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Germo Zimmermann: Anerkennung und Lebensbewältigung im freiwilligen Engagement

Cover Germo Zimmermann: Anerkennung und Lebensbewältigung im freiwilligen Engagement.. Eine qualitative Studie zur Inklusion benachteiligter Jugendlicher in der Kinder- und Jugendarbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 321 Seiten. ISBN 978-3-7815-2005-9. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR, CH: 61,90 sFr.
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Thema und Autor

Germo Zimmermann untersucht in diesem Band die positiven Auswirkungen freiwilligen Engagements auf Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen. Auf der Basis von vierzehn qualitativ-empirischen Interviews – geführt im Kontext der verbandlichen Jugendarbeit des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) – entwickelt er ein theoretisches Modell, das zugleich als Qualitätsraster inklusiver Jugendarbeit auf die Praxis zurückgespiegelt werden kann. Das Buch geht zurück auf die Gießener Dissertationsschrift des Verfassers aus dem Jahr 2014. Germo Zimmermann ist derzeit designierter Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit an der Internationalen CVJM-Hochschule, University of Applied Sciences, in Kassel.

Aufbau

Das Buch gliedert sich fünf größere Teile:

  1. Einen Forschungsüberblick, der verschiedene relevante Diskurse vom Ehrenamt bis zur Benachteiligung zusammenführt und auf die eigenen Forschungsfragen hin bündelt (13-56).
  2. Eine Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten, die die Bausteine für das von Zimmermann entwickelte Theoriemodell bereitstellen; entsprechend dem Titel der Studie findet hier eine Auseinandersetzung mit den Konzepten der Lebensbewältigung (v. a. Böhnisch) und der Anerkennung (v. a. Honneth) statt (57-84).
  3. Einen Abschnitt zum methodischen Design der Studie, in welchem das an der Grounded Theory orientierte Vorgehen transparent gemacht wird (85-120).
  4. Den Hauptteil der Arbeit, in dem die empirischen Ergebnisse der Studie mit zahlreichen Zitaten aus den Interviews vorgestellt werden. Die Gliederung dieses Abschnitts orientiert sich – sehr lesefreundlich – bereits an dem theoretischen Modell, das Zimmermann aus der Analyse der Interviews gewonnen hat (121-252).
  5. Einen Schlussteil, der die Ergebnisse thesenartig zusammenfasst und Schlussfolgerungen für Jugendarbeit, Jugendpolitik und Forschung zieht (253-282).

Inhalt und Diskussion

Wie aus dem Aufbau der Arbeit erkenntlich, kommt dem erwähnten ‚theoretischen Modell‘ eine Schlüsselrolle in Zimmermanns Buch zu. Dieses Modell strukturiert nicht nur den Argumentationsgang, es ist vor allem das wesentliche Resultat der empirischen Untersuchung und die Kernthese, die von dort aus in Forschung und Praxis zurückgespielt werden soll. Wie sieht dieses Modell aus? Die Kurzformel, die der Autor dafür anbietet, lautet: „Soziale Inklusion durch Anerkennung im freiwilligen Engagement“ (55 f., 122 ff. u. ö.).

‚Soziale Inklusion‘ wird dabei als Zielkategorie zugrunde gelegt. In diesem Sinne umfasst soziale Inklusion eine Vielzahl von untergeordneten Zielsetzungen, wobei Zimmermann v. a. auf „Persönlichkeitswachstum, Kompetenzerwerb, Sozialintegration und gesellschaftliche Integration“ fokussiert.

Das negative Ausgangspunkt gegenüber dem Ziel sozialer Inklusion, also die Problematik von Jugendlichen in benachteiligten Lebenslagen, fasst Zimmermann unter den Oberbegriff der „Instabilität“ (124 ff.). Darunter versteht er insbesondere instabile Lebensverhältnisse (unstrukturierter Alltag, häufige Umzüge, geringes ökonomisches Kapitel etc.), instabile Familienverhältnisse (unsichere Bindungen, u. U. Gewalt etc.), ein instabiler Bildungsweg (Schwierigkeiten in Schule oder Ausbildung), Erfahrungen von Ausgrenzung und Missachtung (Mobbing, Geringschätzung etc.) und in der Folge eine Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit.

