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Melanie Eberhardt: Autismus und Sprache

Cover Melanie Eberhardt: Autismus und Sprache. Wörter, Sätze und Gespräche verstehen. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. 306 Seiten. ISBN 978-3-8288-3470-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Zu den Kernkriterien einer Diagnose aus dem Autismus Spektrum gehören Besonderheiten in der Sprache und Kommunikation. Nicht nur das Sprechen an sich ist betroffen, viele Menschen aus dem autistischen Spektrum haben im Sprachverstehen Schwierigkeiten. Das Buch gibt Erklärungsmodelle und erläutert, wie das Erreichen eines erfolgreichen Sprachverstehen unterstützt werden kann.

Autorin

Melanie Eberhardt ist Sonderpädagogin und ausgebildete Förderschullehrerin. Sie hat im Fach Heilpädagogik und Rehabilitationswissenschaften mit einer Arbeit aus dem Bereich der Heilpädagogischen Psychologie promoviert. Sie hat vielfältige Erfahrungen in der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus und Kindern mit Sprachstörungen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist auf Grundlage einer Dissertation der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln im Juni 2014 entstanden. Der Originaltitel der Dissertation lautet „Sprache verstehen – Eine Studie zur detailorientierten Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus“.

Aufbau

Das Buch umfasst 306 Seiten, die sich in vier große Teile gliedern. Diese unterteilen sich wiederum in 21 Unterkapitel. Das Buch enthält 20 Abbildungen, 58 Tabellen und 15 Anhänge (A - O). Übersichten darüber befinden sich am Ende des Buches.

I Autismus und Sprache

  1. Autismus und Sprache
  2. Kognititionspsychologische Theorien
  3. Sprache und Sprachverstehen bei Autismus
  4. Fragestellung und Hypothesen der Studie

II Methodik

  1. Entwicklung der Experimente und Voruntersuchungen
  2. Experiment 1: Lexikalisch mehrdeutige Sätze - Satzergänzungsaufgabe
  3. Experiment 2: Syntaktisch mehrdeutige Sätze - Bildauswahlaufgabe
  4. Experiment 3: Wortwissen und -abruf – Assoziationsaufgaben
  5. Testverfahren
  6. Probandenauswahl
  7. Übersicht über die Experimente und den Untersuchungsablauf

III Ergebnisse

  1. Beschreibung der Stichprobe
  2. Experiment 1: Satzergänzungsaufgabe
  3. Experiment 2: Bildauswahlaufgabe
  4. Experiment 3: Assoziationen
  5. Weitere Befunde

IV Grundsatzdiskussion

  1. Ergebnisdiskussion
  2. Bedeutung der Ergebnisse für die Theorie der zentralen Kohärenz
  3. Sprachliche Subgruppen und Vergleich mit Sprachentwicklungsstörungen
  4. Implikationen für die Praxis
  5. Perspektiven

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anhang

Zu Teil I

Der erste Teil (Autismus und Sprache) definiert im ersten Unterkapitel die Diagnose Autismus, Asperger-Syndrom und Autismus Spektrum, deren Prävalenz und Komorbidität und beleuchtet die Ursachen.

Im zweiten Unterkapitel kognitionspsychologische Theorien werden Methoden der psychologischen Autismusforschung erläutert. Es sind dies die sog. Theory of Mind – Soziale Kognition und Emotion –, die exekutiven Funktionen und die zentrale Kohärenz. Daraus ergeben sich aktuelle Forschungsfragen und Herausforderungen.

Im dritten Unterkapitel Sprache und Sprachverstehen bei Autismus steht die Erforschung der Sprache und Kommunikation bei Autismus, die Sprachentwicklung und expressiven Sprachfähigkeiten, das Sprachverstehen (Sprache verstehen, die Perzeption, das Wortverstehen, das Satzverstehen, das Diskursverstehen und die Lesefähigkeiten) im Fokus. Auch hier werden aktuelle Forschungsfragen betrachtet.

Das vierte Unterkapitel Fragestellung und Hypothesen der Studie gibt eine Zusammenfassung des Forschungsstand, erläutert die Fragestellung, Zielsetzung und Hypothesen der Studie und die Herleitung der Operationalisierung.

Zu Teil II

Der zweite große Teil befasst sich mit der Methodik.Dieser Teil unterteilt sich wieder in sieben Unterkapitel, welche aus drei Experimenten bestehen.

Zuerst wird erläutert wie die Experimente und Voruntersuchungen entwickelt wurden. Das erste Experiment betrachtet lexikalisch mehrdeutige Sätze – Satzergänzungsaufgabe, das zweite Experiment syntaktisch mehrdeutige Sätze – Bildauswahlaufgabe, das dritte Experiment Wortwissen und -abruf – Assoziationsaufgaben (Unterkapitel 2-4). Im fünften Unterkapitel werden die Testverfahren beschrieben, im sechsten die Probandenauswahl und im siebten Unterkapitel erhält der Leser eine Übersicht über die Experimente und den Untersuchungsablauf.

