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Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen (Hrsg.): Gesundheits­selbsthilfe im Wandel

Cover Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen (Hrsg.): Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 233 Seiten. ISBN 978-3-8487-1210-6. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 62,90 sFr.
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Thema

Die Selbsthilfe hat sich in den letzten Jahrzehnten von überwiegend lokalen und kommunalen, bürgerzentrierten und widerständigen Anfängen einer auf Empowerment der Betroffenen gerichteten Selbstorganisation zu einer integrierten Größe im Gesundheitswesen entwickelt. Sie hat mittlerweile ein Organisationsgeflecht ausgebildet, das aus eigenem Personal, Funktionären und verbandlichen Strukturen besteht und von Wissenschaft, der Sozial- und Gesundheitspolitik sowie den Krankenkassen begleitet wird. Diese Entwicklung kann durchaus als Erfolgsgeschichte zunehmender Anerkennung, Förderung und Unterstützung gewertet werden. Doch gibt es auch eine kritische Betrachtung, die in dieser Entwicklung eine zunehmende Entmachtung und Entmündigung der Gruppen durch stellvertretende und vermittelnde Strukturen sieht. Auch der Strategiewechsels von der Förderung der Selbstorganisation und des Empowerments weg zu Strukturen, die wesentlich auf wirksamen Lobbyismus gerichtet sind, findet nicht überall eine positive Bewertung. In diesem Rahmen gilt es meines Erachtens, den Wandel der Gesundheitsselbsthilfe zu erörtern. Doch bleibt festzuhalten, dass keineswegs alle Selbsthilfegruppen in diesen Rahmen fallen und ein sehr großer Teil der Selbsthilfebewegung stets ihren Ursprüngen verpflichtet geblieben ist und sich keiner „Organisation“ , keinem Verband oder Verein angeschlossen hat; die Abwesenheit dieser Gruppen in der Öffentlichkeit und ihr Fehlen in den gesundheitspolitischen Gremien bedeutet nicht Existenz- und Wirkungslosigkeit.

Herausgeber

Bei den Herausgebern des Bandes handelt es sich bei Martin Danner um den Geschäftsführer der BAG Selbsthilfe e. V., bei Rüdiger Meierjürgen um einen Mitarbeiter aus dem Kompetenzzentrum Medizin und Versorgungsforschung der Barmer GEK. Beide vertreten durchaus Großorganisationen:

  • Die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen und ihren Angehörigen ist die Dachorganisation von 116 Organisationen behinderter und chronisch kranker Menschen und ihren Angehörigen; die zweite Säule bilden 13 Landesarbeitsgemeinschaften sowie 4 Fachverbände. In dem Verband sind mehr als 1.000.000 körperlich, geistig, psychisch behinderte und chronisch kranke Menschen organisiert.
  • Die Barmer GEK ist eine Krankenversicherungsagentur/ Gesetzliche Krankenversicherung mit insgesamt 8,6 Mill. Versicherten (Mitgliedern und Familienversicherten).

Entstehungshintergrund

Die BAG Selbsthilfe und die Barmer GEK widmen sich seit einigen Jahren auf einem jährlichen Kongress Grundsatzfragen und Problemen der Weiterentwicklung der Gesundheitsselbsthilfe. Der vorliegende Band enthält zentrale Beiträge dieser Kongresse, die mit einigen zusätzlichen Arbeiten aus der Praxis der Selbsthilfe abgerundet wurden.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Barmer GEK und des Bundesvorsitzenden der BAG Selbsthilfe führen die Herausgeber in das Thema ein.

Im 1. Kapitel geht es um Ziele und Entwicklungen:

  • Die Entwicklung der Selbsthilfe von der Laienkompetenz zur Professionalität? (Frank Schulz-Nieswandt, Ursula Köstler, Francis Langenhorst)
  • -Neue gesellschaftliche Anforderungen an die organisierte Selbsthilfe (Norbert Wohlfahrt)
  • Institutionalisierung von sozialen Bewegungen (Bernhard Borgetto)
  • Potenziale und Wirkungen der Gesundheitsselbsthilfe (Norbert Schmacke)

Das 2. Kapitel behandelt Patientenorientierung und Selbsthilfeförderung:

  • Gesundheitsselbsthilfe als treibende Kraft zur Stärkung der Patientenorientierung (Gabriele Seidel, Marie-Luise Dierks)
  • Gesundheitskompetenz, Patientenbeteiligung und Gesundheitsselbsthilfe (Martin Danner)
  • Gesundheitsselbsthilfe aus der Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung (Rüdiger Meierjürgen)
  • Gesundheitsselbsthilfe und die Potenziale Neuer Medien (Erich Behrendt, Andreas Renner, Bärbel Winter)
  • Leitlinien und Erklärungen zur Transparenz und Unabhängigkeit der Selbsthilfe (Ursula Helms)

Die Praxis der Selbsthilfe wird im 3. Kapitel thematisiert:

