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Bernhard Pörksen, Friedeman Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst

Cover Bernhard Pörksen, Friedeman Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. 217 Seiten. ISBN 978-3-8497-0049-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Kommunikation über Kommunikation trifft zu, genau genommen steht hier aber Metakommunikation über Metakommunikation im Mittelpunkt. Die gedoppelte Metaperspektive im Dialog spannt einen großen thematischen Bogen von den Grundlagen der Kommunikationspsychologie Schulz von Thuns über ihre Anwendung in betriebswirtschaftlichen, pädagogischen und interkulturellen Kontexten bis hin zu den letzten Dingen des Menschseins, in denen Epistemologie und Kommunikation versagen. Auf diese Weise macht das Buch – und nun auf einer Meta- und Metaphernebene – just jene „Regenbogenqualität“ erfahrbar, die Schulz von Thun als Desiderat für das menschliche Leben formuliert (S. 117).

Autoren

Bernhard Pörksen, bekannt vor allem durch die Analyse von Medienskandalen, ist oft in Funk und Fernsehen präsent. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte des Professors für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen liegen auf Systemtheorie und Konstruktivismus.

Friedemann Schulz von Thun ist emeritierter Professor für Psychologie der Universität Hamburg, Leiter des Schulz von Thun Instituts für Kommunikation und in seiner Eigenschaft als – salopp gesagt – „Kommunikationspapst“ allen bekannt, die sich mit kommunikationspsychologischen Fragestellungen beschäftigen.

Entstehungshintergrund

Eigentlich sollte es dieses Buch gar nicht geben, sondern – so enthüllt Bernhard Pörksen in seinem Vorwort – anstatt dessen eine „kleine intellektuelle Biografie“ (S. 8) aus der Feder Friedemann Schulz von Thuns. Aus diesem initialen Projekt entwickelte sich die Idee, nicht nur in Ko-Autorschaft ein Buch zu schreiben, sondern den lebendigen Dialog zu publizieren. Im Jahre 2013 reiste Pörksen mehrfach nach Hamburg, nahm die Gespräche, deren Thema vorab nur in groben Zügen vereinbart war, auf und kürzte danach das Material auf ungefähr ein Drittel, destillierte somit die Quintessenz der Begegnung.

Aufbau

Sieht man vom Vorwort (Pörksen) und vom Nachwort (Schulz von Thun), einer Art – so könnte man sagen – „Dialog auf Distanz“, einigen Skizzen und wenigen allgemeinen Informationstexten ab, sind alle Texte in der einem Dialog gemäßen Form der direkten Personenrede gedruckt. Die Erkenntnisse aus der Dialogizität entfalten sich in drei großen thematischen Teilen, die quantitativ abnehmend gestuft sind und daher erhebliche Unterschiede in der Zahl ihrer Unterkapitel und wiederum Abschnitte in diesen aufweisen. Die Logik des Buches führt zunächst quasi deduktiv vom Allgemeinen der „großen Fragen“ (I), der Theorie und Praxis kommunikationspsychologischer Grundlagen, zum Besonderen bestimmter Anwendungsgebiete (II. „Die konkreten Fragen“), um von dort aus wieder, und dies in einer Volte des Induktiven, zum Allgemeinen des Menschseins zu gelangen, zur conditio humana und der mit ihr einhergehenden Endlichkeit (III. „Die letzten Fragen“).

Inhalt

Am Anfang (I, 1) steht die Würdigung des Kommunikationsquadrats, das zumindest in Deutschland zum berühmtesten Erklärungsansatz für Kommunikation avanciert ist. Als Pörksen und Schulz von Thun die vier Botschaften einer Äußerung in ihrer Simultaneität fokussieren, führen sie auch eine Diskussion über die Bedeutung des Hörers. Sie überlegen, ob der Hörer mehr als der Sprecher die Bedeutung einer Aussage bestimmt. Hinzu treten die „Geschichte einer Idee“ und damit die Frage, wie und auf der Grundlage welcher Theoretiker (u.a. Bühler) das Kommunikationsquadrat entstehen konnte. Das Modell sei kein ideales Kommunikationsschema, es sei nicht normativ, sondern analytisch und vor allem ein Instrumentarium, das die Sensibilität der Gesprächspartner steigere und ihnen ein Bewusstsein von der Gleichzeitigkeit der vier Ebenen, von Sachebene, Appell, Selbstoffenbarung und Beziehung, vermitteln könne.

