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Gunter Geiger, Michaela Lengsfeld (Hrsg.): Inklusion - ein Menschenrecht

Cover Gunter Geiger, Michaela Lengsfeld (Hrsg.): Inklusion - ein Menschenrecht. Was hat sich getan, was kann man tun? Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 187 Seiten. ISBN 978-3-8474-0194-0. 19,90 EUR.
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Thema

Ein weites Feld – das Thema Inklusion! Während diese Rezension formuliert wurde, verstarb der Literaturnobelpreisträger Günther Grass. Daher sei es dem Verfasser gestattet, den Rahmen der durchgeführten Buchbesprechung mittels einer Reminiszenz an eines der Werke dieses großen deutschen Schriftstellers zu gestalten.

Also, Inklusion – ein (zu) weites Feld!? Über 4 Millionen Google-Einträge in 0,17 Sekunden, keine Woche Fernsehprogramm ohne Dokumentation oder Spielfilm zu diesem Thema, kirchliche Inklusionspredigten, sensibilisierende Kinospots, bewusstseinsbildende Kunstausstellungen, inklusive Musikbands, Planungshandbücher und politische Wahlprogramme, Arbeitgeberkonferenzen und Schuldebatten, Studiengänge und Aktionspläne ganz zu schweigen von den unzähligen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Publikationen – Inklusion ist in aller Munde. Derzeit ist kaum ein Alltags- oder Fachdiskurs denkbar, der auf der Suche nach der Beantwortung sozialer Fragen, nicht auf diesen Begriff zurückgreift.

Ein Reizwort/ ein Menschenrecht, eine Vision/ eine Utopie, ein gesellschaftliches Korrektiv/ eine politische Leitidee, ein soziologischer Terminus/ ein pädagogisches Ziel – das alles und noch viel mehr ist Inklusion.

Ist diese umfassende Inflation des Begriffes eine Chance oder ein Risiko für die damit intendierten sozialen Veränderungsprozesse? Um diese Frage zu beantworten ist es wohl noch zu früh!

Das im nachfolgenden rezensierte Buch will Inklusion im Sinne eines Menschenrechtes diskutieren und liefert dabei vor allem einen zusätzlichen Beweis für die Weite dieses Feldes.

Herausgeber und Herausgeberin

Die beiden Herausgeber Dipl. Volkswirt Gunter Geiger und Dipl. Sozialpädagigin Michaela Lengsfeld sind in zwei verschiedenen katholischen Einrichtungen in Fulda tätig. Ersterer ist Direktor der katholischen Akadamie/ Bonifatiushaus, zweitere ist Geschäftsführerein der gGmbH St. Antoniusheim.

Entstehungshintergrund

Am Ende des Jahres 2013 wurde in Fulda von der katholischen Akadamie des Bistums und der Bürgerstiftung des Antoniusheims eine gemeinsame Akademieabendreihe zum Thema ‚Inklusion - ein Menschenrecht‘ durchgeführt. Die Publikation stellt die verschriftlichte Dokumentation dieser Veranstaltungsreihe dar.

Aufbau und Inhalt

Die „Auseinandersetzung mit dem momentanen Fortschrittsstand der Inklusion“ (8) wird in zehn sehr vielfältigen Beiträgen geführt.

Nach einem motivierenden Geleitwort von Verena Bentele befasst sich der Journalist Arnulf Müller in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang von unserem abendländischen Verständnis von Freiheit und Inklusion um „nicht vor lauter Organisations- und Finanzfragen den tieferen Charakter dieser sozialen Idee zu verkennen“ (11). Der Band beginnt also mit einer tiefgründigen philosophischen Reflexion die dazu auffordert, nicht bei dem „gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten“ (UN-Behindertenrechtskonvention) stehenzubleiben, sondern das Risiko und die Chance in echter Freiheit sein Leben führen zu können/müssen, ausnahmslos jedem Menschen zuerkennt.

Von den „Grundhaltungen inklusiver Liebe“ handelt der Beitrag des katholischen Paters Helmut Schlegel. Auf eine sehr theologisch-meditative Art und Weise versucht er dem Leser die sieben Grundhaltungen

  1. Gelassen werden
  2. Gegenwärtig sein
  3. Auf das ‚Zwischen‘ achten
  4. Spannungen aushalten
  5. Einschließen statt ausschließen
  6. Geschwisterlich werden
  7. Mit dem Herzen sehen

näherzubringen. Dabei praktiziert er wirkliche Inklusion, denn Schlegel verwendet keinerlei Differenzierungen in seinem Text, sondern fokussiert vollständig auf das Gemeinsame der Menschen.

