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Udo Sierck: Budenzauber Inklusion

Cover Udo Sierck: Budenzauber Inklusion. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2013. 147 Seiten. ISBN 978-3-940865-57-1. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 20,00 sFr.
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Thema

Auf dem Klappentext lesen wir, was das Buch thematisiert: „Statt Inklusion droht immer mehr Menschen die Exklusion. Die allgemeine Bewusstseinslage ist gekennzeichnet durch Denkmuster und Verhaltensweisen, die im Alltag ausgrenzend wirken. Der Blick auf die ‚Anderen‘ oder Körperideale verraten das Gegenteil von Zugehörigkeit.“

Autor

Udo Sierck ist Dozent und Publizist. Er war lange Redaktionsmitglied der Krüppelzeitung. Zusammen mit Nati Radtke war er Geschäftsführer des Café & Restaurant Lotte in Hamburg.

Entstehungshintergrund

Ein Motiv für dieses Buch ist die Ratifizierung der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen.

Aufbau

  1. Die Behindertenbewegung auf dem Weg zur Inklusion
  2. Von der Wohltäter-Mafia zur Inklusionsmafia
  3. Geschäftsinteressen und Sondereinrichtungen
  4. Monster, Freaks und andere Schönheiten – Anmerkungen zur Körperpolitik
  5. Augenblicke – Anmerkungen zur Beobachtung des Anderen
  6. Konjunktur der Wunder
  7. Inklusion: „Röpers-Hof-Cafe“ & „Lotte“
  8. Schluss

Inhalt

Udo Sierck befasst sich in seinem ersten Kapitel mit den historischen Ereignissen, die wohl den Weg hin zur Inklusion gebahnt haben, wie z. B die Aktionen während der Eröffnungsfeier zum Jahr der Behinderten 1981 in der Dortmunder Westfalenhalle, der Hungerstreik im Bremer Rathaus und dem Anketten der Hamburger Krüppelgruppe im Rathaus, um die barrierefreie Umrüstung des Öffentlichen Personennahverkehrs einzufordern. „Die Reaktion auf das Aufbegehren behinderter Frauen und Männer schwankte zwischen Verblüffung und Faszination und ging in Unverständnis über, als Franz Christoph, provokanter Thesengeber der Krüppelszene, auf einer Rehabilitationsmesse in Düsseldorf dem damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens die Krücke an das Schienbein schlug“ (S. 17). In dieser Zeit wurde über und nicht mit Behinderten gesprochen.

1977 entstand die erste Krüppelgruppe in Bremen, die dann die Gründung weiterer Krüppelgruppen nach sich zog. „Jetzt mussten die Nichtbehinderten draußen bleiben“ (S. 19). Im Oktober 1986 entstand in Bremen das erste bundesdeutsche Zentrum für selbstbestimmtes Leben. „Der zentrale Ansatz dieser Beratungsstellen ist es, die eigene Kompetenz als behinderte Person an andere behinderte Menschen zu vermitteln und diese zur Handlungsfähigkeit zu ermutigen“ (S. 23).

Den Weg hin zur Inklusion flankierten aber auch Fragen zum Existenzrecht von Behinderten, wie sie von Peter Singer gestellt wurden.

Die Wohltäter-Mafia mutiert zur Inklusionsmafia. Die Wohltäter-Mafia hatte ihren Ausgangspunkt 1976 in der Pränataldiagnostik, welche die Selektion behinderten Nachwuchses öffentlich als Wohltat deklarierte. Eine zentrale Stelle nimmt hier Wilhelm Polligkeit ein. Die Wohltäter-Mafia war „ein Geflecht aus subjektiv fürsorglichen Anliegen mit dem ungebrochenen und der Zeit angepasstem Setzen auf Selektionsmaßnahmen, ökonomisches Kalkül verband sich mit einem Menschenbild, das in der behinderten Person nur das zu verhindernde Übel sah und vor körperverletzenden Eingriffen nicht zurückschreckte“ (S. 38).

Mit der Einführung der UN-Behindertenrechtskonvention wurde der Terminus Inklusion das Zauberwort. „Jeder Behindertenverein oder Sozialverband, der etwas auf sich hält, beschwört dieses Wort und schreibt es in seine umformulierten Satzungen. […] Die Idee der Inklusion wird ohne zu Zögern in das bestehende Aussonderungssystem integriert“ (S. 40f.). Sierck beschließt dieses Kapitel mit der Feststellung: „Es hat den Anschein, als wäre aus der ‚Wohltäter-Mafia‘ eine ‚Inklusions-Mafia‘ geworden“ (S. 46).

Das Wirtschaftssystem Inklusion betrachtet Udo Sierck, wenn er sich mit den Geschäftsinteressen und Sondereinrichtungen befasst, denn „die Betonung der Beteiligten, dass Gemeinsame zu suchen und sich nicht am Trennenden abzuarbeiten, klingt nach substanzloser ‚Wir sitzen alle in einem Boot‘-Rhetorik“ (S. 50). Die derzeitige Behindertenhilfestruktur ist mit dem Inklusionsideal nicht vereinbar. Die vorherrschenden differenzierten Systeme der sozialen Sicherung sind nicht auf Inklusion angelegt.

Für das Feld Schule kristallisiert der Autor heraus, dass dort manche Kinder zu Inklusionskindern gemacht würden, um die Quote zu erfüllen und die dafür bereitstehenden Zuwendungen zu erhalten. „Gleichzeitig lassen aber Eltern ihren Kindern in der Hoffnung auf zusätzliche Hilfe Mängel attestieren, die bisher den direkten Weg in eine Sonderschule garantierten“ (S. 52).