  • Was macht Selbsthilfe in der Praxis aus? Dargestellt an Beispielen der Deutschen Rheuma-Liga (Erika Gromnica-Ihle, Ursula Faubel)
  • Sucht-Selbsthilfe: Das Erfolgsrezept zur Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen (Regina Müller, Wiebke Schneider)
  • Strategien der Selbsthilfe zur Wahrung der Unabhängigkeit von Unternehmen (Karl Cattelaens)
  • Erfahrungen aus der Arbeit beim Gemeinsamen Bundesausschuss. Ein Praxisbeispiel (Ulrike Holtkamp)
  • Selbsthilfe und Patientenbeteiligung- Ergebnisse einer Pilotstudie über Selbsthilfeorganisationen für seltene Erkrankungen (Frank Jagusch)
  • Wirkungsorientierung in der Selbsthilfe (Ulf-D. Schwarz)
  • Rehabilitationssport und Funktionstraining bei Osteoporose. Eine empirische Analyse des Bundesselbsthilfeverbandes für Osteoporose e. V. (Thorsten Freikamp, Bettina Begerow, David Bühne, Rüdiger Meierjürgen, Achim Kleinfeld, Klaus Schüle)

Im 4. und letzten Kapitel behandeln die Herausgeber die Perspektiven der Gesundheitsselbsthilfe unter dem Titel: Die Zukunft der Gesundheitsselbsthilfe sichern.

Ein die Veröffentlichung abschließendes Autorenverzeichnis gibt dem Leser Informationen über die Autoren.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden möchte ich auf die Aufsätze des ersten Kapitels etwas näher eingehen, da sie Grundsätzliches zum Wandel der Gesundheitsselbsthilfe enthalten.

Die mit ihrem Aufsatztitel aufgeworfene Frage nach der „Entwicklung der Selbsthilfe von der Laienkompetenz zur Professionalität“ wird von den Autoren mit einigem Recht verneint. Nicht nach dem unilinearen Modell einer fortschreitenden Entwicklung lässt sich ihrer Meinung nach die Selbsthilfe verstehen, sondern nach dem Modell der Ambivalenz, wonach „Dinge“ der sozialen Wirklichkeit immer zwei Seiten haben: Erwartet die Selbsthilfe öffentliche Förderung, entsteht ein Spannungs- oder gar Widerspruchsverhältnis zwischen dem Anspruch der Selbsthilfe auf Autonomie einerseits und der notwendigen Unterwerfung unter den Regeln der Förderpraxis andererseits; besonders gravierend und desaströs wird diese Ambivalenz, wenn die Förderung von einem Nachweis der Wirksamkeit (Evidenz) der Gruppenarbeit abhängig gemacht werden soll. Ein anderes Beispiel solcher Ambivalenz ist das Verhältnis des „unteren“ Gruppengeschehens zu der „oberen“ Verbandsebene. Natürlich gibt es auf der einen Seite die unvermeidlichen Verselbständigungs- und Entfremdungsprozesse zwischen den Ebenen (u. a. Herausbildung einer Funktionärsebene), doch auf der anderen Seite gewinnen die Gruppen an öffentlicher Repräsentanz und politischen Einfluss. Ein weiteres Beispiel gravierender Ambivalenz: Einerseits kann die verbandlich organisierte Selbsthilfe als Akteur in den Organen der gemeinsamen Selbstverwaltung der Krankenversicherung als Sozialversicherung mitwirken und als Beispiel fortschreitender Demokratisierung des Gesundheitswesens dienen, andererseits wird sie dadurch in das System des medizinisch-technischen Komplexes integriert und muss dessen Spielregeln folgen. Wichtig erscheint den Autoren, dass die Positionierung der Selbsthilfe in den Spannungsbögen verschiedener Kräftefelder als unvermeidbar verstanden und als Gestaltungsauftrag erkannt wird. Unabhängig von allen diesen Ambivalenzen und vor jeder Diskussion ihrer gesundheitspolitischen Dienstbarkeit bleibt den Selbsthilfegruppen eine zentrale Funktionalität: Sie dienen der gelingenden Daseinsbewältigung der Person im Lebenslauf und ihrer Teilhabe am sozialen Leben.

