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Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. (Hrsg.): Sexualpädagogische Materialien [...] (geistig behinderte Menschen)

Cover Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. (Hrsg.): Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 6. Auflage. 155 Seiten. ISBN 978-3-7799-3155-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Mit einem Vorwort von Frank Herrath.
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Thema

Bücher und Materialien zur Sexualerziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten sind Mangelware. Mit diesem Buch wird für Fachleute und engagierte Eltern eine fundierte und praxiserprobte Arbeitshilfe vorgelegt, in der man die Themen von der Körperwahrnehmung und -pflege über Verhütung, Kinderwunsch und Schwangerschaft bis hin zu Geschlechtskrankheiten und sexueller Gewalt findet.

Herausgeber

Die hier vorgelegten sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen wurden von Ilse Achilles, Regina Bätz, Marianne Bartzok, Bernd Gimborn, Elisabeth Gossel, Monika Habiger, Johannes Schädler, Siegfried Schröder, Joachim Walter entwickelt.

Aufbau

Das Buch ist im DIN-A4 Format aufgelegt und hat einen Umfang von 157 Seiten. Die sechs Teile sind nicht durchnummeriert. Jeder Teil enthält mehrere Unterkapitel und am Ende befinden sich jeweils Literaturhinweise. Die erste Auflage erschien 1995, hier liegt jetzt die 6. Auflage (2014) vor. Jedes Kapitel enthält Vorschläge zur methodischen Umsetzung: Zielbestimmung, Themenauswahl, anschauliche Arbeitsblätter, klare Handlungsanweisungen sowie genaue Material- und Literaturhinweise.

Die Autoren sprechen von „Menschen mit geistiger Behinderung“. Dieser Begriff wird von der Selbstvertretung dieses Personenkreises „poeple first“ (in Deutschland „Menschen zuerst“) kritisiert. Sie schlagen den Terminus „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ vor, den ich in dieser Rezension verwenden werde.

Sexualpädagogische Grundlagen

  • Sexualität und Erwachsensein
  • Sexualität aus Elternsicht
  • Die Notwendigkeit einer konzeptgeleiteten Sexualpädagogik

Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterfortbildung als Voraussetzung

  • Ausgangsüberlegungen
  • Konzeption einer sozialpädagogischen Fortbildung
  • Seminarorganisation

Didaktik und Methodik der Sexualerziehung

  • Ausgangssituation und Ziele
  • Zielgruppenspezifische Bildungsangebote
  • Planung sexualpädagogischer Bildungsangebote
  • Auswahl von Materialien

Konzepte und Materialien

  • Körperwahrnehmung, den Körper erleben
  • Körper Frau/Mann (außen)
  • Körper Frau/Mann (innen)
  • Körperliche Entwicklung
  • Körperpflege
  • Lebensgeschichte
  • Ich als Mann
  • Ich als Frau
  • Kennenlernen
  • Freundschaft - Liebe – Partnerschaft
  • Ehe oder Lebensgemeinschaft
  • Streit und Versöhnung
  • Sex, Erotik, Lust und Leidenschaft
  • Kinderwunsch und Elternschaft, Schwangerschaft und Geburt
  • Verhütung - Verhütungsmittel
  • Was mache ich, wenn Verhütung versagt?
  • Der Besuch beim Frauenarzt
  • Sexuell übertragbare Krankheiten
  • Sexueller Missbrauch – Übergriffe auf die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung

Praxisbeispiele

  • Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterfortbildung am Beispiel Neuerkerode
  • Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterfortbildung am Beispiel Schlüchtern
  • Zusammenarbeit mit Eltern und Angehörigen – ein Erfahrungsbericht mit Elternkursen Sexualpädagogische Bildungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung

Übungen/Spiele

Sexualität und Partnerschaft – eine Auswahl aktueller Medien und Adressen

Inhalt

Es handelt sich bei dem Buch um eine praxiserprobte Arbeitshilfe zur Sexualerziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, für Mitarbeitende und Eltern. Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das sich direkt an die Leserinnen und Leser wendet. Dann folgt der Teil über sexualpädagogische Grundlagen, in dem die Sexualität und das Erwachsensein, die Sexualität aus Elternsicht und die Notwendigkeit einer konzeptgeleiteten Sexualpädagogik besprochen werden.

