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Hella von Unger, Petra Narimani u.a. (Hrsg.): Forschungsethik in der qualitativen Forschung

Cover Hella von Unger, Petra Narimani, Rosaline M´Bayo (Hrsg.): Forschungsethik in der qualitativen Forschung. Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 231 Seiten. ISBN 978-3-658-04288-2. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Verbindliche ethische Standards sind in den Sozialwissenschaften noch kaum zu finden. Vor dem Hintergrund stets in knappem Zeitrahmen zu absolvierender Studien drohen ethische Fragen zudem nur beiläufig im Blick zu sein. Den im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschungen Interviewten könnte jedoch durch laxen Umgang mit ethischen Fragen geschadet werden. Der vorliegende Band bietet Einführung und praxisnahe Vertiefung in forschungsethische Fragen in den Sozialwissenschaften, mit Fokus auf qualitative Untersuchungen.

Forschungsethik und Sozialwissenschaften

Sozialwissenschaftliche Ethikkommissionen sind noch immer rar. Dabei sind sie sehr nötig. Teils noch mehr als in der Medizin wird in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen – erst recht bei qualitativer Forschung – ein vertrauter Umgang zwischen Forschende_r und Beforschten hergestellt. Oft spielt gar die ‚Nähe zum Feld‘ als eine Art ‚Türöffner‘ eine besondere Rolle. Forschende, die in irgendeiner Weise Teil einer Community sind, die sie auch untersuchen, werden möglicherweise von Befragten als Vertrauenspersonen wahrgenommen, in Interviews kommen dann Dinge zur Sprache, die andere Interviewende abseits des Feldes nicht erhalten hätten. Die_der Interviewende ist damit in einer konkreten Verantwortung; gleichzeitig kann ihre Arbeit auch zu Ablehnung und Gegner_innenschaft aus Richtung der untersuchten und eigenen Community führen.

In anderen anwendungsbezogenen Forschungsgebieten wie der Biologie und Medizin sind Ethikkommissionen hingegen vorgeschrieben. Das gilt selbst dann, wenn Tierversuche mit Mäusen oder Untersuchungen mit einzelnen menschlichen Zellen durchgeführt werden. Selbstverständlich sind Ethikkommissionen, sobald Forschungen mit menschlichen Proband_innen gemacht werden, etwa wenn ein Wirkstoff am Menschen geprüft wird. Auch bei psychologischen Untersuchungen und im medizinischen Umgang mit Patient_innen gehört die Beschäftigung mit ethischen Fragen zum Standard. Gleichzeitig sind auch in diesen Disziplinen weitreichende Lücken zu konstatieren: Eine grundständige und das gesamte Studium und die berufliche Praxis begleitende medizin-, psychologie- und biologieethische Ausbildung bzw. Information der (Nachwuchs-)Wissenschaftler_innen ist nicht vorgesehen. Ob und inwieweit in Behandlung und Forschung bislang eine ‚informierte Entscheidung‘ der Patient_in bzw. Proband_in erreicht wird, ist umstritten. Etwa für die medizinische Praxis hat sich gezeigt, dass Ratsuchende bezüglich vorgeschlagener Behandlungen in aller Regel dem Vorschlag der Ärzt_in folgen. Bezogen auf die Anwendung der umstrittenen Mammographie-Screenings zeigte eine Studie: „Empfahl der Arzt die Teilnahme, nahmen 90 % der Frauen teil, empfahl er sie nicht, nur 10 %.“ [1]

Die Position von Sozialwissenschaftler_innen ist eine andere. Der Gesetzgeber hat für sie keine so strengen Vorgaben für Forschungsvorhaben getroffen; Ethikkommissionen sind in den Sozialwissenschaften nicht vorgeschrieben und kaum existent – wenn sich dies auch langsam zu ändern beginnt. Gesellschaftlich gelten Sozialwissenschaften als ‚weiche Wissenschaften‘. Entsprechend dem Grad der gesellschaftlichen Anerkennung besteht eine Gefahr, die potenziell Interviewte betreffen kann: Sie könnten die Auswirkungen der Interviewsituation unterschätzen, da es sich ja ‚nur‘ um ein Gespräch handele und nicht um Substanzgaben oder Eingriffe in den Körper. [2] Und auch Studierende und Wissenschaftler_innen gehen, wie ihre Kolleg_innen aus Biologie, Psychologie und Medizin, mitunter nachlässig mit forschungsethischen Fragen um. Umso wichtiger ist der nun vorliegende Band, an den sich intensive Diskussionen in den Fachgesellschaften zu Fragen der Forschungsethik genauso anschließen sollten wie über gesetzlich vorgeschriebene forschungsethische Vorgaben für sozialwissenschaftliche Untersuchungen und verpflichtende forschungsethische Standards für landesweit und international vertriebene Journale.