Der Geschäftsführer des St. Vincenzstiftes Aulhausen referiert in seinem Beitrag über eine Studie (‚Behindertenhilfe und Heimerziehung‘) welche die 125 jährige Geschichte dieser großen traditionsreichen Behindertenhilfeeinrichtung selbstkritisch thematisiert. Caspar Söling stellt dabei die Epoche der 50er-70er Jahre des vorigen Jahrhunderts und die dort vorherrschende Gewalt in der Heimerziehung in den Fokus seiner Ausführungen. Sein Resümee über diese Zeit lautet: „Die Menschenwürde war antastbar, weil die Opfer in geschlossenen Systemen lebten“ (43). Söling stellt dabei heraus, wie entscheidend für diese typischen diskriminierenden Besonderungsprozesse gesellschaftliche Normierungsmechanismen in der damaligen Zeit waren und es bis heute noch sind. Sein menschenrechtsorientiertes Plädoyer lautet daher: „Eine inklusive Gesellschaft dagegen kann nur gelingen, wenn wir alle von der unantastbaren Würde jedes einzelnen Menschen aus denken und damit alle Normierungsversuche relativieren“ (47).

Bernd Siggelkow, Gründer und Vorstand des christlichen Kinder- und Jugendwerkes „Die Arche“ e.V. berichtet auf anschaulichen knappen vier Seiten von seinen Praxiserfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in besonders herausfordernden Lebenslagen. Er zeigt dabei auf, wie wichtig aus seiner Sicht die drei Aspekte Beziehung, Nachhaltigkeit und Liebe dafür sind, um ‚Kinder stark machen‘ zu können.

‚Warum die Berücksichtigung der UN-BRK kein Zukunftsprojekt ist, sondern unmittelbar geltendes Recht‘ – dieser Frage geht Carmen Dorrance in ihrem Beitrag nach. Dass die UN-BRK ein Menschenrechtsdokument ist, welches Inklusion als unteilbaren Wertmaßstab einfordert, illustriert sie am Beispiel des aktuellen Bildungsdiskurses. Dabei zeigt sie, dass der heiß diskutierte Paradigmenwechsel von der ‚Integration‘ zur ‚Inklusion‘ immer noch aussteht, denn in der aktuellen bildungspolitischen Diskussion „wird Inklusion (…) rhetorisch wie praktisch zu einem Synonym für Integration“ (54). Die Professorin für Integration/Inklusion an der Fuldaer Hochschule verdeutlicht dies mit aktuellen Zahlen und Fakten aus dem Bildungsbereich. Abschließend plädiert sie für die Umsetzung der UN-BRK in der „unmittelbaren Gegenwart“ (70).

Ob ‚Inklusion eine Illusion?‘ ist, diese Frage stellt sich Birgit Koch in dem darauffolgenden Abschnitt der Publikation. Dafür begibt sich die stellvertretende Leiterin der GEW Hessen zunächst auf die Suche nach den „kausalen Begründungszusammenhängen“ (75) der gesellschaftlichen Phänome ‚Inklusion‘ und ‚Exklusion‘. Sie untersucht deren Ursache mit Hilfe Integritäts- / Identitäts-Ansätze von Franca Ongaro Basaglia und deren Wirkung mit Bezugnahme auf die sozialwissenschaftlichen Theorien von Pierre Bourdieu und Reinhard Kreckel. Nach diesen theoretischen Analysen der Funktion von Inklusion und Exklusion zieht Koch die Konsequenzen für das pädagogische Feld: „Inklusiv zu handeln bedeutet, sich die bestehenden Verhältnisse, in denen man lebt und arbeitet, anhand theoretischer Bezugsrahmen anzuschauen, um nicht Gefahr zu laufen, seine Ziele durch sein alltägliches Handeln selbst zu verhindern“ (88).

Minou Banafsche und Felix Welti stellen in ihrem juristisch angelegten Beitrag zunächst klar, dass die UN-Behindertenrechtskonvention keine Sonderrechte einfordert, sondern die Allgemeinen Menschrechte ergänzt und konkretisiert. Nachdem sie den gesetzlichen Tatbestand von Behinderung und die damit verbundene Definition der betreffenden Bevölkerungsgruppe zwischen dem Behindertengleichstellungsgesetz und der UN-BRK miteinander verglichen haben, richten sie ihren Blick auf die Rezeption der sozialen Menschenrechte der UN-BRK in Deutschland. Dabei kommen sie zu dem Schluss, dass die UN-BRK zwar einen sehr positiven Einfluss auf die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung hatte und hat, die strukturellen Probleme „bezüglich der Koordination von Leistungen und der Kooperation der Leistungsträger“ (105) jedoch noch nicht lösen konnte.

Die Leiterin des ‚Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft‘ (IMEW) – Katrin Grüber – diskutiert die Gründe und das Ausmaß der nach wie vor stark eingeschränkten gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Sie zeigt dabei die einstellungsbedingten und sachlichen Barrieren auf und gibt Anregungen wie diese überwunden bzw. abgebaut werden können.

