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Judith Große, Francesco Spöring u.a. (Hrsg.): Biopolitik und Sittlichkeitsreform

Cover Judith Große, Francesco Spöring, Jana Tschurenev (Hrsg.): Biopolitik und Sittlichkeitsreform. Kampagnen gegen Alkohol, Drogen und Prostitution. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. 384 Seiten. ISBN 978-3-593-50165-9. 45,00 EUR.

Reihe "Globalgeschichte", Band 18.
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Thema

Vor hundert Jahren wurden noch große Träume geträumt. Zum Beispiel der Traum von einem moralischen Imperium, das als Bollwerk gegen kollektiv-übersubjektive ‚Krankheiten‘ der Gesellschaft würde wirken können. In der Übergangszeit um 1900 regten sich nicht nur in der westlichen Kultur, sondern dank einer Kolonialisierung der Werte in vielen Ecken der Welt Regulierungsbestrebungen, um die Laster der Prostitution, des Drogengebrauchs und des Alkoholismus zu bekämpfen. Dieser organisierte Aktionismus wurde methodologisch durch Erziehungsansprüche und Abstinenzförderung, aber auch mithilfe von Pathologisierung und Repression verfolgt. Der vorliegende Sammelband gibt Einblicke in die Kulturgeschichte einer sozialmedizinischen Mission mit vielen Schattierungen, die letztlich eine Geschichte des Scheiterns ist.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Judith Große und Francesco Spöring sind am Lehrstuhl für Geschichte der modernen Welt der ETH Zürich tätig; Jana Tschurenev ist Stipendiatin am Center for Modern Indian Studies der Universität Göttingen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf die Tagung „Fighting Drinks, Drugs and Venereal Diseases: Global Anti-Vice-Activism, ca. 1870-1940“ in Ascona im April 2012 zurück.

Aufbau

Die insgesamt zehn Beiträge des Sammelbandes sind, neben einer Einleitung, in vier Kapitel gegliedert:

  1. Protestantische Mission und der frühe transnationale Sittlichkeitsaktivismus
  2. Psychiatrie, Sozialhygiene und die ‚wissenschaftliche Kodierung‘ des Moralischen,
  3. Transnationale Diskurse und nationale Mobilisierungsprozesse,
  4. Regulierungen und Effekte.

Inhalt

Die einzelnen Beiträge behandeln verschiedenartige Versuche, gesellschaftliche Irritationsquellen – die damals als Defekte, ja als Regression gedeutet wurden – zu limitieren, wenn nicht gar zu beseitigen. Vor allem die internationale Ausrichtung entsprechender Bewegungen ist in der Rückschau erstaunlich, umso mehr, als sich partiell durchaus Prohibitions-Erfolge einstellten. Es sind sozusagen frühe NGOs im Zeichen der Sozialhygiene, denen der Sammelband ein kritisches Denkmal setzt.

Die behandelten „Sittlichkeitsreformagenden“ (29) hatten durchaus die Idee einer moralischen Weltgemeinschaft als Einrahmung und Zielsetzung vor Augen – garniert mit der Rhetorik des Perfektionismus, denn angestrebt wurde die Utopie eines lasterfreien Miteinanders. Im Zuge etwa der Missionarsbewegungen mussten indes Einheimische, so genannte „cultural brokers“ (52), Vermittlungsarbeit bei der Anpassung der Glaubens- und Wertinhalte an die lokalen Begebenheiten in nicht-westlichen Regionen leisten. Die „viktorianische ‚Globalisierung‘ im 19. Jahrhundert“ (55f.) wirkte aber auch nach innen und breitete sich derart vielschichtig aus, dass die parallele Existenz von unterschiedlich orientierten Wertegemeinschaften im Jahr 1927 sogar als möglicherweise „suicidal for Christianity“ (69f.) bezeichnet wurde.

Insbesondere der Alkohol, ursprünglich als Heilmittel verwendet, wurde zunehmend zum Problem und Symptom „gesellschaftlicher Degeneration“ (91) erklärt. Darüber spricht alleine schon der Umstand Bände, dass 1891 die „Internationale Monatsschrift zu Bekämpfung der Trinksitten“ gegründet wurde (113). Die zentralen Akteure wussten moralisches Kapital durchaus mit politischem Kalkül zu verbinden. August Forel, Sexualwissenschaftler, Ameisenforscher und Gegner von Hochprozentigem, skizzierte einen Brückenbau „vom sozialistischen Internationalismus zur internationalen Abstinenzbewegung“ (106). Schon 1887 war er Mitorganisator des „2. Internationalen Kongresses zur Bekämpfung geistiger Getränke“. In den USA gründete sich die „Anti-Saloon-League“ und in deutschem Kulturraum wurde das Verdikt ausgegeben, dass stets „neun Monate nach Fasnacht und Weinlese“ eine erhöhte Rate von „‚schwachsinnigen‘ Neugeborenen“ (120) zu verzeichnen sei.

Auch gegen andere Substanzen wurde polemisiert. 1922 seien angeblich 0,002% der deutschen Bevölkerung betäubungsmittelsüchtig gewesen – 1931 stieg der Wert auf 0,01% (155). Typische „Cocainisten“ wurden anhand von Berufen und Lebenseinstellungen ‚durchschaut‘, wobei, im Einklang mit dem sozialkritischen Impetus der Sittlichkeitsreformer, durchaus auch die Oberschicht für ihre dekadente Hingabe zur Droge kritisiert wurde. Typische Parolen der Zeit lauteten etwa so: „Das Wort: ‚Der Morphinist kennt keine Scham‘, gilt in erhöhtem Maße für den Cocainisten.“ (159). Sucht galt auch deshalb als Angriff auf die Werte der bürgerlichen Gesellschaft, weil damit eine „sittliche Entartung“ (163) einhergeht, die sogar „bisher achtbare Frauen“ (161) in die Prostitution zwingt, um ihre Abhängigkeit zu befriedigen.