Dasjenige Dritte, das in Zimmermanns Modell zwischen jener Situation der Instabilität und dem Ziel der sozialen Inklusion vermittelt, ist die Anerkennung, die im freiwilligen Engagement erfahren wird (152 ff.). Hierfür macht sich der Autor insbesondere A. Honneths Theorie der Anerkennung zu nutze. Mit ihr interpretiert er die vorgängig in den Interviews geäußerten positiven Mechanismen freiwilligen Engagements als zu drei wesentlichen Formen der Anerkennung gehörig. Anerkennung werde hier erstens als Zugehörigkeit erfahren (152 ff.): Jugendliche erleben sich als akzeptierter Teil einer Gruppe, als geschätzt von relevanten Bezugspersonen sowie als eingebunden in eine Art niedrigschwelliger Wertgemeinschaft (hier, im CVJM, christlicher Prägung). Zweitens werde Anerkennung in Form der Partizipation erlebt (185 ff.): Durch die Möglichkeit, sich zu beteiligen und Verantwortung zu übernehmen, steigt die Selbstachtung von Jugendlichen, sie fühlen sich ernst genommen; ein Prozess den Zimmermann auch mit Begriffen des Empowerment beschreibt. Drittens und zuletzt äußere sich Anerkennung hier als Wertschätzung (218 ff.): Damit ist vor allem gemeint, dass Jugendliche nicht nur grundsätzlich als Person akzeptiert werden, sondern auch für konkrete Leistungen oder Eigenschaften positives (oder bisweilen auch negatives) Feedback bekommen. In allen drei Formen werden schließlich Fähigkeiten erlernt und Erfahrungen angebahnt, die sich als hilfreich für den Prozess der Lebensbewältigung (im Sinne von Böhnisch u. a.) beschreiben lassen.

Zimmermann betont in seiner Studie wiederholt, dass dieses theoretische Modell aus den tatsächlichen Berichten der Jugendlichen in den qualitativen Interviews rekonstruiert wurde und nicht bloß theoretisch hergeleitet wurde. Mit den zahlreichen und überaus anschaulichen und aussagekräftigen Zitaten gelingt es Zimmermann m. E. auch, dies schlüssig zu belegen. Umso höher ist darum die synthetische Leistung einzuschätzen, mit der der Verfasser die vielfältigen Einlassungen der Jugendlichen vor dem Hintergrund der angesprochenen Theoriekonzepte interpretiert. Damit gelingt ihm nicht nur eine anregende Darstellung von Innenansichten benachteiligter Jugendlicher im freiwilligen Engagement, sondern zugleich die Entwicklung eines anspruchsvollen Modells, das eine inklusiv ausgerichtete Praxis der Jugendarbeit anleiten kann.

Wie jede Studie, so hat selbstverständlich auch diese ihre Grenzen. Sie liegen insbesondere darin, dass – wie Zimmermann selbst immer wieder betont (48 u. ö.) – hier nur ‚gelingende‘ Fälle der Partizipation untersucht wurden. Das heißt, es wurden nur Jugendliche interviewt, die bereits seit mindestens sechs Monaten stabil mitarbeiten. Jugendliche, die sich nicht für eine Mitarbeit gewinnen ließen, oder die aus der Mitarbeit früh wieder ausschieden (,Dropouts‘), kommen nicht in den Blick. Diese Begrenzung hat allerdings vorrangig forschungspraktische Gründe: Die mögliche innere Problematik freiwilligen Engagements in besagten Kontexten zu untersuchen, würde eine zweite, eigenständige Studie erfordern und wäre diese sicher auch wert. Zugleich dürfte es den Leserinnen und Lesern aber nicht schwer fallen, aus den von Zimmermann rekonstruierten Gelingensfaktoren die Schwierigkeiten und Fallstricke einer solchen Praxis für sich abzuleiten.

Fazit

Germo Zimmermann ist in diesem Buch eine durchweg gut lesbare und klar strukturierte Studie geglückt, die sowohl ein reiches Anschauungsmaterial als auch ein fundiertes theoretisches Modell zu den positiven Effekten eines freiwilligen Engagements von benachteiligten Jugendlichen präsentiert.


Rezensent
Tobias Braune-Krickau
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg, Fachgebiet Praktische Theologie
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Zitiervorschlag
Tobias Braune-Krickau. Rezension vom 23.03.2015 zu: Germo Zimmermann: Anerkennung und Lebensbewältigung im freiwilligen Engagement.. Eine qualitative Studie zur Inklusion benachteiligter Jugendlicher in der Kinder- und Jugendarbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-2005-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17908.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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