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Michael Kölch, Ute Ziegenhain u.a. (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern [...]

Cover Michael Kölch, Ute Ziegenhain, Jörg M. Fegert (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern - Herausforderungen für eine interdisziplinäre Kooperation in Betreuung und Versorgung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-2269-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Wie im Untertitel des Sammelbandes angegeben, werden „Herausforderungen für eine interdisziplinäre Kooperation in Betreuung und Versorgung“ vorgestellt, um ein gesundes Aufwachsen der Kinder von psychisch kranken Eltern zu gewährleisten. Der Band ist erschienen in der Reihe „Studien und Praxishilfen zum Kinderschutz“.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf gleichnamiger Fachtagung, die 2012 stattgefunden hat unter Förderung der „Ingrid und Frank-Stiftung“ und in Kooperation mit Kliniken für Kinder-und Jugendpsychiatrie in Berlin und Ulm. Die Schnittstellenproblematik zwischen Kinder- und Jugendhilfe und psychiatrischer Versorgung wird aus mehreren Perspektiven von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis beleuchtet.

Aufbau

Nach einem Grußwort der Stiftung und der Einleitung der Herausgeber gliedert sich das Buch in 3 Teile und endet mit einer abschließenden Erklärung. Die drei Hauptthemenfelder, die in jeweils 3-4 Kapiteln behandelt werden, sind theoretische Grundlagen und Forschungsstand, Versorgung in getrennten Systemen sowie Praxismodelle interdisziplinärer Versorgung.

Inhalt

Der erste Teil ist den Grundlagen gewidmet: Ute Ziegenhain und Christiane Deneke referieren in Kapitel 2 die entwicklungspsychologischen Kenntnisse zur Rolle der Beziehung für die Entwicklung von Regulationskompetenzen bei den Kindern, welche Erziehungskompetenzen die Eltern brauchen und wie Bindungsstörungen und in der Folge Risiken für eine Kindeswohlgefährdung entstehen. Das Kapitel fasst die Befunde unter krankheitsspezifischer Perspektive zusammen mit Unterpunkten bezogen auf Depression, Psychosen, Bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen und Sucht, jedoch lasse allein die Diagnose keine Schlüsse auf die „Erziehungs- und Beziehungsqualitäten“ (S. 34) der Eltern zu.

Albert Lenz bietet in Kapitel 3 einen Überblick über die Risikoforschung bezogen auf die Lage der Kinder psychisch kranker Eltern und referiert Belastungs- und Schutzfaktoren. Abschließend werden multimodale Interventions- und Förderprogramme vorgestellt, u.a. für Mütter mit postpartalen Störungen und ihre Kinder bis 2 Jahre, das Programm für Familien mit einem depressiven Elternteil mit Kindern zwischen 9 und 14 Jahren von Beardslee et al., das Programm der Ressourcenförderung, der CHIMPs Beratungsansatz und das Kanu- Manual für Kinder von 6-14 Jahren. Allerdings sind mehr Evaluationsstudien notwendig, da bisher nur zum Ansatz von Beardslee et al. ausreichende kurz- und langfristige Wirksamkeitsnachweise vorliegen.

Hanna Christiansen, Jana Anding und Luisa Donath referieren in Kapitel 4 Interventionen für die Kinder von psychisch kranken Eltern und gehen dabei auch auf Modelle der transgenerationalen Weitergabe von psychischen Störungen ein sowie auf Risiko- und Schutzfaktoren. Sie zitieren eine aktuelle Meta-Analyse von Siegenthaler et al. (2012) zu präventiven Interventionen für Kinder, die unter über 4000 identifizierten Studien nur 13 kontrollierte Untersuchungen fanden. Zumeist waren die Programme an einem Training der Erziehungsfähigkeiten der Eltern ausgerichtet und konnten eine Risikoreduktion für die Kinder erzielen. Dieses Ergebnis wird durch eigene Metaanalyen und Studien der Autorinnen des Kapitels gestützt. Interventionen, die sich an Fachkräfte und die Netzwerkebene wie Schule richten, werden kurz vorgestellt. Auf der fallbezogenen und fallübergreifenden Ebene werden abschließend exemplarisch Programme in Deutschland beschrieben.