Im darauffolgenden Abschnitt befasst sich Carsten Wienröder mit den Unterschieden in den Lebensverhältnissen zwischen Stadt und Land. Er fordert dabei ein stärkeres Selbstbewusstsein der Peripherie gegenüber dem Zentrum, welches eine entscheidende Grundlage für einen inklusiven ländlichen Raum darstellt. Als erfahrener Stadtplaner und Landschaftsarchitekt formuliert er die Erkenntnis: „Wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass Räume und Menschen verschiedene Potenziale haben, dass Benachteiligungen und Behinderungen Fragen der Sichtweise sind, dass jede(r) handicaps hat, ist die Frage nicht mehr so wichtig, was ländlicher Raum ist, ob er andere Chancen bietet, wie man ihn definieren oder abgrenzen muss – wenn die Pflege und Inwertsetzung nicht vergessen wird“ (140).

Der Herausgeberband wird abgeschlossen mit einem ausführlichen Beitrag zu ‚Perspektiven einer inklusiven Arbeitswelt‘. Frank Unger, Professor an der Hochschule Fulda, diagnostiziert zunächst, dass die aktuelle Situation des bundesdeutschen Arbeitsmarktes grundsätzlich stark verbesserte Teilhabemöglichkeiten für alle Personengruppen zur Verfügung stellt. Dabei sieht er folgende Aspekte als besondere Herausforderungen für eine inklusive Arbeitswelt:

  • Problem der Langzeitarbeitslosigkeit
  • Übergang Schule/Ausbildung/Erwerbsarbeit
  • Strukturelle Differenzen innerhalb der Beschäftigungsverhältnisse
  • ungleich verteilte Weiterbildungschancen
  • betriebliche Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen

Zu diesen Aspekten entwickelt Unger entsprechende Handlungsansätze, welche positiv Perspektiven aufzeigen, um einen ‚Arbeitsmarkt für alle‘ Wirklichkeit werden zu lassen.

Diskussion

Inklusion – ein weites Feld! Der rezensierte Band trägt keineswegs zur Vermessung und Strukturierung dieses Feldes bei, wie es der Untertitel „Was hat sich getan, was kann man tun?“ zunächst vielleicht vermuten lässt, sondern stellt vielmehr einen bunt gemischten Beitrag zur Bestellung dieses Feldes dar.

Es handelt sich demnach weniger um eine wissenschaftliche, soziale oder politische Bestandsaufnahme der Entwicklungen im Bereich Inklusion, sondern vielmehr um eine kreative Auseinandersetzung mit den vielfältigsten Aspekten dieser gesellschaftlichen Leitformel.

Die Publikation verfolgt dabei keinen inhaltlich stringenten ‚roten Faden‘, sondern stellt vielmehr eine ‚bunte‘ Zusammenschau von individuellen Perspektiven auf das Thema Inklusion dar. Die einzelnen Diskussionen werden weder im Vorhinein noch im Nachgang von den Herausgebern gerahmt oder reflektiert, so dass der Band eine offene und zum Nachdenken anregende Sammlung von Überlegungen zum Menschenrecht auf Inklusion darstellt. Auch die vielfältige Autorenzusammenstellung lässt keine klare Kategorisierung des Bandes zu einer spezifischen Wissenschaftsdisziplin, Profession oder Fachdebatte zu. Zwischen den Beiträgen findet ein häufiger Wechsel zwischen dem Alltagsdiskurs und den unterschiedlichen Fachdiskursen zum Thema Inklusion statt. Ganz im Sinne echter Inklusion wird dabei auf ausschließliche Fokussierungen auf eine bestimmte Personengruppe verzichtet, sondern durchgängig die strukturellen und sozialen Teilhabemöglichkeiten und Ausschlussbedingungen in den jeweiligen Themenfeldern diskutiert.

Fazit

Der Band bietet einen interessanten und facettenreichen Einblick in sehr unterschiedliche Forschungs- und Handlungsfelder zum Thema Inklusion. Die Auswahl der Beiträge reproduziert dabei das weite Feld der Alltags- und Fachdiskurse hierzu. Die fehlenden Verbindungslinien zwischen den einzelnen Autorenbeiträgen erschweren eine fundiertere Diskussion und Reflexion über die spezifischen sozialen, politischen, rechtlichen und pädagogischen Herausforderungen, die mit dem Ziel und dem Menschenrecht auf das Leben in einer inklusiven Gesellschaft verbunden sind.

Ein etwas unorthodoxes und dennoch anregendes Buch für alle, die sich für die Vielfalt der Inklusionsdiskurse interessieren.


Rezensent
Marcus Windisch
M.A. Bildung und Soziale Arbeit Zentrum für Planung und Evaluation sozialer Dienste Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Marcus Windisch. Rezension vom 20.05.2015 zu: Gunter Geiger, Michaela Lengsfeld (Hrsg.): Inklusion - ein Menschenrecht. Was hat sich getan, was kann man tun? Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0194-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18487.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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