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Uwe Fachinger, Hellen Koch u.a.: Gesund altern (Altersgerechte Assistenzsysteme)

Cover Uwe Fachinger, Hellen Koch, Birte Schöpke, Klaus-Dirk Henke, Sabine Troppens: Gesund altern. Sicherheit und Wohlbefinden zu Hause. Marktpotenzial und neuartige Geschäftsmodelle altersgerechter Assistenzsysteme. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 242 Seiten. ISBN 978-3-8487-1712-5. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR, CH: 83,90 sFr.
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Thema und Autoren

Bei der vorliegenden Publikation stehen altersgerechte Assistenzsysteme von Gütern des täglichen Bedarfs im Vordergrund, wobei davon auszugehen ist, dass ein Großteil dieser Systeme zunächst über den zweiten Gesundheitsmarkt finanziert wird, bevor eine Finanzierung im Rahmen der Regelversorgung mit erstattungsfähigen Leistungen erfolgen könne.

Herausgeber dieses Bandes sind Uwe Fachinger, Klaus-Dirk Henke, Hellen Koch, Birte Schöpke und Sabine Troppens. Nähere Informationen über die Autoren sind in der Publikation nicht zu finden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer Einleitung in neun Hauptteile A bis K mit Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert. Beendet werden die Ausführungen mit einem Fazit, einem Literaturverzeichnis und einem Anhang.

In der „Einleitung“ wird versucht, eine Begriffsbestimmung altersgerechter Assistenzsysteme vorzunehmen, obgleich sich bisher noch keine einheitliche etablieren konnte. Allgemein werden mit dem Terminus Produkte und Dienstleistungen bezeichnet, die ein selbständiges und unabhängiges Leben im Alter unterstützen sollen. In ähnlichen Zusammenhängen würde auch oft der Begriff „Ambient Assisted Living“ (AAL) genannt und zwar dann, wenn es sich um Technologien handelt, die auf Menschen mit besonderen Bedarfen – Ältere, chronisch Kranke etc. – gerichtet seien, wobei auch hier eine einheitliche Definition nicht zu finden sei. AAL- Produkte und – Dienstleistungen würden als charakteristisches Merkmal die Vernetzung von technischen Geräten zur Unterstützung der Anwender aufweisen und ließen sich deshalb der zweiten und dritten Generation der altersgerechten Assistenzsysteme zuordnen (S. 20). Zielgruppen solcher AAL Systeme seien direkte und indirekte Nutznießer sowie wirtschaftlich Verbundene.

Im Kapitel B „Determinanten des Potenzials altersgerechter Assistenzsysteme“ wird zunächst thematisiert, dass es eine unüberschaubare Vielzahl von AAL Produkten gäbe, wobei sich die am deutschen Markt befindlichen in der Online-verfügbaren Datenbank REHADAT (22011 Produkteinträge) und die von sechs europäischen Ländern in der Datenbank EASTIN (76000 Produkteinträge) fänden. Etwas unvermittelt wird zu Geräten zur Verbesserung des Hör- und Sehvermögens übergegangen, um danach zur Entwicklung der gesundheitlichen Situation der deutschen Bevölkerung und dem Krankheitsgeschehen aus Sicht der Wirtschaft Stellung zu nehmen. Die Systematik, die dahinter steht, verbirgt sich dem Leser allerdings. Im Unterkapitel acht wird dann die Nachfragesituation nach AAL Systemen verdeutlicht.

Kapitel C ist mit „Arbeitsmarkt“ überschrieben. Zunächst wird die Entwicklung der Beschäftigungszahlen verdeutlicht. So entfielen mehr als 90% der Zunahme im Zeitraum von 2000 bis 2011 auf eine Erhöhung bei den Ärzten, den medizinisch und zahnmedizinischen Fachangestellten sowie den Gesundheits-, Kranken- und Altenpflegern. Um zukünftig den Fachkräftebedarf zu decken, müssten die Arbeitsbedingungen verbessert und Weiterbildungsmaßnahmen durchgeführt werden, um das gerontologische Wissen über altersgerechte Assistenzsysteme zu verbessern (S. 98).

Im Kapitel D werden über sechs Seiten die „Exportchancen und internationale Wettbewerbsfähigkeit“ diskutiert. Es wird gemutmaßt, dass Deutschland als wissens- und technologieintensives Land mit einem relativ hohen Wohlfahrtsniveau eher einen Markt für altersgerechte Assistenzsysteme ausbilden könnte als andere Regionen. So sei der deutsche Markt für Medizintechnologien der drittgrößte Einzelmarkt nach den USA und Japan.

