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Diemut König: Die pädagogische Konstruktion von Elternautorität

Cover Diemut König: Die pädagogische Konstruktion von Elternautorität. Eine Ethnographie der Familienhilfe. transcript (Bielefeld) 2014. 226 Seiten. ISBN 978-3-8376-2925-5. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Integrative Familienhilfe als soziales Handeln

Ein Ethnograph (und natürlich auch eine Ethnographin) ist jemand, der die Sozialwelt „zum Zweck der Erkenntnis“ auf Zeit besucht. Diese Zuschreibung verweist (noch) auf die ursprüngliche, ethnologische Methode, fremde Völker und Kulturen im Forschungsfeld beobachtend und beschreibend zu erkunden. Die Anthropologie und auch die sozialwissenschaftlichen Fächer haben die Ethnographie ja seit langem in ihr Forschungs- und Beschreibungskompendium aufgenommen, auch wenn es noch ab und an noch Befremdungs- und Abgrenzungsverirrungen gibt. Karl-Heinz Hillmann (1938 – 2007) hat in seinem Wörterbuch der Soziologie definiert, dass die Entwicklung der Ethnographie eng verbunden sei mit der Horizonterweiterung europäischer Sozialwissenschaften infolge immer neuer, geographischer Entdeckungen und Erkundungen durch kapitalistisch-koloniale Expansion und christliche Missionierung. In der Wissenschaftspublikation wird deshalb die Ethnographie in vielfältigen Zusammenhängen dargestellt (vgl. z. B.: Lydia Maria Arantes, u.a., Ethnographien der Sinne. Wahrnehmung und Methode in empirisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen, 2014, http://www.socialnet.de/rezensionen/17991.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Wenn es also in der „Ethnographie der Familienhilfe“ um die Frage geht, wie in der „Sozialwelt“ (nach Bourdieu) die verschiedenen, individuellen und kollektiven, familialen und gesellschaftlichen Rollen, die Menschen darin spielen, konstruiert werden, also gewissermaßen historisch, kulturell und lebensweltlich „gemacht“ werden, nicht vom Himmel gefallen oder in die Gene gelegt sind, hat die wissenschaftliche Beobachtung und Analyse von Rollenverhalten in diesem Prozess eine Bedeutung. In den Bildungs- und Erziehungswissenschaften wird immer wieder betont, dass Einstellungen und Verhaltensweisen von Erziehungsberechtigten bei der Erziehung von Kindern, gelernt und erworben werden müssen; weil nämlich der Mensch ein erziehungsbedürftiges Lebewesen ist. Die Auseinandersetzungen darüber freilich, wie Erziehung aussehen solle, sind von Kontroversen bestimmt, als „Führen oder Wachsen lassen“ (Theodor Litt, 1927 / 13. Auflage 1967), als Anpassung oder Widerstand („zôon politikon“, nach Aristoteles). In dieser historischen, erziehungswissenschaftlichen und nicht zuletzt ideologischen Spannweite bewegen, manifestieren und verirren sich die jeweiligen Positionen. So hilft vielleicht eine Definition, wie sie von der UNESCO, der Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen vorgeschlagen wird: „Erziehung umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2., veränd. Auflage, Bonn 1990, S. 16). Damit sind wir dann schon bei der Festlegung, dass Erziehung nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe darstellt, und damit die Forderung nach „Erziehungsbildung“ bei Erziehungsberechtigten gerechtfertigt ist. Immer schon zeigten und zeigen sich die Unterschiede zwischen „Auctoritas“ und „Potestas“ (Klaus Schaller, u.a., 1968) in den jeweiligen Erziehungsauffassungen und -wirklichkeiten. Die Ausübung von legitimer Autorität steht im Gegensatz zur formalen Macht (siehe dazu auch: Petra Völkel / Anne Wihstutz, Hrsg., Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17201.php; sowie: Sabine Andresen, Hrsg., Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2013, http://www.socialnet.de/rezensionen/16049.php).

Die Trierer Diplom-Pädagogin Diemut König legt ihren Forschungsbericht zu Fragen der Elternautorität zu einem Zeitpunkt vor, an dem die Kontroverse über die „richtige“ Form der Erziehung populistisch ( Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php), wie auch emanzipatorisch ( Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php) geführt wird. Sie greift zudem die Herausforderung auf, die sich in der Erziehungswissenschaft ergibt, nämlich interdisziplinäre Denk- und Forschungsmethoden in die Fachdisziplin hineinzunehmen. Eine davon ist die Ethnographie als Möglichkeit, auf lebensweltliche Veränderungsprozesse anders als mit den fachspezifischen Mustern (und zusätzlich!) reagieren zu können.

