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Detlef Kuhlmann (Hrsg.): Sport, Soziale Arbeit und Fankulturen

Cover Detlef Kuhlmann (Hrsg.): Sport, Soziale Arbeit und Fankulturen. Positionen und Projekte. Arete Verlag (Hildesheim) 2014. 152 Seiten. ISBN 978-3-942468-19-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Bei dem Buch „Sport, Soziale Arbeit und Fankulturen“ handelt es sich bereits um den zweiten Band der KoFaS-Reihe. Dabei steht KoFaS für „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport“ bezogene Arbeit, die sich seit 2012 an der Leibniz Universität Hannover mit Problemen der Fangewalt und Ausschreitungen im Sport beschäftigt und, wie die Herausgeber betonen, den gewaltpräventiven Potenzialen des Sports mehr Geltung verschaffen möchten. Die Arbeit und Ziele der KoFaS werden zu Beginn und am Ende kurz skizziert (S. 8 ff., 151). Die aktuellen Tätigkeitsfelder der Gruppe bauen auf den drei Säulen (1) Forschung und Entwicklung, (2) Beratung und Expertise und (3) Lehre und Qualifizierung auf. Die KoFaS-Reihe soll in schriftlicher Form die Arbeitsergebnisse der Kompetenzgruppe zur Diskussion stellen. Sie wendet sich daher an alle Verantwortlichen und Interessierten auf dem Gebiet des Sports, die die von der Kompetenzgruppe vertretene Leitidee von den besseren Fankulturen im Sport teilen und bereit sind, sich die gewaltpräventiven Möglichkeiten des Sports in ihrer (sozial) pädagogischen Arbeit in ihrem Bereich zu Nutze zu machen.

Im nunmehr erschienenen zweiten Band der Schriftenreihe werden aktuelle Positionen und Projekte der KoFaS vorgestellt.

Herausgeber und Autoren

Bei den Autoren (S. 145 f.) handelt es sich – angesichts der Zielsetzung konsequent – um den Leiter der KoFaS Gunter A. Pilz, den Aufbaubeauftragten der KoFaS Detlef Kuhlmann, vier aktuelle bzw. ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter, einen freien Projektmitarbeiter und den ehrenamtlichen Botschafter der KoFaS, den lizenzierten Fußballlehrer und Ex-Profi Ewald Lienen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in zwei Teile, nämlich in „Positionen“ und in „Projekte“. Im ersten Abschnitt werden sechs „Positionen“ vorgestellt. Jede Position bildet einen Arbeitsschwerpunkt des jeweiligen Autors und damit zugleich auch der KoFaS ab.

Der erste Beitrag (S. 11 ff.) stammt vom Herausgeber Detlef Kuhlmann selbst und stellt die Frage „Fansein als Lebenskunst?“. Es geht um den Sportfan in der Sportpädagogik. Typisch für den Bereich sei die zentrale Rollendiffusion zwischen Aktivsein im Sport und Fansein im Sport. Mit dem Konzept „Fansein als Lebenskunst“ möchte der Autor zugleich ein Plädoyer für die Etablierung und weitere Kultivierung von „positiven Fankulturen“ leisten (S. 11f.). Der Autor beschreibt zunächst, dass sich die Sportpädagogik bislang nicht vertieft mit dem Fansein befasst habe. Ausgehend von den Vorarbeiten des Sportpädagogen Eckart Balz aus dem Jahr 2000 „Sport in der Lebenskunst“ versucht der Autor eine theoretische Fundierung. Der Beschreibung der „Lebenskunst“ (S. 13 f.) folgen die Untersuchung, welche Möglichkeiten der Sport der Lebenskunst bietet (S. 14 f.), und schließlich eine Aufstellung der Kompetenzbereiche des Sports als Lebenskunst (S. 15 ff.). Insbesondere der letzte Punkt zeigt dann die Vielschichtigkeit der Fragestellung. Es werden fünf Kompetenzbereiche unterschieden, von der Partizipation des selbst Sport Treibenden über die Anteilnahme, Urteilsfähigkeit, Mitgestaltung bis zur Harmonisierung mit dem „sonstigen Leben“ des Sportfans. Der Autor leitet aus pädagogischer Perspektive die Aufgabe ab, zu prüfen, wie das Fansein im Sport noch „besser“ gelebt und gestaltet werden kann. So verstanden sei beispielsweise jede zu bedauernde Gewaltausschreitung eine Gelegenheit zu lernen (S. 18).