Zu Teil III

Der dritte Teil erläutert die Ergebnisse der Untersuchung.

Dabei geht es um die Beschreibung der Stichprobe, Erläuterungen zu den drei Experimenten und weiteren Befunden, in denen sich eine Selbsteinschätzung und Gütekriterien befinden.

Zu Teil IV

Der letzte Teil (Gesamtdiskussion) gibt einen Ergebnisüberblick, in dem die Hypothesenprüfung zusammengefasst und eingeordnet wird.

Daraus wird die Bedeutung der Ergebnisse für die Theorie der zentralen Kohärenz abgeleitet, die Betrachtung sprachlicher Subgruppen und der Vergleich mit Sprachentwicklungsstörungen sowie Implikationen für die Praxis reflektiert. Dieser Teil endet mit möglichen Perspektiven.

Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Tabellenverzeichnis und dem Anhang mit Protokollen, Fragebögen und Bildkarten, die in den Aufgaben verwandt wurden ab.

Diskussion

Eltern können sehr früh Besonderheiten in der Sprache und Kommunikation beobachten, welches die Kernkriterien einer Diagnose aus dem Autismus Spektrum sind. Es kommt zum Beispiel nicht selten zu Missverständnissen, weil mehrdeutige Wörter und Sätze nicht verstanden werden. Auch Redewendungen und Ironie sind schwer verständlich, weil Menschen aus dem Autismus Spektrum diese wortwörtlich verstehen. Das kann den Alltag in allen Lebensbereichen erheblich erschweren. Diesen Umstand müssen Eltern, Lehrer oder Arbeitgeber kennen.

Melanie Eberhardt stellt wesentliche wissenschaftliche Befunde vor und reflektiert diese anhand drei Erklärungsmodellen aus der neuropsychologischen Autismusforschung: die sog. Theory of Mind, auch soziale Kognition genannt. Durch Theory of mind erkennt man eigene Emotionen und die des Gegenübers. Probleme mit Theory of mind können eine Reihe von sozialen und kommunikativen Herausforderungen bei Autismus erklären, da diese Fähigkeit für die alltägliche Interaktion und Kommunikation grundlegend sind. Die exekutiven Funktionen (Reaktions- und Kontrollmechanismen) wirken auf die Handlungsplanung, auf mentale Flexibilität und auf die Problemlösung. Mithilfe der sog. zentralen Kohärenz werden auditive, visuelle und sprachliche Informationen verarbeitet. Sie ist daran beteiligt, Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen und Bewertungen zu treffen.

Diese Grundlagen müssen bekannt sein, um Unterstützungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Autorin befasst sich mit der Entwicklung von Sprache, dem Sprachausdruck und dem Verstehen von Sprache. Sie gibt Erklärungen und damit wertvolle Informationen zur Förderung des Sprachverstehens. Es gibt zu wenige Programme zur gezielten Förderung, es ist wünschenswert, weitere Forschungen durchzuführen und geeignete Unterstützungsstrategien abzuleiten.

Die Autorin weist auf die aktuelle Diskussion hin, ob Probleme im Sprachvermögen eine Begleiterscheinung des Autismus ist, die durch den kognitiven Stil beeinflusst ist oder als eigene Störung codiert werden sollte. Die neuesten Ergebnisse wiesen darauf hin. Im DSM V findet diese Betrachtungsweise ihren Niederschlag.

Zu Recht weist die Autorin auch darauf hin, dass bei der Betrachtung der Probleme nicht außer Acht gelassen werden sollte, dass bei Menschen aus dem Autismus Spektrum auch Stärken vorhanden sind wie z.B. die Detailerkennung oder dem umfangreichen Vokabular zu Spezialinteressen.

Fazit

Zu den Kernkriterien einer Diagnose aus dem Autismus Spektrum gehören Besonderheiten in der Sprache und Kommunikation. Nicht nur das Sprechen an sich ist betroffen, viele Menschen aus dem autistischen Spektrum haben im Sprachverstehen Schwierigkeiten wie z.B. das Verstehen mehrdeutiger Wörter und Sätze, Redewendungen oder Ironie. Das kann leicht zu Missverständnissen führen, die den Alltag und die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft erheblich erschweren. Das Buch gibt Erklärungsmodelle und erläutert, wie ein erfolgreiches Sprachverstehen unterstützt werden kann.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 18.05.2015 zu: Melanie Eberhardt: Autismus und Sprache. Wörter, Sätze und Gespräche verstehen. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-8288-3470-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18515.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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