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Monika Salzbrunn: Vielfalt / Diversität

Cover Monika Salzbrunn: Vielfalt / Diversität. Themen der Soziologie - Soziologische Themen. transcript (Bielefeld) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-8376-2407-6. D: 13,50 EUR, A: 12,90 EUR, CH: 17,50 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band lädt zur Diskussion ein, die aus soziologischer Sicht über gesellschaftliche Vielfalt, Diversität oder Diversité zu führen ist.

Autorin

Die Autorin ist Professorin für Religion, Migration, Diaspora an der Universität Lausanne. Sie will Begriffe und Konzepte von Vielfalt vorstellen, kritisch referieren und einordnen.

Aufbau

Die Schrift ist in sechs Kapitel gegliedert.

In den beiden ersten stellt Salzbrunn historische Arbeiten zum Begriff der Vielfalt, von Herodot über Simmel, Putnam, Bourdieu bis Kymlicka und Nancy Fraser (Geschlechtergerechtigkeit), vor.

Im dritten Kapitel referiert sie die methodischen Probleme bei empirischen Arbeiten dazu. Sie legt den Fokus auf eine Studie von W.B. Michael und damit auf die Einschätzung, dass Diversity von der Ungleichheit der Klassen ablenken und die Vorstellung von „Rasse“ aufrechterhalten soll.

Im langen vierten Kapitel diskutiert sie die Fragen der multikulturellen Gesellschaft und die Thesen von Vertovec zur „Super-Diversity“. Vielfalt besteht (vor allem) im urbanen Raum, ist typisch für Stadtgesellschaft. Schließlich werden normative Grundlagen von Diversity wie die UN-Konvention von 2005 vorgestellt. Der letzte Abschnitt des vierten Kapitels und das 5. Kapitel sind dem Diversity Management bzw. Mainstreaming gewidmet, also der Praxis in Unternehmen oder auch Bildungseinrichtungen.

Den Abschluss bilden 6 Seiten mit dem Vorschlag oder der Vision, die Vielfalt in Situationen und Räumen zu erforschen, ohne bereits vorweg Kategorien (Dimensionen von Diversity) festzulegen.

Inhalt

Mit dem vorliegenden Band arbeitet die Autorin systematisch den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Diversity auf, insbesondere erfasst sie die Diskussion in Frankreich und Quebec/Kanada. Das Literaturverzeichnis macht etwa ein Zehntel des Bandes aus und umfasst 200 Titel.

Am Anfang müsste eigentlich die Frage stehen, welche Dimensionen Diversity hat. Die Autorin geht hier vorsichtig zu Werke, da sie vor jeder Form von „Essenzialisierung“ warnt. „Rasse“ ist sowieso nur ein rassistisches Konstrukt, aber auch ethische Herkunft oder Migrationshintergrund, auch Behinderung sind in erster Linie gesellschaftliche Zuschreibungen, die sich mit der subjektiven Zugehörigkeit gar nicht immer decken, aber intern stark ausdifferenziert sein können, was dann eben „Superdiversity“ wäre: So leben in London Menschen mit über 150 verschiedenen Staatsangehörigkeiten. Ähnliches gilt für die Religionen.

Immer wieder kommt die Autorin auf das zurück, was sie das Paradox der Diskriminierung nennt: Sobald Menschen sich oder andere unterscheiden, schaffen oder bestätigen sie Differenz. Benachteiligung kann auch ohnedies bestehen, wird aber daraus, wenn Menschengruppen oder Individuen Rechte vorenthalten werden. Deutliche Aussagen hierzu finden sich z.B. in den UN-Konventionen wie dem sog. Sozialpakt von 1966 (den Salzbrunn erstaunlicherweise nicht erwähnt). Laut Artikel 2 dieser geltenden Norm müssen die Vertragsstaaten gewährleisten, dass die Menschenrechte für alle gelten, unabhängig von u.a. Geschlecht, Hautfarbe, aber auch sozialer Herkunft und Vermögen! Gerade letztere Dimensionen werden indes, wie Salzbrunn zu Recht feststellt, leicht hintangestellt, durch kulturelle Auseinandersetzungen verdeckt.

Ausführlich diskutiert Salzbrunn auch die bekannte Spannung zwischen dem Gleichheitsprinzip und der Benachteiligtenförderung (sog. Affirmative Action). Für bestimmte Dimensionen von Diversity, etwa sexuelle Orientierung oder Religion wären Quotenregelungen wiederum absurd. Sie verwahrt sich auch vor dem sog. Differenzfeminismus, der besondere Eigenschaften von Frauen „essenzialisiere“. Sie nimmt auch die bekannte Kopftuchdebatte auf, wobei sie dafür plädiert, nach kanadischem Vorbild die Rechte von Individuen oder Gruppen zu achten, aber eben auch eine „vernünftige Anpassung“ zu erreichen, d.h. einerseits öffentliche Räume zu „dekonfessionalisieren“, aber auch durchzusetzen, dass Einwanderer die Grundwerte dieser Gesellschaft annehmen.

Diskussion

So schmal der vorliegende Band ist, so inhaltsreich ist er auch. Leider bedeutet dies jedoch auch, dass dem aktuellen Bezug und den praktischen Beispielen relativ wenig Aufmerksamkeit und Anschauung zuteil wird. Manchmal ist da auch Jargon (z.B. „Semantik“ statt „Bedeutung“).

Das Diversity-Management von Personal und Kundschaft wird kurz damit abgetan, dass es leicht die Gender-Perspektive verstelle und der Profitmaximierung diene. Keine Erwähnung findet dabei, dass die sog. Interkulturelle Öffnung der sozialen Dienste eine wichtige Etappe auf dem Weg zu kultursensibler Praxis ist, auch wenn es manchen Akteuren in öffentlichen Einrichtungen immer noch schwerfällt, die kulturelle Vielfalt anzuerkennen, die unsere Gesellschaft sowieso prägt.

Diversity anzuerkennen und zu pflegen,ist schon deshalb wichtig, weil viele Menschen unter Diskriminierung leiden, Anspruch auf Anerkennung und Respekt haben. Damit gehen allerdings, der Autorin ist hier völlig zuzustimmen, soziale Gerechtigkeit und die Umverteilung von Ressourcen im materiellen Sinne noch nicht notwendig einher.

Fazit

Frau Salzbrunn hat eine tiefgehende, materialreiche, dichte, nicht ganz leicht lesbare Bestandsaufnahme vorgelegt. Wer gesellschaftspolitisch denkt oder handelt, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 28.10.2014 zu: Monika Salzbrunn: Vielfalt / Diversität. Themen der Soziologie - Soziologische Themen. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2407-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17616.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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