Überhaupt die Sexarbeit: Sie wurde bekämpft mit Verweis auf moralische, klerikale, liberale, sozialistische oder feministische Argumentationsströme. Männer seien, so der zeitgenössische Diskurs, aufgrund ihres stärkeren Sexualtriebes entschuldigt (vgl. 192), aber für die Frau – und insbesondere die weiße Frau – sollte Prostitution keine Option sein. Andererseits galten Sexarbeiterinnen als minderwertige Persönlichkeiten, die mitunter von Geburt an lasterhaft gewesen sind (236). „Laster[] wider die Natur“ bot auch der koloniale Diskurs in Indien, wo indes weibliche Prostitution zur Eindämmung der Homosexualität in der indischen Armee geduldet wurde (295). Als Abweichung und biopolitisches Problem boten sich hier die „Eunuchen“ an, eine über ihre Körperähnlichkeit von außen konstruierte Gruppe vermeintlich per se krimineller und sexuell devianter Personen (305f.). In Japan der Nachkriegszeit wiederum war die klassische Figur der Straßenprostituierten das Feindbild der US-Besatzungsadministration. Es wurde in moralische Erziehungspamphleten darauf hingewiesen, dass „9 von 10 japanischen Frauen die man aufgreift eine Geschlechtskrankheit haben“ (350), und dass ein wahrhaftiger ‚tough soldier‘ sich durch moralische Züchtigung ausweise (365). „Charakterbildung zur Verhinderung [des] moralischen und gesellschaftlichen Zerfalls durch Sex und Alkohol“ (378) waren die Zielsetzungen des von oben diktierten Programms.

Diskussion

Die im vorliegenden Band unternommene kulturgeschichtliche Rundreise um die Welt, ausgehend von westlichen Werten und Einblicke nehmend in u.a. Nigeria, Peru, Indien und Japan, versammelt zahlreiche interessante, mitunter überraschende und allemal lehrreiche Berichte über Versuche, vergleichsweise früh Regimes der moralischen Angemessenheit und der nüchternen Leistungsbereitschaft zu installieren. Die Themenstellungen sind noch heute aktuell, wenngleich die Modi der Adressierung sich gewandelt haben: Anstelle moralischer Unterrichtung steht heute eher der Appell zu Vernunft, anstelle organisierter Gegenwehr wird (Selbst-)Verantwortungspropaganda aufgefahren.

Die historische Rekonstruktion unterstreicht, wie sehr zur Moderne auch die Bekämpfung ihrer Schattenseiten gehört. Mit dem sozialen Wandel verändern sich auch die Argumente und rhetorischen Waffen des Kampfes gegen Unsittlichkeit und Zerfall, die ideelle Grundierung bleibt aber gleich: Die Welt könnte anders, schöner, besser sein, wenn die Ordnung die Unordnung hinwegfegte.

Nun haben fleißige Archivstudien – und der eine oder andere Beitrag passt in dieses Raster – den Nachteil, dass sie bisweilen hyperdeskriptiv wirken, anders formuliert: der sozialhistorische Blick krankt dabei unter einem Theoriedefizit. Ein Autor wie Jacques Derrida geistert hier und da durch die Texte, aber das wirkt alibihaft, geht es doch lediglich darum, auf einen einzigen, eben passenden Beitrag zu verweisen. Hinzu kommt, dass die Einzelstudien von der Prostitution handeln, dann von verbotenen Substanzen, dann wieder von sexueller Devianz und als nächstes von Drogenpolitik; der Aufbau ist also relativ sprunghaft. Der Fokus auf die Internationalisierungsanliegen ist nachvollziehbar und gerechtfertigt, wobei zumindest heutzutage Drogen- und Menschenhandel auf negative Weise gleichsam ‚globalisiert‘ sind – das Nachzeichnen von Konvergenzlinien in die Gegenwart hinein hätte solche Zusammenhänge plausibel machen können, aber das entspricht nun einmal nicht dem zeitlichen Fokus, der dem Band zugrunde gelegt ist.

Dies, und kleinere Fehler und Redundanzen sind insgesamt aber verkraftbar, denn der positive Eindruck überwiegt und Neugier auf die Vertiefung der einen oder anderen Problematik wird durch das Buch fraglos geweckt.

Fazit

Eine lehrreiche und unterhaltsame Reise in eine vergangene Welt, die der gegenwärtigen in mancherlei Hinsicht gar nicht so fremd ist. Wer über Moralunternehmertum und Moralpanik vor einhundert Jahren unterrichtet werden will, und wer die damaligen Methoden der Bekämpfung von Sexarbeit und Suchtgefahr belegt haben möchte, wird mit dem vorliegenden Buch gut bedient.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 19.03.2015 zu: Judith Große, Francesco Spöring, Jana Tschurenev (Hrsg.): Biopolitik und Sittlichkeitsreform. Kampagnen gegen Alkohol, Drogen und Prostitution. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-593-50165-9. Reihe "Globalgeschichte", Band 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17703.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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