Kapitel E befasst sich mit „Hemmnisse hinsichtlich der Nutzung altersgerechter Assistenzsysteme“. Mit dem Begriff „Myopia“ wird charakterisiert, dass Vorteile altersgerechter Assistenzsysteme aus Nutzersicht häufig erst bei unmittelbarem Bedarf erkennbar würden, weshalb sie als meritorische Güter bezeichnet werden. Weitere Hemmnisse seien die Interoperabilität, der Datenschutz und die unzureichende Akzeptanz.

In Kapitel F „Qualitative Analyse“ werden leitfadengestützte Telefoninterviews mit halbstandardisiertem Interviewleitfaden ausgewertet (S. 116 ff). Die in den Interviews genannten Einsatzgebiete von altersgerechten Assistenzsystemen ließen sich prinzipiell vier Anwendungsfeldern zuordnen: Gesundheit und Pflege, Haushalt und Versorgung, Sicherheit und Privatsphäre sowie Kommunikation und soziales Umfeld. Hinsichtlich der Zielgruppen sind sich die Befragten recht einig, es sind ältere und älter werdende und/oder hilfe- bzw. pflegebedürftige Menschen.

Im Kapitel G „Quantitative Analyse“ wird Abschätzung der wirtschaftlichen Potenziale vorgenommen (S. 142). Es werden fiktive Bedingungen zur Berechnung des Umsatzpotenzials und der Zahlungsbereitschaft unterstellt. So würden 50 % der Nachfrager für telemedizinische Produkte monatlich maximal 50? ausgeben, 25 % wären bereit, zwischen 50 bis 75? zu zahlen und die übrigen würden bis zu 99? verausgaben (S. 154). Größer sei die Zahlungsbereitschaft für Serviceleistungen und für altersgerechte bauliche Veränderungen.

Im Kapitel H werden „Geschäftsmodelle: Identifikation und Realisierung“ thematisiert. Ein sehr informatives und für die zukünftige Entwicklung wichtiges Kapitel, was auch den Hauptteil der Ausführungen umfasst. Es werden zunächst verschiedene theoretische Geschäftsmodelle unterschiedlicher Breite und Tiefe vorgestellt und danach Modelle für altersgerechte Assistenzsysteme entwickelt.

Ebenso wichtig sind die Ausführungen im vorletzten Kapitel I „Finanzierungsansätze für altersgerechte Assistenzsysteme“. Das Resümee: Es gibt prinzipiell zahlreiche Finanzierungsansätze, bei denen nicht nur die Marktgegebenheiten zu beachten sind, sondern auch die Regelungen der sozialen Sicherungssysteme- Kranken-, Pflege-, Unfall- und auch Rentenversicherung. Allerdings gestalte sich die Finanzierung über die sozialen Sicherungssysteme schwierig, so dass davon auszugehen sei, dass altersgerechte Assistenzsysteme zunächst auf dem zweiten, privaten Gesundheitsmarkt gehandelt werden. Sofern sich eine positive Kosten – Nutzen – Bilanz für die Kranken- und Pflegekassen ergebe, könne diese in den ersten Gesundheitsmarkt überführt werden.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist durchaus lesenswert und enthält wichtige Ausführungen, die bisher in der Forschung eher unterbeleuchtet waren. Insbesondere die beiden letzten Kapitel verweisen auf neue Entwicklungen zur Entstehung von altersgerechten Assistenzsystemen und deren Finanzierung. So konnten erhebliche Differenzen zwischen den Umsatzpotenzialen für altersgerechte Assistenzsysteme und der geschätzten Nachfrage privater Haushalte konstatiert werden, die es durch entsprechende Vernetzungen zwischen den Anbietern und dem Gesundheitsmarkt zu minimieren gilt. Allerdings – das zweite Kapitel zeigt Mängel in der stringenten Gliederung auf und es treten viel zu häufig für ein Fachbuch Flexions- und Artikelfehler auf.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 16.07.2015 zu: Uwe Fachinger, Hellen Koch, Birte Schöpke, Klaus-Dirk Henke, Sabine Troppens: Gesund altern. Sicherheit und Wohlbefinden zu Hause. Marktpotenzial und neuartige Geschäftsmodelle altersgerechter Assistenzsysteme. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1712-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18289.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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