Jan Wessel: Organisierte Kriminalität und soziale Kontrolle
Jan Wessel: Organisierte Kriminalität und soziale Kontrolle. Auswirkungen in der BRD. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2001. 243 Seiten. ISBN 978-3-8244-4410-6. 34,00 EUR, CH: 59,50 sFr.
Nachwort von Henrik Kreutz.
Zum Thema der Publikation
Organisierte Kriminalität, verstanden als eine qualitativ neue Form der Kriminalität, von welcher ein besonderes Gefährdungspotential ausgeht, erfährt in der Öffentlichkeit und insbesondere medial größte Aufmerksamkeit.
Neben der begrifflichen Funktion der 'OK' als ein verdichtetes Symbol für eine abstrakte, unsichtbare und geheimnisvolle Gefährdung durch skrupellose, sich über illegale Wege Macht und Einfluss verschaffende 'hoch-kriminelle' Andere (zumeist gedacht als ausländische Andere) dient das Phänomen 'OK' auf der Ebene der bundesdeutschen (Innen- und Sicherheits-) Politik auch als Anlass und Legitimation ganz konkreter organisatorischer und rechtlicher Maßnahmen.
Gerade in Hinblick auf diese bis hin zu Verfassungsänderungen führenden, Grundrechte einschränkenden, konkreten Maßnahmen wird das Phänomen 'OK' in Fachkreisen jedoch äußerst kritisch diskutiert.
Die Arbeit von Jan Wessel, angenommen als Dissertationsschrift an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, stellt an sich selbst den Anspruch, einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte um organisierte Kriminalität zu leisten.
Zielsetzungen der Publikation
Wessel verfolgt mit seiner Arbeit eine doppelte Zielrichtung:
Zum einen wird der Entwicklungsprozess des Begriffes und Konzeptes der organisierten Kriminalität sowie dessen Implikationen für die Wahrnehmung der 'OK' analysiert. Zum anderen bemüht sich die Arbeit, das Phänomen 'OK' an sich sowie die Entstehungsbedingungen der 'OK' unter Zuhilfenahme der Anomietheorie (in ihrer ganzen Breite von Durkheim über Merton bis zu Cloward) theoretisch zu erfassen. Vorraussetzung hierfür, und für die ebenfalls erfolgende Bewertung der 'OK'-Bekämpfungsmaßnahmen in Hinblick auf ihre Wirksamkeit, ist die vom Autor im Rückgriff auf bestehende bundesdeutsche und ausländische empirische Untersuchungen erarbeitete Darstellung des realen Gehalts des Phänomens. Theoriegestützt soll einerseits die Frage beantwortet werden, ob die 'OK' in der BRD hinsichtlich ihrer Qualität und Quantität eine Innovation darstellt, andererseits soll eine Analyse der Wechselwirkungen zwischen 'OK' und der Gesellschaft erfolgen: "Inwiefern wird die organisierte Kriminalität von gesellschaftlichen Entwicklungen in der BRD beeinflusst und inwiefern beeinflusst die organisierte Kriminalität gesellschaftliche Entwicklungen in der BRD?" (S. 13)
Aufbau
Gegliedert ist die Arbeit in die drei großen Abschnitte "(a) Soziologischer Bezugsrahmen", "(b) Analyse phänomenologischer Daten zur organisierten Kriminalität" und "(c) Rückwirkungen auf die BRD". Der Arbeit angefügt ist "ein auf die Zukunft bezogenes Nachwort" von Prof. Dr. Kreutz (Lehrstuhl für Soziologie und Sozialanthropologie der Universität Erlangen-Nürnberg) über die "Doppelbödigkeit der Gesellschaft, verdeckte Netzwerke und Strategien der Machterweiterung des staatlichen Kontrollapparates".
Der soziologische Bezugsrahmen
Was den ersten Abschnitt zum soziologischen Bezugsrahmen der Arbeit betrifft, so findet man hier einleitend eine Rezeption der Anomietheorie, die mit einer Einschätzung der Fruchtbarkeit der Theorie in Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand der organisierten Kriminalität schließt.
