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Timm Albers: Das Bilderbuch-Buch

Cover Timm Albers: Das Bilderbuch-Buch. Sprache, Kreativität und Emotionen in der Kita fördern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 138 Seiten. ISBN 978-3-407-62904-3. 19,95 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

„Wenn ein Bilderbuch geöffnet wird, öffnet sich für Kinder eine Tür zu einer anderen Welt“. Es ist eine Tautologie, dass (auch) Kinder Bücher für eine humane Entwicklung brauchen; und doch, das wissen wir längst, sind dem Zugang zur Print-Literatur, nicht zuletzt durch die zunehmende, scheinbar das Leben vereinfachende digitale Entwicklung, Grenzen und Mauern gesetzt. In der kulturellen, gesellschaftlichen Bildung gibt es eine Reihe von Initiativen und Lesekampagnen, die Kindern das Buch als Schreibstück fürs Leben anbieten; und in der Entwicklungspsychologie und Pädagogik wird intensiv darüber nachgedacht, welchen Einfluss geschriebene, erzählende Literatur auf die menschliche Bildung und Erziehung hat. Die Kinderbuchliteratur hat im allgemeinen in der Wertschätzung der Erwachsenen einen hohen Stellenwert. Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren drückt dies (1956) so aus: „Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit“. Schaut man sich in Buchhandlungen um oder blättert in Buchkatalogen, fällt auf, dass Kinderbücher meist in Augen- und Griffhöhe präsentiert werden. Die ersten Bücher, die Kinder in die Hand nehmen, sind Bilderbücher: „Die ersten Erfahrungen mit Büchern sind damit nicht nur besonders wichtig für den Spracherwerb, sondern stellen für Kinder auch erste Begegnungen mit unserer Schrift- und Lesekultur dar“.

Entstehungshintergrund und Autor

In der Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass beim Werden des Menschen, neben der pränatalen Phase die ersten drei Lebensjahre von Kindern am wichtigsten für eine gesunde, gelingende Lebensentwicklung sind. Vorlesen, Anschauen und Betasten von Bilderbüchern werden als hilfreiche Rituale von Erwachsenen bei der Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern betrachtet. Weil Menschen nicht nur Lebewesen sind, die geboren werden, sondern auch zur Welt kommen müssen (Donata Elschenbroich, Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können, 17. Auflage, Verlag Antje Kunstmann, München 2003, 260 S.). Es sind meist stabile, aus nicht gesundheitsschädlichen Materialien wie Pappe oder anderen natürlichen Stoffen hergestellte Fühl- oder Spielzeugbücher mit großformatigen, bunten und einfachen Abbildungen, die bereits Säuglingen angeboten werden können und den Dialog des Kindes mit der Welt und den Erwachsenen ermöglichen.

Das Spezialgebiet des an der Universität Paderborn lehrenden und forschenden Erziehungswissenschaftlers Timm Albers ist Inklusive Pädagogik. Er ist davon überzeugt, dass die familiale und institutionalisierte Bildung und Erziehung eine wichtige, unverzichtbare Aufgabe haben, um die ersten und weiteren Bildungsprozesse bei Kindern zu ermöglichen und anzuregen. Die Potentiale dafür freilich fallen nicht vom Himmel oder sind bereits in den Genen festgelegt; vielmehr müssen sie helfend, sozial, kognitiv und emotional erworben werden. Er richtet deshalb in erster Linie sein „Bilderbuch-Buch“ an Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas, mit der Aufforderung, mit Bilderbüchern bei Kindern „die Freude an Sprache und Büchern zu wecken und aufrecht zu erhalten“.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und der Einführung, in der die Bedeutung von Bilderbüchern für die „Literacy„- Erziehung herausgestellt wird, nämlich “ Freude am Lesen, die Auseinandersetzung mit Texten und Geschichten, den Umgang mit Büchern, sprachliche und narrative Fähigkeiten, Deutung von Symbolen und Bildern sowie den Umgang mit neuen Medien wie Notebook, Tablets, Internet oder dem Fernsehen“ zu haben, wird das Handbuch in weitere fünf Kapitel gegliedert:

  • „Bilderbücher im Altersverlauf“
  • „Mit Bilderbüchern wachsen“
  • „Interaktion mit Bilderbüchern“
  • „Einbindung von Eltern“
  • „Gute Praxis“

Um Bilderbücher in ihrer Qualität und Wirksamkeit für die Erziehungs- und Bildungsarbeit einordnen und benutzen zu können, bedarf es der Kenntnis und Auseinandersetzung mit den ersten Bilderbüchern, die Kindern bis zum Alter von ca. drei Jahren angeboten werden sollten. Dabei geht es nicht nur um Fragen nach den qualitativ-wertvollen Inhalten, sondern auch um kind- und entwicklungsgerechte Materialien. Welche Bilderbücher im Kindergarten eingesetzt werden sollten, lässt sich in einem Büchlein natürlich nicht umfassend behandeln. Der Autor behilft sich bei dem Dilemma damit, dass er beispielhaft einige Kinderbücher nennt und die Möglichkeiten der Verwendung in den Kitas diskutiert.

