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Cornelia Schrader: Mit den Augen die Seele bewegen

Cover Cornelia Schrader: Mit den Augen die Seele bewegen. Wege aus dem Trauma für Menschen mit geistiger Behinderung durch EMDR und BHS. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2012. 148 Seiten. ISBN 978-3-88617-318-1. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 18,00 sFr.
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Thema

In dem hier vorgelegten Buch wird über die psychotherapeutische Arbeit von Menschen mit kognitiven Einschränkungen berichtet. Zum Einsatz kommt EMDR. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Ziel dieses integrativen Therapiemodells ist die Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen. Die Autorin hat dieses Verfahren zur BHS (bilaterale Hemisphärenstimulation) weiterentwickelt. Sie stellt konkrete Erfahrungen anhand von Fallbeispielen vor.

Autorin

Cornelia Schrader (Jg 1953) ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Söhnen. Sie hat Lehramt studiert. Nach der Erziehungszeit arbeitet sie in eigener Praxis in Hamburg. Sie absolvierte zahlreiche Zusatzausbildungen wie Psychotherapie (HPG), Gestalttherapie, EMDR, NLP, Biographiearbeit, NADA-Akupunktur, Sexualberatung, Coaching, Mediation, Craniosacraltherapie. Sie ist als Lehrbeauftragte tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 152 Seiten und gliedert sich in sechs nicht nummerierte Kapitel:

  • Psychotherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung
  • Was ist EMDR?
  • Bettina und die Neurowissenschaft.
  • Psychotherapeutische Methodendiskussion
  • Ingrid und die Gestalttherapie
  • Therapeutische Beziehung und Krisenintervention

Schrader beschreibt in den Beispielen einzelne Sitzungen und schildert wie sie vorgegangen ist.

Im ersten Kapitel geht es um die Psychotherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung in Bezug auf die Geschichte, die Prävalenz psychischer Störungen bei diesem Personenkreis und um eine Zielbestimmungen von Psychotherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung.

Der nächste Teil Was ist EMDR? beginnt mit der Einführung in EMDR. Neben dem Zusammenhang von EMDR und Sprache wird erläutert, was es mit den Augenbewegungen und andere Stimulationen auf sich hat. Am Ende dieses Teils wird das EMDR-Standard-Protokoll vorgestellt.

Nun folgt der Teil mit dem ersten Fallbeispiel namens Bettina. Der Titel dieses Teils lautet: Bettina und die Neurowissenschaft. In diesem Teil berichtet die Autorin von der beeindruckenden Erfahrung mit Bettina (Jahrgang 1936). Schrader beginnt die Arbeit nach EMDR mit Bettina, die im Erwachsenenalter einen sexuellen Missbrauch erlebt hat.

Schrader wandelt EMDR um und nennt dieses Vorgehen nun BHS. BHS steht für bilaterale Hemisphärenstimulation. BHS folgt wie EMDR einem strukturierten Ablauf, dem sog. Protokoll. Beide Methoden EMDR und BHS arbeiten mit der kognitiven Umstrukturierung.

Die Autorin beschreibt neben den Wirkweisen auch Kontraindikationen. Die Beschreibung der Wirkungsweisen ist in mehrere Teile untergliedert. Im Teil 1 arbeitet sie mit AIP, welches von Francine Shapiro entwickelt wurde. Das AIP Modell postuliert, dass pathogene Erinnerungen die Grundlagen vieler psychischer und psychosomatischer Störungen sind. Zum Erkennen von Stress benutzt sie den sog. Omuratest. Es geht im Folgenden auch um die Dekonditionierung von Angst durch BHS, der bilaterale Hemisphärenstimulation.

Das Kapitel Psychotherapeutische Methodendiskussion befasst sich mit der Bedeutung integrativer und ganzheitlicher Verfahren wie BHS und Psychoanalyse, BHS und Verhaltenstherapie, BHS und körper- und erlebenszentrierte Verfahren, BHS und der klientenzentrierte Ansatz von Carl Rogers, BHS und die Prä-Therapie von Prouty und BHS und die Ansätze von Benson und Bouras. Dieser Teil endet mit einer Zusammenfassung und der Frage, ob BHS für die Psychotherapie für Menschen mit geistiger Behinderung geeignet ist.

In folgenden Teil mit dem Titel Ingrid und die Gestalttherapie geht es um die gestalttherapeutische Arbeit mit Ingrid. Auch hier werden einzelne Sitzungen erläutert, wie es schon bei der Darstellung der Arbeit mit Bettina der Fall war. Hier werden das methodische Vorgehen der BHS und die Prinzipien der Gestalttherapie und der Sitzungen mit Ingrid unter gestalttherapeutischer Sichtweise vorgestellt und reflektiert. Die Autorin vertieft ihre Betrachtung in Bezug auf BHS, Gestaltwelle und Kontakt, BHS und Kontaktunterbrechung und der Vorstellung des sog Fünf-Schichten-Modells der Neurose.

