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Nicole Klinkhammer: Kindheit im Diskurs

Cover Nicole Klinkhammer: Kindheit im Diskurs. Kontinuität und Wandel in der deutschen Bildungs- und Betreuungspolitik. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. 619 Seiten. ISBN 978-3-8288-3399-9. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Dissertation untersucht das in parlamentarischen Reformdebatten erzeugte und verhandelte Wissen über Kindheit. Ziel ist es, Kontinuitäten aber auch Wandel der bundesdeutschen Bildungs- und Betreuungspolitik ab 1998 herauszuarbeiten. Methodisch folgt die Autorin dem Verfahren der wissenssoziologischen Diskursanalyse.

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Nicole Klinkhammer studierte Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 2013 promovierte sie in Halle mit der vorliegenden Studie. Derzeit ist Sie wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München.

Aufbau

Die Dissertation umfasst 617 Seiten im Hardcover. Sie gliedert sich in 12 Kapitel, wovon die ersten sechs der Hinführung zum Thema dienen. Den Kern der Untersuchung bilden die Kapitel 7-9. Kapitel 10 fasst die Ergebnisse der Untersuchung pointiert zusammen. Kapitel 11 und 12 bilden den Anhang sowie das Literaturverzeichnis.

Inhalt

Nach der rahmenden Einleitung, die auch einen Überblick über die Kapitel enthält, folgt in Kapitel zwei der Forschungsstand, der sich auf die „Konstruktion von Kindheit als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Kindheitsforschung“ bezieht. Wie auch in den folgenden acht Kapiteln findet sich unter dem Hauptgliederungspunkt noch einmal eine detailliertere Übersicht über das jeweilige Kapitel. Klinkhammer konstatiert an dieser Stelle zwei Paradigmen in der Kindheitsforschung: ein bis Ende der 1980er Jahre herrschendes aus der Sozialisationsforschung hervorgegangenes naturalistisches Verständnis und ein danach entstandenes Verständnis von Kindheit als sozialem Konstrukt. Während ersteres Kindheit als „natürliches Phänomen“ (25), welches Kinder als passiv und unreif bzw. erziehungsbedürftig erscheinen lässt, versteht die ‚neuere‘ Kindheitsforschung Kinder als ‚soziale Akteure‘ mithin ‚Kindheit als soziales sowie als relationales‘ Phänomen. Letzteres insofern es um eine generationale Ordnung geht, die sich mit dem (Selbst-)Verständnis der Erwachsenen ebenso ändert.

Die für die Autorin im Hinblick auf die eigene Studie wichtigen empirischen Forschungen im Rahmen des konstruktiven Paradigmas sind diejenigen im Bereich der politischen bzw. der politisch-medialen Konstruktion. Als dominierende Konzeptionalisierungen von Kindheit werden „Risikokonstruktionen: Das ‚gefährdete‘ und ‚gefährliche‘ Kind“ (42) und das Kind als Humankapital identifiziert.

Anschließend wird das Verhältnis von Politikgestaltung und Kindheitskonstruktionen aufgegriffen und damit auch Rückkopplungen zwischen diesen ‚Sphären‘.

Primäres Ziel des Kapitels ist die Sensibilisierung für die „Konstruktionsweisen von Kindheit und deren politische Funktion bzw. Funktionalisierung für den grundlegenden Zusammenhang von Kindheitskonstruktionen und Politikgestaltung bzw. von Kindheit und Politik“ (58). Als Desiderat wird festgehalten, dass eine Untersuchung fehle, die im Feld der Politik die „Aushandlungs- und Konstruktionsprozesse zum Wissen über Kindheit rekonstruiert und analysiert (…) Indem sie auf der Basis eines umfassenden Datenkorpus die Konstruktionsweise von Kindheit in ausgewählten politischen Diskursen untersucht (…)“ (60). Dies soll mit der Studie auf Basis der Analyse parlamentarischer Debatten im Hinblick auf Kindheitskonstruktionen geleistet werden. „Mit ihrer wissenssoziologisch-diskurstheoretischen Begründung erweitert die Studie den Erkenntnisgewinn insofern, als es nicht alleine um die politischen Konstruktionsweisen von Kindheit geht, sondern zugleich geklärt werden soll, welche wirklichkeitskonstituierenden Einflüsse der in den parlamentarischen Diskussionen erzeugte ‚Bildungs- und Betreuungsdiskurs‘ auf politische Regulierung der Bedingung von Kindheit hat“ (60).

