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Christine Preißmann: Gut leben mit einem autistischen Kind

Cover Christine Preißmann: Gut leben mit einem autistischen Kind. Das Resilienz-Buch für Mütter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-86046-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Mütter mit einem autistischen Kind berichten sehr persönlich und mit großer Offenheit über die Herausforderungen für die Familie und sie selbst. Das Buch will Hilfestellung geben von anderen Müttern zu lernen, zu wissen, wie Kraft und Mut geschöpft werden kann. Dabei geht es auch darum, wie Krisensituationen besser gemeistert werden können. Es gibt viele Anregungen und Tipps zur Stärkung der eigenen Resilienz und Widerstandskraft.

Autorin

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Notfallmedizin und Psychotherapie in Darmstadt und Asperger Autistin. Sie hat mehrere Bücher und Artikel zum Thema veröffentlicht. Es ist ihr ein Anliegen, Hintergründe dieser Entwicklungsstörung bekannt zu machen und über Möglichkeiten der Unterstützung aufzuklären.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 160 Seiten. Diese verteilen sich auf sieben Kapitel.

Die Kapitel beginnen mit einem Merkkasten mit einer Definition des bestimmenden Themas. Auf weitere Strukturierungshilfen wurde weitestgehend verzichtet. Wenige Überschriften unterbrechen den Fließtext.

Es beginnt mit einer Übersicht mit der Überschrift „Schnelleinstieg“, in der zentrale Themen mit den entsprechenden Seitenzahlen aufgelistet sind. Dabei handelt es sich um folgende Themen:

  • Was ist Resilienz
  • Resilienzfaktoren
  • Erfahrungsberichte von sieben Müttern autistischer Kinder
  • Was Mütter für sich tun können
  • Was autistischen Kindern hilft
  • Die Arbeit des AWO- Instituts in Braunschweig
  • Praktische Hilfe und Tipps

Nach diesem Schnelleinstieg folgen die Kapitel 1-7:

  1. Resilienz- mit Krisen kreativ umgehen, Belastungen als Chancen nutzen
  2. Erfahrungen und Erlebnisse von Müttern autistischer Kinder
  3. Resilienz- Was können betroffene Mütter für sich tun?
  4. Resilienz- auch die betroffenen Kinder stärken
  5. Hilfe für Mütter von Menschen mit Autismus-therapeutische Unterstützung
  6. AWO – Institut für ambulante systemische Lösungen in Braunschweig
  7. Praktische Tipps

Das erste Kapitel Resilienz- mit Krisen kreativ umgehen, Belastungen als Chancen nutzen führt in den Umfang des Themas ein, definiert den Begriff der Resilienz und beleuchtet dessen praktische Anwendung. „Resilienz bezeichnet die innere Stärke eines Menschen, Konflikte, Misserfolge, Niederlagen, Lebenskrisen und persönliche Schicksale zu meistern. Sie ist eine Art seelische Widerstandsfähigkeit oder Unverwüstlichkeit, gewissermaßen das ‚Immunsystem der Seele‘“ (S.11). Die Autorin zitiert Forschungen von Emma Werner, die herausfand, dass es Schutzfaktoren gibt, die hilfreich sind wie z.B. „ein positives Temperament, Kommunikations- und Problemlösefähigkeit, Selbstvertrauen, Zukunftsorientierung, die Fähigkeit zum Planen, die Position als Erstgeborenes in der Familie, ein kompetentes Verhalten der Mutter, die Verfügbarkeit einer engen Bezugsperson (Familienangehörige, Lehrer, Pfarrer oä), die Sicherheit und Zuverlässigkeit vermittelte und die Kinder bei allem, was sie taten, unterstützte und die Erfahrung von Akzeptanz und Respekt.“ (S. 14). Preißmann erläutert im Folgenden, was sie unter Resilienz versteht. Es geht ihr darum, auf Faktoren zu schauen, die eine starke Seele ausmachen und Menschen dabei helfen, gut durchs Leben zu kommen wie z.B. erlebte Krisen als Chance begreifen, Misserfolge umdeuten, Optimismus und Freude, Akzeptanz, soziale Kontakte, Selbstwirksamkeit, Sicherheit und Stabilität, Veränderungen zulassen, Selbstwahrnehmung, Selbsterkenntnis und Realitätssinn (S. 15-23). Mit dem Resilienzbegriff geht ein Paradigmenwechsel einher. Wurde bis in die 1990er Jahre auf ungünstige und krankmachende Faktoren fokussiert, geht es nun darum, zu erkunden „auf welche Weise lebenstüchtige Menschen durch die Krisen des Lebens gelangen, welche Strategien sie dabei anwenden und welche Ressourcen sie dafür bereit halten.“ (S. 13)

Im zweiten Kapitel Erfahrungen und Erlebnisse von Müttern autistischer Kinder berichten sieben Mütter sehr persönlich von ihren Erfahrungen. Dieses Kapitel macht den größten Teil des Buches aus. Eva Müller: „Vom potenzierten Stress und dem Aufbruch zu neuen Ufern“, Katrin Sickel „Mein Leben ist Espresso“, Johanne Stadler „Mein Leben mit einem Asperger-Kind oder: Das Märchen von der fröhlichen Rama-Familie“, Yvonne Schulz „Alles Erziehungssache!?“, Andrea Dünow „Ein Autist kommt selten allein“, Hanne Fink „Die Wohnungstür klappt zu … nun bin ich allein!“ und Annette Hocher „Wunschkind“.