Das zweite Kapitel des ersten Buch-Abschnitts referiert dann zunächst die Ergebnisse verschiedener empirischer Forschungen sowie die ihnen zugrunde liegenden Konzepte zur 'OK' in ihrer chronologischen Abfolge. Neben den im nordamerikanischen und italienischen Kontext entstandenen Forschungen liefert es auch einen kurzen Abriss des Verlaufs der empirischen Forschung in der BRD, historisch beginnend mit den Räuberbanden des 17. und 18. Jahrhunderts über die Arbeiten zum "Berufsverbrechertum" bis hin zu Arbeiten über die nach dem 1. Weltkrieg entstehenden Vorbestraftenvereine. Den Zeitpunkt der ersten ernsthaften Auseinandersetzung mit der Thematik terminiert der Autor mit Kerners Studie zur 'OK' (welche einerseits das Vorliegen mafiaähnlicher Strukturen in der BRD verneinte, andererseits aber die Herausbildung eines informellen Netzwerkes einer professionell organisierten international zusammenarbeitenden Kriminalität konstatierte) auf das Jahr 1973 (Kerners Studie wird dann in einem späteren Kapitel referiert, vgl. S. 103 f.).
Weitere empirische Forschungen zur 'OK' wurden in der BRD erst wieder mit dem Jahre 1988 aufgenommen. Diese neueren Studien basieren ebenso wie die Arbeit von Kerner ausschließlich auf der Auswertung polizeilicher Quellen, insbesondere auf der Wahrnehmung der Erscheinungsformen der 'OK' durch Ermittlungsbeamte.
Zusammenfassend wird in diesen Studien "von zwei nebeneinander existierenden, unterschiedlichen Strukturtypen organisierten Verbrechertums" ausgegangen, "einem Netzstruktur-Typus einerseits und einem Mafia-Typus andererseits", wobei erster Typ "das theoretische Konzept des rationalen Straftäters quasi als Weiterentwicklung des klassischen Berufsverbrechers", und der zweite Typ "Import- und Konspirationstheorien" impliziert (S. 35). Einen besonderen Raum in der Darstellung empirischer Forschung und theoretischer Konzepte zur 'OK' räumt Wessel dem Konzept des "disorganized crime" von Peter Reuter ein, der den geringen Organisationsgrad vermeintlicher 'OK' als eine Konsequenz der Produktillegalität interpretiert. Reuter trennte in seiner Untersuchung krimineller Märkte in New-York (1983) analytisch zwischen dem illegalen Markt und der kriminellen Organisation und hob hervor, "dass der illegale Status der Produkte deren Produktion und Verteilung in erheblichen Maße beeinflusst und außerdem dazu führt, die Verfestigung großer und dauerhafter krimineller Organisationen zumindest tendenziell zu verhindern." (S. 21) Kriminelle Märkte kennzeichnen sich durch eine Vielzahl von "kleinen und kurzlebigen Unternehmen, deren Beziehung durch hohen Wettbewerb und nicht durch kartellartige Absprachen geprägt war." (S. 22) Die Marktbeziehungen sind reduziert auf byer-seller Verbindungen, "die weder exklusiv noch zentral organisiert waren." (S. 22).
Im letzten Kapitel des ersten Abschnitts zum soziologischen Bezugsrahmen erfolgt eine wissenssoziologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen 'OK'. Unerlässlich ist eine solche Vorgehensweise, bei welcher man sich mit dem Begriff der 'OK', dessen Entwicklungsprozess und Implikationen kritisch auseinandersetzt, für die in Abschnitt B des Buches erfolgende Analyse phänomenologischer Daten zur 'OK'.
Hier stellt der Autor auch die Frage nach den Definitionsgebern und deren Motivationen. Dabei wird schnell ersichtlich, dass eine der Ursachen, warum der Begriff der 'OK' vom Bedeutungsinhalt der 'kriminellen Organisation' nicht aber vom Bedeutungsinhalt des 'kriminellen Organisierens' im Sinne der organisierten Straftatbegehung dominiert wird, in der Geschichte des Begriffes zu sehen ist. Das Bild von einer organisierten Kriminalität, welche durch den Aufbau krimineller 'Parallelgesellschaften' das bestehende Gesellschaftssystem in Gänze bedroht, begründet sich nicht zuletzt durch den Rückgriff auf das US-amerikanische Konzept des 'Organized Crime', dessen zentraler Merkmalsträger das Vorliegen "von hierarchisch klar strukturierten Geheimgesellschaften" war (S. 45). Wenngleich bei Einführung des Begriffes mit Beginn der 70er Jahre polizeilicherseits die Vorstellung der Existenz mafiaähnlicher Strukturen in der BRD klar zurückgewiesen wurde, so hielt man an dem Begriff fest, anscheinend, so Wessel (S. 