In Kapitel drei wird die Forschungskonzeption der wissenssoziologischen Diskursanalyse vorgestellt und in Kapitel vier die Methodologie und Methodik der eigenen Untersuchung.

Ziel ist es, mit Hilfe der diskursanalytisch gewonnen Erkenntnisse die Frage zu diskutieren, inwiefern die Reformen „im Sinne einer Abkehr von der konservativen Spezifik bundesdeutscher Bildungs- und Betreuungspolitik einhergehen“ (98).

In Kapitel fünf erfolgt die Beschreibung des seit dem 19. Jahrhundert bis 1990 wirkmächtigen Wissens über Kindheit im Sinne einer Sozialgeschichte der Kindheit(en). Auch Kapitel 6 beschreibt nun vor allem politikhistorisch die Situation bzw. die Entwicklungen des deutschen Sozialstaats seit der deutschen Vereinigung zu einem ‚aktivierenden‘ Sozialstaat.

In den Kapiteln 7, 8 und 9 erfolgt der Kern der Arbeit, sprich die wissenssoziologische Diskursanalyse. Kapitel 7 beschreibt, wie Kindheit in den Fokus des ‚politischen Diskurses‘ rückt. Es werden zwei „Diskursstränge“ „im politischen Diskurs“ herausgearbeitet. Während der eine die Wahlfreiheit der Eltern auf „eine höhere Erwerbsorientierung von Müttern sowie eine höhere Familienorientierung von Vätern“ bezieht, legt der andere „eine grundsätzliche Kind- oder Familienorientierung beider Elternteile oder eines Elternteils fest“ (247). Anders formuliert: Es werden ein „reformpolitische[r] Modernisierungsdiskurs“ und der „konservative[r] Gegendiskurs“ identifiziert (251). Im betrachteten Zeitraum bleibt trotz differenter Kindheitskonstruktionen durch die beiden Diskursstränge die „Familie (…) in der primären Bildungs- und Betreuungsverantwortung“ (251). Der Ausbau öffentlicher Erziehung deutet sich jedoch bereits als Konfliktfeld an. Der „konservative Diskursstrang“ deutet außerfamiliale Angebote als minderwertig im Hinblick auf kindliche Sozialisation, der andere Diskurs sieht zwar offenbar Relevanz, verschiebt jedoch explizite Thematisierungen auf die Länder- und Kommunalebene. Das ‚Erziehungsgeldgesetz‘ als Folge der Auseinandersetzungen verweist auf den Abschied vom konservativen Familienbild und „verankert ein neues, partnerschaftliches Leitbild in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (252).

Im Fortgang der Untersuchung geht es um die politische Debatte im Kontext des ‚PISA-Schocks‘ als „‚Krise etablierter Schulkindheit‘“ (253). Wiederum werden die beiden Diskursstränge herausgearbeitet, die gemäß der parlamentarischen Machtverteilung dominieren. Beide beziehen sich dabei zwar auf die Ganztagsschule, der dominante jedoch im Sinne einer neuen Schule, die alle Schüler einbezieht und das Verhältnis zur Familie neu konstruiert, der „konservative“ (269) hingegen bezieht die Ganztagsschule nur auf leistungsschwächere Schüler mit erhöhtem Förderbedarf. Das etablierte Verhältnis Schule und Familie wird nicht berührt. Ebenso wird die ‚frühe Förderung‘ als gruppenspezifische und nicht allgemeine gedacht. Chancengleichheit wird hier als „‚begabtengerechte‘ Förderung“ (272) verstanden, während der dominante Diskurs das Fordern und Fördern aller (statt Selektion) betont (262).

