Klaus Ahlheim, Pia Bistrich u.a.: Gedenkstättenfahrten
Klaus Ahlheim, Pia Bistrich, Bardo Heger, Bettina Metten-Jäckel: Gedenkstättenfahrten. Handreichung für Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2004. 154 Seiten. ISBN 978-3-89974-111-7. 12,80 EUR.
Mahnen und Erinnern - Geschichte und Verantwortung
Gedenkstätten der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sind "Zeugen nach den Zeugen", so das Autorenteam der Handreichung. Dass das Gedenken an die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten zur allseits anerkannten Aufgabe für die politische Bildung in unserem Land gehört, ist sicherlich Konsens in unserer Gesellschaft. Doch die Art und Weise, wie, in welchem Zusammenhang, mit welchen Vor- und Nachbereitungen und in welchem Kontext Gedenkstätten als Lernorte in der schulischen und außerschulischen Bildung und Erziehung genutzt werden, kann unterschiedlich bewertet und gegangen werden. In der didaktischen Diskussion darüber, welche Bedeutung Gedenkstätten heute für Kinder und Jugendliche als Erinnerungsstätte an die nationalsozialistischen Verbrechen haben, gibt es so etwas wie einen Perspektivenwechsel. "Heute Zwanzigjährigen zu sagen, sie mögen sich der nationalsozialistischen Verbrechen erinnern, heißt... entweder Unmögliches verlangen oder Widerstände auf den Plan rufen, wo dem Erinnerungsbegriff unausgesprochen eine persönliche Schuldzuweisung eingeschrieben ist", so bewertet Volkhard Knigge, der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald die Situation. An der Vor- und Nachbereitung des Besuchs einer Gedenkstätte mit Kindern und Jugendlichen hängt also alles. Das Unternehmen darf weder eine "Wanderfahrt", noch ein "Schulausflug" sein, sondern ein projektorientiertes Vorhaben mit vielfältigen Informationen, vor- und nachbereitenden Gesprächen - und vor allem - einer glaubwürdigen pädagogischen Betreuung und Begleitung. Gelingt es gar, wie in dem Projektbericht über die Arbeit mit Jugendlichen zu Spuren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft im Harzer Raum verdeutlicht, Jugendliche für ein längerfristiges Engagement in einer Arbeitsgemeinschaft zu gewinnen (Simone Wustrack, Gedenkstättenpädagogik, 2004, vgl. hierzu die Rezension), wäre eine optimale pädagogische Arbeit geleistet.
Inhalt
Das Team hat Studierende an der Universität Essen danach befragt, welche schulischen Erfahrungen sie mit Gedenkstättenbesuchen haben. Diesen Spiegel aus gelungenen und misslungenen Erinnerungen haben sie dann in Interview-Design und Fragebögen verarbeitet und diese pädagogischen MitarbeiterInnen von Gedenkstätten, LehrerInnen und Sozialarbeitern vorgelegt. Daraus sind zahlreiche Berichte über die Durchführung von Studien- und Gedenkstättenfahrten, etwa nach Auschwitz, Buchenwald oder als historisch-politische Ortserkundungen entstanden. Sie können exemplarisch genutzt werden.
In der Handreichung wird auch über die verschiedenen Möglichkeiten der Organisation und Finanzierung bei Gedenkstättenbesuchen informiert, und es werden zahlreiche Kontaktadressen von Initiativen und Organisationen genannt, die Beratung und in einigen Fällen auch finanzielle Zuschüsse gewähren. Für die praktische Realisierung in der Schule wie außerschulisch ist der Teil "Pädagogische Praxis und Projekte" anzusehen. Hier berichten verschiedene Autoren, wie z. B. der Leiter der Jugendbegegnungsstätte Buchenwald, die Grundschullehrerin Vera Hanfland, u.a. über ihre Erfahrungen bei Gedenkstättenbesuchen. Ein Literatur- und (immer wichtiger heute) Internetquellennachweis komplettiert die Handreichung, die sicherlich nicht nur für Nutzer in NRW interessant sein dürfte.
Fazit
Der Rezensent hätte sich eine zusammenfassende Darstellung der aufgereihten Informationen gewünscht - und eine aktuelle, situationsbedingte Analyse beim Umgang mit Gedenkstättenbesuchen bei einer multikulturellen Schülerschaft und mit Jugendlichen anderskultureller Herkunft. Denn dies, so ist zu vermuten, bedürfte weiterer didaktischer Überlegungen, wie in unserer multikulturellen Gesellschaft, beim Interkulturellen und Globalen Lernen, mit dem Gedenken und Erinnern als Aufgabe der politischen und gesellschaftlichen Bildung umgegangen werden kann.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.10.2004 zu: Klaus Ahlheim, Pia Bistrich, Bardo Heger u.a.: Gedenkstättenfahrten. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2004. 154 Seiten. ISBN 978-3-89974-111-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1779.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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