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Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Cover Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay (Wien) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-552-05700-5. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Autor

Bei einem Buch, das sich als „Streitschrift“ versteht, sollte man eine Rezension mit der Darstellung des Autors beginnen. Nicht erst die moderne Konfliktmoderation hat darauf aufmerksam gemacht, dass es zum Begreifen eines Streites vorrangiger sei, die Streitenden zu verstehen, als die strittige Sache zu analysieren. In einem Interview mit der „WirtschaftsWoche“ vom 13.10.2014 (http://www.wiwo.de/politik/deutschland/philosoph-konrad-paul-liessmann-wer-keine-ahnung-von-geschichte-hat-dem-hilft-auch-wikipedia-nicht-weiter/10830084.html) wurde dem Autor die Frage gestellt: „Ihr Buch ist eine Streitschrift. Die schreibt man, weil man wütend ist. Was ist der Anlass für Ihre Wut?“ Und seine Antwort war: „Mich hat die Hörigkeit gegenüber der PISA-Ideologie wütend gemacht, die Ausrichtung des gesamten Bildungssystems in Deutschland und Österreich an einem höchst fragwürdigen Test. Der zweite Grund, der auch schon für mein Vorgängerbuch ‚Theorie der Unbildung‘ eine große Rolle spielte, ist die so genannte Bologna-Reform der Universitäten. Dazu kommt noch die Kompetenzorientierung in den Studien- und Lehrplänen, die ich sehr kritisch sehe.“

Konrad Paul Liessman ist Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und dort seit 2008 Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. Er ist alles andere als ein „Gelehrter im Elfenbeinturm“. Wenn man seine Personalseite beim Internetportal der Universität Wien (http://homepage.univie.ac.at/konrad.liessmann/) aufruft, dann wird man (jedenfalls war das am 13.11.2014 so) als allererstes darüber informiert, wie viele Interviews er in letzter Zeit geführt hat (vier) und wo sie einzusehen sind, ferner werden alle Lesungs-Termine zu vorliegendem Buch mit Ort, Zeit und Veranstalter aufgelistet: vom 4.11.2014 bis 9.3.2015 – quer durch die Alpenrepublik, und schließlich werden auch weitere Auftritte des Autors genannt. Und das kann dann schon recht eindrucksvoll klingen: „Im Rahmen des UNESCO- Welttages der Philosophie spricht Konrad Paul Liessmann zum Thema ‚Vom Nutzen und Nachteil des Denkens für das Leben‘. Zeit: Donnerstag, 20. November 2014, 16 Uhr. Ort: Münster, Fürstenberghaus, Domplatz 20, Hörsaal F4, Deutschland“. Bei aller Kritik an all den vielen Modernismen, die der Autor ins Fadenkreuz nimmt, einen Modernismus hat er sich zu eigen und zu Diensten gemacht: die Visibility.

Entstehungshintergrund

Sind als Gründe, die zum Entstehen des vorliegenden Buches führten, nun schon seine Wut auf Pisa und Bologna (und andere Schreckgespenster) sowie sein Faible für Visibility sichtbar geworden, so seien noch ein dritter, vierter und fünfter (vom Rezensenten vermuteter) nicht unerwähnt.

In einer Verkaufswerbung vorliegenden Buches heißt es: „Nach der ‚Theorie der Unbildung‘ nun also ihre Praxis: Das, was sich aktuell in Klassenzimmern und Hörsälen, in Seminarräumen und Redaktionsstuben, in der virtuellen Welt und in der realen Politik abzeichnet, unterzieht Konrad Paul Liessmann einer scharfen Kritik“ (http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/geisterstunde/978-3-552-05700-5/). Die angesprochene „Theorie der Unbildung“ ist ein Buch des Autors von 2006 (im selben Verlag wie das vorliegende Buch erschienen); wer sich im Recht fühlt – und der sich im Besitz des „wahren Wissens“ Wähnende fühlt sich immer im Recht –, darf mit gutem Gewissen auf Andersdenkende einschlagen.

Und dann ist da noch der Kairos, der „rechte“ Augenblick. Ja, „die Zeit“ ist reif für eine überfällige Kritik an Fehlentwicklungen, Auswüchsen und Degenerationen, die man an Dingen mit Namen wie Pisa, Bologna, Powerpoint und Wikipedia festmachen kann. Nur ist das alles nicht sehr originell, womit wir bei einem letzten vermuteten Beweggrund sind: Die Konkurrenz schläft nicht. Der derzeit als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München Philosophie und politische Theorie lehrende Julian Nida-Rümelin, ebenfalls kein Kind von Öffentlichkeitsscheu, hat 2013 mit „Philosophie einer humanen Bildung“. (Hamburg: Edition Körber-Stiftung) sein Rederecht auf dem hier strittigen Terrain begründet und sich mit dem zeitgleich zum vorliegenden Buch erschienenen Arbeit „Der Akademisierungswahn“ (ebenfalls von der Körber-Stiftung verlegt, vgl. die Rezension) ebenfalls als Kritiker der schrecklichen neuen Bildungsverhältnisse zu Wort gemeldet.