Kapitel 7.3 analysiert dann, wie der damalige Kanzler Schröder „Institutionen der Kindheit“ in seiner Familienpolitik verortet. Es wird festgestellt, dass Familie und Kindheit zu ökonomischen Ressourcen (Humanvermögen) funktionalisiert werden. Diese Perspektive ermöglicht zugleich, das Familienverständnis zu erweitern, da verschiedenste Formen des Zusammenlebens mit Kindern akzeptiert werden aufgrund der Fokussierung auf die Nachwuchssicherung und -förderung. Ein neues Leitbild der Familie wird so etabliert – kritisch begleitet vom ‚konservativen‘ Diskursstrang. An das Familienleitbild knüpft sich konsequenterweise auch die Frage nach den Instrumenten der Familienförderung an. Der Bezugsrahmen verschiebt sich von der Ehe zur Frage nach Betreuung bzw. Erziehung der Kinder. Wiederum stehen sich monetäre und infrastrukturelle Maßnahmen gegenüber. Der Ausbau der Infrastruktur wird dabei mit der Zweiverdiener-Familie verbunden. Es wird konstatiert: „Die Mehrheit der politischen Akteure spricht sich für einen Paradigmenwandel in der bundesdeutschen Bildungs- und Betreuungspolitik mit den vorausgesetzten Normen einer gleichberechtigten Elternschaft und somit einer zunehmenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus“ (290). Zugleich werden die Verbesserungen der Bildungschancen an diesen Ausbau gebunden. Der konservative Diskurs kritisiert, dass dadurch eben kein breites Familienverständnis gefördert werde, weshalb die Forderung nach einem Erziehungsgeld stark gemacht wird, um Familien zu unterstützen. Im Ergebnis steht der Ausbau der öffentlichen Betreuung als Herstellung von ‚echter‘ Wahlfreiheit der Eltern einer „normative[n] ‚Entmachtung‘ der traditionellen Familienkindheit“ (295) gegenüber. Aus Sicht des konservativen Diskurses kann darum „Wahlfreiheit für Eltern (…) nur durch einen äquivalenten Ausbau monetärer Leistungen gesichert werden“ (295). Kapitel 7.4 fokussiert diese Entwicklungen aus bildungspolitischer Perspektive. Das Fazit für den Zeitraum 1998 bis 2002 lautet, dass Kindheit Familienkindheit bleibt, aber von „veränderten Verantwortungsverhältnissen – in der Institution Familie sowie zwischen den Institutionen der Kindheit“ (325) geprägt ist.

Kapitel 8 untersucht die zweite Rot-Grünen Regierungsperiode von 2002 bis 2005. Obschon es zu einer Normalisierung der strukturellen Veränderung kommt, setzt sich der Definitionskampf der Diskurse im Hinblick auf die Wahlfreiheit der Eltern fort. Dennoch etabliert sich die Deutung einer elterlichen „Arbeitnehmer-Norm“ (390) und – das ist das Neue in der Geschichte der BRD – der Ausbau früher Bildungs- und Betreuungsangebote wird vorangetrieben. Die bisher monetär ausgerichtete Familienpolitik wird zunehmend auf infrastrukturell umgestellt mit dem Ergebnis des Tagesbetreuungsausbaugesetzes vom Januar 2005 sowie dem Ganztagsschul-Investitionsprogramm ‚Zukunft, Bildung und Betreuung‘. Diese Investition wird als mehrfach rentabel im Hinblick auf Demographie, Bildung und wirtschaftliche Zukunft gesehen. Kinder werden demnach vom ökonomisch Nutzlosen zum ökonomisch nützlichen Gut und die bürgerliche Familienkindheit verliert – so die Autorin – im Zuge dieser Entwicklungen ihren Dispositivcharakter (393). Kritik des konservativen Diskurses erfolgt nun primär im Kontext der Frage der Finanzierung und der Zuständigkeit.