Aufbau und Inhalt

Der von Hella von Unger, Petra Narimani und Rosaline M´Bayo herausgegebene Sammelband nimmt sich dieses Desiderats an. Auf Grund seiner Anlage und der hochwertigen Beiträge stellt er sowohl eine sehr gute Einführung in das Thema sozialwissenschaftliche Forschungsethik dar und bietet gleichzeitig zahlreiche vertiefende Praxisbeispiele an.

Auf eine die Beiträge verbindende Einleitung folgt eine inhaltliche Einführung, in der Hella von Unger den aktuellen Stand zu forschungsethischen Fragen vorstellt. Sie erläutert die Entwicklung des mittlerweile bestehenden Ethik-Kodex in der Soziologie und bemängelt gleichzeitig die fehlende bzw. nur in geringem Maße stattfindende fachwissenschaftliche Debatte. Der bestehende Kodex wendet sich den folgenden Schwerpunkten zu: Objektivität und Integrität der Forschenden, Risikoabwägung und Schadensvermeidung, Freiwilligkeit der Teilnahme, Informiertes Einverständnis, Vertraulichkeit und Anonymisierung. Diese Aspekte sind leitend für die weiteren Ausführungen und finden sich entsprechend als Zwischenüberschriften in Ungers Beitrag wieder. Bei der Behandlung wird jeweils der forschungsethische Hintergrund des jeweiligen Aspekts erläutert – und diskutiert. Dass Debatte nötig ist, wird schon durch die Passage im aktuellen Kodex deutlich, in der es heißt, dass „Ausnahmen von der Informationsverpflichtung [gegenüber der_dem Interviewten, Anm. HV] zugelassen [sind], ‚z. B. wenn durch eine umfassende Vorabinformation die Forschungsergebnisse in nicht vertretbarer Weise verzerrt würden‘“ (S. 20) Ob es ethisch vertretbar ist, aus forschungstaktischen Gründen, auf eine weitreichende ‚informierte Zustimmung‘ der interviewten Person zu verzichten und ob es also legitim ist, sie zu ‚überlisten‘, ist fraglich – auf jeden Fall müsste es fachwissenschaftlich breit diskutiert und eine gefundene Regelung immer wieder zur Aushandlung gestellt werden. Dass diese Frage relevant ist, wird ersichtlich, wenn man sich vor Augen führt, dass man beispielsweise die Verbreitung von Rassismus unter Angehörigen der deutschen Dominanzkultur untersuchen möchte, die Befragten aber nicht über das Forschungsinteresse aufklärt, um etwaige rassistische Ausführungen nicht zu bremsen.

In Bezug auf Menschen, die in einer Gesellschaft marginalisiert sind, werden die forschungsethischen Fragen dringlich. So können Interviews staatlicher Forschungseinrichtungen und -gruppen etwa bei geflüchteten Menschen mit noch nicht anerkanntem Aufenthalt in der BRD Erwartungen für bessere Aussichten im Asylverfahren auslösen. Die Teilnahme an einer Studie könnte aus diesem Druck heraus erfolgen – die Möglichkeit weitreichender Schädigungen (z.B. durch die Interviewsituation hervorgerufene [Re-]Traumatisierungen) könnte so von den befragten Personen unterschätzt werden. Ebenso spielt in die Interviewsituation das restriktive staatliche Verfahren im Umgang mit Geflüchteten hinein: Es besteht die Möglichkeit, dass von den Befragten die staatliche Forschungsinstitution als Teil des staatlichen ‚Ausfrage-Apparats‘ zu den Hintergründen der Flucht angesehen wird – ihre selbstbestimmte und informierte Einwilligung ist in diesem Fall nicht gegeben. Vor diesem Hintergrund ist ein Hinweis der Autorin besonders bedeutsam: „Grundsätzlich wird deutlich, dass es hilfreich sein kann, Einschätzungen und Bewertungen möglicher Risiken und Schädigungen, die den Teilnehmenden entstehen könnten, nicht nur aus der Perspektive der Forschenden vorzunehmen, sondern weitere Perspektiven heranzuziehen.“ (S. 30) Es wäre bezogen auf das Beispiel entsprechend ratsam, auch Perspektiven aus angrenzenden Disziplinen – etwa der Traumaforschung – und von Selbstorganisationen Geflüchteter in Studien zu berücksichtigen.

