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Heinrich Merkt, Friedrich Schweitzer u.a. (Hrsg.): Interreligiöse Kompetenz in der Pflege

Cover Heinrich Merkt, Friedrich Schweitzer, Albert Biesinger (Hrsg.): Interreligiöse Kompetenz in der Pflege. Pädagogische Ansätze, theoretische Perspektiven und empirische Befunde. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-8309-3162-1. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 44,90 sFr.

Glaube, Wertebildung, Interreligiosität, Bd. 7.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Religionskompetenz steht derzeit hoch im Kurs. Der Bedarf an Verständnis für Religionen reicht von den großen Konflikten dieser Welt – das U.S. State Department hält sich seit zwei Jahren eine eigene Abteilung mit Religionsanalysten – bis hin zu Erfahrungen mit fremder Religiosität im gesellschaftlichen Alltag. Mit der Frage nach der interreligiösen Kompetenz in der Pflege greift der vorliegende Band daher ein Thema von großer und voraussichtlich noch wachsender Bedeutung auf. Sowohl die Pluralität religiöser Prägungen als auch die Auflösung konfessioneller Bindungen erzeugen – so die allgemeine Wahrnehmung – einen zunehmenden Bedarf an Sensibilität für Religion in der Pflege.

Auf Initiative der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart widmen sich die Herausgeber und Autoren dieses Bandes vor allem Fragen an den Erwerb und an die Didaktik interreligiöser Kompetenz in der Pflegeausbildung. Grundlage dafür bildete ein interdisziplinäres Projekt zur Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für die interreligiöse Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung und der Erforschung ihrer Anwendung an Alten-, Gesundheits- und Krankenpflegeschulen, das von den beiden konfessionellen Tübinger Instituten für berufsorientierte Religionspädagogik wissenschaftlich begleitet wurde. Der Band steht damit im Zusammenhang mit einer Reihe von Publikationen zur berufsorientierten Religionspädagogik, die von Albert Biesinger und Friedrich Schweitzer sowie vom Bonner Theologen Michael Meyer-Blanck herausgegeben wird.

Aufbau und Inhalt

In 13 Aufsätzen und Studien stellen die Autoren ihre Erkenntnisse

  1. zu den religionspädagogischen Herausforderungen (Teil 1),
  2. zu den interreligiösen und interdisziplinären Aspekten (Teil 2) und
  3. zur empirischen Erforschung (Teil 3) der interreligiösen Pflegekompetenz

vor. Dabei nehmen sie neben christlichen und jüdischen Aspekten vor allem Kompetenzerfordernisse rund um die Pflege muslimischer Patienten in den Blick. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden Reflexionen über neun kompetenzorientierte, zwei- bzw. dreistündige Unterrichtsmodule für die Pflegeausbildung, die im Rahmen des Forschungsprojekts entwickelt wurden. Der vorliegende Band lässt sich daher als wissenschaftlicher Begleitband des Unterrichtsmaterials betrachten, das unter dem Titel „Ethische und religiöse Kompetenzen in der Pflege. Unterrichtsmaterialien für die Pflegeausbildung“ von den Herausgebern bei V&R zeitgleich publiziert worden ist.

Nach seinem einführenden Aufsatz über das dem Band zugrundeliegende Forschungsprojekt (S. 13-24) entwickelt Heinrich Merkt ein pflegespezifisches Modell interreligiöser Kompetenz, das mit „Haltung, Wissen, Wahrnehmen und Deuten, Perspektivwechsel, Kommunikation und Handeln“ sechs Komponenten enthält (S. 25-46) und mit dessen Hilfe die Anforderungen an ein kompetentes pflegerisches Handeln angesichts interreligiöser Herausforderungen dargestellt sowie die Wirksamkeit interreligiöser Unterrichtsmodule in der Pflegeausbildung evaluiert werden können.

Im nächsten Beitrag weist Matthias Gronover (S. 47-62) vor dem Hintergrund von Überlegungen zum Zusammenhang und zur Unterscheidung von Berufs- und Religionspädagogik darauf hin, dass es für die religiöse Kompetenz spezifisch ist, nicht vollständig in berufliche Handlungskompetenz übersetzbar zu sein. Die eng mit der Persönlichkeit verwobene religiöse Kompetenz enthalte vielmehr Differenzerfahrungen, die sich nicht bruchlos für ein bestimmtes berufliches Handeln funktionalisieren lassen, sondern die Lebens- und Berufspraxis insgesamt prägen und in der berufspädagogischen Arbeit an religiösen Kompetenzen sowie in interreligiösen Erfahrungen in der Pflegepraxis berücksichtigt werden müssen.

