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Marion Schenk: Suizid, Suizidalität und Trauer

Cover Marion Schenk: Suizid, Suizidalität und Trauer. Gewaltsamer Tod und Nachsterbewunsch in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 132 Seiten. ISBN 978-3-525-40238-2. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

Ein Ergebnis der Suizidforschung besagt, dass ein Suizid nie ohne Folgen für das soziale Umfeld bleibt. Bis zu sechs andere nahestehende Personen sind emotional und lebenspraktisch davon betroffen, vor allem die engsten Familienangehörigen als Hinterbliebene. Sie benötigen oft Beistand und Beratung in ihrer Bestürzung und Trauer über den Verlust, der sie unerwartet trifft und nicht zu begreifen ist. Besonders wichtig für Hinterbliebene ist der Austausch mit anderen, die den gleichen Verlust erlitten und verarbeiten müssen. Ermöglicht wird die Trauerarbeit in Gruppen, die von erfahrenen Beratern geleitet werden. Vorbildlich ist seit Jahren die Arbeit des Vereins AGUS (Angehörige um Suizid), der bundesweit tätig ist.

Die Autorin des vorliegenden Buches beschreibt sehr fundiert und praxisnah ihre Arbeit mit Hinterbliebenen nach Suizid, die sie über Jahre in eigener Praxis leistet. Das Buch ist sehr lesenswert und reich an praktischen Hilfen für Betroffene und Berater. Es schließt eine Lücke für all diejenigen, die nach einer erfahrungsgestützten und weiterführenden Literaturquelle suchen.

Autorin

Marion Schenk ist eine erfahrene Beraterin im Umgang mit Hinterbliebenen nach Suizid. Sie hat sich in vielfacher Weise in Coaching und Beratung qualifiziert und arbeitet in eigener Praxis mit dem Namen „horizont“ in Lübeck mit den Schwerpunkten Stressmanagement, emotionale Belastungen und Blockaden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist gut und folgerichtig gegliedert.

Es geht zunächst auf Zahlen, Fakten und Zusammenhänge ein, die neuere Statistiken und Erkenntnisse der Suizidologie berücksichtigen.

Ein breiter Raum wird in mehreren Kapiteln den Risikofaktoren für Suizid eingeräumt. Deren Einflussbereich und Wirkungsgefüge wird weit gesteckt Von genetischen und hirnorganischen Dispositionen und Veränderungen über gesellschaftlich bedingte bis hin zu persönlichkeitsspezifischen Einflussfaktoren reicht das Spektrum entwicklungsbedingter Risiken, die zu suizidaler Gefährdung und Ausführung von Suizidhandlungen führen können. Breiten Raum nehmen die persönlichkeitsspezifischen Risiken ein, die Stressbewältigungs-, Kommunikations-, emotionale Verarbeitungsstrategien sowie psychische Erkrankungen ins Blickfeld rücken. Betont werden die Komplexität der Risikofaktoren und die individuelle Verlaufsgeschichte, die zur Suizidalität führt. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Warnzeichen, die auf diese Gefahr direkt oder indirekt hindeuten und wahrgenommen werden müssen.

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Trauer nach Suizid, dem Leitthema des Buches, das im Hauptkapitel Suizid und Trauer konkret an zahlreichen, eindrucksvollen Fallbeispielen exemplifiziert wird. Sie bezeugen, wie Hinterbliebene nach dem Verlust eines Menschen durch Suizid mit ihrer Trauer, ihrem Schmerz und ihrem Gefühlschaos umzugehen versuchen. Es handelt sich um eindringlich beschriebene Fallbeispiele aus der Praxis der Autorin, die bis auf das letzte Praxisbeispiel nicht weiter interpretiert werden. Sie lassen somit dem Leser Spielräume für eigene Gedanken und Deutungen. Es geht bei ihnen nicht nur um die Genese der Suizide, sondern auch um das Erleben und die Reaktionen der Hinterbliebenen, die der Hilfe und Beratung bedürfen.

Diese Thematik wird im letzten Hauptkapitel Begleitung und Beratung nach Suizid eingehend und praxisnah behandelt. Hier finden sich sehr viele praktisch-methodische Hinweise, Anleitungen und Hilfsmittel, die Beratern und Hinterbliebenen anschaulich nahegebracht werden. Es geht vor allem auch um praktische Hilfen in der Trauerbegleitung nach Suizid, die sich fortschreitend an mehreren Phasen von der Stabilisierung bis zur Integration orientieren sollte. Interventionen, die diesen Prozess unterstützen und fördern können, werden anwendungsnah und detailliert beschrieben. Abbildungen und Anleitungen erleichtern dem Leser den Zugang zu den einzelnen Interventionen. Ist die Stufe der Integration erreicht, kann es Hinterbliebenen gelingen, „ihr Leben neu zu ordnen, sich auf neue Beziehungen einzulassen, neue Pläne zu schmieden sowie hoffnungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken“ (S. 120). Dass das schwierig sein kann, nimmt ein Kapitel auf, in dem es um Suizidalität und Nachsterbewünsche von Hinterbliebenen selbst während der Trauerbegleitung geht. Damit sich Berater in der Trauerbegleitung nicht selbst überfordern, gibt die Autorin zu Ende ihres Buches praktische Hinweise zur Entlastung und Selbstsorge.

Fazit

Das Buch ist sehr lesenswert und relevant für Beratungspersonal und Betroffene im Umfeld von Trauer nach Suiziden, weil es sehr praxis- und anwendungsorientiert verfasst wurde. Die umfangreichen Erfahrungen der Autorin bereichern das Buch. Besonders durch die zahlreichen Fallgeschichten, die sehr zum Nachdenken anregen, gewinnt es an Glaubwürdigkeit. Wohltuend ist auch, dass sich die Verfasserin von umfangreichen Literaturbelegen und Absicherungen fernhält, dabei aber nicht ihren wissenschaftlich fundierten Anspruch aufgibt.

Das Buch ordnet sich gut ein in die Edition „Leid-Faden“ des Verlags, in der es um den „(semi)professionellen Umgang mit Trauernden“ geht.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Erlemeier
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Zitiervorschlag
Norbert Erlemeier. Rezension vom 07.01.2015 zu: Marion Schenk: Suizid, Suizidalität und Trauer. Gewaltsamer Tod und Nachsterbewunsch in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-40238-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17729.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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