Der letzte Teil der Analysearbeit, Kapitel 9, folgt wiederum der ‚politischen Zeitrechnung‘ und beginnt mit den vorgezogenen Neuwahlen (2005). Im Vertrag der großen Koalition werde die Rot-Grünen Politik fortgeschrieben z.B. im Falle des Tagesbetreuungsausbaugesetzes und des Ganztagsschulprogramms - „beides Projekte, gegen die die Union in der vergangenen Wahlperiode gestimmt hatte“ (402). Die sozialinvestive Semantik wird zum „charakteristischen Element des politischen Diskurses“ (403). Der Druck zum Ausbau der Kindertagesbetreuung wird verstärkt durch den nun durchgesetzten Rechtsanspruch. Parallel betont der konservative Diskursstrang weiterhin die Erstzuständigkeit der Eltern und die Förderung deren Kompetenz. Klinkhammer deutet das Zusammenwirken der Diskurse so, dass nun im „Rekurs auf das vorausgesetzte Kausalverhältnis von Bildungs- und Lebenschancen (…) die elterliche Erstzuständigkeit zur Legitimation staatlicher Interventionen herangezogen [wird]“ (404). Im Ergebnis findet eine Fortsetzung monetärer Familienförderung (Elterngeld) als auch eine jüngere infrastrukturelle Förderlogik Platz, die den Fortbestand der beiden Kindheitskonzepte impliziert. Ausbau der Infrastruktur und einjähriges Elterngeld wirken kompatibel im Hinblick auf den schnellen Wiedereinstieg der Eltern ins Arbeitsleben.

In den Debatten geht es um die Frage nach einem Familienleitbild (konservativer Diskurs) oder der Vielfalt als Familienleitbild. Der konservative Diskurs kritisiert die Missachtung des Alleinernährermodells im Rahmen der Anerkennung verschiedener Familienmodelle. Die Elterngelddebatte drückt dies aus und verweist so auch auf das Leitbild erwerbstätiger Eltern im Modernisierungsdiskurs (472).

Kapitel 9.1 widmet sich spezifisch der Reform des Elterngeldes. Kapitel 9.2 fokussiert die ab 2008 konstatierte neue Aufmerksamkeit für Bildung und damit das Kinderförderungsgesetz. Hier wird unter anderem eine diskursive Auseinandersetzung um die Familie als Bildungsrisiko oder Bildungsressource rekonstruiert. Daran schließt Kapitel 9.3 „‚Aufstieg durch Bildung‘: Jedem Talent seine Chance!“ (482) an, in dessen Fokus der ‚lebenslange Bildungsbürger‘ zur Sicherung globaler Marktmacht steht. Es dominiert die ökonomische Perspektive, wobei eine Semantik der Chancengleichheit und der Hilfe legitimierend wirkt. Ein Scheitern wird individualisiert. Der lebenslange Bildungsbürger wird als Dispositiv identifiziert (506).

Im Ergebnis (9.4) werden für den Zeitraum „kaum Verschiebungen in den Regeln des dominierenden, primär ökonomischen begründeten Bildungs- und Betreuungsdiskurses sowie in seinen normativen Zuschreibungen an Kindheit und deren Institutionen“ konstatiert (508). Dennoch wird auf ein Erstarken des konservativen Diskursstrangs verwiesen, was sich z.B. in der Verlängerung der Elternzeit niederschlage.

Eine Rückkehr zur „klassischen Familienkindheit in einem konservativen Ernährermodell“ (511) erscheint Klinkhammer unwahrscheinlich. Vor dem Hintergrund der Analyse, wird auf zwei Ambivalenzen hingewiesen: einerseits die Bildungskindheit für alle, im Gegensatz zur besonderen Thematisierung der Benachteiligten und andererseits die Zuschreibung individueller Verantwortung im Falle des Scheiterns, im Gegensatz zur Proklamation von Chancengleichheit, so dass der „sozialinvestiv begründete politische Diskurs (…) eine Verfestigung, wenn nicht gar eine Ausweitung bestehender Ungleichheitsverhältnisse“ (515) befördert.

Kapitel 10 resümiert die zentralen Befunde der Studie auf 26 Seiten.

Diskussion

Die Studie von Nicole Klinkhammer ist in einer klar verständlichen Sprache verfasst. Allerdings ist das Werk auch sehr umfangreich, was nicht immer Folge des methodologischen Zugangs bzw. der Arbeit am Material ist. Es hätte an der einen oder anderen Stelle stärker gerafft werden können, um Redundanzen zu vermeiden.