Daran schließt sich ein Teil zur Fortbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Empirische Studien zeigen, dass das Thema Sexualität von der Toleranz der Mitarbeitenden abhängig ist, was auch Einfluss auf die ethischen Werthaltungen und moralische Normen hat. Nicht selten wird die sexuelle Selbstbestimmung behindert. Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass jede Einrichtung im Rahmen der pädagogischen Konzeption auch Aussagen über Sexualpädagogik entwickeln sollte, die als Orientierungshilfe für Mitarbeitende und Eltern dient.

Zum Konzept einer sozialpädagogischen Fortbildung gehört die Vermittlung von Sachinformationen und der Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Sozialisation. Aus diesen beiden Teilen entwickelt sich die sexualpädagogische Handlungskompetenz (Schaubild S. 18). Aus der Erfahrung der Autorinnen hat sich eine Seminarorganisation bewährt, die aus dreitägigen Grundlagenseminaren besteht, an die sich Aufbauseminare anschließen. Dazu gehört auch, dass die Eltern in Form eines Elternabends, welcher mit einem Grundsatzvortrag öffnet, einbezogen werden.

Der Teil Didaktik und Methodik der Sexualerziehung beginnt mit der Formulierung der Ziele, damit die Bildungsangebote zielgruppenspezifisch sind. Obwohl schon lange darauf hingewiesen wird, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten von Kindesbeinen an an das Thema Sexualität herangeführt werden sollten, ist es immer noch ein Tabuthema. Sexualpädagogische Bildungsangebote bedürfen einer guten Planung, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten freiwillig und selbstbestimmt teilnehmen. Unterschiedliche Ausdrucks- und Lernformen sowie die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse gehören zum Standard. Diese sechs Prinzipien der Zielgruppenarbeit sind sehr wichtig: 1. Partnerschaftliche Beziehung, 2. Lernen durch Handeln – erfahrungsorientiertes Lernen, 3. Lebenssituation als Lernsituation, 4. Kontinuität und Zeitstruktur, 5. Individualisierung und Gemeinschaftlichkeit und 6. Kompetenzverschiebung -Verselbständigung. Die Autoren weisen darauf hin, dass es leider an Materialien für die sexualpädagogische Arbeit mit Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten fehlt. Das bedeutet, dass geeignete Materialien entwickelt werden müssen und vorhandene Materialien an die Bedürfnisse angepasst werden. Das hier vorliegende Buch bietet eine Sammlung von Ideen und Anregungen.

Der nun folgende Teil Konzepte und Materialien, der sich über fast 100 Seiten und 18 Themenbereiche erstreckt, versteht sich ebenso als Materialsammlung. Die Arbeitsblätter sind neben dem Einsatz im Seminar auch dazu geeignet, selbstständig genutzt zu werden und sich zu informieren. Zu den jeweiligen Einheiten werden die Ziele benannt, es werden Themenaspekte und Voraussetzungen definiert und Materialien beschrieben. Auch methodische Umsetzungsmöglichkeiten und themenbezogene Kommentare findet die Leserschaft vor. Es werden die Themen Körperwahrnehmung, den Körper erleben, Körper Frau/Mann (außen), Körper Frau/Mann (innen), körperliche Entwicklung, Körperpflege, Lebensgeschichte, Ich als Mann, Ich als Frau, Kennenlernen, Freundschaft – Liebe – Partnerschaft, Ehe oder Lebensgemeinschaft, Streit und Versöhnung, Sex, Erotik, Lust und Leidenschaft, Kinderwunsch und Elternschaft, Schwangerschaft und Geburt, Verhütung – Verhütungsmittel, was mache ich, wenn Verhütung versagt, der Besuch beim Frauenarzt und sexuell übertragbare Krankheiten anschaulich bearbeitet. Auch das Thema sexueller Missbrauch – Übergriffe auf die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten wird erläutert. Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten sind Opfer von sexuellen Übergriffen. Nur wenige kommen zur Anzeige, Untersuchungen belegen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Der Teil Praxisbeispiele stellt beispielhaft Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterfortbildungen in Neuerkerode und Schlüchtern vor. Zudem findet man in diesem Teil einen Erfahrungsbericht mit Elternkursen und es wird von der Zusammenarbeit mit Eltern und Angehörigen berichtet. Dann folgt der Bericht von einer Bildungswoche mit Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Im letzten Teil findet man Übungen und Spiele, die in den vorangegangen Kapiteln vorgestellt wurden. Man findet Körper-, Partner- und Gruppenübungen sowie Spiele. Das Buch endet mit einer Auswahl aktueller Medien zu Sexualität und Partnerschaft und einem Adressenteil.

