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Claudia Gräfen: Die soziale Situation integriert beschulter Kinder und Jugendlicher mit Hörschädigung [...]

Cover Claudia Gräfen: Die soziale Situation integriert beschulter Kinder und Jugendlicher mit Hörschädigung an der allgemeinen Schule. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2015. 586 Seiten. ISBN 978-3-8300-8124-1. D: 139,80 EUR, A: 143,80 EUR, CH: 188,00 sFr.
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Thema

Die Einleitung (Kap 1) nimmt Bezug auf die Tendenz zur Inklusion behinderter Menschen, insbesondere nach Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und die Debatte dazu in der Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit ist Teil eines Gesamtforschungsprojekts der Universität München zur „Integration/Inklusion hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher in allgemeinen Einrichtungen“, welches hier auch anhand wesentlicher bisheriger Ergebnisse kurz vorgestellt wird.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 2 diskutiert die Begriffe „Integration“ und „Inklusion“ und bezieht sie dann auf die frühere und derzeitige Situation hörbehinderter SchülerInnen. Kapitel 3 behandelt die soziale Situation hörbehinderter SchülerInnen aus pädagogisch-psychologischer Sicht in Unterkapiteln zur Sozialisation in der Schule und der Entwicklung sozialer Kompetenz bzw. von Selbstbild und Identität, mit speziellem Blick auf Stigmatisierung und Mobbing.

Kapitel 4 beschreibt den Forschungskontext und das Design der vorliegenden Studie. Ihr Forschungsziel ist mit ihrem Titel beschrieben; die Forschungsfragen betrafen die sozialen Beziehungen hörbehinderter SchülerInnen in Integration und ihre emotionale Situation. Die ausgewählte Stichprobe bestand aus 21 integriert beschulten und vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst betreuten hörbehinderten SchülerInnen der 2.-10. Jahrgangsstufe mit unterschiedlichem Hörstatus und ihren 334 hörenden KlassenkameradInnen.

Methodisch wurde die Kombination eines standardisierten Fragebogens (alle SchülerInnen) und leitfadenorientierter Einzelinterviews (hörbehinderte SchülerInnen) gewählt. Durchführung, Erhebungsinstrumente (Kapitel 5) und Auswertung (Kapitel 6) werden ausführlich geschildert.

Kapitel 7 stellt die Ergebnisse dar, zuerst die personenbezogenen sozialen Daten und Daten zur technischen Versorgung der hörbehinderten SchülerInnen. Dem folgen sehr ausführliche Darstellungen zu soziometrischen Ergebnissen mittels Soziogrammen und „Boxplots“ zu bestimmten sozialen Aspekten bzw. Situationen (z.B. „Einladung“, „Streit“, „Ablehnung“, „Hilfsbereitschaft“) zu jeder der einzelnen Klassen (ca. 30 Seiten pro Klasse). Die Boxplots werden dann nochmals über die Klassen hinweg zusammengefasst und interpretiert. Hörbehinderte SchülerInnen schneiden oft (etwas) schlechter ab als ihre hörenden KollegInnen, was Akzeptanz und Kontakte bzw. Zusammenarbeit betrifft. Soziale Integration, Klassenklima und Selbstkonzept (und ihre Unterfaktoren) der SchülerInnen werden dann noch mittels Skalen zusammengefasst. Hier zeigen die hörbehinderten SchülerInnen eine Tendenz zur positiveren Selbstbewertung als die hörenden, was die Autorin mit der für diese Gruppe erhöhten Leistungsmotivation begründet. Die Angaben zum Klassenklima schwanken stark, ähnlich diejenigen zur sozialen Integration.

Abschnitt 7.6 bringt die Ergebnisse der Leitfadeninterviews zu den Themen wie „persönliche Entwicklung“, „Zeitpunkt der Feststellung der Hörbehinderung“, „Schulische Laufbahn“, „Integrationssituation“, „Nutzung der Hörhilfen“, „Hören im Unterricht bzw. in der Pause“ und „soziales Netzwerk“, „außerschulische Kontakte“ u.a. Insgesamt zeigt sich eine starke Heterogenität der hörbehinderten SchülerInnen.

