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Fred Karl: Einführung in Altenbildung und Altenarbeit

Cover Fred Karl: Einführung in Altenbildung und Altenarbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-8252-8292-9. 16,90 EUR, CH: 30,10 sFr.

UTB 8292. Reihe: Heinz-Hermann Krüger, Einführungstexte der Erziehungswissenschaft - 16.
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Thema

Das Buch erscheint als 16. und letzter Band in der von Heinz-Hermann Krüger herausgegebenen Reihe "Einführungstexte Erziehungswissenschaft". Damit ist auch die wissenschaftssystematische Verortung des Arbeitsbegriffs "Generationen- und Altenarbeit" im weiteren erziehungswissenschaftlichen Kontext festgelegt.

Dies wird in der Einleitung (S. 11-13) verdeutlicht, wo der Autor die Lebensphase "Alter" in einen integrativen Bezug zu den jüngeren Lebensphasen Kindheit und Jugend (-18), Junges Erwachsenenalter (18-25), Erwachsenenalter (25-50) in Anlehnung an die BLK-Strategie Lebenslanges Lernen des BMBF (2008) stellt. Die innere Differenzierung der Lebensphase Alter selbst orientiert sich nicht an der aktuellen Phänomenologie des Alternsprozesses sondern an der spezifischen Kohortenprägung der alten Menschen: Aufbaugeneration ("alte Alte"), 68er-Generation ("junge Alte"), Baby-Boomer-Generation (ins Alter nachwachsende geburtenstarke Jahrgänge). Dies ist insbesondere für eine bildungsorientierte Arbeit mit heute alten Menschen von großer Bedeutung.

Zentrales Thema des Buches sind "Such- und Herstellungsvorgänge" (S.12) in der Generationen- und Altenarbeit, die im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Erwartungen zum gemeinschaftlichen Engagement einerseits sowie andererseits von verstärkter Orientierungssuche und Individualisierung stattfinden. Dabei nehmen Bildungsvorgänge eine Schlüsselrolle ein.

Autor

Prof. Dr. Fred Karl lehrt am Institut für Sozialpädagogik und Soziologie der Lebensalter der Universität Kassel im Fachgebiet Soziale Gerontologie. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind u.a.: Ökologische und Soziale Gerontologie; Generationenverhältnisse; sich wandelnde Generationenbeziehungen. Er ist u.a. Mitherausgeber der Kasseler Gerontologischen Schriften, des 2000 erschienenen Handbuchs "Soziale Gerontologie" sowie des 2003 erschienenen Sammelwerkes "Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie". Dazu kommen zahlreiche eigene Publikationen im genannten Fachgebiet.

Aufbau und Inhalt

Die ersten drei Kapitel (S. 15-79) stellen die wissenschaftstheoretischen und sozialgeschichtlichen Voraussetzungen her, auf denen die weiteren Kapitel (S. 77ff) aufgebaut sind.

Kapitel 1 (S. 15-26): Hier geht es um den Zugang der Erziehungswissenschaften zur Generationenthematik und zum Alter sowie um die Widersprüchlichkeit in den gesellschaftlichen und individuellen Verständnissen des Alters.

Kapitel 2 (S. 27-40): Es wird die geschichtliche Entwicklung der "Arbeit mit älteren Menschen" in Deutschland seit Mitte des 20. Jahrhunderts dargestellt, in der sich ein Verständniswandel hin zu einer "Altersbildung" vollzieht, der zunehmend intergenerationelles Lernen mit einbezieht.

Kapitel 3 (S. 41-76): Es wird zunächst der soziale und kulturelle Wandel durch einen Rückblick auf die ersten vierzig Lebensjahre der in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren geborenen Kohorten veranschaulicht. Dabei sind die Lernanforderungen in der Auseinandersetzung mit der jüngeren Generation sowie die Weiterbildungsteilnahmen nach ihrem 50. Lebensjahr von besonderer Bedeutung.

Die nun folgenden Kapitel konkretisieren Aspekte der Einführung in eine generationell differenzierte Arbeit mit Älteren und Alten.

Kapitel 4 (S. 77-98): Bewusst werden die unterschiedlichen Gestalten des modellhaft geförderten Freiwilligenengagements und die zugehende Bildungsarbeit für benachteiligte Hochaltrige gegenübergestellt.

Kapitel 5 (S. 99-118): Die Ergebnisse des Alterssurveys und des Familiensurveys zeigen, dass mit den Generationen, die in ihren Jugendjahren gesellschaftlichen Wandel bewirkten, nun auch im Übergang in den Ruhestand und in der nachberuflichen Phase sozial und politisch überdurchschnittlich interessierte und aktive Jahrgänge zu identifizieren sind.

Kapitel 6 (S. 119-151): Zunächst werden Institutionen und selbstorganisierte "Arenen" der Bildungsarbeit mit älteren Menschen angesprochen. Dann wird in 14 aufeinander bezogenen Bausteinen ein Weiterbildungscurriculum zur Engagementförderung Älterer vorgestellt, das im Modellprojekt "Erfahrungswissen für Initiativen" erprobt wurde.