Die zweite Position, von Jonas Gabler verfasst, beschreibt „Jugendliche Ultras – Probleme und Potenziale einer sich wandelnden Fankultur“ (S. 21 ff.) und zwar im Fußballsport. Diese werden in der Praxis oft zu Unrecht mit gewalttätigen Fußballfans gleich gesetzt. Der Autor zeichnet ein differenzierteres Bild. Er stellt Herkunft, Verbreitung und Anzahl der Ultra- und ultraorientierten Gruppen dar und geht auf die historische Entwicklung ein (S. 23 f.). Die durchaus unterschiedlichen Motivationen der Angehörigen dieser Fanszene werden ebenso aufgezeigt, wie die gemeinsamen Elemente, auf denen die Zusammengehörigkeit gründet (S. 25 ff.). Es wird auch das hohe Maß an erforderlicher Organisation dieses von den Angehörigen so empfundenen subkulturellen Lebensstils deutlich. Mögliche externe (Sicherheit gegen Fankultur, z.B. Pyrotechnik) und interne (Freiheit gegen Disziplinierung) Konfliktfelder der Ultras werden ebenso beleuchtet (S. 28 ff.), wie Gründe für die Attraktivität der Ultras (S. 31 ff.). Der Autor beschreibt sodann, wie innerhalb der Ultras Bildungsprozesse angestoßen werden können, wenn auch möglichst ohne als Bildungsanbieter aufzutreten, sondern in dem man vielmehr Raum für die ultratypische Selbstorganisation gewährt (S. 32 ff.). Im Ergebnis spricht sich der Autor für eine Stärkung der Mechanismen der Selbstregulierung innerhalb der Ultragruppen als vermutlich bestes Mittel der Prävention von delinquentem Verhalten aus. Dies erfordere es, den Ultras Wege der Mitbestimmung aufzuzeigen, zumindest dort, wo dies realistischer Weise möglich sei (S. 35).

Die dritte Position bearbeitet Gerd Dembrowski. Unter der Überschrift „Auf dem Weg zur Offenheit“ beschreibt er Initiativen gegen Homophobie im deutschen Fußball (S. 37 ff.). Es handelt sich um einen detailreichen historischen Überblick der Entwicklungen und Ereignisse der letzten 15 Jahre im Bereich Homosexualität im Fußballsport bis zum aktuellen Coming Out von Thomas Hitzelsperger. In einem letzten Kapitel schildert der Autor Perspektiven und geht auch noch mal auf die Zielsetzung der KoFaS ein (S. 42 f.).

Daniel Kirchhammer vertritt die vierte Position zum Thema „Integration im und durch den organsierten Sport“ (S. 49 ff.). Er untersucht, ob die u.a. von Thomas Bach seinerzeit noch als DOSB-Präsident verkündete These „Sport ist Integration“ zutrifft. Neben den überwiegend positiven Beispielen im Profisport und in der Fußballnationalmannschaft verweist der Autor auch auf Schwierigkeiten der/mit MigrantInnen in den unteren Spielklassen und einer Unterrepräsentanz in den Sportvereinen (S. 49 f.). Der Autor untersucht die Integrationspotenziale des Sports und bejaht den Sport als interkulturelles Lernmedium (S. 50 ff.). Dem stellt er die Herausforderungen zur integrierenden Wirkung des Sports gegenüber (S. 53 ff.). Er betont gleich zu Beginn die Ambivalenz des Sports, der immer auch ein Bereich sei, in dem sich Konflikte und Aggressionen entladen können. Im Wettkampf stelle sich die Frage nach den Konsequenzen des Zusammentreffens kulturell unterschiedlicher Normen und Erwartungsmuster. Große Bedeutung komme dabei der jeweiligen „Fremdheit“ zu (54 ff.). Daneben bestehen weitere Konfliktfelder (S. 57 f.). Der Autor gelangt zu dem Ergebnis, dass Sport nicht automatisch Integration sei, aber ein wichtiges Instrument sein kann. Hierzu sei allerdings eine interkulturelle Öffnung der Sportvereine notwendig (S. 58 f.).