45) weil "die Publicityträchtigkeit des Begriffs (...) bewusst genutzt werden sollte", denn "Wer die Begriffe prägt, besetzt die Köpfe". (S. 45) Aus Sicht des Autors handelt es sich bei der Definition der 'OK' um eine, eine konkrete Zweckorientierung aufweisende "polizeitaktische Definition", welche von Beginn an verbunden war "mit polizeilichen Forderungen bezüglich einer Neuorganisation der polizeilichen Informationsverarbeitung sowie der polizeilichen Organisationsstruktur und einer Ausweitung der Fahndungsbefugnisse mithilfe veränderter rechtlicher Grundlagen." (S. 63). Eine der Ursachen dieser Forderungen ist in der Vorstellung zu sehen, "daß ein qualitativer Sprung in der Straftatbegehung unweigerlich zur Herausbildung krimineller Organisationen führt, das kriminelles Organisieren unweigerlich einer kriminellen Organisation bedingt, was dann zu dem Vorverständnis syndikatsähnlicher Organisationen und Kartelle führt (...)." (S. 75)
Resümee seiner dezidierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit der z.Zt. gültigen polizeilichen Definition der 'OK' (sowie der zu ihrer Bestimmung aufgezählten Indikatoren) und ihres Entwicklungsprozesses ist die Kritik am fehlendem Beschränkungspotential der Definition. "Anstatt zu einer begrifflichen Präzisierung und klassifikatorischen Eingrenzung des Kriminalitätskomplexes 'organisierte Kriminalität' beizutragen, eröffnet die Definition also vielfältige Interpretationsspielräume. (...) Derart unbestimmte (Rechts-) Begriffe und Formulierungen müssen zwangsläufig zu einer Einschränkung der Bewertungsobjektivität und sicherlich zumindest in manchen Fällen zu einer gewissen Beliebigkeit und Willkür führen." (S. 53) und sie haben zur Folge, dass sich die 'OK', wenn "immer mehr Deliktgruppen und Straftatbegehensformen der organisierten Kriminalität zugeordnet werden können", zunehmend statistisch selbst bestätigt (S. 60).
Daten zur organisierten Kriminalität
Was den zweiten großen Abschnitt der Publikation betrifft, so soll die dort erfolgende Analyse phänomenologischer Daten zur 'OK' hier nur knapp in ihren zentralen Befunden wiedergegeben werden. Als Quellen zog Wessel neben der Polizeilichen Kriminalstatistik BRD (PKS) der Rauschgiftjahresberichte und der vom BKA initierten empirischen Studien (ab 1988) sowie der Strafverfolgungsstatistiken insbesondere die vom BKA erstellten "Lagebilder Organisierte Kriminalität" heran.
Von großer Bedeutung scheint hier Wessels kritische Auseinandersetzung mit den von Politik und Polizei "zur Begründung der vermeintlich besonderen Qualität organisierter Kriminalität" angeführten Merkmale der 'OK' (Korruption, Internationalität/ Transnationalität, hoher Ausländeranteil, hohes Dunkelfeld, monopol- bzw. oligopolähnliche Stellung auf illegalen Märkten, hohe Kapitalakkumulation) in Hinblick auf das vorhandene Datenmaterial.
So verweist er z.B. darauf, dass das BKA 1997 zu dem Schluss kommt, "daß von systematischer Korruption zur Reduzierung des Strafverfolgungsrisikos im Bereich der organisierten Kriminalität nicht auszugehen ist.", wobei er hier allerdings kritisch anmerkt, ob nicht das polizeiliche Vorverständnis von 'OK' ursächlich für den "vergleichsweisen geringen Anteil an ermittelten Korruptionsdelikten" ist, denn schließlich betreffen Korruptionsdelikte nicht nur die 'klassische' kriminelle Unterwelt sondern auch in besonderem Maße gerade die Akteure der etablierten Oberwelt. Auch was das qualitative Bedrohungspotential durch Internationalität/ Transnationalität und einen hohen Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger betrifft, so erlaubt sich Wessel zum einen kritisch anzumerken, dass es, wolle man sich nicht des Vorwurfes eines "auf latenten Rassismen basierenden Vorurteils" aussetzen, einer Begründung bedürfe "warum ein Delikt allein deshalb besonders gefährlich sein soll, wenn es von BürgerInnen anderer Länder begangen wird." (S. 129). Zum anderen weist der Autor diesbezüglich darauf hin, dass die Internationalität gerade bei den der 'OK' zugeordneten Deliktsgruppen (Schleuserkriminalität, KFZ-Verschiebung, Drogenhandel) in der Natur der Sache liege (pflanzliche Drogen werden z.B. bereits aus klimatischen Gründen im Ausland angebaut, aber in der BRD abgesetzt).