Kapitel 7 (S. 153-166): Hier geht es um die für eine gelingende Realisierung des Curriculums notwendige Öffnung von Institutionen für eine neue Engagementkultur und um den Aufbau von entsprechenden Kooperationen.

Kapitel 8 (S. 167-188): Es werden nun auch der Entwicklungsprozess vom "autonomen" zum "abhängigen" Alter und die damit verbundenen traditionellen Felder der Altenhilfe in den Blick genommen. Angesichts des Pflegebedarfs, der Demenzproblematik und der Art und Weise des familiären, nachbarschaftlichen und gesellschaftlichen Umgangs mit Hochaltrigkeit wird auch hier die Bedeutung des Generationenthemas augenfällig.

Kapitel 9 (S. 189-204): Abschließend wird thematisiert, inwieweit die Studienangebote an Universitäten und Fachhochschulen den dargestellten intergenerativen Anforderungen gerecht werden, wobei deutlich wird, dass sich mit dem Feld der Generationen- und Altenarbeit für die Studiengänge der Erziehungswissenschaften ein noch gestaltbares disziplinäres Teilgebiet ergibt. Die bisher eingerichteten neuen BA/MA-Studiengänge sind durchgängig im Umfeld der Gerontologie und der Sozialen Arbeit entstanden.

Kapitel 10 (S. 205-207): Ein weiterführender Ausblick spricht die erforderliche begriffliche Klarheit bei der Verwendung des Generationenbegriffs an. Es muss bei der Differenzierung von aufeinander folgenden Generationen immer auch die innere Varianz dieser Generationen aufgezeigt werden. Dies verweist auf eine zukünftig wahrscheinlich noch engere Verbindung des Generationenthemas mit Problemen wachsender sozialer Ungleichheit.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

Zielgruppe

Für Studierende und Lehrende in den Fachgebieten der Erziehungswissenschaften, der praxisorientierten Gerontologie, der Sozialen Arbeit und der Diakonie ist dieses Buch als Standardwerk zu empfehlen. Gleiches gilt für beruflich in der Arbeit mit Älteren Menschen Tätige, für die das Buch eine wichtige Möglichkeit zur Weiterbildung darstellt. Auch da, wo in Institutionen für Ältere Menschen neue Handlungskonzepte entwickelt werden, stellt das Buch eine wissenschaftlich wertvolle und nicht zuletzt auch in die Praxis umsetzbare Grundlage dar.

Diskussion

Das Buch von Fred Karl ist als ein überaus gelungenes und überzeugendes Plädoyer für eine bildungs- und engagementorientierte Arbeit mit älteren Menschen anzusehen, die diese Arbeit aus der ihr bisher zumeist zugewiesenen wissenschaftlichen und berufsbezogenen Nische herausführt.

Seine Besonderheit besteht darin, dass hier drei Grundaspekte integrativ aufeinander bezogen und für die Arbeit mit älteren Menschen fruchtbar gemacht werden: 1. Das differenzierende Verständnis des Alters aus dem Bezug auf seine jeweils konstitutiven Kohortenbezüge. 2. Die integrative Einbeziehung des Alters in den erziehungswissenschaftlichen Kontext, der generationenübergreifende Aspekte mit einschließt. 3. Die Sicht auf das Alter als Prozess in der Wechselwirkung von individueller Entwicklung und gesellschaftlichem Wandel.

Im Zusammenwirken dieser drei Aspekte ergeben sich drei wesentliche Grundlagen für die Generationen- und Altenarbeit: 1. Die Lebensphase Alter muss aus generationenübergreifenden Zusammenhängen verstanden werden und nicht als in sich geschlossene Phase oder gar Sonderform des Lebens. 2. Generationen- und Altenarbeit versteht sich als Wechselbeziehung, in der alte Menschen durchaus als handelnde Subjekte ernst genommen und nicht auf Objektrollen reduziert werden. 3. Ein "ressourcenorientiertes" Verständnis der Arbeit mit alten Menschen ergibt sich so logisch aus dem wissenschaftlichen Grundansatz und verliert den apologetischen Beigeschmack, der ihm bisweilen anhaftet.

Auch wenn diese Aspekte im einzelnen nicht neu sind, werden sie doch in dem Buch von Fred Karl in überzeugender Weise aufeinander bezogen und auf die Praxis hin entfaltet. Dazu kommt, dass der Text klar und plastisch gestaltet ist, dass der Aufbau konsequent und übersichtlich ist, und dass gliedernde Markierungen am Rande des Textes die Lektüre sehr erleichtern. Grafiken und eigens gerahmte Textblöcke tragen darüber hinaus zur Lesbarkeit wesentlich bei.

Einziges Desiderat: Ein Sach- und Personenregister würde den Gebrauch des Buches noch weiter verbessern.

Fazit

Unbedingt empfehlenswert für Studierende, Lehrende und in der Praxis der Arbeit mit Älteren Menschen Tätige.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 03.08.2010 zu: Fred Karl: Einführung in Altenbildung und Altenarbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-8252-8292-9. UTB 8292. Reihe: Heinz-Hermann Krüger, Einführungstexte der Erziehungswissenschaft - 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1830.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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