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Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin (Hrsg.): Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege

Cover Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin (Hrsg.): Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege. verlag das netz (Berlin) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-86892-107-6. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Das „Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege“ konkretisiert den Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag und ist der fachliche Orientierungsrahmen für das pädagogische Personal in Berliner Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegestellen.

Autorenteam

Das Bildungsprogramm wurde durch ein Autorenteam unter Leitung von Dr. Christa Preissing entwickelt. Sie ist Direktorin des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung (BeKi) und Vizepräsidentin der Internationale Akademie Berlin (INA). Neben dem Berliner Bildungsprogramm hat sie auch die Leitung bei der Erstellung der Hamburger Bildungs- und Erziehungsempfehlung inne. Des Weiteren besteht die Autorengruppe aus PraxisvertreterInnen, Fachkräften aus Fort- und Weiterbildung, WissenschaftlerInnen und FachlererInnen.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2004 erschien das erste „Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zu ihrem Schuleintritt“. Das hier besprochene Berliner Bildungsprogramm ist eine aktualisierte Neuauflage der ersten Veröffentlichung und wurde von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft zu Berlin herausgebracht.

Aufbau und Inhalt

Das Berliner Bildungsprogramm (180 Seiten, mit großflächigen Bildern) gliedert sich in insgesamt acht Kapitel.

Im ersten Kapitel (S.13-25) wird das Bildungsverständnis, welches dem Berliner Bildungsprogramm, kurz BBP, zugrunde liegt dargestellt. Je nach Alter und Entwicklung vollzieht sich Bildung in einem der drei folgenden Bereiche: „das Kind in seiner Welt, das Kind in einer Kindergemeinschaft, Weltgeschehen erleben, Welt erkunden und mitgestalten“ (S.14). In kurzen Abschnitten wird erläutert, was dies in Zusammenhang mit Sprache, Bindung, Beteiligung, Inklusion, Vielfalt, Gesundheit, Resilienz und Werten für das pädagogische Personal bedeutet. Anschließend werden Qualitätskriterien und Indikatoren für die Orientierungsqualität der pädagogisch Handelnden genannt.

Im zweiten Kapitel (S. 27-29) geht es um pädagogische Ziele der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung und deren Begründungen. „Die Ziele sind gegliedert in Ich-Kompetenzen, Sozialkompetenzen, Sachkompetenzen und lernmethodische Kompetenzen“ (S.27). Neben der Erläuterung des Kompetenzbegriffes werden Ziele formuliert, wie ein Kind in diesen Kompetenzbereichen gestärkt und gefördert werden kann. Zudem werden Qualitätskriterien für die Orientierungsqualität des pädagogischen Handelns genannt.

Im dritten Kapitel (S. 31-43) werden Grundlagen für die Gestaltung von Bildungsprozessen beschrieben. Einleitend werden wissenschaftlich begründete Merkmale frühkindlicher Bildungsprozesse skizziert. Darauf aufbauend werden zentrale pädagogische Aufgaben benannt. Eingegangen wird insbesondere auf die Aufgabe Bildungs- und Entwicklungsprozesse zu beobachten und zu dokumentieren, den Kita-Alltag für Bildungsprozesse zu nutzen, das Spiel des Kindes zu unterstützen, Projektarbeit zu fördern und eine anregende Raumgestaltung für die Kinder zu verwirklichen. Zu jeder dieser Aufgaben werden Qualitätsansprüche und Qualitätskriterien für eine gute Praxis aufgeführt.

Im vierten Kapitel (S. 45-47) geht es um die Integration von Kindern mit Behinderungen und Förderbedarf. Es handelt sich dabei um ein neu hinzugefügtes Kapitel, das in der ersten Auflage des BBP noch nicht vorhanden war. Anstellte von „Inklusion“ wird in diesem Kapitel von „Integration“ gesprochen. „Integration hat dabei ebenso wie die Inklusion zum Ziel, auf die heterogenen Ausgangslagen von Kindern in Kitas einzugehen und sie möglichst auszugleichen“ (S.45). Neben den gesetzlichen Grundlagen wird die Zusammenarbeit mit den Eltern und Fachdiensten außerhalb der Einrichtung in kurzer Form dargestellt. Auch Qualitätsansprüche und Qualitätskriterien für gute Praxis werden genannt.