In seinem Beitrag über die neuen gesellschaftlichen Anforderungen an die organisierte Selbsthilfe benennt Norbert Wohlfahrt einige für die Zukunft der Selbsthilfe neuralgische Punkte:

  • Die Ökonomisierung des Sozial- und Gesundheitssystems und die durch Markt und Wettbewerb forcierte Orientierung auf Kunden führt auch bei der Selbsthilfe zu einer verstärkten Dienstleistungsorientierung. Selbsthilfe wird zum Anbieter von Beratung, zum Partner von Zertifizierungsverfahren etc. und damit zu einem normalen Akteur im Marktgeschehen.
  • Die Selbsthilfe erfährt eine Aufwertung in den Gremien des Gesundheitssystems und wird zum anerkannten Vertreter der Patienten. Damit verstärken sich die Tendenzen der Professionalisierung und Dienstleistungsorientierung; die Vertreter der Selbsthilfe müssen sich darüber hinaus den mit Formalisierung und Bürokratisierung verbundenen Anforderungen der Gremienarbeit gewachsen zeigen.
  • Wie überall führt die demographische Entwicklung zu langfristigen Veränderungen: Strategien zur Gewinnung neuer Mitglieder werden immer wichtiger, da der Nachwuchs ausbleibt. Demenz und Pflege gewinnen als Handlungsfelder der Selbsthilfe und der Angehörigenarbeit zunehmend an Bedeutung. Die Selbsthilfe wird mit versorgungspolitischen Aufgaben konfrontiert und Teil einer staatlichen Wohlfahrtsproduktion.
  • Die Verschränkung von Engagementpolitik und Selbsthilfeförderung birgt die Gefahr, die organisierte Selbsthilfe als Teilbereich der Politik des bürgerschaftlichen Engagements zu sehen und als Alternative zu professionellen Dienstleistungen aufzubauen.

Zusammenfassen wird konstatiert: Die Selbsthilfe wird immer stärker in die Logiken der sozial- und gesundheitspolitischen Versorgung eingebunden. Die Entwicklungen an der Basis und das Gruppengeschehen werden nachrangig.

Für Bernhard Borgetto erscheint der Prozess der Institutionalisierung der Selbsthilfe vor dem eher an Sozialreform orientierten Ansatz der außenorientierten Selbsthilfe nur folgerichtig. Die Selbsthilfe muss sich mit der Hilfe der Achtsamkeit auf die Prozesse der Institutionalisierung einstellen, damit kein ungewollter Wandel der Formen, Inhalte und Maßstäbe eintritt. Von der Gruppe bis zum Dachverband muss deshalb der innere Zusammenhalt und Zusammenhang gepflegt werden. Ist dies nicht der Fall und verliert sich der Bezug zur Gruppenbasis, verwandelt sich die organisierte Selbsthilfe in eine Art selbstreferentielle Patientenvertretung durch professionalisierte Betroffene oder ihre hauptamtlichen Funktionäre. Doch auch in diesem Falle ist Panik unangebracht: Denn chronisch kranke und behinderte Menschen wird es immer geben und folglich auch die Quelle der Selbstorganisation in einer Gruppe. Die Grundlagen der Selbsthilfe sind sicher.

Die patientenzentrierte Medizin steht für Norbert Schmacke im Mittelpunkt seiner Überlegungen zur Selbsthilfe. Trotz begrenzter Ressourcen und schwacher institutioneller Verankerung sollte Selbsthilfe stärker als bisher zu einem Motor werden, der die Interessen und Perspektiven der Patienten im Medizinalltag stärker zur Geltung bringt; es fällt sogar das beliebte Wort von der Gegenmacht, die von der Selbsthilfe ausgeübt werden könnte. Ihre Beratungskompetenz macht aus der Selbsthilfe einen weiteren Dienstleister, der das Medizinsystem optimiert. Je stärker der medizinischen Alltag von Rentabilitäts- und Ökonomisierungsgesichtspunkten bestimmt wird, desto mehr ist von patientenzentrierter Perspektive oder auch sprechender Medizin die Rede.

In ihrem Ausblick auf die Zukunft der Gesundheitsselbsthilfe sprechen die Herausgeber von den berechtigten Ansprüchen, die Ratsuchende an professionelle Standards der Gesundheitsselbsthilfe haben. Hier sind meines Erachtens die Sozial- und Gesundheitsberufe und Mediziner die angemessenen Ansprechpartner, wenn Wissenschaftlichkeit, Professionalität und Richtigkeit der Behandlung, Pflege und Beratung im Vordergrund stehen; Gesundheitsselbsthilfe folgt meines Erachtens anderen Kriterien und ist auch als professioneller Dienstleister falsch definiert. Dem entsprechend sind die Mitglieder der Selbsthilfe auch keineswegs aufgefordert, die rasant anwachsenden Wissensbestände aufzubereiten und zu verarbeiten und entsprechende Beratungen durchzuführen, wie die Herausgeber andeuten. Absurd wird es, wenn Selbsthilfe, die informiert und mit Betroffenen und Interessierten spricht, den Kriterien einer evidenten Medizin folgen soll.

Fazit

Wer sich vor allem über die gegenwärtigen Tendenzen und Entwicklungen der „organisierten“ Gesundheitsselbsthilfe (jedenfalls ihrer offiziellen Vertreter, Großorganisationen und Verbände) informieren möchte, ist gut beraten, die besprochenen, aber auch alle anderen Beiträge des Bandes aufmerksam zu lesen.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 03.06.2015 zu: Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen (Hrsg.): Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1210-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18422.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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