Die folgenden neun Kapitel beschäftigen sich mit unterschiedlichen Praxisbeispielen. Es konnten hierfür namhafte Forschende gewonnen werden, die ihre Untersuchungen aus forschungsethischen Perspektiven erläutern. Im Blick sind etwa Fragen zur informierten Einwilligung besonders vulnerabler Gruppen, wie von Ausweisung bedrohte Drogenabhängige (Aufsatz von Petra Narimani). In den weiteren Beiträgen sind insbesondere Migration, Geschlecht und Sexualität – auch in ihrer Verschränkung – im Fokus. Nähe und Distanz zwischen Interviewer_in und Befragten sind besonders im Blick, ebenso Fragen um die Vermeidung von schädigenden Auswirkungen der Forschung. Die Zwiespältigkeit von ‚Peer Research‘ bringt dabei Phil C. Langer im Beitrag „Zum Umgang mit Intimität im Forschungsprozess – forschungsethische Implikationen des Sprechens über Sexualität in Peer Research“ besonders plastisch auf den Punkt: „So produktiv Peer Research – selbst die dargestellten Entgrenzungsdynamiken – im Sinne eines offenen Sprechens über sensible Themen und eines Verständnisses unbewusst wirksamer Dynamiken durch Analyse der Interviewsituation im Hinblick auf ihre Analogie zu realen Situationen ist, so gilt es zugleich, die mit dem Ansatz verbundenen problematischen Implikationen in den Blick zu nehmen. […] Durch die Illusion lebensweltlicher Gleichheit werden durch die Forschungsbeziehung begründete Machtbeziehungen letztlich nicht aufgehoben, sondern wirken nur subtiler, da spätestens nach Ende der Feldphase eine forschende und verobjektivierende Distanzierung zu dem bzw. der beforschten Peer einsetzt, die mit der Interpretation der gewonnenen Daten und der Veröffentlichung der Befunde einhergeht.“ (S. 182)

Todd Sekuler fixiert die machtvolle Position der Wissenschaftler_in im Forschungsprozess und arbeitet pointiert die Relevanz forschungsethischer Reflexion heraus: „Doch wir Wissenschaftler*innen wirken – all unseren Bemühungen zum Trotz – an der alltäglichen Gewalt mit. Daher scheint eine solche Vorstellung nur auszublenden, was bereits an Kritik an der grausamen Vergangenheit und zeitgenössischen Praxis der Ethnologie laut geworden ist – eine Kritik, die manchmal sogar solchen Praktiken galt, die sich selbst mit Gewalt und Schadenszufügung als zentralem Thema auseinandersetzen. So hat etwa die Trans*Aktivistin Riki Anne Wilchins (1997) bemerkt, dass ‚Akademiker*innen, Psychoanalytiker*innen und Feminist*innen die Reise durch unser Leben und unsere Probleme angetreten haben wie Tourist*innen, die sich auf Erlebnisreise befinden. Fliegen gleich, die sich ungefragt an unserem Speiseplan gütlich tun, haben sie aus unseren Identitäten ein Picknick zusammengestellt und sich dann die besten Leckerbissen zur Ausschmückung ihrer Theorie oder zur Vermarktung ihres Buches herausgepickt‘ […]. Mit diesem Zitat ist die zentrale Frage angesprochen: Wer entscheidet darüber, was als Schaden zu gelten hat, wie er erlebt wird und wie er sich anfühlt?“ (S. 91f)

Den Band beschließt ein Kapitel von Hella von Unger, in dem sie Vorschläge unterbreitet, wie forschungsethische Fragen in die sozialwissenschaftliche Methodenlehre eingebunden werden können.

Fazit

Der Band ist damit rund: Er führt in forschungsethische Fragen der sozialwissenschaftlichen Forschung ein, in neun praktisch orientierten Kapiteln werden konkrete forschungsethische Probleme an Praxisbeispielen diskutiert. Und der Band gibt abschließend Handreichungen für die Lehre. Auf dieser Basis kann das Anliegen des Bandes glücken, Forschungsethik zum diskutierten Thema in den Sozialwissenschaften zu machen.


[1] Zitiert aus: C. Breitsameter: „Probleme der transparenten Kommunikation medizinischer Risiken am Beispiel ‚Mammographie-Screening‘ – eine ethische Perspektive“. Ethik Med (2011) 23: 191-200, hier: 193.

[2] Auf die Problematik und den historischen Hintergrund abendländischer Tradition der Abtrennung eines ‚Körpers‘ „als Ding, das man besitzen kann“, und in den Eingriffe besonders problematisch erscheinen, haben Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter im Kapitel „Einen Körper besitzen“ im gemeinsam mit mir hg. Band „Interventionen gegen die deutsche ‚Beschneidungsdebatte‘“ (Münster 2012) hingewiesen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 23.01.2015 zu: Hella von Unger, Petra Narimani, Rosaline M´Bayo (Hrsg.): Forschungsethik in der qualitativen Forschung. Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04288-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18257.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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