Kapitel 8 bietet eine zusammenfassende Interpretation der Ergebnisse: Hier sei nur hervorgehoben, dass die hörbehinderten SchülerInnen ihren Aufwand bzw. ihre Anstrengungen als recht hoch beurteilten, was manchmal auch zu Erschöpfung führt. Manche Lehrer sind über ihre Bedürfnisse nicht ausreichend informiert. Hervorzuheben ist auch: „Die Klassen, in denen mehrere Schüler mit Hörschädigung integriert sind, scheinen die Vorteile von Schulen mit Förderbedarf und der Einzelintegration zu verbinden.“ (S. 545).

Kapitel 9 beschäftigt sich mit praktischen und forschungsbezogenen Folgerungen aus den Ergebnissen, auch zur Lehrerausbildung. Abbildungs-, Tabellen- und Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion und Fazit

Die Arbeit ist methodisch sauber und sehr sorgfältig; sie gibt durch die ausführliche Darstellung viele Einblicke in die Realität derzeitiger Inklusion, speziell in die Situation der einzelnen hörbehinderten SchülerInnen. Damit bestätigt sie viele bekannte Erfahrungsberichte schwerhöriger Menschen, die sich für eine Lautsprachorientierung entscheiden haben. Erstaunlich ist nur, dass neben der angeblich „rein auditiven“ Orientierung eine – in anderen Kontexten doch relativ häufig angesprochene – visuelle Zusatzinformation über das Lippenlesen nicht vorkommt.

Zu kritisieren ist, dass unter „Sprache“ nur die Lautsprache gemeint ist; eine Gebärdensprache kommt nicht vor: „Die enormen Fortschritte auf den Gebieten der Hörgerätetechnologie, Hörgeräteanpassung und Cochlea-Implantationen ermöglichen den meisten Kindern mit Hörschädigung ein hohes Niveau der Sprachentwicklung und ebnen somit den Weg für die Integration …“ (S. 11)

Zu kritisieren ist auch, dass die Autorin die gegebene Integrationssituation ohne Kommentar hinnimmt als nur etwas für Lautsprachorientierte, die ausreichend gut hören: „Ausschlaggebend [für den Erfolg der Integration] ist jedoch im Hinblick auf die Hörschädigung die Fähigkeit zur Partizipation. Dies hängt von den institutionellen und familiären Bedingungen und Einstellungen, dem Hörstatus und von der technischen Versorgung ab, sowie von der Sprachkompetenz und der Persönlichkeit des einzelnen Schülers…“ (S. 29)

Das ist eigentlich nicht die Vorstellung von Inklusion, die für alle möglich sein soll. Eine solche generelle Inklusion wird beispielhaft in der Initiative des österreichischen Wissenschaftsministeriums „Gehörlos erfolgreich studieren – GESTU“ (teachingsupport.tuwien.ac.at/gestu/) verwirklicht, welche lautsprachlich wie bilingual (Gebärdensprache - Deutsch) orientierten Studierenden die für ihr Studium individuell nötigen Assistenzleistungen anbietet.

Summary

This study is methodologically valid and accurate; it shows everyday inclusion comprehensively, especially its reality for the individual hard of hearing pupils. By that, it affirms already known reports of hard of hearing people who decided for an exclusive orientation towards spoken language. Astonishingly enough, lip reading – which is often mentioned by hard of hearing people as an additional visual means of information – is not touched.

Unfortunately, „language“ is only used in the meaning „spoken language“, and „hoergeschaedigt“ (hearing impaired) - normally used as a cover term – stands only for „hard of hearing“. Sign language does not even appear. A very critical point is that the author accepts the actual situation of inclusion in Germany: it is widely seen as only possible for exclusively spoken language oriented pupils. This view is not compatible with the regulations of the UN Convention on the Rights of People with Disabilities. The latter is e.g. realised in the initiative of Austria´s Science Ministry named „Gehörlos erfolgreich studieren – GESTU“ [„Study successfully as a deaf person“], (teachingsupport.tuwien.ac.at/gestu/): This service offers adequate solutions for assistence towards barrier-free studying to spoken language as well as bilingually (German – Austrian Sign Language) oriented students.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 14.08.2015 zu: Claudia Gräfen: Die soziale Situation integriert beschulter Kinder und Jugendlicher mit Hörschädigung an der allgemeinen Schule. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-8300-8124-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18491.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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