Das fünfte Kapitel (S. 49-53) behandelt die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern. In der ersten Auflage des BBP war dieses Kapitel als „Zusammenarbeit mit Eltern“ überschrieben. Es wird in einem einführenden Abschnitt die Bedeutung der Zusammenarbeit von Eltern, Kind und Einrichtung betont. Anschließend geht es um eine gelingende Kommunikation mit den Eltern. Des Weiteren wird auf die im Kinderförderungsgesetz (KitaFöG) geforderte Erziehungspartnerschaft zwischen Einrichtung und Eltern eingegangen und das Berliner Landesprogramm Familienzentrum vorgestellt. Qualitätsansprüche und Qualitätskriterien werden ebenfalls aufgezählt.

Das sechste Kapitel (S. 55-65) beinhaltet das Thema Übergänge. Im Gegensatz zur ersten Auflage wird nicht nur der Übergang von der Kita in die Grundschule thematisiert. In der zweiten Auflage des BBP wird ein breiteres Verständnis von Transitionen zugrunde gelegt. Behandelt wird der Übergang von der Familie in die Kita bzw. Kindertagespflege, von der Kita in die Grundschule und auch der Wechsel innerhalb der Einrichtung oder zwischen zwei verschiedenen Tageseinrichtungen. Daran anschließend wird jeweils zu den genannten Übergangssituationen die Perspektive der Familie, der Kinder und des Personals eingenommen und Qualitätsansprüche und Qualitätskriterien benannt.

Im siebten Kapitel (S. 67-167) werden die in den vorangegangen Kapiteln vorgestellten Orientierungen des Berliner Bildungsprogramms anhand von Bildungsbereichen konkretisiert. Die Inhalte, mit welchen jedes Kind in seiner Kita-Zeit in Kontakt kommen soll, sind in sechs Bereiche aufgeteilt:

  • Gesundheit
  • Soziales und kulturelles Leben
  • Kommunikation: Sprache, Schriftkultur und Medien
  • Kunst: Bildnerisches Gestalten, Musik und Theaterspiel
  • Mathematik
  • Natur – Umwelt – Technik

Im Gegensatz zur ersten Auflage von 2004 ist der Bildungsbereich „Musik“ in der aktualisierten Neuauflage von 2014 kein eigener Bereich, sondern zu „Kunst“ hinzugefügt worden. Für jeden Bildungsbereich wird zunächst die Bedeutsamkeit für die kindliche Entwicklung herausgestellt. Daran anschließend wird anhand des im ersten Kapitel vorgestellten Bildungsverständnisses jeder Bildungsbereich in drei Teilen behandelt:

  • „Das Kind in seiner Welt
  • Das Kind in einer Kindergemeinschaft
  • Weltgeschehen erleben, Welt erkunden und mitgestalten“ (S.14)

Für jede dieser drei Dimensionen werden zunächst Erkundungsfragen für das pädagogische Personal aufgelistet. Diese sollen helfen, die Praxis fachlich zu hinterfragen. Für den Bildungsbereich „Kommunikation: Kommunikation: Sprache, Schriftkultur und Medien“ in der Dimension „Das Kind in seiner Welt“ beziehen sich diese Fragen beispielsweise auf „das Kind in der Familie“ und „das Kind in der Kita oder Kindertagespflege“. Daran schließt der zweite Teil an, in dem Ziele für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Kindes formuliert werden. Diese sind den vier im zweiten Kapitel vorgestellten Kompetenzen zugeordnet. Im dritten Teil werden Anregungen zur Umsetzung in der Praxis aufgelistet.

Im letzten und achten Kapitel (S. 169-175) wird die Zusammenarbeit und Kommunikation im Team, die Aufgaben und die Verantwortung der Kita-Leitung und des Trägers thematisiert. Es werden Zusammenhänge und Anforderungen für eine gelingende Kommunikation in der Einrichtung beschrieben. Aber auch welche Voraussetzungen für die Gesundheit und das Wohlbefinden des pädagogischen Personals gegeben sein müssen, wird thematisiert. Sowohl für die Zusammenarbeit und Kommunikation im Team als auch für die Aufgaben und Verantwortung der Kita-Leitung und des Trägers werden jeweils ein Qualitätsanspruch und Qualitätskriterien formuliert.

Diskussion

Seit etwas mehr als zehn Jahren gibt es Bildungsprogramme bzw. Bildungspläne für Kindertageseinrichtungen, in denen die Bundesländer den pädagogischen Auftrag und seine Umsetzung beschreiben (vgl. Textor, 2014). Sie konkretisieren den im Sozialgesetzbuch formulierten Förderauftrag (§22 SGB VIII) und den gemeinsamen Beschluss der Jugend-und Kultusminister „Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“ (JKM/KMK, 2004).