I, 2 widmet sich den „Maximen der Verständlichkeit“ und stellt damit Schulz von Thuns berühmte „vier Verständlichmacher“, nämlich Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und zusätzliche Stimulanz in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Inwieweit diese für die Wissenschaft gelten und wo die Grenzen der Verständigung liegen – dies sind zwei wesentliche Fragen des Kapitels. Das Konzept der vier Verständlichmacher, so Schulz von Thun, gelte es um die „kognitive Empathie“ zu bereichern. Verständigung gelinge dann, „wenn beide Gesprächspartner aus dem Gesagten das tatsächlich Gemeinte erschließen“ (S. 52) könnten, doch die Essenz wirklich glückender Kommunikation liege in einer „energetischen Verbindung“ (S. 52) begründet.

In der Folge (I, 3: „Teufelskreis und Beziehungsdynamik“) richten die beiden Autoren ihr Augenmerk zunächst auf die in Watzlawicks Axiomen thematisierte „Interpunktion von Ereignisabfolgen“. Jeder bewerte den Beginn eines Konflikts anders, was in systemischer Optik so weit führen könne, dass Kategorien von Tätern und Opfer aufweichten. Obwohl Schulz von Thun betont, dass diese Kategorien eindeutig ihre Berechtigung behielten, entlarvt ein maximenartiger Einwurf das kategoriensprengende Grundgebot für „Opfer“: „Sei dir in dem Moment, wo du dich so eindeutig als Opfer fühlst, stets bewusst, dass du nicht ohnmächtig, sondern teilmächtig bist!“ (S. 59). Zum ersten Mal manifestiert sich in diesem Kapitel in voller Prägnanz das in Schulz von Thun stets präsente Bemühen um Ausgleich des Gegensätzlichen, das in seinem „humanistisch-systemischen Menschenbild“ (S. 63) paradigmatisch hervortritt. Obwohl er Watzlawicks Warnung doch „kein Gulasch“ zu machen, noch im Ohr hat, kann er nicht anders als die inspirierende Kraft einer „dialektischen Gleichzeitigkeit des Verschiedenen“ (S. 64) zu rühmen. Im Gegensatz zu Pörksen bleibt er unbeirrt in seiner Grundauffassung der Interdependenz von Individuum und Kollektiv

„Das Ideal der Stimmigkeit“ (I, 4) beginnt mit einer Skizzierung des „narzisstischen Dilemmas“ (Narzissmus als „Schlüsselqualifikation“ einerseits und „Charakterdefizit“ andererseits) und umrandet dann die Frage authentischer, stimmiger Kommunikation. Letztere sei ebenfalls doppelt konturiert, denn sie umfasse „die Begegnung von Mensch zu Mensch und von Rollenhut zu Rollenhut“ (S. 81), mit anderen Worten: Stimmigkeit mit sich selbst und mit der Situation wäre der Idealfall. Möglichkeiten des Verfehlens der Stimmigkeit bestehen in die eine oder andere Richtung. Das Ideal begründe jedoch, so legt Schulz von Thun dar, lediglich eine „Souveränität erster Ordnung“ (S. 87). Eine „Souveränität höherer Ordnung“ (S. 87) beinhalte zwar ebenfalls die bestmögliche Stimmigkeit, markiere aber den Abschied von der Perfektion und rechne damit, dass auch in den glanzvollsten Auftritten die Schattenseiten des Menschseins hervortreten könnten.