Der damit verbundenen Frage nach der didaktischen Umsetzbarkeit interreligiöser Pflegekompetenz geht Hanne Schnabel-Henke in ihrem Beitrag (S. 63-72) nach. Sie bezieht sich dafür auf folgende im Forschungsprojekt ausgearbeitete und im Materialband ausgeführte neun Modulthemen, in denen die im Beitrag von Merkt ausgeführten Kompetenzkomponenten zum Austrag kommen: „1) ‚Gute Pflege‘ in interreligiösen Zusammenhängen, 2) Menschen in der letzten Lebensphase interreligiös sensibel begleiten, 3) Die Würde des Alters religiös sensibel entdecken und gestalten, 4) Der Umgang mit dem Körper – Aspekte einer interreligiös sensiblen Pflege, 5) Leid- und Sinnfragen im interreligiösen Horizont wahrnehmen und deuten, 6) Menschen mit Demenzerkrankungen religiös (sic!) sensibel begleiten, 7) Menschenwürde, Fürsorge, Autonomie – interreligiöse Aspekte ethischer Fragestellungen identifizieren und einbringen, 8) Coping – Religionen als Ressource kennen und verstehen, 9) Ethische Fragen zum Beginn des Lebens wahrnehmen und reflektieren“ (S. 64, im Original kursiv). Wie Schnabel-Henke ausführt, werden diese Themen in den jeweiligen Unterrichtsmodulen mit konkreten Anforderungssituationen aus dem Pflegealltag korreliert und in kompetenzorientierten Lernprozessen bearbeitet, deren methodische Umsetzung hinsichtlich des Einsatzes von Sozialformen und Medien Evelyn Krimmer in ihrem Beitrag kommentiert (S. 73-88).

Der Frage, wie interreligiöse Themen in der Pflegeausbildung von Auszubildenden ohne religiöse Prägung oder von religiös bzw. weltanschaulich sehr heterogenen Ausbildungskursen vorkommen können, wenden sich Murat Kaplan und Margrit Schlipf in ihrem Beitrag am Beispiel des Moduls 1 „Gute Pflege“ zu (S. 89-98). Der erste Teil des Bandes schließt dann mit sieben Thesen Albert Biesingers, die das Projekt einer interreligiösen Bildung in die Szenarien des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Religionen im Allgemeinen und der beruflichen Bildung im Besonderen einordnen (S. 99-103).

Den 2. Teil des Bandes, der sich mit der interreligiösen Pflegekompetenz in interdisziplinärer und interreligiöser Sicht beschäftigt, eröffnet ein Beitrag von Annette Riedel und Sonja Lehmeyer über pflegeberufliche und pflegeethische Konkretionen und Implikationen (S. 107-127). Darin heben sie insbesondere die Bedeutung der „ethischen Reflexionskompetenz“ in „interreligiösen Überschneidungssituationen“ hervor (vor allem: S. 118ff.) und zeigen auf, dass interreligiöse Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung sowohl am Lernort Schule als auch am Lernort Praxis erfolgen sollte.

Mit Ilhan Ilkilics Beitrag „Interkulturelle Kompetenz in der Pflege muslimischer Patienten“ wendet sich der Band dann in drei exemplarischen Beiträgen den abrahamitischen Religionen zu. Anders als die anderen Autoren verwendet Ilkilic nicht den Begriff der Interreligiosität, sondern greift den Begriff der „interkulturellen“ Kompetenz auf und beschränkt ihn auf die handlungsorientierende Bedeutung eines Kulturwissens, das – wie der Autor betont – nicht die ethische Urteilsbildung ersetzen kann. Der Hauptteil seines Beitrags erläutert anhand von Fallbeispielen Grundzüge des muslimischen Gesundheits- und Krankheitsverständnisses, aber auch dessen unterschiedliche Auslegungen und Variabilität in der Praxis.