Die fünfte Position, verfasst von Olaf Zajony und dem anderen Herausgeber Gunter A. Pilz, beschreibt unter der Überschrift „Wenn Sport als Mittel eingesetzt wird“ Sport bezogene Arbeit zwischen Sportvereinen und kommunaler Kinder- und Jugendarbeit (S. 63 ff.). Sie befasst sich mit der besonderen Rolle der Sportvereine als Bestandteil eines Systems sozialer Hilfe. Es habe sich ein „spezieller Typus sozialer Hilfe“ etabliert, der sich auf die Wirkkraft des Sports beziehe. Die professionelle Kinder- und Jugendsozialarbeit habe den Sport zunehmend als Mittel im Bereich der Betreuung sogenannter Problemjugendlicher entdeckt. Schwerpunkte bildeten Gewalt- bzw. Suchtprävention, Integration sozialer Randgruppen sowie interkulturelle Arbeit in sozialen Brennpunkten. Der Beitrag beleuchtet die Rolle des Sports als Mittel sozialer Initiativen und der Zweiteilung der sportbezogenen Sozialen Arbeit in den Sportvereinen und in den kommunalen Trägerschaften, deren Verhältnis zueinander nicht problemfrei sei (S. 63 f.). Der Sport weise durchaus Potenziale zur persönlichen Entwicklung, sozialen Integration und Prävention auf (S. 64. f.). Allerdings dürften die positiven Möglichkeiten des Sports nicht überschätzt werden (S. 65 ff.). U.a. blieben die Tore der Sportvereine für Gruppierungen mittlerer und unterer Schichten und aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen weitgehend verschlossen. Zudem sei der Sport selbst ein mit Gewalt- und Gesundheitsgefährdung belasteter Aktionsraum. Aber auch die im Sportverein gelebten Strukturen und Zielsetzungen entsprächen häufig nicht der Lebenswelt des randständigen Jugendlichen. Hier könne die soziale Jugendarbeit mit den in den informellen Bewegungs- und Sportengagements vorhandenen selbsterzieherischen Potenzialen ansetzen. Dabei sollten im Fokus sport-, bewegungs- und körperbasierte Äußerungsformen Heranwachsender stehen (S. 68 f.). Die Jugendarbeit könne, anders oder zumindest besser als die Sportvereine, die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen (z.B. Mitternachtssport). Die Autoren gelangen in ihren Folgerungen zu dem Ergebnis, dass die in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Arbeit der Sportvereine viel mit Jugendarbeit, jedoch wenig mit gezielter sozialer Arbeit im Sinne des KJHG zu tun habe (S. 71 f.). Eine Kooperation der Träger der Sozialen Arbeit mit den Sportvereinen in Form der Vernetzung im Sinne konstruktiver und solidarischer Zusammenarbeit Querschnittsaufgabe sei erforderlich (S. 72 f.). Der Beitrag endet mit dem Appell, realistische Ziele und klare Qualitätskriterien zu entwickeln, an denen sich Praxis-Konzepte der Jugend(sozial)arbeit und auch Förderer orientieren können (S. 73 f.).

Die Positionen schließen mit einem Plädoyer des lizenzierten Fußballlehrers Ewald Lienen für die Nutzung der sozialen Potenziale des Sports. Er formuliert „Meine Forderungen an die Politik“ (S. 77 ff.). Es handelt sich um ein im März 2004 vom Autor der Landesregierung NRW übergebenes Diskussions- und Arbeitspapier, das er als Mitglied im sog. Zukunftsrat Sport verfasst hat. Die Aufgabe lautete für die wichtigsten gesellschaftlichen Handlungsfelder realistische Zukunftsperspektiven im Sinne der Nachhaltigkeit zu erarbeiten. Er arbeitet die besondere Bedeutung des Sports für die gesellschaftliche Entwicklung und auch und vor allem die darin liegenden Chancen für die Gesellschaft und deren Zukunft heraus. Den Schwerpunkt bilden daher die Betrachtungen zur Rolle des Sports im Bereich Erziehung und Bildung ein (S. 78 ff.).