Im zweiten Teil wird zunächst in Kapitel 5 von Jörg M. Fegert, Michael Kölch und Ute Ziegenhain ein Plädoyer für eine Überwindung der Versäulung in der Versorgung gezeichnet. Sie konstatieren eine „Stagnation hinsichtlich des Zusammenwirkens der Systeme“ (S. 108) und plädieren für „Komplexleistungen aus gemischten Budgets“ (S. 111). In ihrer Argumentation gehen sie auf die UN-Konventionen ein und stellen ein Konzept der „Hilfen aus einer Hand“ (S. 117) vor, in dessen Zentrum Patenschaftsmodelle für die Kinder stehen.

Michael Kölch und Marc Schmid stellen in Kapitel 6 die Perspektive der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Kinder- und Jugendhilfe vor. Obwohl eine Vielzahl von Hilfen für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder bereitsteht, werden diese Hilfen kaum abgerufen. Die Autoren diskutieren Hindernisse anhand der Ergebnisse einer Metaanalyse und beziehen die Erwartungen der Jugendhilfe und die Ängste der betroffenen Eltern und ihre häufig negativen Erfahrungen im Kontakt zum Jugendamt ein. Weitere Hinderungsgründe für eine stärkere Vernetzung der beiden Systeme sowie Lösungsmöglichkeiten wie Frühe Hilfen und Hometreatment-Angebote werden benannt.

Michael Franz und Beate Kettemann stellen in Kapitel 7 die Perspektive der Erwachsenenpsychiatrie vor, referieren aktuelle Zahlen zur Elternschaft von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und zeigen auf, dass „der fehlende Blick über die Grenzen der institutionszentrierten Sichtweise“ (S. 146) ein Grund für die mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit ist. Die hohen Belastungen der Kinder würden zwar wahrgenommen, gleichzeitig bestehe jedoch auch eine hohe Erwartung an ihre Rolle als potenzielle Unterstützer im Behandlungsprozess und damit eine potenzielle systematische Überforderung der Kinder. Hier wird ein „dringender Weiterbildungsbedarf“ (S. 149) festgestellt und auf die Möglichkeiten des neuen Bundeskinderschutzgesetzes verwiesen, durch das z.B. eine Fachberatung durch das Jugendamt einbezogen werden kann.

Im dritten Teil werden Praxismodelle interdisziplinärer Angebote vorgestellt. Dazu zählen in Kapitel 8 die von Isabel Böge, Nicole Corpus und Renate Schepker beschriebenen ermutigenden Ergebnisse einer zum Veröffentlichungszeitpunkt laufenden Studie des Hometreatment-Angebotes BeZuHG (Behandelt Zu Hause Gesund werden), das in Kapitel 9 durch Michael Kölch und Ingrid Munk vorgestellte Neuköllner Modell mit einer Kopplung von psychiatrischer und kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung, das über ein Modellvorhaben perspektivisch in die Regelversorgung eingehen sollte, das in Kapitel 10 durch Katja Beeck vorgestellte Patenschaftsmodell AMSOC e.V. (Ambulante Sozialpädagogok Charlottenburg e.V.) sowie das in Kapitel 11 durch Wiebke Dembski-Minßen vorgestellte Modell Triangel, das im „Haus Buckow“ in Berlin Neukölln umgesetzt wird und nach dem SIT (Systemische Interaktionstherapie und -beratung) arbeitet.

Schließlich werden unter der Überschrift „Zukünftige Herausforderungen“ in Kapitel 12 die zentralen Erkenntnisse und Folgerungen in der „Neuköllner Erklärung“ zusammengefasst. Deren zentrale Forderung sind „interdisziplinär gestaltete Hilfen aus einer Hand und mischfinanzierte Versorgungsangebote“ (S. 212), die zunächst aus dem Erkenntnisstand abgeleitet und dann in entsprechenden konkreten Forderungen vorgestellt werden.