Die Autorin zeigt, wie sich die politische Debatte um Familie, Kindheit und Jugend bzw. die darin gespielten Argumentationen entwickelt haben und mit ihnen in der Bundesrepublik Kindheit und vor allem Vorstellungen von Familie im Kontext des Umbaus des Sozialstaates systematisch verändert wurden. Höhepunkt dieser Entwicklungen sind einschlägige Gesetze wie z.B. das Recht auf einen Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr oder das Elterngeld.

Klinkhammer arbeitet heraus, wie sich im Rahmen eines ‚Kampfes der Diskurse‘ (konservativer vs. familienpolitischer Modernisierungsdiskurs) eine neue Rationalität im Hinblick auf Familienleben in der politischen Debatte etabliert und durchsetzt, welche Sprecher oder auch Berater dabei eine Rolle spielen und welche Legitimationsstrategien und Deutungen wirksam sind. Es geht um die Etablierung eines Familienbildes mit vollzeitarbeitenden Eltern und Kinder, die folglich und zugleich legitimiert durch einen Bildungs- und Gerechtigkeitsvorteil, den diese Erziehung bieten soll, zunehmend und immer früher in institutionellen Zusammenhängen aufwachsen. Ein im Kontext der Debatte um Familie und Kinder wesentliches Moment, der demographische Wandel, wirkt dabei als vom konservativen Diskurs ungelöstes Problem und beflügelt die vom Modernisierungsdiskurs hervorgebrachte ‚nachhaltige Familienpolitik‘. Legitimierend wirken dabei Gutachten bzw. Prognosen von (Wirtschafts-)Wissenschaftlern über Folgen institutioneller Kleinkinderziehung für die demographische und ökonomische Entwicklung Deutschlands, die in ihrer Kausalität nicht nur überraschen sondern von der Empirie der Entwicklung in den neuen Bundesländern (365) ebenso wie im Hinblick auf die demographische Entwicklung in der DDR fragwürdig erscheinen (vgl. schon Hille 1985, S. 69f).

Kurz, es geht – darin liegt auch die grundlegende Überlegung und Berechtigung eines diskursanalytischen Zugangs – nicht um Rationalität oder Wahrheit, sondern um das Herstellen bestimmter Überzeugungen oder Zusammenhänge, die so zugleich an Plausibilität gewinnen und Wissensordnungen konstituieren, die dann wiederum Praxis anleiten. Es geht dabei vor allem um das Etablieren und „Besetzen von Begriffen“ wie Wahlfreiheit, Gleichberechtigung, Chancengleichheit oder Bildung, mit denen in den Debatten operiert wird.

Zugleich wird deutlich, wie different auch die Wissensordnungen zwischen den neuen und den alten Bundesländern sind, da vielfach der „politische Diskurs offenbar nur durch die Problematisierung westdeutscher Bedingungen funktioniert“ (365). Dies spricht noch einmal für den diskursanalytischen Zugang, stellt aber auch seine Praktikabilität in Frage, da auch der Forscher auf dem Hintergrund eigener Herkunft und Erfahrung, also der eigenen Wissensordnung oder diskursiven Praxis forscht und deutet. Vielleicht werden nicht nur die „parlamentarischen Reformverhandlungen von einer westdeutschen Argumentationslogik dominiert“ (247, Fußnote 156).

Dass es allen Grund gibt, an die Situation der Vollzeiterwerbsfamilie in der DDR zu denken, wird im Buch immer wieder deutlich: „Die [Vollzeit-S.G.]Arbeitnehmer-Norm wird demnach in Gestalt erwerbstätiger Eltern zu einem konstitutiven Element der im dominierenden politischen Diskurs konstituierten ‚Wissensordnung Kindheit‘“ (390).

Es ist dabei gar nicht so sicher, dass dieser Gedanke zu verwerfen ist, vor dem Hintergrund des offenbar wirksamen Motivs, welches gemeinhin unter neoliberaler Politik firmiert: Es geht um absolute Eigenverantwortung für jeden Bürger und das heißt Qualifikation und Arbeitsmarktverfügbarkeit mit allen Folgen für Eltern und deren Kinder.