Thema

Was das Thema des Buches, so es denn hier überhaupt so etwas wie „das Thema“ gibt, sein soll, hat der Autor eingangs des Buches (auf S. 10) mit Worten skizziert, die zugleich den Titel verständlich machen (sollen): „Was heute unter dem Titel Bildung firmiert, was von Bildungsjournalisten propagiert, was von Bildungsexperten verkündet, was von Bildungsforschern behauptet, was von Bildungspolitikern durchgesetzt, was an Schulen und Universitäten beworben wird, ist deren Gegenteil und Karikatur, eine Phrase, eine Chimäre, eine einzige riesige Sprechblase, ein Gespenst, ein Gespenst, das nicht um Mitternacht, sondern zur besten Unterrichtszeit sein Unwesen treibt: Geisterstunde!“

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus elf Kapiteln, denen Anmerkungen folgen, die (kapitelweise nummeriert) die Quellennachweise enthalten (und als – höchst unvollkommenes – Quellenverzeichnis dienen müssen, da ein solches fehlt). Voran steht ein Vorwort, das mit Formulierungen, wie sie sich auf zeitgenössischen Speisekarten finden, wahlweise mit „Bildung an Glück“ oder „Glück an Bildung“ zu beschreiben wäre.

Die genannten elf Kapitel tragen die nachfolgend genannten (Unter-)Titel:

  1. PISA, PANIK UND BOLOGNA. Die Logik von Bildungskatastrophen
  2. DER BILDUNGSEXPERTE. Zur Psychopathologie eines Sozialcharakters
  3. KOMPETENTER UNGEIST. Das Verschwinden des Wissens
  4. FÄCHERDÄMMERUNG. Die neue Disziplinlosigkeit
  5. POWERPOINT-KARAOKE. Die Destruktion der Bildung durch ihre Simulation
  6. WAS WEISS DAS NETZ? An den Grenzen der Suchmaschinen
  7. DIE ORALE PAHSE ALS LEBENSPRINZIP. Zum Verhältnis von Konsum, Pädagogik und Infantilisierung
  8. PHILOSOPHIE DER SCHULE. Anmerkung zu einer Anmerkung Humboldts
  9. LESELUST UND LESELEID. Analphabetismus als geheimes Bildungsziel
  10. DIE DIKTATUR DER GESCHÄFTIGKEIT. Von der Käuflichkeit des Geistes
  11. DIE TRÄNEN DER MUSE. Über die Schönheit des Nutzlosen

Diskussion

Es gehört zum Charakteristikum jener literarischen Gattung, die man (euphemistisch) „Streitschrift“ nennt (es gibt despektierlichere Bezeichnungen), dass sie Wahres, Halbwahres und Falsches unentwirrbar miteinander vermischt und in ihren Sach-Aussagen so vage bleibt, dass sich daran zwar jede Fantasie entzünden kann, jeglicher sachlicher Kritik aber kein fester Halt geboten wird. Das hat zur Folge, dass man solcher „Streitschrift“ faktisch nur in Gänze zujubeln kann oder aber sie insgesamt ablehnen muss. Solche Reaktionen sind einkalkuliert, ja, sie sind Kalkül. Die Zustimmung darf der Autor als schlagenden Beweis für Wahrheit und Richtigkeit seiner Thesen ausgeben. Die Ablehnung hingegen kann er entkräften, indem er darauf verweist, sie sei Folge mangelnder Differenzierungsfähigkeit. Bessere Immunisierungsstrategien gegen Kritik gibt es nicht; nur ist Immunisierung gegen Kritik eben gerade kein Zeichen von Bildung – zumindest nicht in der abendländischen Tradition.

In manchem, wenn auch nicht in vielem, hat der Autor sicher auch Recht. Was dabei stört, ist dieser Gestus des Alles oder Nichts, das raunende Beschwören einer unmittelbaren Katastrophe und das schrille Mahnen zur Umkehr, Einkehr oder zu völligem Neubeginn. Der Autor ist der letzte Erlöser in einer säkularisierten Welt, und das wundert einen auch nicht, gilt Bildung heute doch als jenes Gut, das – so wie früher der Glaube – für die – natürlich irdische – Glückseligkeit des Menschen zuständig ist. Klingt gut? Ist aber nicht von mir, zumindest nur zum kleinsten Teil. Die beiden Sätze finden sich im Buch auf den Seiten 42-43, meine Veränderung besteht darin, zwei Mal das Wort „Bildungsexperte“ durch „Autor“ ersetzt zu haben. Man kann „Autor“ aber wieder rückübersetzen in „Bildungsexperte“, denn wenn Konrad Paul Liessmanns Buch ein Beweis für irgendetwas sein kann, dann dafür, dass er der bessere „Bildungsexperte“ ist als jene von ihm kritisierten. Und sind: „Peter Fratton, Richard David Precht, Gerald Hüther, Bern Schilcher und Andreas Salcher“ (S- 31). Ja, denen – aber auch nur denen – hat er wahrlich Einiges voraus.

