Feedbackverfahren in einem Forschungsverbund. Dabei legen sie großen Wert auf die theoretische Einbettung ihrer Forschungs-und Entwicklungsarbeit. So finden Leserinnen und Leser unter 2. ein fundiertes Kapitel zur Theorie von Kompetenzmodellen, zur Kompetenzentwicklung und zur Kompetenzerfassung. Ausführlich werden unterschiedliche Perspektiven im Diskurs um den Kompetenzbegriff dargestellt und Grundmerkmale der Kompetenzorientierung herausgearbeitet. Fortgeführt wird diese Diskussion aus der praxeologischen Perspektive. Besondere Beachtung finden „Dilemma-Situationen“. Angestrebt wird die Vorbereitung bzw. Einübung kompetenter Bewältigungsmöglichkeiten komplexer Herausforderungen im beruflichen Alltag, die über die berufliche Routine hinausgehen. Dazu brauchen Fachkräfte neben einem fundierten wissenschaftlich theoretischen Wissen eine selbstreflexive, forschende Haltung, um auch unvorhersehbare, zum Teil widersprüchliche Situationen meistern zu können. Demzufolge wird der Prozess des Kompetenzerwerbs in dem hier vorliegenden Ansatz als ein bewusster, d.h. eigenaktiver Lernprozess begriffen, der eine individualisierte Begleitung des Kompetenzerwerbs erfordert.

Am Beispiel thematischer Fokussierungen wurden als idealtypische Kompetenzprofile die Bereiche „Beobachtung und Dokumentation“ und „Zusammenarbeit mit Eltern/Familien“ auf der Basis aktueller empirischer Studien ausgearbeitet, die den „Idealzustand“ eines Kompetenzprofils darstellen und Eingang in den Fragebogen (siehe nächster Absatz) gefunden haben, durch den sich ein Ist-Zustand der Kompetenzentwicklung mit einem „Idealzustand“ vergleichen lässt.

Die im Projekt erarbeiteten, erprobten und evaluierten Methoden der Kompetenzerfassung werden detailliert vorgestellt (Kap. 4):

  • Fragebogen zur Selbst- und Relevanzeinschätzung von Kompetenzen zu den Bereichen „Zusammenarbeit mit Eltern/Familien“ und zu „Beobachten und Dokumentieren“: Der Fragebogen ist auf der beiliegenden CD zu finden. Im Buchtext werden die theoretischen Hintergründe, sowie die Analyse der Gütekriterien dargestellt. Auf der CD sind hinzugefügt ein Auflösungsraster für die Wissensfragen, ein Auflösungsraster für ein Fallvignette sowie die Kennwerte zum Wissenstest, die in einer ersten und einer zweiten Erhebung ermittelt wurden.
  • Dilemma-Situationen werden in zweifacher Form vorgestellt: als Raster zur Darstellung und Auswertung der von den Studierenden selbst erlebten Situationen sowie in Form von zwei Videosequenzen, deren Analysen in standardisierter Form erfasst werden können (beides auf CD). Beispielhafte Transkripte und Auswertungen sind ebenfalls auf der CD zu finden.
  • Analyse von Videosequenzen anhand der beiden Video-Beispiele auf der CD: Instruktion und ein standardisiertes Auswertungsraster sind ebenfalls im Buchtext zu finden.
  • Narratives Interview und Gruppendiskussion: Instruktionen befinden sich auf der CD und im Buchtext.

Ausführungen zu kompetenzorientierten Feedbackmethoden schließen den Methodenteil ab.

Diskussion

Der Anspruch des Forschungsteams lautet, „Verfahren der Kompetenzerfassung zu entwickeln, die wesentlich mehr leisten, als Wissenserwerb und kognitive Fähigkeiten abzufragen“ (S. 11) sowie „methodisch solide evaluieren zu können, ob Studiengänge, Aus- und Weiterbildung ihrer Verantwortung gerecht und die auf dem Papier angestrebten Kompetenzziele auch tatsächlich erreicht werden“ (S. 9). Dass dazu anspruchsvolle Methoden erforderlich sind, liegt auf der Hand.

Nach jeder Untersuchung, die sich mit der pädagogischen Qualität in Kindertageseinrichtungen beschäftigt (in jüngster Zeit www.nubbek.de), wird eine zu geringe Qualität bemängelt. Als Maßstab dienen zu Recht die aktuelle Forschungsliteratur und die, in den länderspezifischen Bildungs- und Erziehungsprogrammen formulierten Ziele. Die Empfehlungen, wie eine Qualitätssteigerung erreicht werden kann, bleiben zwangsläufig eher allgemein und verweisen u.a. auf die Ausbildung und Weiterbildung der Fachkräfte als eine der „Stellschrauben“ für Qualität, die die Orientierungsqualität (z.B. das „Bild vom Kind“; die Auffassung über Bildung und Erziehung) und damit die Prozessqualität, d.h. die Interaktion zwischen pädagogischer Fachkraft und dem (den) Kind(ern), direkt beeinflussen (www.nubbek.de/media/pdf/NUBBEK%20Broschuere.pdf Abb. S.4).