Was aber Sozialismus und Kapitalismus dabei eint, ist, wie es Marx´ verachteter Schwiegersohn Paul Lafargue (1883/1985) formulierte, das ‚verderbliche Dogma‘ oder wie es Stadler jüngst im Kontext der Institutionalisierung der frühen Kindheit nannte, die „Vergötterung der [Lohn]Arbeit“ (Stadler 2014, S. 105ff., Ergänzung S.G.). Denn worauf die aktuellen Entwicklungen auch verweisen, ist die zunehmende Entwertung nicht entlohnter Reproduktionsarbeit.

Dennoch, das machen aktuelle Analysen auch deutlich, bleibt der ‚konservative Diskurs‘ und seine Praxis, also die Familie mit einem arbeitenden Vater und einer überwiegend zu Hause sorgenden Mutter präsent. Auch das Betreuungsgeld ist Ausdruck dieses Diskurses.

Überrascht hat den Rezensenten die Argumentation im Hinblick auf die ‚aktive Vaterschaft‘, die zu Beginn der ersten Rot-Grünen-Koalition von Klinkhammer herausgearbeitet wurde. Dieses Konzept zielte auf einen teilzeitbetreuenden Vater und eine teilzeiterwerbstätige Mutter im Kontext der frühen Kindheit (vgl. 233ff.). Der Verlauf der gesamten Entwicklung zeigt jedoch letztendlich einmal mehr die gesellschaftspolitische Zielrichtung der Debatte und zugleich die Dialektik einer inzwischen begrüßten weiblichen Emanzipation …oder die ausbleibende Antithese: die Emanzipation der stattdessen schweigenden Väter (vgl. hierzu Großkopf 2014a).

Im Hinblick auf die Methodologie der wissenssoziologischen Diskursanalyse stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Zugang tatsächlich mehr Erkenntnisgewinn bringt bzw. inwiefern sich dieser Zugang von einer ‚traditionellen‘ historischen Rekonstruktion unterscheidet. Erinnert sei hier an die Studie von Franke-Meyer „Kleinkindererziehung und Kindergarten im historischen Prozess“ (2011). Sie arbeitete für das 19. und 20. Jahrhundert die Positionen einer Bildungs- und einer Nothilfefraktion im Kontext der Etablierung institutioneller frühkindlicher Erziehung heraus sowie deren differente Dominanz. Die sich gegenüber stehenden ‚Fraktionen‘ erinnern durchaus an die von Klinkhammer rekonstruierten Diskurse bzw. deren Deutungsmuster. Dies verweist darauf, dass diese offenbar weitaus länger wirksam sind, als Kapitel 5 es vermuten lässt. Eine diskursanalytische Reflexion von Kapitel 5, welches die historische Entwicklung des „politisch wirkmächtigen Wissen[s]“ (125) aufzeigt, wäre wünschenswert gewesen – auch angesichts der später im Buch zu recht erscheinenden ‚Erinnerungen an die DDR‘. Vermutlich ist das jedoch ein strukturelles Problem der wissenssoziologischen Diskursanalyse, da diese eher bekannten Wissensordnungen folgt, als diese aufzubrechen (Angermuller 2010; Großkopf 2012). So gesehen, erstaunt auch die Zurechnung und Wirkmächtigkeit des „familienpolitischen Modernisierungsdiskurses“ nicht, spiegelt sie doch weitestgehend die parlamentarischen Verhältnisse entlang der Parteigrenzen und letztlich die parlamentarischen Mehrheiten wieder. Besonders interessant wird es dort, wo die Wissensordnungen an ihre Grenzen geraten oder andere Diskurse ihre Wirksamkeit, vielleicht auch im Forscher, entfalten (?), wie z.B. im Falle der Position der PDS (vgl. 243, 266, 245ff.). Der Verweis auf „ideologisch aufgeheizt[e] (…) ‚Definitionskämpfe‘“ (247) lässt das vermuten. Bei einer etwas anderen (Re-)Konstruktion der Diskurse wären diese Äußerungen dem „familienpolitischen Modernisierungsdiskurs“ zuzuordnen, was die Autorin in einer Fußnote andeutet (vgl. S. 247 Fußnote 156). Ähnliches zeigt sich in Kapitel 9, angesichts der großen Koalition. Die wissenssoziologische Diskursanalyse bleibt hier zwar konsequent, insofern sie den menschlichen Faktor stärker betont, als dies Foucault tat – was intuitiv auch plausibel erscheint, insbesondere wenn man die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin bedenkt. Dennoch irritiert diskursanalytisch die Interpretation, dass für die Kontinuität der Familienpolitik maßgeblich Merkel und von der Leyen verantwortlich sind, die mit der „eigenen Diskursgemeinschaft der Union“ ‚brachen‘ (508), was diskurstheoretisch als Wirkung des „dominierenden Bildungs- und Betreuungsdiskurses auf das argumentative Repertoire des konservativen Diskursstrangs“ zu deuten sei (508).