Für die Werkstätten für behinderte Menschen konstatiert Sierck, dass sie ihre Aufgabe nicht erfüllt. Und die Aufgabe der WfbMs besteht u. a. darin die Erwerbsfähigkeit Behinderter zu erhalten bzw. wieder herzustellen, damit sie dem allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dieser Schritt gelingt aber nur bei 2 Promille. Mit Blick auf die Produktivität der eigenen Abteilung wollen die WfbMs ihre fähigen behinderten Mitarbeiter in ihrem Unternehmen bei einer extrem niedrige Entlohnung behalten. Der Verdienst rangiert von monatlich 67 EUR bis ca. 600 EUR. Der Durchschnitt lag 2011 bei 180 EUR monatlich.

Der Bereich Pflege unterhält einen weiteren Fürsorgemarkt, denn „je pflegebedürftiger die Menschen sind, desto lauter klingeln die Kassen der Heime. […] Wer teilnahmslos den Tag verbringt, ist für Heimbetreiber ein lukrativer Patient“ (S. 57). Dabei konkurrieren die Heime untereinander.

In seinen Anmerkungen zur Körperpolitik bemüht der Verfasser den heimlichen Kultfilm der jungen bundesdeutschen politischen Behindertenbewegung „Freaks“ und seine Historie. Es lassen sie zwei Varianten des Umgangs mit Menschen mit Besonderheiten erkennen:

  1. diese Menschen werden dem öffentlichen Raum entzogen und zu Objekten der Wissenschaft gemacht.
  2. die Geschlechtsvariante: Im Gegensatz zu männlichen Freaks wurden von weiblichen Freaks präparierte Geschlechtsteile gefunden.

In diesen Anmerkungen geht es um Alltägliches, um Grenzverwischungen und Grenzüberschreitungen bei ADHS (vgl. Rögener 2014) und die Paralympics.

Mit den Blicken der Anderen beschäftigt sich der Autor u. a. mit einem Blick in die Literatur, u. a. in Schriften von Raquel J. Palacio, Giusepee Pontiggia, Erasmus von Rotterdam, Jean Améry und Friedrich Nietzsche. „Mit dem Blick auf behinderte Menschen beginnt die Konfrontation mit der Normalität“ (S. 94). Sierck nennt vier Kriterien der Wahrnehmung behinderter Menschen:

  1. den verwunderten Blick;
  2. den sentimentalen Blick;
  3. den exotischen Blick;
  4. den positiv beschriebenen realistischen Blick.

Zu den Wundern berichtet Udo Sierck von einer großen Ausstellung zu Wundern in den Hamburger Deichtorhallen. Die Frankfurter Rundschau berichtet von dem Wunder eines zum Leben erwachten Neugeborenen, welches vorher wegen Unterkühlung für tot erklärt wurde. Ein Wunder ist die Heilung eines HIV-infizierten Kindes. „Es hat den Anschein, als ob mit zunehmender Technisierung und Unüberschaubarkeit der Welt das Wunder Konjunktur hat“ (S. 109). Und das Wunder ist ein der Erwartung widersprechendes Ereignis. Ein Wunder- und diesem Thema widmet sich der Autor schließlich eingehend – ist der Aufenthalt in Lourdes. „Wer als behinderte Person durch Lourdes läuft, ist immer potenziell jemand, der auf Heilung hofft“ (S. 122).

Inklusion bleibt nebulös, weil es sich nicht endgültig definieren lässt. So schildert der Verfasser ziemlich am Ende seine eigene Erfahrung zu diesem Thema für den Bereich Arbeit. Das Röpers-Hof-Café und das Café und Restaurant Lotte (die Benennung Lotte erfolgt nach dem Seeteufel, der auf französisch la lotte heißt). Beide Betriebe waren „direkte Ergebnisse aus der Forderung der Krüppelbewegung: ‚Weg mit allen Sondereinrichtungen‘“ (S. 128)!! Schon zu früheren Zeiten war sich die Fachwelt einig darüber, dass Arbeit die beste Therapie ist. „Der herrschende Arbeitsbegriff wurde übernommen, der Aspekt der Produktion stand im Vordergrund. Die Arbeit wurde für die Erziehung zur Ordnung, Sauberkeit und Disziplin genutzt“ (S. 130). Dabei spielte der Gedanke von Tätigkeit als Selbstverwirklichung keine Rolle.

In den vorgenannten Betrieben wurde der Arbeitsplatz an die Fähigkeiten einer Person angepasst und nicht umgekehrt. Für die nichtbehinderten Mitarbeiter galt, jede Behinderung akzeptieren zu müssen. Kam es zu innerbetrieblichen Konflikten, wurde nie eine Behinderung zum Gegenstand.

Integration und Inklusion macht wenig Sinn, so lange andere Ausgrnzungsmechanismen Bestand haben.

Ganz am Schluss wird Pessimistisches offenbar, denn: Ob Schule, Arbeit, Wohnen, Freizeit oder Selbstbestimmung – die Realisierung der gültigen Vorgaben, wie sie in der UN-Behindertenrechtskonvention und in deren Schattenbericht festgehalten sind, ist nicht in Sicht.

Aus der vorgenannten Konvention wird Artikel 8 eine hohe Bedeutung zugemessen. Hier geht es um den Abbau von Klischees, Vorurteilen und abwertenden Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen.

Fazit

Die Lektüre dieses Buches ist allen an Inklusion und Exklusion von Menschen mit Behinderung Interessierten sehr ans Herz zu legen.

Literatur

  • Rögener, Wiebke: Hyper-Hirn. Durch Neuro-Enhancement klüger, wacher effizienter? München 2014.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 14.11.2014 zu: Udo Sierck: Budenzauber Inklusion. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2013. ISBN 978-3-940865-57-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17795.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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