Wessel kommt zu dem Schluss, dass weder "aus dem statistischen Kriterium Internationalität/Transnationalität noch aus dem Kriterium Ausländeranteil (...) auf Grundlage der veröffentlichten Daten ein besonderes Bedrohungspotential organisierter Kriminalität abzuleiten" ist (S. 139) und dies sowohl aus quantitativer als auch aus qualitativer Sicht!
Auch der vom BKA oft vorgebrachte Verweis auf ein enormes Dunkelfeld der 'OK' wird von Wessel methodisch "eher als Versuch (...) [ge-] sehen, kritische Einwände abzublocken und das veröffentlichte Datenmaterial weitgehend wirklichkeitsresistent zu machen. Die Vorstellung, ein Dunkelfeld so bestimmen zu können, dass eine derartige Aussage gerechtfertigt wäre, ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar." (S. 140). Wessel bezieht sich hier auf ein Zitat aus dem Lagebild 'OK' von 1995: "Darüber hinaus wird es in Zukunft erforderlich sein, durch aktive polizeiliche Informationsbeschaffung und qualifizierte Analyse das zweifellos in ausgeprägtem Maße vorhandene Dunkelfeld im Bereich der Organisierten Kriminalität aufzuhellen." (S. 140).
Ebenso kritisch bewertet Wessels das von Politik und Polizei angeführte qualitative Bedrohungspotential der 'OK' durch monopol- bzw. oligopolähnliche Beherrschung des Schwarzmarktgeschehens und die damit verbundene Kapitalakkumulation. Gesicherte Hinweise hierfür wären den Daten nicht zu entnehmen (vgl. S. 143), zudem komme die vom BKA durchgeführte Strukturanalyse selbst zu dem Ergebnis, dass "lediglich auf regionaler Ebene (...) auf bestimmten Marktsegmenten oligopolistische und teilweise auch monopolistische Strukturen erkennbar wären." (S. 143).
Im letzten Kapitel des zweiten Buch-Abschnittes zur Datenanalyse stellt Wessel unter der Überschrift "Abschließende Diskussion: kriminelle Organisation vs. Kriminelles Organisieren" seine zentralen Befunde zusammenfassend dar: erstens "(...) kann weder in quantitativer noch in qualitativer Hinsicht von einer Innovation durch die Kriminalitätsform organisierter Kriminalität in der BRD gesprochen werden." (S. 152) und zweitens kennzeichnen sich die der 'OK' zugerechneten Ermittlungsverfahren "nicht durch die Existenz flächendeckender, krimineller und gleichzeitig einen hohen Organisationsgrad aufweisender Organisationen", woraus sich ergibt "dass es für eine Erfassung der bisher unter der Überschrift organisierte Kriminalität subsumierten Kriminalitätsphänomene des Begriffs der organisierten Kriminalität nicht bedarf." (S. 152)
An dieser Stelle stellt Wessel dann auch deutlich eine bis dahin noch relativ schwach gebliebene Verbindung zwischen seinem theoretischen Ansatz (Anomietheorie) und seinem empirischen Untersuchungsgegenstand ('OK') her: Ein Konzept von 'OK', welches auf der Existenz krimineller Organisationen beruhe, behindere das Erkennen und Erfassen organisierter begangener Kriminalität. Der Unterschied zur individuellen Kriminalität bestehe nicht in "der Bedrohung der inneren Sicherheit durch eine vermeintliche qualitative Fortentwicklung krimineller Organisationen sondern in sehr viel ausgeprägteren Ermittlungsproblemen seitens der Strafverfolgungsbehörden, die wiederum als Folge der Anpassungsleistungen rationalen Verbrechens entstehen." (S. 153). Als exemplarisch für die von Wessel hier herausgearbeitete, und soweit dies möglich war auch von den Daten gestützte Verbindung zwischen Theorie und Empirie soll hier der folgende Absatz zitiert werden: "Die Ursache für Prozeß und Entwicklung der organisierten Kriminalität sind nicht in einer weltweit agierenden crime industry zu sehen, sondern in Abhängigkeit von Schwarzmärkten, Schattenwirtschaft und Gelegenheitsstrukturen mit Unterschieden in der Verfügbarkeit über illegitime Mittel im Cloward'schen Sinn aufgrund strukturell differenzierter Zugangschancen. Für die Entstehung und Etablierung von Schwarzmärkten, Schattenwirtschaften und Gelegenheitsstrukturen sind freilich nicht kriminelle Organisationen im klassischen Sinne 'verantwortlich', sondern gesellschaftspolitische und historische Entwicklungen einerseits sowie rechtliche Regulierungsversuche in Form von strafrechtlicher bzw. verwaltungsrechtlicher Kontrolle andererseits." (S. 157).
