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Simon Werther, Christian Jacobs u.a. (Hrsg.): Organisations­entwicklung – Freude am Change

Cover Simon Werther, Christian Jacobs, Felix C. Brodbeck, Erich Kirchler, Ralph Woschée (Hrsg.): Organisationsentwicklung – Freude am Change. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2014. 174 Seiten. ISBN 978-3-642-55441-4. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Organisationsentwicklung in Organisationen – Strategien, Inhalte, Instrumente.

Autoren/Herausgeber

Das Buch ist in der Schriftenreihe „Die Wirtschaftspsychologie informiert“ im Springer-Verlag erschienen (Hrsg.: Brodbeck, Felix C.; Kirchler, Erich; Woschée, Ralph). Die Autoren sind Diplom-Psychologen und als Berater in OE-Prozessen tätig.

Aufbau

Das Buch umfasst etwa 170 Textseiten und ist in 10 Abschnitte unterteilt, die jeweils einen Aspekt der Organisationsentwicklung thematisieren. Alle Abschnitte tragen auf dem jeweiligen Deckblatt des Abschnitts noch einmal die Namen der Autoren und der Herausgeber. Die Abschnitte lassen sich – in anderer Reihenfolge – drei unterschiedlichen Themen zuordnen, und zwar

  1. Grundlagen der OE (4: Theoretische Grundlagen, 3: Charakteristika von Organisationen, 2: Menschenbilder in Organisationen);
  2. OE-Prozess (6: Inhalte und Anlässe, 7: Mobilisierung von Organisationen, 9: Instrumente für Veränderungsprozesse) und
  3. Ergebnisse der OE (8: Erfolgsfaktoren; 5: Anleitung zum Scheitern).

Ein kurzes einleitendes Kapitel (1) und ein Ausblick (10) bilden den Rahmen, ein zwei Seiten umfassendes Stichwortverzeichnis findet sich am Ende des Buches im Serviceteil.

Die Abschnitte werden jeweils zum Einstieg mit einem Fallbeispiel aus der Beratungspraxis eingeleitet. Zwischenfazite und Zusammenfassungen geben jeweils einen kurzgefassten Überblick über die Inhalte.

Inhalt

In Kap. 2 (Menschenbilder im Unternehmen) werden die Bedeutung der Unternehmenskultur beschrieben und vier Ansätze zur Erklärung menschlichen Verhaltens dargestellt, die für OE-Prozesse von Bedeutung sind. Die Ausführungen zum Wertewandel sind knapp gehalten und basieren auf nur einer ausgewählten Modelldarstellung (Beck/Cowan).

Die in Kap. 3 beschriebenen Charakteristika von Organisationen fassen in der Darstellung Grundlagen der Organisationslehre (Leitungssysteme), eine Charakterisierung unterschiedlicher Perspektiven auf Organisationen (z.B. Systemische Perspektive) und Entwicklungsphasen der Organisation zusammen.

Kap. 4 stellt unter der Überschrift „Theoretische Grundlagen“ zunächst den Organisationsentwicklungsbegriff in Abgrenzung zum Begriff Change Management dar. Die im Buchtitel beschriebene „Freude“ kommt bei den Autoren offensichtlich nur bei sozialwissenschaftlich orientierten OE-Ansätzen auf. Change Management wird etwas überzeichnend in die Ecke technikorientierter Verhaltensdetermination („mechanistische Menschenbilder transportiert“, S. 145) gedrängt und mit der berühmt-berüchtigten „Bombenwurfstrategie“ identifiziert. Die Auswahl der theoretischen Ansätze konzentriert sich auf die lernende Organisation und das Thema Unternehmenskultur, ergänzt um zwei neuere Ansätze (Resilienz, Präsenz).

Unter der an Watzlawick („Anleitung zum Unglücklichsein“) gemahnenden Überschrift „Anleitung zum Scheitern“ (Kap. 5) stellen die Autoren zunächst ein Fallbeispiel über einen Workshop dar, in welchem ein Scheiterns-Szenario mit „Freude“ konzipiert wurde und dieses dann Grundlagen für eine weitere produktive Ausrichtung des Unternehmens legte. Im Anschluss wird ein kurzer Blick auf das Scheitern in seiner gesellschaftlichen Bewertung gelegt. Die inhaltliche Verbindung zu dem in diesem Abschnitt auch noch behandelten Thema „organisationale Widerstände“ (Typologie der Widerständler) bleibt etwas offen.

Die im Kap. 6 beschriebenen Inhalte und Anlässe für OE beinhalten keine systematische Darstellung von Gründen und Themen von OE-Prozessen. Vielmehr werden eine Reihe von unterschiedlichen Aspekten (Innovation; Führung; Gesundheit, Mergers & Acquisitions, Firma ohne Kultur) behandelt, die offenkundig aufgrund durchgeführter Beratungsprojekte zu diesen Themen in die Auswahl aufgenommen worden sind.

Das Kap. 7 beschreibt die Mobilisierung von Organisationen (genauer gesagt: der Mitglieder von Organisationen), die sich zum einen auf die strategische Ausrichtung bezieht, zum anderen auf das kulturelle Konzept. Offenbar soll die strategische Mobilisierung die Folie für die kulturelle Mobilsierung liefern. Anstelle einer Darlegung von Hintergründen und Vorgehensweisen geben vorwiegend die auf Workshops gesammelten Beschreibungen von Phasen, Inhalten, Beteiligten und Methoden einen Einblick.