Ohne jeden Zweifel bilden die beiden folgenden Kapitel die Höhepunkte der Gespräche. Sie führen zum einen hin zur „Kommunikation mit dem inneren Menschen“ (I, 5) und zum anderen zu „Wertequadrat und Menschenbild“ (I, 6). Dass das Ich aus einer Vielzahl von Instanzen besteht, ist nicht erst seit Sigmund Freud eine weitverbreitete Erkenntnis. Schulz von Thun räumt auf mit der Idee, dass die Pluralität innerer Stimmen per se pathologisch sei. Das „innere Team“, die „innere Gruppendynamik“ (S. 93) könne ganz im Gegenteil zur „Selbstklärung“, zur „inneren Teamentwicklung“ und letztendlich zu einer fruchtbaren inneren „Mannschaftsaufstellung“ hinführen (S. 95). Dem Menschen obliege es, die Teammitglieder in ihrer Vielfalt und Differenz anzunehmen und zu integrieren. Dies belegt Schulz von Thun mit dem passenden persönlichen Beispiel einer inneren Teambesprechung. Daneben zeugt dieses Kapitel von der Kraft der Bildlichkeit: das „innere Team“ sei eine kraftvolle variable Metapher und indiziere eine „Demokratisierung der Psychoanalyse“ (S. 111) insofern, als „Widerstand, Verdrängung oder Projektion“ (S. 111/112.) mit dem Modell gefasst werden könnten. Im Gegensatz zu Freuds Credo kann das Ich im Team meistens „Herr im Haus“ sein, eine „ordnungsstiftende Instanz“ (S. 113), der es gelingen mag „aus der Not des inneren Gegeneinanders und Durcheinanders eine Tugend des Miteinanders von Unterschiedlichem“ (S. 113) zu machen.

Danach stehen Schulz von Thuns ontologische Grundüberzeugungen und seine humanistische Ethik im Fokus der Gespräche (I, 6). Der Mensch sei ein Doppelwesen, Säugetier und geistiges Wesen, er brauche Wurzeln und Flügeln. Und das „Geheimnis des glückenden Lebens“ liege „in der Koexistenz und der Integration von polaren Gegensätzen, die logisch unvereinbar erscheinen mögen, aber doch in der Psycho-Logik des eigenen Lebens zu einer einander ergänzenden Einheit und einer anspruchsvollen Dialektik finden können“ (S. 117). Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, es sei denn, die sogenannte „Regenbogenqualität“ (S. 117), die eine Hinwendung zum Komplementären und eine Anleitung zum dialektischen Denken gleichermaßen in ihrem Gefolge führt. „Regenbogen-Qualitäten“ beziehen sich immer auf die Integration von Gegensätzen, implizieren, dass zwischen einer Tugend A und einer „Schwestertugend“ B Komplementarität vorhanden sei. Aus der Hypertrophie der Tugenden ergeben sich die entsprechenden Untugenden, die einander diametral entgegengesetzt sind. In Schulz von Thuns Hauptbeispiel fungieren „Sparsamkeit“ und „Großzügigkeit“ als Tugenden, „Geiz und Verschwendung“ als Untugenden. Das Ideal liege nicht exakt zwischen den komplementären Tugenden, sondern verstehe sich als „dynamische und dialektische Balance zwischen zwei positiven Qualitäten, die in eine Ergänzungspartnerschaft zu bringen sind“ (S. 121). Ein Blick auf die humanistische Psychologie von Carl Rogers, der sich Schulz von Thun nahe fühlt, die Frage nach Freiheit und Konditionierbarkeit des Menschen und sich ein daraus ergebender Schlenker zum berühmten Experiment von Stanley Milgram runden das Kapitel ab. Auf die Frage nach der Natur des Menschen, so Schulz von Thun, gebe es keine einfache Antwort, sondern viele widersprüchliche Erkenntnisse müssten in Betracht gezogen werden.

Der zweite Teil des Buchs beinhaltet mögliche Anwendungsfelder des Wertequadrats; die mit ihm verbundene Dialektik gilt es nun im Hinblick auf konkrete Situationen des menschlichen Miteinanders zu funktionalisieren. Im Rahmen der „Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“ (II, 1) unterstreicht Schulz von Thun zunächst, dass jede Beratung den Führungskräften helfen soll sich selbst zu helfen. Der kommunikationsgeschulte Supervisor oder Coach definiert sich nicht „als Lösungsexperte, sondern als Experte der Heuristik, des Herausfindens“ (S. 140). Dem Ideal der „integralen Führungskraft“ (S. 144) sind in Anlehnung an das Riemann-Thomann-Modell die „existenziell bedeutsamen Grundstrebungen“ von „Nähe und Distanz, Dauer und Wechsel“ (S. 145) immanent. Darüber hinaus lassen sich die Widersprüche, mit denen eine solche Führungskraft konfrontiert ist, erneut in einem Wertequadrat fassen. Letzteres ist zusätzlich im Kontext von Mitarbeitergesprächen zu nutzen um adäquates Feedback zu ermöglichen. Gegen Ende des Kapitels erläutert Schulz von Thun, auf den von ihm propagierten metakommunikativen Führungsstil angesprochen, dass sich inzwischen die „Metakommunikations-Euphorie“ etwas relativiert habe und er deutlich zwischen expliziter und impliziter Metakommunikation unterscheide, der direkten und indirekten Thematisierung der Kommunikation.