Diskussion

Das Buch macht deutlich, dass das Thema Sexualität für Menschen mit Lernschwierigkeiten noch zu wenig bearbeitet ist. Wohl deshalb ist es mittlerweile in der 6. Auflage erschienen. Das Buch wendet sich an den Menschen mit Lernschwierigkeiten, an Eltern und auch an Fachleute. Neben praktischen Materialien und Arbeitshilfen geht es vor allem um die Haltung des Umfeldes. Es ist ratsam, dass Mitarbeitende sich grundlegend mit dem Thema Sexualität befassen, was einschließt, dass sie sich mit ihrer eigenen Entwicklung und Sexualität auseinander setzen. In Einrichtungen sollte ein Konzept zum Umgang mit Sexualität vorhanden sein.

Das Buch bezieht auch die Eltern mit ein, das ist sehr wichtig, denn beim Thema Sexualität gibt es große Unsicherheiten und Ängste. Der Versuch, in die sexuelle Selbstbestimmung ihrer Tochter oder ihres Sohnes einzugreifen wie z.B. durch erzwungene Verhütung, Abtreibung oder Sterilisation, ist auch heute noch keine Seltenheit. Dazu kommen noch Unsicherheiten und Vorurteile in Bezug auf eine eigenständige Sexualität von Menschen mit Behinderung. Nicht selten werden sie als asexuelle Wesen angesehen, womit einhergeht, dass das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität abgesprochen wird.

Auch das Thema Sexuelle Gewalt wird im Buch behandelt. Das ist sehr wichtig, denn viele Menschen mit Lernschwierigkeiten sind Opfer von sexuellen Übergriffen. Nur wenige kommen zur Anzeige. Untersuchungen belegen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Vielen Mitarbeitenden und Angehörigen ist die Tatsache, dass Menschen mit Behinderung von allen Formen sexualisierter Gewalt betroffen sein können, nicht bewusst. Sie glauben, dass die Lebenssituation innerhalb der Familie oder in „geschützten“ Einrichtungen, einen Schutz bieten würde. Das ist leider ein Trugschluss.

Auswirkungen sexualisierter Gewalt können autoaggressives Verhalten, Ängste, Bauch- und Magenschmerzen ohne organische Ursachen, Menstruationsbeschwerden, Schlafstörungen, sexuelle Probleme, Kopfschmerzen, Traurigkeit und Depressionen sein. Im Rahmen meiner Beratungstätigkeit in Bezug auf herausforderndes Verhalten erlebe ich immer wieder, dass das Thema sexuelle Gewalt bei der Ursachensuche keine Rolle spielt. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig!

Das hier vorgelegte Buch enthält eine Fülle von Anregungen und Materialien. Es enthält viele Bilder und Arbeitsbögen, die in Seminaren für Fachleute und engagierte Angehörige aber nach Aussage der Autoren auch zum Selbsteinsatz geeignet sein sollen. Ebenso war es ein Anspruch unterschiedliche Ausdrucks- und Lernformen zu berücksichtigen. Mir ist aufgefallen, dass es im Textteil und bei den Bildern kein durchgehendes Konzept gibt, was das Sprachniveau und den Sprachstil angeht. Es hat sich mir nicht erschlossen, welche Materialien sich an Fachleute/Angehörige und welche sich direkt an Menschen mit Lernschwierigkeiten richten. Leider findet man im Buch auch kaum Texte in leichter Sprache, was bedeutet, dass man die Materialien nicht 1:1 in der praktischen Arbeit verwenden kann, sondern sie vorher auf die jeweilige Lernebene der Person anpassen muss. Andere Verlage wie z.B. der Autismusverlag (Schweiz) www.autismusverlag.ch fügen ihren Büchern als Arbeitserleichterung eine CD mit den vorgestellten Materialien bei. Leider wurde im Beltz Verlag auf diese Hilfe verzichtet.

Zudem ist es bedauerlich, dass am Ende ein Stichwortverzeichnis fehlt, was eine gezielte Themensuche erschwert.

Fazit

Bücher und Materialien zur Sexualerziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten sind Mangelware. Mit diesem Buch wird für Fachleute und engagierte Eltern eine fundierte und praxiserprobte Arbeitshilfe vorgelegt, in der man die Themen von der Körperwahrnehmung und -pflege über Verhütung, Kinderwunsch und Schwangerschaft bis hin zu Geschlechtskrankheiten und sexueller Gewalt findet. Das Buch ist sehr empfehlenswert!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 20.03.2015 zu: Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. (Hrsg.): Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 6. Auflage. ISBN 978-3-7799-3155-3. Mit einem Vorwort von Frank Herrath. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18213.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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