Mit Barbara Traubs Beitrag wendet sich der Band der Frage zu, was interreligiöse Pflegekompetenz aus jüdischer Sicht bedeutet (S. 143-154). Traub bezieht sich dabei vor allem auf diejenigen religiösen Vorschriften im Judentum, die besondere Maßnahmen in der Pflege erforderlich machen und geht insbesondere auf die Erfordernisse der Gruppe der jüdischen Emigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein.

Der zweite Teil des Bandes schließt mit einem Beitrag von Karin Grau und Erwin Wespel über die christliche Sicht auf interreligiöse Pflegekompetenz (S. 155-173). Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf die Darstellung von pflegeethischen Werten, die sie auf den Begriff der Menschenwürde zurückführen sowie auf die Konturierung eines modellhaften interreligiösen Dialogs als „wahrhaftiger Auseinandersetzung“ im Anschluss an Peter L. Berger (S. 164f.).

Der dritte Teil des Bandes befasst sich mit der Erforschung der Anwendung und Wirksamkeit der im Rahmen des Forschungsprojekts entwickelten Unterrichtsmodule. Dafür zeichnet Friedrich Schweitzer in seinem Beitrag zunächst die in diesem Band dokumentierten Forschungsbemühungen in den Kontext der religionspädagogischen Unterrichtsforschung insgesamt ein (S. 177-190). Dabei weist er ein Desiderat von religionspädagogischen Wirksamkeitsstudien nach, das nicht nur die Frage nach der Ergebnisqualität, sondern vor allem auch die Frage nach der Inhalts- und Prozessqualität des Unterrichts betrifft. Schweitzer sieht den Schwerpunkt des Forschungsprojekts in der Erforschung der Ergebnisqualität des Unterrichts, zeigt aber auch, dass Faktoren wie die Variabilität des Religionsunterrichts oder die mangelnde Messbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung solchen Forschungsvorhaben prinzipielle Grenzen auferlegen. Solche Schwierigkeiten der empirischen Unterrichtsforschung signalisieren nach Schweitzer weiteren Forschungsbedarf. Eine konsequente Evidenzbasierung der Religionsdidaktik hält Schweitzer allerdings wegen der komplexen Praxisbedingungen des Religionsunterrichts nicht für erreichbar, wohl aber „ein zumindest höheres Maß an Evidenzbasierung“ (S. 188).

Im letzten Beitrag des Bandes präsentieren Heinrich Merkt und Martin Losert die Entwicklung eines Tests interreligiöser Pflegekompetenz (TIP) mit Fallgeschichten und Testaufgaben, die praktische Anwendung des Tests in der Praxis sowie die Ergebnisse dieser Anwendung anhand der Komponenten „Haltung, Lösungsorientierung, Empathie, Engagement, Perspektivwechsel, performative Kommunikation und explorative Kommunikation“. Von den neun entwickelten interreligiösen Unterrichtsmodulen gelang Merkt und Losert zufolge bei acht Modulen ein signifikanter Wirksamkeitsnachweis. Module mit umfangreicher Wirksamkeit seien durch eine konsequente Handlungs- und Kompetenzorientierung sowie durch praxisnahe Anforderungssituationen und eine große Methodenvielfalt gekennzeichnet (S.243), wobei die Komponente des Perspektivwechsels eine Schlüsselfunktion beim Erwerb und bei der Entwicklung anderer Kompetenzkomponenten zukam. Insgesamt ließen sich nachweisbare Lerneffekte vor allem durch eine handlungsorientierte und stark pflegepraxisbezogene Didaktik erklären.

Der Band schließt mit einem Anhang, der den Fragebogen, die Hauptkomponentenanalyse und Regressionsmodelle zur Vorhersage der Nachtestleistung dokumentiert.