In der „Kommunikationspsychologie für Pädagogen“ (II, 2) erstreckt sich die Applikation des Wertequadrats grundlegend auf die Dichotomie von „Bildhauer“ und „Gärtner“ (S. 162) – der eine gestaltet, der andere lässt wachsen. Die Hypertrophie der einen Geste führe zur „pädagogischen Penetranz“, die der anderen zur „pädagogischen Abstinenz“. Beide „Schwestertugenden“ seien unabdingbar für eine gelungene Didaktik. Sie finden sich auf anderer Ebene im auf die Pädagogik bezogenen Riemann-Thomann-Modell, das als „vier Himmelsrichtungen der Pädagogik“ als Endpunkte einer vertikalen Achse „Regeln, Struktur, Disziplin“ und „Spielraum, Humor“ sowie als Endpunkte der horizontalen Achse „Bindung, Liebe, Schutz“ und „Loslassen, Selbstständigkeit, Zumuten“ (S. 163) enthält. Mit einer Skizze zu seiner eigenen Schulzeit veranschaulicht Schulz von Thun den pädagogischen Teufelskreis der immerwährenden Verstärkung von Defiziten, bevor er am Ende des Kapitels pädagogische Fachkräfte dazu ermutigt, den „Schwanenblick“ zu trainieren. „Im gegenwärtigen hässlichen Entlein“ erkenne dieser „bereits den zukünftigen Schwan“, dürfe „aber das Entlein doch nicht ganz aus den Augen verlieren“ (S. 172).

Dass sich das Kommunikationsquadrat auch für die Analyse interkultureller Kommunikation heranziehen lässt, dass mit ihm Ähnlichkeiten und Unterschiede einer kulturellen Begegnung betrachtet werden können, zeigt Kapitel II, 3 („Kommunikationspsychologie und Realitätskonstruktion in der interkulturellen Kommunikation“). Des Weiteren führt Schulz von Thun auf der Grundlage eines Beispiels von Pörksen vor (ein Amerikaner, ein Japaner und ein Deutscher befinden sich gemeinsam im Restaurant und kritisieren auf unterschiedliche Weise das Essen), dass sich das Wertequadrat auch zum Kulturquadrat umwidmen lässt. Ebenso auf überzeugend zu einem Werte- und Kulturquadrat verknappt erscheinen in einer Abbildung (S. 182) die kulturprägende Opposition von Kollektivismus und Individualismus sowie ihre hypertrophen Formen der „totalitären Selbstlosigkeit“ und des Egozentrismus. Zu guter Letzt diskutieren Pörksen und Schulz von Thun in diesem Kapitel über die Frage, was im Allgemeinen unter Kultur verstanden wird. Sehr schnell gelangen sie dann zu einer Auseinandersetzung über epistemologische Grundfragen des menschlichen Daseins: während Schulz von Thun deutlich zwischen einer „Wirklichkeit erster Ordnung“ und einer „Wirklichkeit zweiter Ordnung“ differenziert, sich selbst als „ziemlich unbekümmerten Doppeldenker, der Faktizitätsglauben und Konstruktivismus miteinander kombiniert“ (S.186), etikettiert, spricht sich Pörksen mithilfe guter Beispiele gegen eine solche klare Trennung aus. Am Ende steht hier eine durchaus als fröhlich zu klassifizierende Aporie.

Der Band endet mit einem kurzen Kapitel (III – Die letzten Fragen. Das Glück und der Tod) in einem Guss und dem darin angebotenen existenziellen Wertequadrat, das die „Schwesterntugenden“ der „eigenverantwortlichen Selbstbestimmung“ und der „Schicksalsdemut“ sowie als ihre exzessiven Formen „Omnipotenzwahn, Machbarkeitsglaube, Hybris“ und „resignativer Fatalismus“ aufweist (S. 198). Im Kontext grundsätzlicher Fragen liefert das „Riemann-Thomann-Modell“ erneut gute Impulse. Die vertikale Achse mit den Koordinaten Dauer und Wechsel, die horizontale Achse mit den Punkten Nähe und Distanz beinhalten vier Fragen, ausgerichtet an den vier Koordinaten, die den „Engelskreis“, die Dynamik von „Selbstfürsorge“ und „Selbsttranszendenz“, in Bewegung bringen können. Vor dem Hintergrund der „Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 204) plädiert Schulz von Thun dafür – Rilke und einen unbekannten Dichter zitierend – „die Fragen selbst lieb zu haben“ (S. 207) und mit dem Leben der Fragen eines Tages in die Antwort hineinzuleben (vgl. S. 208). Dies ist ein überaus passender Schlussakkord.

