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Klaus Jacobs, Adelheid Kuhlmey u.a. (Hrsg.): Pflege-Report 2015

Cover Klaus Jacobs, Adelheid Kuhlmey, Stefan Greß, Antje Schwinger (Hrsg.): Pflege-Report 2015. Schwerpunkt: Pflege zwischen Heim und Häuslichkeit. Schattauer (Stuttgart) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7945-3107-3. D: 54,99 EUR, A: 56,60 EUR, CH: 73,90 sFr.
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Thema

Im Alter wollen die meisten Menschen so lange wie möglich in ihrer eigenen häuslichen Umgebung bleiben. Ein freiwilliger Umzug in ein Pflegeheim ist für viele nicht vorstellbar. Andere Wohnformen hingegen werden wenig diskutiert oder sind einfach nicht bekannt. In eben dieser Lücke setzt der Pflege-Report an. Das Buch will innovative Konzepte und deren Potenziale außerhalb von Heim und Häuslichkeit aufzeigen.

Autorinnen und Autoren

Insgesamt 35 Autorinnen und Autoren haben an diesem Band mitgewirkt. Herausgeber sind Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO), Adelheid Kuhlmey, Prodekanin für Studium und Lehre der Charite – Universitätsmedizin Berlin, Stefan Greß, Professor für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fulda sowie Antje Schwinger, ebenso aus dem WidO.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Gesundheits- und Pflegepolitiker, Verantwortliche in Pflege- und Sozialverbänden, Gesundheits- und Pflegemanager sowie Gesundheits- und Pflegewissenschaftler.

Aufbau

Auf 265 Seiten umfasst der Pflegereport drei Teile:

  1. Pflege zwischen Heim und Häuslichkeit
  2. Praxisbeispiele
  3. Daten und Analysen zur Pflegebedürftigkeit in Deutschland

Inhalt

Der erste Abschnitt widmet sich dem Hauptthema des Pflege-Reports: die Gestaltung von Wohn- und Versorgungsumwelten. Fragt man Menschen, wie sie im Falle einer Pflegebedürftigkeit versorgt werden wollen, ist die Antwort am häufigsten: zu Hause. Ein Drittel der Pflegebedürftigen lebt jedoch in Heimen. Zwischen diesen beiden Wohnformen existieren aber viele weitere Möglichkeiten. Betreutes Wohnen für Menschen mit (noch) hoher Selbständigkeit ist in Befragungen am bekanntesten, wird aber als teuer eingeschätzt. Am Mehrgenerationenhaus/Wohngemeinschaften mit anderen Älteren würden die Befragten den sozialen Rahmen und die Unterstützungsmöglichkeiten sehr schätzen. Das Konzept, im Ausland gepflegt zu werden, schneidet schlecht ab – hier wird eine komplette Aufgabe des bisherigen Lebens befürchtet. Daneben werden noch Konzepte skizziert wie altersgerechte Wohnungen, deren bauliche Ausstattung eine überwiegend selbständige Haushaltsführung ermöglicht (z.B. weniger als 3 Stufen zum Wohnungseingang, bodengleiche Dusche), ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Pflegebedarf/Demenz oder Siedlungsgemeinschaften. Eine Übersichtstabelle vergleicht diese Wohn- und Versorgungsformen in Bezug auf Rechtsform, Finanzierung, Zielgruppe und Vor- und Nachteile.

Das Buch wirft auch einen Blick ins europäische Ausland. In Skandinavien ist die Gesundheitsversorgung aus Steuern finanziert, Leistungen werden am persönlichen Bedarf ausgerichtet. Die Familie hat hier nicht die primäre Dienst- oder Finanzierungsverantwortung, dennoch wird mit professionellen häuslichen Diensten ein Verbleib im vertrauten Umfeld ermöglicht. Die Langzeitpflege der nordischen Länder befindet sich aber in einer Umbruchsituation. Ziele wie „Gute Pflege der Demenzkranken bedeutet gute Pflege für alle“ rückt die Versorgung Demenzkranker noch mehr in den Mittelpunkt und werden mit viel Energie verfolgt.

Die Autoren greifen auch das Thema Qualitätsbeurteilung auf. Die Notwendigkeit ist klar, interne und externe Qualitätssicherung und -entwicklung neu zu denken, nur über das „wie“ wird weiterhin diskutiert. Ein funktionierendes internes Qualitätsmanagement gilt dabei als unverzichtbar. Ob die Prozess- oder Ergebnisqualität der Maßstab sein soll oder wie die reelle Versorgungsqualität sich dazu verhält, wird im Beitrag von Wingenfeld, der sich seit vielen Jahren mit diesem Thema befasst, ausgeführt.