Zu den in Kap. 8 beschriebenen Erfolgsfaktoren gehören qualifizierte externe Berater und – etwas überraschend – „20 Prinzipien des bewussten Erschaffens“ (S. 141-143), die eher meditativ-religiös ausgerichtet sind und bei denen nach dem Eingeständnis der Autoren berücksichtigt werden müsse, „dass es sich um einen subjektiven Zugang … handelt, da die Erkenntnisse bisher empirisch nicht überprüft worden sind.“ (S. 141). Die im übrigen aufgezählten Erfolgsfaktoren sind dem Aufsatz von Gerkhardt und Frey sowie dem Buch von Doppler/Lauterburg entnommen.

Die Darstellung der Instrumente für Veränderungsprozesse (Kap. 9) ist nach dem Phasenschema von Lewin strukturiert und beinhaltet ausgewählte Instrumente, die die Autoren in Beratungsprozessen eingesetzt haben. Die Darstellung ist anregend und illustriert plastisch die Prozesse der Diskussion, Ausrichtung und des organisationalen Lernens im Rahmen von OE-Prozessen.

Der Ausblick (Kap. 10) beschreibt notwendige Forschungsaktivitäten auf dem Weg zum „Evidence Based Mangement“ (S. 166) und Anforderungen an die Professionalisierung von OE-Prozessen.

Diskussion

Das Buch will nach eigenem Bekunden den „Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und Anwendungsorientierung“ (S. 3) als Herausforderung annehmen und beiden Aspekten gerecht werden. Im Hinblick auf die Anwendungsorientierung weist das Buch eine gute didaktische Aufbereitung und eine leicht verständliche Sprache auf, außerdem eine größere Zahl von Fallbeispielen, Workshop-Darstellungen und Übungen zur Selbstreflexion.

Diese Betonung der Anwendungsorientierung ist offenbar der Beratungspraxis der Autoren geschuldet, die Material für viele anschauliche Fallbeispiele geliefert, aber auch ab und an die Auswahl der Themen bestimmt hat, was zu einer eher zufällig wirkenden Zusammenstellung von Themen geführt hat (z.B. in Kap. 6).

Dass bei den ausgewählten Fallbeispielen fast nur Positivbeispiele zu finden sind, ist nicht weiter verwunderlich. Etwas störend ist hingegen die unverhohlene pro-domo-Argumentation für (kleine, sozialwissenschaftlich ausgerichtete) Beratungsunternehmen (S. 145) und die abwertende Betrachtung von Change Management-Ansätzen anderer Provenienz (z.B. Systemgestaltung; TransformationsManagement nach Prammer), ohne diese überhaupt zu beschreiben.

Die Unterteilung in einzelne Abschnitte ist didaktisch sinnvoll (abgeschlossenen scheinende Lese- und Lerneinheiten), aber inhaltlich nicht immer logisch ausgeführt. Dies führt zu Querverweisen bzw. zu einzelnen Redundanzen (z.B. Eigenschaftstheorie der Führung in Kap. 2 und Kap. 6).

Hinsichtlich der Wissenschaftsorientierung sind deutliche Defizite zu konstatieren. Der fast durchgängige Verzicht auf Definitionen und einen präzisen Begriffsapparat mag zwar die Lesbarkeit steigern, führt aber bisweilen zu inhaltlichen Unklarheiten und zu einem ab und an wolkigen Sprachgebrauch, der sich in Andeutungen und All-Sätzen zu verlieren droht. Auch wenn zu begrüßen ist, dass die Literaturverzeichnisse den einzelnen Abschnitten zugeordnet sind, sind die weitaus meisten Angaben lediglich „Verweise auf weiterführende Quellen“ (so das Vorwort der Herausgeber), aber keine Literaturangaben im eigentlichen Sinne. So wären nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein anwendungsorientiert ausgerichteter Leser froh, wenn er wüsste, in welchem Bereich eines 600 Seiten umfasssenden Standardwerks er weiterlesen könnte, um einen Zusammenhang zu dem mit einem einzigen Satz im Text angesprochenen Sachverhalt herstellen zu können.

Fazit

Das Werk liefert einen guten ersten Einblick in die Art und Weise, wie in (extern moderierten) OE-Beratungsprozessen bestimmte Inhalte mit ausgewählten Methoden bearbeitet werden können. Hier sind insbesondere die dargestellten Fallbeispiele und Übungen nützlich. Als Gesamtdarstellung des OE-Themas müsste das Buch durch andere Werke ergänzt werden, die hinsichtlich der Anwendungsorientierung einen stringenten Aufbau und hinsichtlich der Wissenschaftsorientierung einen breiteren und tieferen Ansatz aufweisen.


Rezensent
Prof. Dr. Knut Dahlgaard
Professor für Personalmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Knut Dahlgaard. Rezension vom 09.10.2015 zu: Simon Werther, Christian Jacobs, Felix C. Brodbeck, Erich Kirchler, Ralph Woschée (Hrsg.): Organisationsentwicklung – Freude am Change. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2014. ISBN 978-3-642-55441-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18332.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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