Diskussion

Die unüblich lange Darstellung des Inhalts hebt die Vielfalt des Dargebotenen hervor. Wer Friedemann Schulz von Thuns Kommunikationstheorie kennt, könnte das Buch einerseits wohl als fundiertes Repetitorium benutzen, würde dabei andererseits aber schnell feststellen, dass die Dialoge bei Weitem nicht nur diesem Anspruch gerecht werden. Indem sich Pörksen und Schulz von Thun mit der Wahl der Dialogform in eine der ältesten Traditionen des Philosophierens stellen, führen sie im Zwiegespräch gelungene Kommunikation in actu vor, dynamisieren die vorliegenden Erkenntnisse und erweitern diese. Die Leser haben direkt teil an dieser Illusion der Unmittelbarkeit des Gesprächs, sind aufgerufen selbst ihren Beitrag dazu zu leisten, weiterzudenken und es – so wie Schulz von Thun - nicht beim Theoretischen zu belassen, sondern Parameter der Kommunikationspsychologie in der Praxis zu erproben.

Pörksen folgt im Allgemeinen einer guten Fragetechnik. Mit vielen Anekdoten und Beispielen, so etwa mit dem Verweis auf den Nonsensaufsatz von Alan Sokal (S.36), verlebendigt er das Gespräch. An anderen Stellen insistiert er aber auf Dingen, die keiner Nachfrage bedurft hätten (so etwa im Abschnitt über „Autonomie und Abhängigkeit“, S. 65), und völlig unpassend wirkt es, dass er sich zu Beginn des letzten Teils mit der wörtlichen Übernahme aus dem Vorwort selbst zitiert (S. 13, S. 194).

Meistens, passend zur Form des Interviews, sind die Redeanteile Schulz von Thuns eindeutig höher. Nur in Teil II, 3 geraten die Positionen in Ansätze einer Schieflage. Bei den dort verhandelten Themen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie über Schulz von Thuns angestammtes Beschäftigungsfeld hinausgehen, vielleicht von Pörksen in die Gespräche hineingezwungen wurden. Bei Dingen, die dem Leser unmittelbar einleuchtend erscheinen, hakt der Systemiker Pörksen nach, trägt aber gerade mit dieser Haltung dazu bei, dass ein zwar noch moderates, nichtsdestoweniger aber hochgradig spannendes Streitgespräch entsteht, das auf einer Metaebene genau das produziert und praktiziert, was als Wesenskern der Gespräche gelten kann: die Simultaneität der vier Kommunikationsebenen, doch nicht nur dieses. Die am lebendig-dynamischen Austausch Beteiligten bewegen sich nicht nur im Spannungsfeld von humanistischer und systemischer Betrachtung, sondern lavieren auch zwischen Wirklichkeiten erster und solcher zweiter Ordnung. Sie sind, dem korrespondierend, mit einer inneren Haltung versehen, die den nicht-direktiven Anforderungen des vormals skizzierten Wertequadrats entspricht. Und gerade der Diskurs über dieses ist, neben dem Kommunikationsquadrat selbst, als Hauptthema der vorliegenden Publikation zu bezeichnen. Ob jede Eigenschaft ihre konträre Eigenschaft findet, sei dahingestellt, die Suche danach mag manchmal intellektuell herausfordern, und das ist auch gut so. Doch all dies ist eigentlich nur bedingt relevant: was zählt und was als erstes Verdienst des Buches gelten kann, ist es zu demonstrieren, dass sich Kommunikation im Besonderen, der verbale Austausch, und menschliches Miteinander im Allgemeinen, sozusagen das Makro der Kommunikation, zwischen einander entgegengesetzten, konträren, ab und an in Opposition zueinander stehenden, antithetischen, Grundqualitäten vollziehen: so ist im Idealfall anstelle eines simplen „Entweder-oder“ die Emergenz eines „Sowohl-als auch“ zu beobachten. Damit ist kein einfaches und statisches Nebeneinander gemeint, erst recht kein Punkt in der Mitte, sondern ein dynamisches Ausbalancieren, Austarieren, Aushandeln des Gegensätzlichen, das eine klare Positionsbestimmung in der Sache erlaubt. So erweitert sich gelungene Kommunikation zur Lebenskunst.