Diskussion

Der vorliegende Band ist eine lohnende Lektüre für alle, die in der Pflegeausbildung tätig sind, aber auch für alle, die sich mit Religionspädagogik an berufsbildenden und allgemeinbildenden Schulen befassen oder in der Bildungsforschung tätig sind. Da weite Teile des vorliegenden Bandes ein Projekt zur religionspädagogischen Unterrichtsforschung in der Pflegeausbildung in seiner Entstehung und seinen Ergebnissen beschreiben und ausgezeichnet dokumentieren, lässt er sich auch ohne den vor allem für Lehrende interessanten Begleitband mit dem Unterrichtsmaterial für die Pflegeausbildung mit Gewinn rezipieren. Die Akribie und der hohe Kooperationsgrad, mit dem das Forschungsdesign des Projekts entworfen, weiterentwickelt, durchgeführt und dokumentiert wurde, entspricht nicht nur dem Stand der empirischen Forschung, sondern setzt für den Bereich religionspädagogischer Unterrichtsforschung auch neue Standards. Durch die induktive Entwicklung eines Kompetenzmodells, durch die praktische Erprobung der Wirksamkeit von acht Unterrichtsmodulen sowie durch den Nachweis eines interreligiösen Kompetenzerwerbs in der Pflegeausbildung leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur empirischen Unterrichtsforschung in einem gegenwärtig akuten Feld: der Pflegeausbildung. Hier dürfte er – im Verein mit dem Materialband – zur Weiterentwicklung des didaktischen und inhaltlichen Spektrums beitragen.

Eine Diskussion mit den an diesem Band beteiligten Autoren ließe sich an vielen Stellen aufnehmen. Einige Beiträge sind eher lose auf das Forschungsprojekt bezogen und gehen kaum auf dessen Ergebnisse ein. Umgekehrt finden sich in manchen Beiträgen wichtige Einsichten, die sich im Forschungsdesign nicht widerspiegeln. Dies schmälert nicht den Gewinn, der aus der Lektüre erfolgt, allerdings hätte eine kritische Rückkopplung mit der theoretischen und methodischen Perspektivenvielfalt aller im Band vertretenen Autoren zu mehr editorischer Stringenz führen können. So hätte auch ein Desiderat der empirischen Studie bearbeitet werden können, die aus naheliegenden demografischen Gründen das Moment der Interreligiosität weitgehend auf Situationen der Auseinandersetzung Pflegender mit muslimisch geprägten Patienten und auf „klassische“, auch andernorts breit diskutierte Fallkonstellationen beschränkt. Sowohl die Variabilität religiöser Prägungen innerhalb dieser Zielgruppe als auch die Vielfältigkeit von Formen der Säkularisierung und von Traditionsabbrüchen – gerade auch mit Blick auf die Situation der Auszubildenden in der Pflege in anderen Bundesländern und Regionen – hätten noch mehr Aufmerksamkeit finden können.

Vor allem im Beitrag von Ilhan Ilkilic finden sich zur kulturellen Pluralität unter muslimischen Patienten interessante Ausführungen. Dieser richtet das Augenmerk auf die kulturell hochvariablen, individuellen Erscheinungsformen der islamischen Religion und rückt damit den Lernprozess in den Blick, der in der Begegnung und Verständigung mit dem kulturell Fremden stattfindet. Dies eröffnet eine den Komponentenkatalog der interreligiösen Kompetenz erweiternde und für deren Didaktik fruchtbare Perspektive: Welches Lernen findet in der Verständigung mit dem Fremden statt, welche Kompetenzen sind für dieses Lernen erforderlich und welche Kompetenzen werden durch diesen Lernvorgang entwickelt? Man könnte auch fragen, was es für die im Projekt identifizierten interreligiösen Kompetenzen bedeutet, dass das interreligiöse Lernen in der Kommunikation mit dem Anderen stets weitergeht, dass es sich verändert und vielleicht auch an Grenzen stößt. Diese Frage lässt sich von der Ethik generell an didaktische Ansätze herantragen, bei denen es um Kompetenzen für den Umgang mit divergenten Vorstellungen des „guten Lebens“, um die Erfahrung des Guten und um dessen Mitteilung geht.