Diskussion

Das Buch ist Ergebnis einer Tagung und fasst daher den derzeitigen Erkenntnisstand sowohl aus theoretischer als auch praktischer Sicht zusammen. Es kommt in der Fülle, Aktualität und Dichte der Informationen einem Handbuch gleich. Besonders nutzerfreundlich sind die Angaben der Internetquellen zu den vorgestellten Programmen. Die abschließende Zusammenfassung in Form der „Neuköllner Erklärung“ kann als Grundlage für politische Entscheidungsträger genutzt werden, eine weite Verbreitung ist ihr zu wünschen. Ob dafür die Form des veröffentlichten Tagungsbandes ausreichend ist, ist zu bezweifeln. Eine Möglichkeit, auf diese Erklärung zusätzlich – z.B. auf der Seite des Verlages – online zuzugreifen, wäre wünschenswert. (Anmerkung: Die Erklärung ist über die Seite des DGKJP e.V unter den Publikationen 2014 als Stellungnahme online abrufbar).

Der Band belegt aus vielfältigen Sichtweisen, „dass ein negativer wechselseitiger Bezug zwischen Elternschaft, Stressempfinden und auffälligem Verhalten der Kinder besteht, welcher letztlich zu einer generellen Verschlechterung sowohl der elterlichen, wie auch der kindlichen Auffälligkeit führt“ (S. 131). Es wird jedoch auch betont, dass die Diagnose allein keine Schlüsse auf die „Erziehungs- und Beziehungsqualitäten“ (S. 34) der Eltern zulasse, eine „Logik des Verdachts“ würde daher den individuellen Krankheits- und Genesungsgeschichten nicht gerecht. Hier wäre ein Verweis auf Recovery sinnvoll, um Entwicklungspotenziale deutlich zu machen. Dieser Diskurs kommt stellenweise im Buch zu kurz, v.a. da die Autoren z.T. ähnliche Statistiken nutzen, um die Lage der Kinder psychisch kranker Eltern zu verdeutlichen. Angesichts der Ausweitung psychiatrischer Diagnosen im vielfach kritisierten DSM-5 ist jedoch auch vor einer vorschnellen Wahrnehmung von Kindern als Hochrisikopopulation allein aus der Tatsache der Behandlung eines Elternteils zu warnen. Folgt man den im Band vorgelegten empirischen Daten, dann sind es die Hilfen für die Eltern z.B. in Erziehungsfragen, die auch einen positiven Effekt auf die Kinder zeigen. In diesem Sinne sollten Kinder nicht vorschnell pathologisiert werden, wenn sie in schwierigen Lebenssituationen aufwachsen und soziale Probleme sollten nicht als Probleme des Einzelnen oder einzelner Familien behandelt werden.

Das von Hanna Christiansen, Jana Anding und Luisa Donath zitierte Gesetz „aus dem Jahr 2010 in Norwegen, wonach in Einrichtungen der Erwachsenenversorgung die Kinder angemessen mitversorgt werden müssen“ (S. 94), zeigt, dass die geforderte Kooperation nicht im Bereich der freiwilligen oder regionalen Initiativen bleiben muss und daher eine Vernetzung der Hilfesysteme keine Utopie ist. Schließlich wird in den Beiträgen auch deutlich, „dass Rollen- und Finanzierungsaspekte … die größten Hindernisse für eine engere Kooperation zwischen den Systemen sind“ (S. 131). Hier müssen notwendigerweise rechtliche Bedingungen geschaffen werden, um Kooperation zwischen Angeboten des SGB V und SGB VIII systematisch zu ermöglichen.

Weiterführende Arbeit auch konzeptioneller Art ist u.a. im Bereich der aufsuchenden sowie der migrationssensiblen Angebote notwendig. Weiterhin wäre denkbar, die Sichtweise und Bedarfe der beteiligten Familien noch stärker subjektorientiert und partizipativ zu erforschen und in die Bedarfsanalysen einzubeziehen.

Fazit

Das Buch stellt aktuell den Erkenntnisstand zu Belastungen und Bedarfen der Kinder psychisch kranker Eltern aus der Perspektive der Erwachsenenpsychiatrie und der Kinder- und Jugendhilfe vor. Es ist eine hervorragende Quelle für Praxis, Forschung, Lehre und Politik, um überfällige Veränderungen in den Kooperationsstrukturen zu erreichen.


Rezensentin
Prof. Dr. Jeannette Bischkopf
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Jeannette Bischkopf. Rezension vom 05.05.2015 zu: Michael Kölch, Ute Ziegenhain, Jörg M. Fegert (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern - Herausforderungen für eine interdisziplinäre Kooperation in Betreuung und Versorgung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2269-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17655.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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