Von dieser Ambivalenz des Gegensätzlichen, von der „dialektischen Gleichzeitigkeit des Verschiedenen“ (S. 64), die ihn inspiriere, leitet Schulz von Thun die These ab, dass „Psychologie als Wissenschaft ein Treffpunkt, nämlich von Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften“ (S. 65) sei. Zumindest, so schränkt er ein, sollte es so sein. Wenn diese These, so lässt sich weiterführend bemerken, zwar nicht allgemeingültig ist, so trifft sie doch auf die Persönlichkeit Schulz von Thun zu. In einem Kreislauf, einer anderen Art von „Engelskreis“ scheint Psychologie als „prima inter pares“ auf als Leitwissenschaft, setzt sich von dort aus in die Lebenspraxis hinein fort, kehrt mit der Kunst der Verständigung in die Wissenschaft zurück, durchläuft das Stadium eines in der Sache selbst liegenden Anspruchs der Interdisziplinarität, um von dort aus zur Psychologie zurückzukehren usw. Dies bedeutet nicht nur die Absage an den Absolutheitsanspruch des Fachspezialistentums, sondern ebenfalls die Präsenz von lediglich partiell wissenschaftlich geformter Persönlichkeit. Und in der Tat offenbart sich hier ein weiteres Positivum des Buches: Schulz von Thun, allseits bekannt als Entwickler von Theorien und Verfasser von Lehrbüchern, tendenziell eher als „graue Eminenz im Hintergrund“, glänzt hier als facettenreicher und plastischer Charakter, wächst im Zuge der Lektüre zu einem Menschen empor, der Höhen und Tiefen des Lebens kennt und auch (nicht zum ersten Mal) das Eingeständnis nicht scheut kein guter Schüler gewesen zu sein. Die Dialoge mit Pörksen konstruieren auch in dieser Hinsicht ein Spannungsfeld: von der Selbstbezeichnung „Dummie“, vom zwölfjährigen Pennäler in ihm, der Skizzen zur Veranschaulichung komplexer Sachverhalte brauche (S. 43/44), bis hin zur charismatischen Führungskraft, der es gelingt – abgesehen vom „Nulpen-Feedback“ (S.155) – einen stärkeorientierten Blick auf ihre MitarbeiterInnen zu richten und sie auf der Grundlage des „Wertequadrats als Feedbackquadrat“ in der Entwicklung ihres Potenzials zu fördern (vgl. S. 150-155).

Fazit

Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun haben ein sehr facettenreiches und sehr dichtes Buch gleichermaßen vorgelegt. Es lädt dazu ein das Kommunikationsquadrat mit der Fülle seiner Implikationen neu zu entdecken und an einem Gespräch zu partizipieren, das auf der Grundlage des Bekannten neue Erkenntnisse hervorbringt und in der Praxis des Dialogs dynamisiert. Im Austausch der beiden Wissenschaftler wird die lebenspraktische Relevanz eines großen theoretischen Wurfs vorgeführt und oftmals mit Anekdoten angereichert. Nicht nur allen, die wissen möchten, was es mit Alan Sokals Quatsch (S. 36), den Marxisten in der Vorlesung (S.49), der Wutrede von Abraham Maslow (S.75) oder Roger Willemsen, den Taliban und einem in diesem Fall nicht ganz so stillen Örtchen auf sich hat (S.177-179), sei dieses Buch empfohlen, sondern auch und vor allem jenen, die sich mit Kommunikation auseinandersetzen wollen und/oder müssen. Sollte es ein „Müssen“ sein, entsteht im Zuge der Lektüre zweifelsohne ein „Wollen“.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 04.03.2015 zu: Bernhard Pörksen, Friedeman Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. ISBN 978-3-8497-0049-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17892.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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