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Holger Backhaus-Maul, Karsten Speck u.a.: Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege

Cover Holger Backhaus-Maul, Karsten Speck, Miriam Hörnlein, Maud Krohn: Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege. Empirische Befunde aus der Terra incognita eines Spitzenverbandes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 630 Seiten. ISBN 978-3-658-06965-0. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.
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Thema

In der empirischen Studie wird mittels qualitativer und quantitativer Methoden das personelle Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege exemplarisch anhand eines Spitzenverbandes, dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV), untersucht. Genauer analysiert werden dabei die Landesverbände Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Im Fokus der Untersuchung sind Umfang und Ausprägungen, Vorstellungen und Deutungen, sowie Steuerung und Förderung von Engagement in der Wohlfahrtspflege.

Autorinnen und Autoren

  • Holger Backhaus-Maul, Soziologe und Verwaltungswissenschaftler, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  • Dr. Karsten Speck ist Professor für Forschungsmethoden der Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
  • Miriam Hörnlein, Erziehungswissenschaftlerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  • Maud Krohn, Erziehungswissenschaftlerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.  

Entstehungshintergrund

Die umfangreiche empirische Untersuchung wurde in den Jahren 2012 bis 2014 durchgeführt. Die Finanzierung erfolgte durch Förderung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und aus Mitteln der Aktion Mensch e.V.

Aufbau

Das Buch umfasst 630 Seiten und ist untergliedert in die folgenden 13 Kapitel:

  1. Ausgangslage
  2. Fragestellung und Anlage der Studie
  3. Dankenswerte Förderung und freie wissenschaftliche Forschung
  4. Theoretische Bezüge zur Erklärung von Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege
  5. Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Engagement in gemeinnützigen Organisationen in Deutschland
  6. Ziele, Fragestellungen und methodisches Design des Forschungsprojektes
  7. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband / Landesverband Berlin e.V.
  8. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband / Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.
  9. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband / Landesverband Thüringen e.V.
  10. Länderübergreifende Auswertung
  11. Engagement in der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe
  12. Vorstellungen und Steuerungsversuche
  13. Wissenschaftliche Kommentare zur Studie

Ausgewählte Inhalte

Kapitel 1: Die vielfältigen Formen des gesellschaftlichen und individuellen Engagements bilden das solide Fundament der Institutionen der Freien Wohlfahrtspflege. Die freie Wohlfahrtspflege war sich traditionell ihres Engagements und ihrer Engagierten sicher. Entsprechende Schätzungen und Annahmen gaben Führungskräften unter Verweis auf rund 2,5 bis 3 Millionen Engagierte in der freien Wohlfahrtspflege über Jahrzehnte hin eine beruhigende Gewissheit und die notwendige politische Handlungssicherheit. Das theoretische und empirische Wissen über Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege beruht allerdings bis heute weitgehend auf schlichten Erfahrungen und Schätzungen. Im Zuge der betriebswirtschaftlichen Reorganisation der Freien Wohlfahrtspflege (Stichwort: Sozialwirtschaft) seit Mitte der 1990er Jahre wird wieder intensiver über den gesellschaftlichen Stellenwert von Engagement in den verschiedenen Ausprägungen des ehrenamtlichen, freiwilligen und bürgerschaftlichen Engagements und dessen Bedeutung für die soziale Arbeit debattiert. Die breite Aufgabenstellung und das vielfältige Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege werden durch die vorliegenden empirischen Studien aber allenfalls punktuell und ansatzweise erfasst. Die Übersichtlichkeit wird zusätzlich dadurch erschwert, dass das Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege oftmals nach Geschlechtern getrennt stattfindet – „fein säuberlich aufgespalten“ in einerseits männlich dominierte Vorstands- und Gremienaktivitäten sowie in weiblich geprägte ausführende soziale Tätigkeiten andererseits.

Kapitel 2: Die drei forschungsleitenden Fragestellungen der Studie lauten:

  1. Welche Bedeutung, welchen Umfang und welche Ausprägungen hat Engagement in Mitgliedsorganisationen der Freien Wohlfahrtspflege?
  2. Welche Vorstellungen und Deutungen von Engagement und welche Ideen und Perspektiven zur Entwicklung von Engagement existieren in Mitgliedsorganisationen der Freien Wohlfahrtspflege?
  3. Wie wird Engagementförderung in Mitgliedsorganisationen der Freien Wohlfahrtspflege gesteuert und koordiniert und welche Rahmenbedingungen zur Engagementförderung werden bereitgestellt?

Für die vorliegende Untersuchung wurden die Bundesländer Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen als typische und aussagekräftige „Eckfälle“ identifiziert. Die Datenerhebung erfolgte mit quantitativen und qualitativen Instrumenten der empirischen Sozialforschung. In einem ersten Schritt wurde eine quantitative Fragebogenerhebung durchgeführt, um den Umfang, die Vielfalt und den Stellenwert des Engagements zu ermitteln. In einem zweiten Schritt erfolgte eine qualitative Befragung thematisch zuständiger Führungskräfte und einschlägiger Experten der ausgewählten Verbände. Zusätzlich wurden die Engagementpotenziale in der sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sowie mit Kindern und Jugendlichen vertiefend in der Fragebogenerhebung und in den Experteninterviews untersucht.