Spannend ist der Versuch von Bräutigam, Evans und Hilbert, die mittelfristigen Bedarfe an Personal abzuschätzen. Nach ihren Berechnungen werden bis 2030 rund 250.000 Vollzeitäquivalente (VZÄ) benötigt, davon 101.000 Pflegefachkräfte (VZÄ). Zu diesen beeindruckenden Werten werden Wege zur Personalbedarfsdeckung skizziert wie die Ausweitung des Beschäftigungsumfangs, die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung qualifizierter Pflegefachpersonen, Beeinflussung der Berufsverweilzeit und berufliche Qualifizierung.

Im zweiten Teil stehen Praxisbeispiele im Mittelpunkt. Eine Seniorenwohngemeinschaft in Berlin-Mahlsdorf, stellt sich Alltagsfragen, die sich ergeben, wenn man sich Kühlschrank und Herd teilt, aber auch der Vermietung. Über diese Wohnform gibt es bisher nur wenig Zahlen und Daten. Es bleibt abzuwarten, wie sich Senioren-Wohngemeinschaften mit dem Pflegestärkungsgesetz I entwickeln. Die Bremer Heimstiftung legt viel Wert auf die Bindung an das vertraute Viertel. In ganz Bremen sind 26 Standorte vertreten und damit fast jeder Stadtteil mit repräsentiert. Ebenso aus Berlin wird zu ambulant betreuten Demenz-Wohngemeinschaften berichtet. Auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen wird viel Wert gelegt. Aus der Schweiz kommt der Beitrag zur Sonnweid. In diesem Haus werden Menschen mit Demenz in Wohngruppen betreut. Für die Krankheit typische Verhaltensstörungen sollen hier durch die Bauweise, die Beziehung zu den betreuenden Personen und den alltagsnahem Tageskonzept reduziert werden.

2010 wurde beim GKV-Spitzenverband eine Forschungsstelle Pflegeversicherung eingerichtet. Hier angesiedelte Modellprojekte lassen sich folgenden Innovationsfeldern zuordnen:

  • Qualitätsentwicklung in der Pflege z.B. Wirksamkeit von Pflegeleistungen
  • Pflege- und Betreuungsbedarf in unterschiedlichen Settings – hier wird für 50 geförderte Projekte eine umfassende Gesamtevaluation für Anfang 2018 erwartet
  • Unterstützung pflegender Angehöriger z.B. Abbau von Barrieren
  • Interventionen bei kognitiven Einschränkungen wie beispielsweise nicht-medikamentöse Interventionen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen
  • Pflege- und Betreuungspersonal in der Pflege
  • Prävention und Rehabilitation z.B. wie Menschen nach einem Sturz durch Rehabilitation wieder befähigt werden, in die Häuslichkeit zurückzukehren
  • Multimorbidität und Pflegeverläufe z.B. Projekte zu Polypharmazie
  • Technologische Entwicklungen und deren Akzeptanz, Usability, aber auch Risiken

Diskussion

Dieses Buch zeigt die Vielfältigkeit von Wohnformen außerhalb von Heim und Häuslichkeit auf. Die verschiedenen Perspektiven wie die Sicht der (zukünftig) Pflegebedürftigen, die Einbindung der Angehörigen, aber auch organisatorischer Aspekte zeichnen ein detailliertes Bild. Gut gefallen hat mir auch der Blick in anderen Länder, wobei eine Übertragbarkeit stets sorgfältig geprüft werden muss.

Das Buch bietet eine gute Grundlage für alle im Gesundheitswesen Tätigen, die sich mit dem Thema „Wohnen im Alter“ auseinander setzen. Für Menschen, die vor der Entscheidung stehen, eine andere Wohnform suchen zu müssen, wäre sicher ein adressatengerechter Transfer sinnvoll und dafür kann dieses Buch als Basis benutzt werden.

Leser mit Freude an Zahlen und Grafiken können sich freuen – das Buch hält reichlich davon bereit. Besonders prägnant ist hier der Beitrag zum Personalbedarf, der dieses umfassende Thema mit dem Fokus auf Wohn- und Versorgungsformen auf dem Punkt bringt.

Fazit

Dieser Pflegereport ist wichtig für alle, die sich mit dem Thema Wohn- und Versorgungsformen beschäftigen wollen oder müssen. Umfassend, aber trotzdem nicht erschlagend, erfährt der Leser die Chancen und Grenzen spezieller Wohn- und Versorgungsformen.


Rezensentin
Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 11.11.2015 zu: Klaus Jacobs, Adelheid Kuhlmey, Stefan Greß, Antje Schwinger (Hrsg.): Pflege-Report 2015. Schwerpunkt: Pflege zwischen Heim und Häuslichkeit. Schattauer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-7945-3107-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18344.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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