Im – so allerdings nicht gesondert ausgewiesenen – zweiten Teil des Buches folgt die Darstellung praktischer Projekte der KoFaS, die einen Einblick in die Arbeit der Gruppe geben. Sie befassen sich mit dem Dialog zwischen organisierten Fangruppen und dem Bezugsverein (hier 1. FC Köln) im Fußballsport (S. 87 ff.), der wissenschaftlichen Begleitung eines Projekts des DFB zum Thema Gewaltprävention im deutschen Amateurfußball (S. 95 ff.), den Erkenntnissen aus der mit dem Niedersächsischen Fußball-Verband umgesetzten Kampagne „Soziale Integration“ (S. 107 ff.), dem Verhältnis zwischen Fußballfans und Polizei am Beispiel des polizeilichen Konfliktmanagements in Hannover (S. 115 ff.) und der Frage „Treiben Ultras Sport?“ (S. 127 ff.).

Der Band schließt mit einer Zwischenbilanz der zweijährigen Arbeit der KoFaS durch ihren Leiter Gunter A. Pilz (S. 135 ff.).

Diskussion

Der Band 2 der KoFaS-Reihe gibt einen vielseitigen und interessanten Einblick in die vielschichtige Arbeit dieser Kompetenzgruppe. Genau das wollen die Autoren erreichen. Die Mischung manchmal etwas knapp, aber immer präzise und klar aufgearbeiteter Positionen mit der sich anschließenden Beschreibung in der Praxis umgesetzter Projekte macht den Band besonders lesenswert und informativ. Dem an der Materie Interessierten, insbesondere wenn er sich erstmals vertieft mit ihr befasst, wird dadurch zugleich ein sehr guter Einstieg, vermittelt. Die Autoren vertreten ihre Ansichten deutlich. Dabei sind die Ausführungen erfreulich differenziert und sachlich. Der Sport wird nicht als Allheilmittel beschrieben, sondern als Raum für Soziale Arbeit mit allen Chancen und Risiken (z.B. Konflikt und Gegeneinander als Teil des Sports). Die Soziale Jugendarbeit wird nicht aus der Verantwortung entlassen. Es zeigt sich vielmehr, dass sie notwendig und hauptverantwortlich bleibt. Der Band beschreibt aber auch Wege, wie Soziale Arbeit und Sport und hier insbesondere Sportvereine zusammenarbeiten können und letztlich auch müssen. Er formuliert hier mögliche Grundlagen für eine zukünftig verbesserte Fanarbeit, deren Bedeutung dann über die Grenzen des Sports hinausgehen kann.

Fazit

Der Band ist mehr als nur ein Arbeitsnachweis der KoFaS. Er ermöglicht eine Orientierung im weiten Feld des Sports im Verhältnis zur Sozialen Arbeit, in dem er Schwerpunkte aufzeigt und wichtiges Hintergrundwissen, wenn manchmal naturgemäß auch nur punktuell, vermittelt. Wer an dem Thema Sport, Soziale Arbeit und Fankultur interessiert ist – sei es beruflich oder auch weil er als Sportfan über den Tellerrand hinaus blicken möchte –, dem sei dieses Buch empfohlen.


Rezensentin
Dr. Sabahat Gürbüz
Rechtsanwältin,Fachanwältin für Familienrecht. Lehrbeauftragte (Frankfurt University of Aplied Sciences)
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Zitiervorschlag
Sabahat Gürbüz. Rezension vom 02.02.2015 zu: Detlef Kuhlmann (Hrsg.): Sport, Soziale Arbeit und Fankulturen. Positionen und Projekte. Arete Verlag (Hildesheim) 2014. ISBN 978-3-942468-19-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17588.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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