Rückwirkungen auf die Bundesrepublik Deutschland
Abschnitt C der Publikation befasst sich dann, laut Überschrift mit den "Rückwirkungen auf die BRD", verstanden als die Frage danach, "inwiefern Begriff und Konzept der organisierten Kriminalität gesellschaftliche Entwicklungen in der BRD beeinflusst" (S. 159). Wenngleich die Kapitelüberschrift weiterreichend formuliert wurde, findet sich hier unter einer Vielzahl von Stichwörtern (z.B. Rasterfahndung, V-Männer, Geldwäsche, Kronzeugenregelung, Europol, Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst, Bundesgrenzschutz, Zollkriminalamt etc.) jedoch nur das, was auch in der Überschrift zum einzigen Kapitel dieses Abschnitts C genannt wird, nämlich eine Beschreibung der "Zunahme staatlicher Kontrolle als Reaktion auf scheinbar eindeutige Forschungsergebnisse" bzw. spezifischer das, was im Unterkapitel 1.1 als "Ausweitung (insbesondere) polizeilicher Befugnisse mittels neuartiger Fahndungsmethoden und deren rechtliche Legitimierung unter Berücksichtigung der Erweiterung des Gesetzesrahmens." bezeichnet wird.
Dieser Punkt kann dann auch als negative Kritik an der Arbeit von Wessel seitens des Rezensenten angeführt werden. In diesem letzten Kapitel wird über die drei Überschriften: "C. Rückwirkungen auf die BRD", "1. Die Zunahme staatlicher sozialer Kontrolle ..." (s.o.) und "1.1 Ausweitung (insbesondere) polizeilicher Befugnisse ..." (s.o.) der eigene Anspruch des Autors an den Inhalt des Abschnittes sukzessive zurückgenommen, und er muss sich fragen lassen, warum den Kapiteln mit der Nummerierung 1. und 1.1 keine Kapitel 2. oder 1.2 folgen. Möglicherweise handelt es sich hierbei nur um einen formalen Fehler, möglicherweise beinhaltet die Dissertationsschrift im Original weitere Kapitel, die Kürzungen des Verlages zum Opfer fielen. An diese eher Formales betreffende Kritik knüpft sich jedoch auch eine inhaltliche Kritik: Wenngleich der Titel der Publikation "Organisierte Kriminalität und soziale Kontrolle — Auswirkungen in der BRD" lautet, so findet sich jedoch zu dem schillernden Konzept der sozialen Kontrolle nahezu nichts und auch die im Titel angesprochenen "Auswirkungen" beschränken sich in der Darstellung fast vollständig auf die im Kontext der 'OK' —Bekämpfung erfolgte Ausweitung der gesetzlichen Möglichkeiten. Ein treffenderer Titel für diese aus Sicht des Rezensenten im übrigen hervorragenden Arbeit wäre dann wohl etwas in der Art von "Was ist dran an der 'OK'?" oder "Organisierte Kriminalität — reale Bedrohung oder (polizei-) politische Rhetorik?" gewesen.
Fazit
Jan Wessel's Arbeit über die 'OK' empfehle ich daher all denen zur Lektüre, welche sich ein Bild davon machen wollen, wie die Figur 'OK' entstehen konnte, welcher reale Gehalt sich hinter ihr verbirgt und welche rechtlichen und organisatorischen Folgen das mit dem Begriff verbundene Bedrohungsszenarium hat. Neben diesem Personenkreis, welcher vermutlich bereits eine kritische Sichtweise auf das dubiose Schreckgespenst 'OK' einnimmt, sei besonders denjenigen die Lektüre des Buches angeraten, welche die 'neue Bedrohung' unhinterfragt als gegeben annehmen. Vermutlich wird aber dieser Kreis von Wessels Arbeit nicht erreicht werden, oder — aufgrund des Titels — gerade doch, womit die Kritik des Rezensenten am Titel hinfällig wäre und das was als 'Verfehlung' erschien, ein gelungener taktischer Zug wäre, um fundiertes Wissen, (und davon birgt Wessel's Arbeit sehr viel) dorthin zu bringen wo es benötigt wird, zu denen, die nicht wissen oder womöglich nicht wissen wollen.
Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 18.01.2002 zu: Jan Wessel: Organisierte Kriminalität und soziale Kontrolle. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2001. 243 Seiten. ISBN 978-3-8244-4410-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/183.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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