Kapitel 4: Den heuristischen Referenzrahmen für die vorliegende Untersuchung bilden die Neo-Institutionalistische Organisationstheorie, das Konzept der intermediäre Organisationen und das Konzept des Neo-Korporatismus.

In Kapitel 5 wird der aktuelle Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Engagement in gemeinnützigen Organisation in Deutschland diskutiert.

Kapitel 6: Zunächst stellen die Autoren die Erhebungsmethode des Experteninterviews und den Begriff des Expertenwissens dar und gehen im Anschluss auf des Auswertungsverfahren der qualitativen Inhaltsanalyse ein. Das praktische Vorgehen bei der qualitativen Datenerhebung beginnt mit der Samplegestaltung. Es wurden die Bundesländer Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen ausgewählt, weil sich diese Länder durch stark kontrastierende regional und historisch bedingte strukturelle Besonderheiten auszeichnen. Insgesamt wurden 74 Experten befragt, davon 34 in Nordrhein-Westfalen und je 20 in Berlin und Thüringen. Die Auswertung erfolgte mittels der Software MAXQDA 10. Für die quantitative Erhebung wurde ein umfassender Online-Fragebogen entwickelt. Er umfasst die folgenden Dimensionen: Organisationsstrukturen / Umfang, Ausprägungen und Bedeutung von Engagement / Rahmenbedingungen und Engagementförderung. Die Auswertung erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS. Zur Grundgesamtheit der Studie gehören alle 3957 Mitgliedsorganisationen des DPWV in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Die Erhebung fand von September bis Dezember 2012 statt.

Kapitel 12: Abschließend formulieren die Autoren die folgenden zukünftigen Forschungsaufgaben:

  1. Eine empirische Untersuchung der Engagierten selbst im Hinblick auf ihre engagementbezogenen Vorstellungen und Erfahrungen
  2. Eine alle Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege umfassende empirische Untersuchung des Engagements
  3. Empfehlenswert wäre regelmäßige, etwa in einem Fünfjahresrhythmus durchzuführende Wiederholungsbefragungen der Engagierten sowie des Führungs- und Leitungspersonals in den Verbindungen und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege
  4. Ertragreich für die Weiterentwicklung der Forschung über Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege erscheinen auch international vergleichende Untersuchungen zu dieser Fragestellung

Diskussion

Bei der Fragebogenerhebung der 3957 Mitgliedsorganisationen des DPWV wurde eine Rücklaufquote von 58% erzielt. Die AutorInnen bewerten diese Rücklaufquote als ein sehr gutes Ergebnis. Dies ist aber eher ein „mittelmäßiges Ergebnis“. Zu berücksichtigen ist zudem, dass die Rücklaufquote zwischen den drei Bundesländern sehr unterschiedlich ist: Berlin 85%, NRW 54% und Thüringen 50%. Ein Grund für die nicht zufriedenstellenden Beteiligungsraten könnte der Befragungszeitraum von nur vier Monaten sein. Aus der Untersuchung geht deutlich hervor, dass der Arbeitsbereich Migration/Flüchtlinge beim DPWV bisher nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Es wäre daher erforderlich, dass sich der DPWV vor dem Hintergrund der akuten Flüchtlingsprobleme verstärkt auch dieser Thematik zuwendet.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind Lehrende, Forschende und Studierende der Soziologie, der Politologie und den Erziehungswissenschaften, sowie Führungskräfte und Mitarbeiter in Non-Profit-Organisationen, insbesondere in Verbänden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege.

Fazit

Das Buch liefert aufgrund seiner umfangreichen empirischen Bestandsaufnahme und der darauf basierenden Interpretationen und relevanten verbandlichen Stellungnahmen interessante Anstöße für die Weiterentwicklung dieser Diskussion. Insgesamt ist keine generelle Erosion der freiwilligen Engagements zu verzeichnen. Die Engagementsituation ist stabil. Zu beobachten ist aber, dass sich jüngere Menschen stärker projektbezogen außerhalb von Verbandsstrukturen organisieren. Die Studie veranschaulicht sehr gut die Vielfältigkeit des Engagementspotenzials des DPWV und gibt Hinweise dazu, wie der DPWV trotz fortschreitender Privatisierungs- und Kommerzialisierungstendenzen mittels intelligenter Handlungspraktiken seine Aufgaben auch in Zukunft erfolgreich erfüllen kann.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe
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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 20.04.2015 zu: Holger Backhaus-Maul, Karsten Speck, Miriam Hörnlein, Maud Krohn: Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege. Empirische Befunde aus der Terra incognita eines Spitzenverbandes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-06965-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18454.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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