Angesichts der im Verlauf der nationalen und internationalen Bildungsvergleichsuntersuchungen ermittelten Defizite beim Spracherwerbsprozess bei Klein- und Schulkindern, setzen zum Teil hektische und kurzfristig terminierte gesellschaftliche Aktivitäten ein, die selten an die Wurzel von Entwicklungsverzögerungen und Benachteiligungen gehen. Deshalb haben Erzieherinnen und Erzieher in den frühen Bildungseinrichtungen eine enorm wichtige Aufgabe, Kindern mit Büchern das Heranwachsen zu erleichtern. Der Autor plädiert dabei nicht nur für eine Intensivierung des Erst-, sondern auch des Zweitsprachenerwerbs, wie auch zur stärkeren Betonung der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder und der Beachtung einer Werteerziehung. Anhand von Forschungsergebnissen und ausgewählten Bilderbüchern zeigt er Möglichkeiten und Methoden dazu auf.

Bilderbücher brauchen und fördern den Dialog, als das wichtigste Entwicklungs- und Verständigungsmittel von Menschen. Ein „dialogisches Bilderbuchlesen“ fördert nicht nur die Identitätsbildung, sondern auch die Kompetenz zum Erwerb und zur Benutzung der wesentlichen und grundlegenden Bildungsmittel, zu denen ohne Zweifel das Lesen, das Erzählen und Interpretieren von und mit Bilderbüchern gehören.

Es pfeifen mittlerweile die Spatzen von den Dächern, dass eine gelingende Bildung und Erziehung von Kindern nicht ohne die Einbeziehung von Eltern und Erziehungsberechtigten möglich ist. Ein Kind, das im Elternhaus und in den frühen Erziehungsprozessen keine Möglichkeit erhält, mit Bilderbüchern zu wachsen, wird in den weiteren Entwicklungsverläufen Schwierigkeiten zur Identitätsbildung und für eine gute Lebensführung haben. In der „Literacy“ – Erziehung wird davon ausgegangen, dass in einer idealen Familie mindestens 50 Bilderbücher vorhanden sind, die sich auf am Alter und den Interessen eines Kindes orientieren. Das heißt nicht, dass diese Anzahl von Bilderbüchern nun unbedingt gekauft werden müssen; vielmehr bedeutet das, in der Gesellschaft vorhandene Möglichkeiten der Buchausleihe aus Bibliotheken nutzen zu lernen und von den vielfältigen Angeboten, etwa in mehreren Orten aufgestellten öffentlichen Bücherschränken, zu profitieren.

Im letzten Kapitel des Handbuchs werden Beispiele vorgestellt, wie mit Bilderbüchern in Kindertageseinrichtungen umgegangen werden kann und wie sich Erzieherinnen und Erzieher in der Aus- und Fortbildung die Kompetenz aneignen können, den Wert von Bilderbüchern für Bildungs- und Erziehungsprozesse zu erfahren, etwa mit Hilfe eines Beobachtungsbogens, einer Analyse zur Bilderbuchbetrachtung. Hinweise auf Zugangsmöglichkeiten auf Literatur, Medien und Methoden zum Einsatz von Bilderbüchern in den Kitas zeigen auf, dass Bilderbücher, richtig ausgewählt und kompetent eingesetzt, wichtige Lebenshilfen sein können.

Fazit

Der Autor beansprucht mit seinem Handbuch keine umfassende Darstellung des intellektuellen und didaktischen Werts von Bilderbüchern; es geht ihm vielmehr darum, Aufmerksamkeit auf die (verkannte, vernachlässigte und falsch eingeschätzte?) Bedeutung von guten Bilderbüchern zu lenken und den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas Mut zu machen, das Bilderbuch als Mehr(wert) für eine gelingende Bildung und Erziehung von Kindern von ihrer Geburt bis zum Grundschulalter zu verstehen. Das Buch kann sicherlich für die Aus-, Fortbildung und Praxis der frühkindlichen Erziehung ein wichtiger Anreger und Mutmacher sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.01.2015 zu: Timm Albers: Das Bilderbuch-Buch. Sprache, Kreativität und Emotionen in der Kita fördern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-62904-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18028.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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