Dies sind jedoch Aspekte der Methodologie, die an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden sollen und zudem angesichts der Diskussionen im Feld der Diskursanalyse wahrscheinlich kaum befriedigend zu beantworten sind.

Fazit

Die Studie ist wichtig und gibt zu denken. Sie macht deutlich, wie über Legitimationsmuster, die mit Begriffen wie Bildung, Chancengerechtigkeit, Gleichberechtigung usw. operieren, seit einiger Zeit ein für die Bundesrepublik neues Bild von Kindheit und Familie installiert wird, welche Vorstellungen (und Interessen) dabei wirken und in welcher Art es dabei um Kinder oder Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Dezidiert wird eine politische Debatte analysiert, an deren Ende der massive Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen steht, die darauf zielt, Kinder zu optimieren und ihre Eltern dem Arbeitsmarkt voll verfügbar zu machen und zugleich noch demographische Probleme zu lösen. Es geht in diesem Buch nicht nur um die Wissensordnung Kindheit, sondern vielmehr noch um die Wissensordnung Familie. Beschrieben wird nämlich der Prozess – technokratisch formuliert – einer ‚Neujustierung‘ der Familie im Rahmen einer umfassenderen Entwicklung Deutschlands zu einem ‚aktivierenden Sozialstaat‘. Klinkhammer belegt detailliert, wie sich die deutsche Familienpolitik in den letzten Jahren verändert hat. Die Ergebnisse können auch als stichhaltige Belege für die Kritik an den massiven Institutionalisierungsbestrebungen, insbesondere im Hinblick auf die frühe Kindheit gelesen werden (vgl. z.B. Stadler 2014; Großkopf 2014b; Juul 2012; Winkler 2012).

Literatur:

  • Angermuller, J. (2010): „Widerspenstiger Sinn. Skizze eines diskursanalytischen Forschungsprogramms nach dem Strukturalismus“ In: Angermuller, J./van Dyk, S. (Hrsg.): Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung. Frankfurt, S. 71-100.
  • Franke-Meyer, D. (2011): Kleinkindererziehung und Kindergarten im historischen Prozess. Bad Heilbrunn.
  • Großkopf, S. (2014a): Ausbeutung für alle! Der marginalisierte Vater und die Maximierung der industriellen Reservearmee. Kulturtheoretische Betrachtungen. In: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau 68, Heft 1, S. 107-121.
  • Großkopf, S. (2014b): Bildung oder Nothilfe? In: Sauerbrey, U./Großkopf, S./Freytag, C./Winkler, M. (Hrsg.): Kindheit, Kinderspiel und Kinderschutz. Jena, S. 95-124.
  • Großkopf, S. (2012): Diskursanalyse – Ein Forschungsbericht über Etablierungsprobleme einer Analysestrategie. In: Zeitschrift für Qualitative Forschung (ZQF) 13, Heft 1-2, S. 209-234.
  • Hille, B. (1985): Familie und Sozialisation in der DDR. Opladen.
  • Juul, J. (2012): Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Ansichten zur Frühbetreuung. Weinheim, Basel.
  • Lafargue, P. (1883/1985): Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des Rechtes auf Arbeit, o.O.
  • Stadler, R. (2014): Vater Mutter Staat. München.
  • Winkler, W. (2012): Erziehung in der Familie. Stuttgart.

Rezensent
Dr. Steffen Großkopf
Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Bildung und Kultur Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Steffen Großkopf. Rezension vom 18.02.2015 zu: Nicole Klinkhammer: Kindheit im Diskurs. Kontinuität und Wandel in der deutschen Bildungs- und Betreuungspolitik. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-8288-3399-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17593.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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