Hier bestehen aus meiner Sicht vielversprechende Möglichkeiten zur weiteren Diskussion mit dem vorliegenden Band. Diese könnte entlang der Frage verlaufen, welcher Kompetenzen es bedarf, um nicht nur eine möglichst reibungslose pflegerische Praxis im Zeichen von Interreligiosität zu organisieren, sondern auch um sich selbst und den Anderen als Person mit dem, was dieser Person an religiösen und kulturellen Lebensformen und Lebensinhalten wichtig ist, Raum zu geben und zur Geltung kommen zu lassen. Dies könnte interreligiöse Kompetenzen davor bewahren, das Fremde, das mit der anderen Person in ihrer Kultur und vielleicht sogar in ihrer Religiosität begegnet, zum Verschwinden zu bringen, indem beispielsweise ein scheinbar transkultureller oder transreligiöser Standpunkt mit all seinen Indifferenzen eingenommen würde. Überdies besteht die Gefahr, dass interreligiöse Kompetenzen zu puren Sozialtechniken verkümmern, mit deren Hilfe Pflegekräfte ihren Auftrag auch unter interreligiösen Bedingungen ausüben könnten, ohne – gleichsam im Windschatten eines pragmatischen modus operandi – den Anderen mit dem Raum zu geben, was für ihn oder sie das gute Leben ist. Es geht in der interreligiösen Begegnung nicht nur darum, den jeweils anderen Menschen in seiner Würde oder als Person zu achten, sondern ihn auch mit dem zur Geltung kommen zu lassen, was dieser Mensch als gut erfährt und liebt. Sollen aber Patienten und Pflegekräfte nicht nur in ihren sozialen Rollen, sondern auch in ihrer Personalität in der Begegnung zur Geltung kommen, werden die interreligiösen Kompetenzen auf eine bleibende, inkommensurable, verstörende, konfliktträchtige, vielleicht aber auch faszinierende und das Eigene transformierende Fremdheit und auf überraschend Verbindendes antworten müssen. Verschiedene Religionen begründen demnach nicht nur verschiedene Wertvorstellungen, die dann in ihrem Aufeinandertreffen irgendwie präsent werden und gegeneinander abgewogen werden müssen. Mit der Religiosität der jeweils anderen Person ist vielmehr auch etwas im Raum der Begegnung, das sowohl eine Quelle von Konflikten als auch eine Quelle von Versöhnung oder von Erweiterung und Erneuerung des Eigenen sein kann: eine Mitteilung von gutem Leben, die sich gegebenenfalls quer zu den Anforderungen einer Verständigung im beruflichen Kontext verhält. Hier wäre dann auch der Ort, um über die Reflexionen des vorliegenden Bandes hinaus nach einer für die interreligiösen Verständigung tragfähigen Unterscheidung von kulturellen und religiösen Aspekten und ihren unterschiedlichen Kompetenzerfordernissen zu fragen.

Fazit

Es gehört zu den Stärken des vorliegenden, sehr lesenswerten Bandes, dass sich seine Autorinnen und Autoren auf der Suche nach interreligiösen Kompetenzen in der Pflege und ihrer Didaktik weitgehend der Frage stellen, was es mit jenem „Inter“ (zwischen) wirklich auf sich hat. Sie lassen sich religionsdidaktisch auf das aufregende Zwischenreich der Begegnung mit dem Anderen ein und weichen mehrheitlich nicht auf einen vermeintlich religionsübergreifenden Standpunkt aus. Im Anschluss an die Ergebnisse dieses Bandes ließe sich die Frage weiterverfolgen, welche Kompetenzen nötig sind, um über die für die Pflege unbedingt notwendige Übereinstimmung hinaus die jeweils andere Person in dem, was sie als „gut“ erfahren hat, zur Geltung kommen zu lassen. So wird weiter zu erkunden sein, welcher spezifischen Kompetenzen es in interreligiösen Begegnungen in der Pflege bedarf, um zwei aus ethischer Perspektive zusammengehörige Aspekte einer interreligiösen Begegnung im beruflichen Kontext zusammenzuhalten: Zum einen jene Kompetenzen, die es braucht, um in der interreligiösen Begegnung gute Pflege zu organisieren. Zum anderen jene Kompetenzen, durch die Pflegende in der Kommunikation mit ihren Patienten dem Guten, das mit der Religion verbunden ist, Raum geben – so dass die andere Person mit dem, was ihr wirklich wichtig ist, nicht außen vor bleiben muss.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Heuser
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Zitiervorschlag
Stefan Heuser. Rezension vom 31.08.2015 zu: Heinrich Merkt, Friedrich Schweitzer, Albert Biesinger (Hrsg.): Interreligiöse Kompetenz in der Pflege. Pädagogische Ansätze, theoretische Perspektiven und empirische Befunde. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2014. ISBN 978-3-8309-3162-1. Glaube, Wertebildung, Interreligiosität, Bd. 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17662.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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