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Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus

Cover Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933 bis 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag (Berlin) 2014. 146 Seiten. ISBN 978-3-486-74189-6. D: 16,95 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 24,50 sFr.

Zeitgeschichte im Gespräch, Bd. 18.
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Verpasste Chance

Der von Michael Schwartz herausgegebene Band „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ verpasst die Chance, ein umfassendes Bild von ‚Schwulen‘ und ‚Lesben‘ im NS-Staat zu zeichnen. So wird die ‚Opferperspektive‘ zentral gesetzt und bleiben lesbische und schwule Jüd_innen sowie Sinti und Roma unthematisiert.

Begriffliche Genauigkeit angeregt

In der Einleitung des Sammelbandes macht Michael Schwartz deutlich, dass die heutigen Begriffe ‚Homosexualität‘, ‚lesbisch‘ und ‚schwul‘ nicht einfach rückübertragen werden könnten. Sie seien jetzt klar und fest identitär gefasst, in einem Maße, wie es historisch nicht der Fall gewesen sei. Er skizziert die heutige Ausdifferenzierung geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen und stellt eine damit verbundene Unübersichtlichkeit emanzipatorischen Streitens zu LGBTTIQ fest. (S. 11)

In dem sich anschließenden Beitrag betont auch Corinna Tomberger die Notwendigkeit, Begriffe und Konzepte in ihrem jeweiligen zeitgenössischen Kontext zu sehen. Sie verweist zu Recht auf die „Gefahr“, „heutige Konzepte von Homosexualität und daraus abgeleitete Vorannahmen auf die Geschichte zu übertragen“ (S. 19). Eine weitere Schwierigkeit sieht sie darin, dass die Geschichtsschreibung über Homosexuelle insbesondere von Homosexuellen geleistet werde, weil diese ihre „subkulturell[]“ (ebd.) geprägte Perspektive übertrügen. Diese Sicht ist ambivalent, weil es einerseits das Verdienst von lesbischen, schwulen, Trans*-, Inter*- und Queer-Aktivist_innen ist, im weitesten Sinne queere Geschichtsschreibung überhaupt angestoßen zu haben und anzustoßen. Andererseits wenden sich auch heterosexuelle Forschende, die mit ihrer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung stets in der ‚Norm‘ waren, voreingenommen den Themenfeldern zu LGBTTIQ zu. Tombergers Anregung trifft allerdings insofern das Richtige, als es gilt, aus identitärer Voreingenommenheit auszubrechen und aktuelle Vorannahmen in Forschungsprojekten zu hinterfragen. Gleichzeitig ist auch die Anregung der Autorin beachtenswert, in Forschungsprojekten „nicht allein die Ausgrenzung, Diskriminierung und Sanktionierung abweichender Sexualitäten zu untersuchen, sondern auch die damit einhergehende diskursive Naturalisierung von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit“ (S. 20).

Ausschließliche ‚Opfergeschichte‘

Die Beiträge des Bandes werden allerdings dieser Forderung nicht gerecht – das gilt auch für den von Tomberger selbst. Vielmehr zeichnen sie eine Opfergeschichte ‚der Homosexuellen‘ und haben nur diejenigen im Blick, die als Männer nach §175 verurteilt worden waren bzw. die als Frauen – für die es nur in Österreich (auch nach dem Anschluss an das Deutsche Reich) einen entsprechenden Strafparagraphen gab – wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen auffielen und bspw. als ‚kriminell‘ verfolgt wurden. Dass die meisten Lesben und Schwulen – wie die übrigen Frauen und Männer – im NS-Staat angepasst waren und zu den Nutznießer_innen des NS gehörten, wird im Band nicht bzw. nur ganz am Rand thematisiert (eine Ausnahme bildet der vielschichtige und reflektierte Beitrag von Ulrike Janz). Selbst in dem Beitrag „Schwule Nazis: Narrative und Desiderate“ (von Andreas Pretzel), in dem man auf Grund des Titels die Befassung auch mit homosexuellen Nutznießern und Tätern erwartet, wird an der (ausschließlichen) Opfergeschichte gestrickt, indem die „Legende vom homosexuellen Nazi“ (S.69) fokussiert wird.

Mindestens ebenso problematisch ist es, dass – der thematischen Verengung geschuldet – lesbische, schwule, transidente oder intergeschlechtliche Jüd_innen, Sinti und Roma gar nicht im Blick sind – sie sind aus dem lesbischen und schwulen Erinnern an die Opfer des Nazi-Faschismus ausgelöscht. „‚Homosexuelle Opfer‘, das sind [in dieser Logik nur noch (Anm. HV)] die, die als ‚arisch‘ klassifiziert worden waren und denen deswegen vermeintlich die volle Teilnahme an der Gesellschaft hätte zugestanden werden müssen“ – so klar analysierten es Koray Yılmaz-Günay und Salih Alexander Wolter in ihrem Beitrag „Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die ‚jüdische Karte‘“ (in: Duygu Gürsel, Zülfukar Çetin & Allmende e. V. (Hg.): „Wer MACHT Demo__kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen“. Münster: Assemblage. S.61-76.) im vergangenen Jahr. Vor dem Hintergrund dieser Kritik, die zum Zeitpunkt der Abfassung der Beiträge des Bandes intensiv diskutiert wurde, wäre ein anderes, ein umfassendes Bild möglich und bei dem weit gefassten Titel „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ auch nötig gewesen.

Fazit

„Homosexuelle im Nationalsozialismus“ wird der selbst gesteckten Frage „Wie lebten homosexuelle, bi-, trans- und intersexuelle Menschen in der NS-Zeit?“ (Klappentext) durch die thematische Fokussierung auf die Opfergeschichte mehrheitsdeutscher Homosexueller nicht gerecht. Deutlich ertragreicher als der vorliegende Band sind der bereits 2002 von Burkhard Jellonnek und Rüdiger Lautmann herausgegebene Band „Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle“ (Paderborn: Schöningh) sowie der Auftakt-Beitrag der Forschungen zu Homosexuellen im Nazi-Faschismus, der von Rüdiger Lautmann, Winfried Grikschat und Egbert Schmidt 1977 veröffentlichte Aufsatz „Der rosa Winkel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern“ (in: Rüdiger Lautmann (Hg.): „Seminar: Gesellschaft und Homosexualität“. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S.325-365). Auch die knappe thematische Weitung auf Transvestitismus und Intergeschlechtlichkeit, die im Band durch die Beiträge von Rainer Herrn bzw. Ulrike Klöppel stattfindet, gleicht die grundlegenden Mängel nicht aus.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 17.10.2014 zu: Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933 bis 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-486-74189-6. Zeitgeschichte im Gespräch, Bd. 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17652.php, Datum des Zugriffs 23.03.2017.


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