Die Länder gingen bei der Erstellung recht unterschiedlich vor. Dies wird nicht nur an den unterschiedlichen landespezifischen Benennungen deutlich (vgl. Diskowski, 2009, S.51f). Auch im Grad der Konkretisierung unterscheiden sich die Bildungsprogramme deutlich (vgl. Textor, 2014). Das Berliner Bildungsprogramm liegt mit seinen 180 Seiten hinsichtlich des Umfangs im mittleren Bereich. Den größten Teil des Buches nimmt die Erörterung der einzelnen Bildungsbereiche ein. Es wird darauf verzichtet, konkrete pädagogische Angebote zur Umsetzung der benannten Ziele zu formulieren. Das in den Kapiteln 1-6 beschrieben Bildungsverständnis und die Grundlagen pädagogischen Handelns werden konsequent mit den in den Bildungsbereichen formulierten Inhalten in Verbindung gebracht. Im Vergleich zur ersten Auflage wurden aktuelle Entwicklungen verstärkt aufgegriffen, wie z.B. Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern, Übergänge im Lebenslauf und Kindertagespflege. Ein echter Mehrwert der Neuauflage ist die Auflistung der Qualitätsansprüche und Qualitätskriterien in den einzelnen Kapiteln. Diese geben Orientierung und können für eine interne oder externe Evaluation pädagogischer Arbeit herangezogen werden (vgl. Jahreiß, 2015). Dadurch wird eine verbindliche Qualitätsentwicklung auf der Grundlage des Bildungsprogramms erheblich erleichtert. Weitgehend verzichtet wurde darauf, aktuelle zentrale Ergebnisse aus der Kindheitsforschung zu erläutern und für die Praxis gewinnbringend darzustellen. Der wissenschaftlich interessierte Leser findet kaum weiterführende Literaturangaben zu einschlägigen Forschungsergebnissen. Auf wenige Forschungsergebnisse wird verwiesen, ohne diese selbst zu diskutieren.

Fazit

Das Berliner Bildungsprogramm konkretisiert in leicht verständlicher Art und Weise die Ziele pädagogischer Arbeit in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege. Damit erhält nicht nur das pädagogische Personal, sondern auch interessierte Lehrerinnen und Lehrer oder Eltern einen fundierten Einblick in das Verständnis von institutioneller Bildung, Erziehung und Betreuung in Berlin.

Das auf Basis des Situationsansatzes entwickelte Bildungsprogramm versucht gar nicht erst, konkrete pädagogische Angebote vorzugeben, die dahingehend fehlinterpretiert werden könnten, alle Kinder müssten diese Angebote durchlaufen. Das Berliner Bildungsprogramm bleibt offen genug, um auf individuelle Gegebenheiten zu reagieren und ist zugleich mit den beschriebenen Qualitätsansprüchen und Qualitätskriterien nicht beliebig.

Literatur

  • Diskowski, D. (2009). Bildungspläne für Kindertagesstätten – ein neues und noch unbegriffenes Steuerungsinstrument. In H.-G. Rossbach & H.-P. Blossfeld (Hrsg.), Frühpädagogische Förderung in Institutionen (S. 47-61). Wiesbaden: Springer VS.
  • Jahreiß, S. (2015) Interne Evaluation – Sicherung und Entwicklung pädagogischer Qualität. In: TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik Leben, Lernen, Arbeiten in der Kita. Evangelische Fachzeitschrift für die Arbeit mit Kindern. Ausgaben Nr. 4/2015. S. 48-51.
  • JMK & KMK (2004) Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. (Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.05.2004/Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004). Online, verfügbar unter http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_03-Fruehe-Bildung-Kindertageseinrichtungen.pdf (04.08.2015).
  • Textor, M. R. (2014) Erziehungs- und Bildungspläne. Online, verfügbar unter http://www.kindergartenpaedagogik.de/1951.html (12.08.2015).

Rezensent
Samuel Jahreiß
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziale Arbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
Homepage www.ku.de
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Zitiervorschlag
Samuel Jahreiß. Rezension vom 02.09.2015 zu: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin (Hrsg.): Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege. verlag das netz (Berlin) 2014. ISBN 978-3-86892-107-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17947.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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