Das 3. Kapitel Resilienz- Was können betroffene Mütter für sich tun? wirft einen Blick auf das, was betroffene Mütter tun können, um dieses Leben zu gestalten. Resilienz ist wichtig, diese muss aber an die Lebensrealität angepasst werden. Es gilt Kontakte herzustellen und Beziehungen zu pflegen, sich professionelle Hilfe holen, Probleme als Herausforderungen anzunehmen und daran zu wachsen, sich auf Ressourcen zu orientieren und realistisch zu sein, eine Portion Optimismus hilft genauso wie Sicherheit und Stabilität ohne sich Neuem zu verschließen. Auch Akzeptanz und Verantwortung sind hilfreiche Elemente und letztendlich darf man nicht aus dem Blick verlieren, sich selbst etwas Gutes zu tun. Neben den vielen Terminen, die sich im eigenen Terminkalender versammeln sollte es auch immer einen Termin „Schönes für mich“ geben. Dabei kommt es nicht auf die großen Events an, was zählt sind die kleinen Dinge, die Achtsamkeit für den Moment und für Lichtblicke, die man bewusst wahrnehmen sollte. Man kann z.B. am Morgen einige Büroklammern in die Hosentasche stecken, die bei jedem dieser Momente von der einen Seite zur anderen wandern. Am Abend nimmt man Klammer für Klammer und lässt diese Augenblicke Revue passieren, denn es ist erwiesen, dass man sich besser fühlt, wenn man bewusst das Positive ins Gedächtnis ruft. So kann man lernen, die schönen Aspekte auch ganz alltäglicher Begebenheiten besser wahrzunehmen und davon gibt es immer welche.

Der Titel des 4. Kapitel spiegelt den Fokus auf die Kinder wieder: Resilienz- auch die betroffenen Kinder stärken. Nicht nur die Mütter, vor allem auch die Kinder müssen gestärkt werden. Bei den Kindern gilt, dass eigene Erfahrungen wichtig sind, eine Atmosphäre liebevoller Zuwendung, die Orientierung an Stärken und Fähigkeiten, therapeutische Unterstützung, Entspannung, soziale Kontakte und angepasste Rahmenbedingungen, die auch Grenzen erkennen und Ziele modifizieren.

Das 5. Kapitel befasst sich mit der Hilfe für Mütter von Menschen mit Autismus in Form von therapeutischer Unterstützung. Mütter sind auf Hilfe von außen angewiesen, weil an sie vielfältige Anforderungen gestellt werden. Mütter müssen vielfältige Rollen erfüllen: sie sollen Co-Therapeuten, Partnerin, Ehefrau und Erzieherin sein. Auf diese vielen Rollen warten vielfältige Aufgaben. In diesem Zusammenhang werden auch Komponenten einer therapeutischen Behandlung thematisiert.

Das 6. Kapitel handelt von einem Angebot in Braunschweig. Das AWO - Institut für ambulante systemische Lösungen in Braunschweig bietet Müttern von Kindern mit Autismus Hilfe an. Das Kapitel beginnt mit der Entstehungsgeschichte des Instituts. Dann folgt die Beschreibung der Grundhaltungen wie Salutogenese und Kohärenz, Netzwerkarbeit, eine systemische Grundhaltung sowie inklusive Haltung. Im Bundesland Niedersachsen gibt es keinen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf für Autismus an Schulen, sodass es keinen einheitlichen Unterstützungskatalog gibt. Das ist anders als in anderen Bundesländern.

Das Buch endet mit dem 7. Kapitel. Darin geht es um praktische Tipps: Welche weiteren Hilfen sind möglich. Es wird erläutert, welche Hilfsangebote es für Mütter von Menschen mit Autismus gibt wie z.B. der Elternverband Autismus, sozialpsychiatrische Dienste, gemeinde nahe Hilfen, Therapeuten, Ärzte und Krankenhäuser. Im Anschluss daran werden Hilfen für betroffene Menschen selbst in Bezug auf einzelne Lebensabschnitte wie z.B. allgemeine Möglichkeiten der Unterstützung, sowie Unterstützung in Schule und Ausbildung, Beruf und Arbeit, Wohnen und Freizeit vorgestellt.

