Werner W. Engelhardt: Sozial- und Gesellschaftspolitik - grundlagenbezogen diskutiert
Werner W. Engelhardt: Sozial- und Gesellschaftspolitik - grundlagenbezogen diskutiert. Duncker & Humblot (Berlin) 2001. 287 Seiten. ISBN 978-3-428-10353-9. 69,00 EUR.
Einführung in das Thema
Bei dem Buch handelt es sich um die Zusammenführung bereits anderweitig erschienener Veröffentlichungen von Engelhardt. Gemeinsamer Kern des Buches ist — wie der Titel bereits andeutet — die Beschäftigung mit der Sozial- und Gesellschaftspolitik, wobei Engelhardt nicht an einer allumfassenden Auseinandersetzung mit allen Aspekten interessiert ist, sondern sich einzelnen Aspekten widmet, die er dann "grundlagenbezogen diskutiert" — wobei ökonomische und philosophisch-anthropologische Fragestellungen dominieren.
Aufbau und Inhalte des Buches
Konzeptionell besteht das Buch aus fünf Teilen. Am Anfang steht eine Auseinandersetzung mit einigen Grundfragen einer an den Interessen und Bedürfnissen mündiger Bürger ausgerichteten Sozialpolitik. Der Beitrag selbst ist ursprünglich in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik erschienen und nimmt hier die Funktion einer Einleitung wahr.
Im sich anschließenden Teil A mit der Überschrift: "Zu einigen Aspekten der Sozialpolitik" befasst sich Engelhardt in zwei Artikeln mit alten und neuen sozialen Fragen einerseits und dem Komplex Sicherheit, Subsidiarität und Sozialpolitik andererseits. Trotz der durchaus unterschiedlichen Themen der beiden Aufsätze zeichnet sich hier bereits eine in verschiedenartiger Gestalt immer wieder von Engelhardt aufgeworfene Frage ab: Wie soll und wie kann eine Sozialpolitik aussehen, die sowohl den Interessen als auch den Bedürfnissen der Individuen verpflichtet ist. Dabei sieht Engelhardt im Gegensatz zu manchen neoliberalen und/oder ökonomistischen Vertretern den Staat immer in einer herausgehobenen Position — im Sinne einer nicht vollständig delegierbaren Verantwortung, die auch auf moralischen und ethischen Gesichtspunkten beruht.
Diese Sichtweise und die sie tragenden Überzeugungen spiegeln sich auch im Teil B des Buches wider, der unter dem Titel "Eine Theorie der Sozialpolitik" einen einzigen Beitrag zu einer "Entwicklungstheorie" der Sozialpolitik beinhaltet. Obwohl es sich lediglich um einen einzelnen Aufsatz handelt, bildet dieser dank seines Umfangs von über 120 Seiten eindeutig den Schwerpunkt des Buches. Engelhardt befasst sich dabei intensiv sowohl mit institutionentheoretischen Fragestellungen als auch mit der Lebenslagenforschung. Konsequenz beider Analysebereiche ist die Betrachtung der Sozialpolitiklehre als einer Querschnittswissenschaft, in die neben wirtschafts- und im engeren Sinne sozialwissenschaftlichen Aspekten auch naturwissenschaftliche Einflüsse zum Tragen kommen. Abgerundet wird diese "Interdisziplinarität" der Sozialpolitik durch ihre enge Beziehung zu den philosophischen Disziplinen, wozu neben der Methodenlehre insbesondere die Wertphilosophie wie auch die Staats- und Sozialphilosophie zählen. Vor dem Hintergrund der institutionentheoretisch fundierten Erkenntnisziele und anknüpfend an die Analyse der Lebenslage sozial benachteiligter Personen skizziert Engelhardt eine entwicklungstheoretisch fundierte Sicht der Sozialpolitik. Dabei setzt er u. a. die Neue Institutionenökonomie als Instrument der Erkenntnisgewinnung ein, um so historisch beobachtbare Gesellschaftsveränderungen sozialpolitisch erklären zu können.
Im Teil C, der sich an diesen wissenschaftlichen Kraftakt anschließt, geht Engelhardt in zwei weiteren Artikeln auf grundlegende Problem der praktizierten Sozialpolitik wie auch der Sozialpolitiklehre ein, nämlich das Denken in Ordnungen einerseits und den immer wieder aufbrechenden Konflikt zwischen Ökonomismus und Ethik andererseits. Gerade die bei Engelhardt immer wieder aufscheinende Differenzierung zwischen Ökonomie, dem Wirtschaften einerseits, und dem Ökonomismus, der Betrachtung aller gesellschaftlicher Fragestellungen allein (oder zumindest überwiegend) aus wirtschaftlichem Blickwinkel andererseits, bringt dringend benötigte Klarheit in viele aktuelle Diskussionen, z. B. in Zusammenhang mit der Globalisierung. Seine Ausführungen machen aber auch deutlich, dass die ökonomistische Betrachtungsweise zwischenzeitlich Züge einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung annimmt: Die ökonomistische Betrachtungsweise wirkt sich auf die verschiedenen Institutionen aus und verursacht Verhaltensänderungen dergestalt, dass diese Institutionen zunehmend tatsächlich nur noch unter ökonomischen Gesichtspunkten handeln. Unter Verweis auf das Genossenschaftswesen und andere Formen kooperativen Verhaltens macht Engelhardt aber zugleich deutlich, dass durchaus Erfolg versprechende Alternativen zum Ökonomismus existieren.
Den Abschluss des Buches — gewissermaßen im Sinne eines Abspanns — bildet eine Auseinandersetzung mit Gustav von Schmollers Verständnis der Sozialpolitik, wobei er zu dem Fazit gelangt, dass die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit dem geistigen Erbe Schmollers unachtsam umgegangen sind. Eine intensivere Beschäftigung mit seinen Erkenntnissen hätte, so Engelhardt, "einige der Fehler und Unzulänglichkeiten bei der bisherigen Bewältigung der Transformationsprozesse in den neuen Bundesländern und in Osteuropa" vermeiden können (S. 286).
Fazit und Anmerkungen
Das Buch ist ein wichtiger und verdienstvoller Beitrag zur Diskussion um die zukünftige Gestaltung von Sozialpolitik, insbesondere hinsichtlich der Rolle des Staates einerseits und der Bedeutung wirtschaftlicher Aspekte und Sichtweisen andererseits. Das Buch kann vor diesem Hintergrund uneingeschränkt als Lektüre empfohlen werden, wobei insbesondere die Entwicklungstheorie der Sozialpolitik einen fruchtbaren Boden für wissenschaftliche aber auch für politische Konsequenzen darstellt.
In diesem Zusammenhang sollte nicht verschwiegen werden, dass die Ausführungen Engelhardts durchaus "harte Kost" darstellen, denn sie erfordern eine intensive Beschäftigung mit dem philosophischen Hintergrund und den wissenschaftlich-politischen Konsequenzen. Das Buch ist somit keinesfalls als Nachtlektüre geeignet, aber bietet dafür ausreichend geistige "Nahrung" und "Nährwert" für das eigene Nachdenken.
Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie
Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)
Homepage www.wi.hs-wismar.de/fbw/personen/J.Kramer/
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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 14.05.2002 zu: Werner W. Engelhardt: Sozial- und Gesellschaftspolitik - grundlagenbezogen diskutiert. Duncker & Humblot (Berlin) 2001. 287 Seiten. ISBN 978-3-428-10353-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/178.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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