Der letzte Teil des Buches Therapeutische Beziehung und Krisenintervention beschreibt die Arbeit mit Andreas und Frau P. In diesem Teil geht es schwerpunktmäßig um BHS und therapeutische Beziehung und BHS und Krisenintervention bei Menschen mit geistiger Behinderung. Das Buch endet mit Gedanken zur Qualitätskontrolle und einem Literaturverzeichnis inklusive Anhang

Diskussion

Das hier vorgelegte Buch handelt von Berichten aus der psychotherapeutischen Arbeit von vier Klienten mit kognitiven Einschränkungen. Zum Einsatz kommt EMDR. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Ziel dieses integrativen Therapiemodells, dass es seit 25 Jahren gibt ist die Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen. Es hat sich gezeigt, dass mit EMDR in relativ kurzer Zeit nachhaltige Ergebnisse in der Arbeit mit Patienten zu erzielt. Die Autorin hat dieses Verfahren nach eigener Aussage zur BHS weiterentwickelt. BHS steht für bilaterale Hemisphärenstimulation. Ein bekannterer Begriff für dieses Vorgehen ist die sog. bifokale Stimulation. Wie beim EMDR werden die rechte und die linke Gehirnhälfte stimuliert, durch Augenbewegungen, taktile oder akustische Stimulationen Verarbeitungsprozesse angestoßen. Diese Form der bifokalen Stimulation begegnet uns im Alltag unmerklich ständig z. B. bei einem Spaziergang, bei dem man einen Fuß vor den anderen setzt, fühlen sich belastende Themen weitaus weniger belastend an. Die Entstehung eines Traumas ist ein sehr komplexer Vorgang, bei dem die Erinnerung häufig „eingefroren“ wird. Dadurch kommt sie nicht in Kontakt mit den damit verbundenen überlastenden und überfordernden Gefühlen. Folgen können posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit Symptomen wie Alpträumen, Depressionen oder eine eingeschränkte Belastbarkeit sein. Im Inhaltsverzeichnis werden viele Themen, die aber im Fließtext eher mager ausfallen, was sich negativ auf die Verständlichkeit der Erläuterungen auswirkt. Ausführlich stellt Frau Schrader ihre konkreten Erfahrungen anhand von Mitschriften von durchgeführten Therapiesitzungen vor, die einen großen Teil des Buches einnehmen.

Als ich bei meinen Recherchen den Titel und die Inhaltsbeschreibung las war ich sehr erfreut, diesen Titel zu finden, denn mir ist kaum Literatur bekannt, in der es um die psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten geht. Dieser Personenkreis wurde früher unter dem Begriff Menschen mit geistigen Behinderungen betitelt. Ich bin seit langem auf der Suche nach derartigen Ansätzen und Literaturquellen, da ich meine eigene Arbeitsweise weiterentwickeln möchte. Meine Freude wurde beim Lesen allerdings getrübt und zwar im Abschnitt „Kontraindikatoren“ (S.43), in dem Schrader Fachleute zitiert, die von der Anwendung von EMDR in Bezug auf Traumata bei diesem Personenkreis abraten. Dieser Hinweis in der Mitte des Buches ist überraschend, denn Titel und Untertitel „Mit den Augen die Seele bewegen. Wege aus dem Trauma für Menschen mit geistiger Behinderung durch EMDR und BHS“ decken sich nicht mit dieser Aussage. So bleibt am Ende des Buches Irritation übrig und es drängt sich die Frage auf, was die Intention der Autorin ist: Wollte sie ein Fachbuch schreiben, wie man beim Lesen der Erläuterungen über den REM – Physiologie und die PGO Wellen oder der Vielfalt an Themen, die benannt werden, meinen könnte. Sollte das Buch die Intention verfolgen, ein Erfahrungsbericht zu sein, in dem eine Therapeutin aus der Praxis plaudert, wäre ein dementsprechender Hinweis im Klappentext oder in der Einführung hilfreich gewesen.

Fazit

In dem hier vorgelegten Buch wird über die psychotherapeutische Arbeit von Menschen mit kognitiven Einschränkungen berichtet. Zum Einsatz kommt EMDR. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Ziel dieses integrativen Therapiemodells ist die Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen. Die Autorin hat dieses Verfahren zur BHS (bilaterale Hemisphärenstimulation) weiterentwickelt. Sie stellt konkrete Erfahrungen anhand von eigenen Fallbeispielen vor.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 02.02.2015 zu: Cornelia Schrader: Mit den Augen die Seele bewegen. Wege aus dem Trauma für Menschen mit geistiger Behinderung durch EMDR und BHS. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2012. ISBN 978-3-88617-318-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17669.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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