Genau dort setzt das Projekt „Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in der Frühpädagogik“ an. So wie von Praktikerinnen immer wieder gefordert wird, ihr „Bild vom Kind“, ihre Haltung zum von Geburt an eigenaktiv lernenden Kind in der pädagogischen Umsetzung kritisch zu reflektieren, müssen möglicherweise auch Dozenten und Dozentinnen in der Aus- und Fortbildung ihr Bild der Studierenden bzw. Sich-Fortbildenden überprüfen, auch indem sie kompetenzorientierte Lehr- und Lernerfahrungen als „Muster“ für deren spätere Praxis erfahrbar machen. Kompetenzorientierte Unterrichtsformen waren nicht Gegenstand dieses Projektes. Erste Überlegungen dazu werden von dem Forschungsteam formuliert (S. 32 ff).

Der Autor und die Autorinnen stellen dazu selber fest, dass die Anwendung dieser Methoden durchaus anspruchsvoll sei und zum Teil einen höheren Zeitaufwand als beispielsweise einfache Wissensabfragen erfordere. Das sei jedoch zwangsläufig so, da „sich mit den deutlich gestiegenen Anforderungen an pädagogische Fachkräfte auch die Anforderungen erhöhen, die Dozentinnen und Dozenten zu erfüllen haben wenn sie kompetenzorientiert lehren und prüfen“ (S.11).

Die vorgelegten Methoden haben der Einschätzung des Forschungsteams exemplarischen Charakter: die von ihnen realisierten Grundprinzipien der Kompetenzorientierung ließen sich auf die systematische Methodenentwicklung für andere Themenfelder übertragen. In der Praxis der Lehre und Fortbildung dürfte das leichter gesagt als getan sein. Insbesondere die Erarbeitung bereichsspezifischer Kompetenzprofile, die sich am jeweils aktuellen Forschungsstand orientieren (und ihre Umsetzung in Fragebögen) müsste wohl in anderen Fachgremien geleistet werden. Allerdings liegt durch die verschiedenen Arbeitsgruppen der Wiff-Initative bereits eine Vielzahl von kompetenzorientierten aktuellen Wegweisern vor (wie z.B. zur „Inklusion“, „Sprachliche Bildung“, „Kinder in den ersten drei Lebensjahren“ u.v.m.) vor, die eine hervorragende, aktuelle Basis dafür bieten und kostenlos zur Verfügung stehen (www.weitbildungsinitiative.de). Insbesondere sei hier auf den Wegweiser „Kompetenzorientierte Weiterbildung“ verwiesen.

Fazit

Der Forschungsgruppe um Klaus Fröhlich-Gildhoff und Iris Nentwig-Gesemann ist es gelungen, fünf unterschiedliche Verfahren zu entwickeln, zu erproben und in praxistauglichen Fassungen für die Aus- und Weiterbildung zur Verfügung zu stellen. Sie haben damit einen Prozess eingeleitet bzw. vorangetrieben, der vielleicht als Parallele zur Einführung der Bildungs- und Erziehungsprogramme in die Praxis der Kindertageseinrichtungen gesehen werden kann. Anfänglicher Widerstand gegen die Komplexität der neuen Sichtweisen und Methoden und die Anforderung, diese in bestehende Systeme zu integrieren, ist inzwischen einem allgemeinen Konsens der Einsicht und dem Bemühen um eine, an der empirischen Forschung orientierten, „best practice“ gewichen. Der hier vorgestellte Ansatz zur Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in Ausbildung von Kindheitspädagoginnen und -pädagogen sowie der Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte weist in eine ähnliche Richtung. Die in diesem Projekt formulierten grundlegenden Prinzipien scheinen in den entwickelten Methoden überzeugend umgesetzt worden zu sein. Ihre Erprobung und Weiterentwicklung in der Praxis und in weiteren Forschungsprojekten ist wünschenswert, um den Prozess der Neuorientierung zu vertiefen und zu beschleunigen.


Rezensentin
Diplom-Psychologin Renate Niesel
Ehemalige wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP), München


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Zitiervorschlag
Renate Niesel. Rezension vom 03.02.2015 zu: Klaus Fröhlich-Gildhoff, Iris Nentwig-Gesemann, Stefanie Pietsch, Luisa Köhler, Maraike Koch (Hrsg.): Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in der Frühpädagogik. Konzepte und Methoden incl. Begleit-CD. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-932650-63-5. Materialien zur Frühpädagogik, Bd. 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17580.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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