Diskussion

Das Thema Resilienz, das das Buch behandelt ist aktuell und sehr bedeutsam. In unserer Gesellschaft werden an Mütter vielfältige Anforderungen gestellt. Doppel-und Mehrfachbelastungen sind Realität. Das trifft natürlich genauso auf Mütter von Kindern mit Behinderung zu, die nicht selten an ihre Belastungsgrenzen kommen. Sie sind oft die ersten Ansprechpersonen für eingehende Klagen und Beschwerden seitens der Schule und der Umwelt. Betroffene Mütter sind darauf angewiesen, Möglichkeiten und Wege zu kennen, um die eigene Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu erhalten. Sieben Mütter berichten offen und persönlich über die Herausforderungen, vor denen sie selbst und ihre Familien stehen. Sie berichten davon, was Kraft und Mut gibt und wie sie Krisensituationen meistern. Aus diesen Berichten können andere Mütter lernen und von erprobten Strategien profitieren. Neben diesen Berichten wird das Thema auch theoretisch bearbeitet und Forschungsergebnisse vorgestellt. Diese sind so formuliert, dass sie allgemeinverständlich sind.

Leider mangelt es im Buch vom Layout her an Strukturierungshilfen. Das ist sehr bedauerlich, da die Inhalte sehr kompakt sind. Diese Darstellungsform kann abschreckend wirken. Überschriften, Absätze und Übersichten hätten zur Auflockerung beigetragen, vielleicht wäre an der einen oder anderen Stelle weniger Inhalt mehr gewesen.

Was mir zudem fehlt ist der Blick auf die abwesenden Väter. Es ist sehr bedauerlich, dass sie bei diesem Thema nicht mit in den Fokus gerückt wurden. Nach meiner Erfahrung aus der Elternarbeit gibt es einen Zusammenhang zwischen belasteten Müttern und abwesenden Vätern. Es ist höchste Zeit, dass dieses Thema aus der Tabuzone geholt wird und Väter mehr mit einbezogen werden, um die Resilienz des Familiensystems zu stärken!

Frau Preißmann hat keine eigenen Kinder. Das ist sicherlich der Grund, warum sie in ihrem Buch sieben Frauen zu Wort kommen lassen hat, die von ihren Erfahrungen mit der Rolle als Mutter berichten. Die Autorin bekam erst im Erwachsenenalter von 27 Jahren ihre Diagnose (was nicht ungewöhnlich ist) und sie weiß aus eigener Anschauung, dass es ihre Eltern oft nicht leicht hatten, weil es immer wieder Probleme gab. Nicht selten sind diese daraus entstanden, dass ihre Eltern nicht wussten, warum sie so reagiert wie z.B. mit hoher Empfindlichkeit bei einem Frisörbesuch. Heute ist Christine Preißmann 45 Jahre alt und ist weiterhin auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen.

Viele Mütter kämpfen wie Löwinnen für ihre Kinder z.B. für bessere Aufklärung an Schulen oder gegen Vorurteile. Das ist sehr kräftezehrend! Oft bestimmt das Thema Autismus das ganze Leben. In meinen Beratungen habe ich es immer wieder mit Müttern zu tun, die sich zerrissen fühlen: einerseits sind sie diejenigen, die über das Kind Bescheid wissen und das Umfeld aufklären. Und andererseits laufen sie in dieser Rolle Gefahr, als über behütende Mutter dazustehen, die nicht in der Lage ist, loszulassen und oft sogar als Verursacherin von Problemen gesehen wird. Aufgrund unterschiedlicher Perspektiven entsteht an dieser Stelle ein Spannungsfeld: Mütter fokussieren auf Potenziale und Möglichkeiten der Kinder, in der Schule verengt sich der Fokus auf vorhandene Defizite der Kinder. An dieser Stelle gilt es wachsam zu sein, denn es besteht die Gefahr, zu polarisieren und sich gegenseitig einseitig Dinge zuzuschreiben, die einer förderlichen und wohlwollenden Atmosphäre im Wege stehen können – was letztendlich dann wiederum zu Lasten der Kinder geht.

Viele Mütter bewegen sich in einem Teufelskreis von schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen. Sie sind auf professionelle Hilfe angewiesen. Aber auch das Umfeld z.B. in einer Klassengemeinschaft kann unterstützen z.B. durch das Zeigen von Mit-Gefühl, Wertschätzung, Worte der Anerkennung oder einfach durch ein aufmunterndes Lächeln – alles Gesten, die wenig Aufwand bedürfen und aus sich heraus eine stärkende Wirkung haben werden.

Fazit

Mütter mit einem autistischen Kind berichten sehr persönlich und mit großer Offenheit über die Herausforderungen für die Familie und sie selbst. Das Buch will Hilfestellung dabei geben, von anderen Müttern zu lernen, zu wissen, wie Kraft und Mut geschöpft werden kann. Darüber hinaus geht es auch darum, wie Krisensituationen besser gemeistert werden können. Es enthält viele Anregungen und Tipps zur Stärkung der eigenen Resilienz und Widerstandskraft, um den verschiedenen Rollen gerechter werden zu können.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 23.04.2015 zu: Christine Preißmann: Gut leben mit einem autistischen Kind. Das Resilienz-Buch für Mütter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-608-86046-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18263.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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