Aufbau und Inhalt

In der (als Dissertation?) vorgelegten ethnographischen Studie wird die Sozialeinrichtung „Integrative Familienhilfe“ (IF) untersucht. Es geht um die Beantwortung der Frage, wie institutionell eine intensive Elternarbeit möglichst partnerschaftlich durchgeführt werden kann. Mit dem Hilfeprozess sollen insbesondere Familien erreicht werden, „die nach oftmals zahllosen eigenen Versuchen nicht mehr weiter wissen und vor der Alternative stehen, die Verantwortung für ihre Kinder ganz oder vorübergehend an professionelle HelferInnen abzugeben“, wie es im Konzept der Integrativen Familienhilfe formuliert wird (Caritas Jugendhilfeeinrichtung Margaretenstift, 1995). Ziel ist dabei, eine drohende Heimunterbringung von Kindern aus desolaten Familien entweder zu verhindern, oder zumindest zeitlich zu begrenzen. In der exakt geregelten, halbjährlichen Maßnahme von vier Zyklen zu je sechs Wochen werden stationär und teilstationär organisierte Elterngespräche, Gruppendiskussionen, Selbsterfahrungskurse und Eltern-Kind-Aktivitäten durchgeführt. Die teilnehmende Prozessbeobachtung der Forscherin erfolgte während der teilstationären Phasen im Laufe eines halben Jahres. Die Maßnahme IF wird von einer Diplom-Psychogin als Leiterin, zwei Diplom-Pädagoginnen und zwei Diplom-Pädagogen durchgeführt. Während des Feldaufenthalts der Forscherin wurden vier Familien betreut. Wie in jeder begleitenden, beobachtenden Forschungsarbeit kam es natürlich von Anfang an darauf an, Vertrauen und Akzeptanz sowohl bei den Professionellen, als auch den beteiligten Familien zu gewinnen und die anzuwendenden Forschungsmethoden klar und eindeutig vorzustellen: Das „Feldnotizbuch“ und was damit geschieht.

In der ausführlich und mit Zitaten und Quelleninformationen versehenen Beschreibung des forschungsmethodischen Vorgehens, den Darstellungen der vielfältigen Aktivitäten während des Hilfeprozesses, den Auseinandersetzungen mit den beobachteten, positiven und negativen Reaktionen der Beteiligten, und den Analysen und Bewertungen des Beobachteten, benutzt die Autorin geschickt erzählende, erklärende und fragende Elemente, und sie bezieht Erklärungsmuster und Informationen aus vorhandenen Theorien und Forschungsergebnissen ein.So entsteht ein Bild, in dem zum einen eine grundlegende Auseinandersetzung mit den ethnographischen Methoden und ihre Etablierung im sozialen Feld der Integrativen Familienhilfe gezeigt, zum anderen die soziale Maßnahme IF anschaulich beschrieben wird. Dass die Forscherin in einem Exkurs ihrer Arbeit die „Kapitaltheorie bei Bourdieu“ thematisiert, ist, bei der Betrachtung der Ergebnisdarstellung nicht zufällig oder als theoretisches Anhängsel zu betrachten; vielmehr verweist sie dabei darauf, dass ihr Forschungskonzept und ihre Beobachtungspraxis auf dem „Feldbegriff“ Bourdieus aufbaut und in ihrem Forschungsdesign ankert. In ihren Interpretationen findet sie, obwohl im von der Einrichtung beschriebenem Konzept auf diese theoretische Grundlagen nicht eingegangen wird, eine Reihe von hinführenden Parallelen, etwa zu den Begriffen „ökonomisches Kapital“, „Sozialkapital“, „Kulturkapital“, „symbolisches Kapital“. Die Beschreibung der vielfältig eingesetzten Methoden, Rituale und Ordnungssysteme während des IF-Projektes und ihre Systematisierung in anschauliche Skizzen und Abbildungen zeigen sich so als Theorie-Praxis-Gerüst für eine „Ethnographie der Familienhilfe“, und stellen die beschriebenen und analysierten Abläufe beim Forschungsprojekt als Exempel für eine gelingende Familienhilfe und Elternschulung dar.

Fazit

Die zweigeteilte, jedoch in ihrer Konsequenz eindeutige Studie über praktizierte Integrative Familienhilfe zeigt, dass die ethnographische Methode als pädagogisches Ordnungs-, Aufklärungs- und Emanzipationsmittel taugt. Die angestrebten Ziele, elterliche Autorität sinn- und situationsgerecht zu ermöglichen und dazu beizutragen, dass „die Debatte um Macht und Ermächtigung, um das Verhältnis von Hilfe, Partizipation und Kontrolle in der pädagogischen Arbeit“ sich mit dem Konzept der Integrativen Familienhilfe als fruchtbar, machbar und erfolgreich umsetzen lässt.

Die Untersuchung von Diemut König sollte in den Handapparaten der Schulen, Hochschulen und Einrichtungen der Sozialen Arbeit und der Sozialdienste zur Verfügung stehen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.01.2015 zu: Diemut König: Die pädagogische Konstruktion von Elternautorität. Eine Ethnographie der Familienhilfe. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2925-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18097.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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