Fazit

Muss man das Buch lesen? Man muss nicht; jedenfalls muss sich niemand für ungebildet halten oder von Anderen – begründet! – so angesehen werden, wenn er oder sie es nicht getan hat. Kann man das Buch lesen? Aber ja doch; es ist in einem dynamischen Stil geschrieben, voll Esprit, reich an Metaphern und voller Liebe zu besonderen Redewendungen; da könnten selbst Feuilletonisten deutscher (Edel-)Zeitschriften (wie FAZ und ZEIT) manches lernen. Und der Autor verschont Leser(innen) von Zumutungen, wie sie der sozialwissenschaftliche Zugang zur Bildungsfrage mit sich gebracht hat: keine Statistik (noch nicht einmal die einfachste Tabelle!) und kein Wort von solchen Ungeheuerlichkeiten wie „Sozialer Gradient“ und „Effektstärke“. Schließlich darf man sich als Leser(in) endlich erlöst fühlen von all diesem „Einerseits – anderseits“ und jenem „Sowohl – als auch“, wie es für ein ideologie-, methoden- als selbstkritisches Sich-Bewegen auf dem Felde der Bildung unvermeidlich ist; hier wird ein „Stand-Punkt“ geboten und diesem Hin- und Her, das doch nur schwindelig macht, ein Ende gemacht.

Allerdings sollte man über ein gewisses Maß hermeneutischen Könnens verfügen, um Sätze entschlüsseln zu können, deren Verfertigung dem Autor – und nicht zuletzt darin zeigt er sich als wahrlich „klassisch“ gebildet – leicht aus der Feder fließt. Zur Illustration: „Nun mag es richtig sein, dass in komplexen Wissensgesellschaften vielen Menschen die Möglichkeit eröffnet werden sollte, eine tertiäre Bildungseinrichtung zu besuchen; aber abgesehen davon, dass in den verschiedenen Ländern ‚Akademiker‘ völlig unterschiedlich definiert sind, fragt es sich angesichts der realen Entwicklungen doch, ob man hier nicht einem Fetisch nachläuft, der zwar die Bildungspolitik in Atem hält, aber zunehmend geringere Aussagekraft über den tatsächlichen Bildungsstand junger Menschen und deren Berufschancen enthält.“ (S. 20) Alles klar?

Soll man das Buch lesen? Ja sicher. Wenn man gepflegte Vorurteile (etwa gegen PISA) endlich einmal kultivieren möchte, wenn man (etwa über das Scheitern der Bologna-Idee) nicht mehr nur „klammheimliche Freude“ empfinden möchte, sondern „medientaugliche“ und wenn man seinen Köcher mit verbalen Pfeilen („einschlägigen“ Zitaten) füllen möchte, die zielsicher scheinen (und irgendwie den Eindruck machen, sie seien vergiftet – vielleicht weil sie so nebulös sind). Ich biete drei Kostproben und rege an, sich auszumalen, an welchem Stammtisch, auf welchem Forum, in welchem Symposium man damit Furore machen könne.

Zum einen: „Die unheilige Allianz zwischen den neoliberalen Apologeten des Wettbewerbs und den menschenfreundlichen Illusionspädagogen gehört so zu den impliziten Voraussetzungen der deshalb oft widersprüchlichen Reformanstrengungen im Bildungsbereich.“ (S. 23) Und zur Bologna-Erklärung: „Dass daraus ein starrer Schematismus wurde, der nun wie ein Schimmelpilz die europäischen Universitäten überzieht, mit aufgeblähten Verwaltungen, überflüssigen Akkreditierungen, vervielfachten Graduierungen, unnötigen Evaluierungen, verwirrenden Zertifizierungen und zahllosen Reglementierungen, gehört zu jenen geheimnisvollen Transformationen, die selbst Anlass zur Frage geben, was an gesellschaftspolitischer Zielsetzung sich dahinter verbergen mag.“ (S. 25) Schließlich: „Der Verdacht, dass das Schielen nach hoch bewerteten Publikationsorten einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem wissenschaftlichen Mainstream produziert, der in die Nähe intellektueller Prostitution gerückt werden kann, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.“ (S. 154)


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 01.12.2014 zu: Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay (Wien) 2014. ISBN 978-3-552-05700-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17604.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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