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Helmut K. Anheier, Volker Then (Hrsg.): Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl.[...] Gemeinnützigkeit

Cover Helmut K. Anheier, Volker Then (Hrsg.): Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl. Neue Formen und Wege der Gemeinnützigkeit. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2004. 224 Seiten. ISBN 978-3-89204-580-9. 24,00 EUR, CH: 37,50 sFr.

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Einführung in das Thema

Derzeit wird mit erheblicher Intensität über Gemeinwohl und Gemeinnützigkeit diskutiert, was nur auf den ersten Blick verwundert. Denn paradoxerweise gewinnen sowohl die Begriffe als auch das hinter ihnen stehende Denken und Handeln gerade in einer Zeit an Bedeutung, in der sich der Egoismus - zumindest im Wirtschaftsgeschehen - massiv Bahn bricht. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, sich mit alternativen Verhaltensweisen zu befassen und zu untersuchen, wodurch diese bewirkt werden. Dabei schwingt insbesondere seitens staatlicher Organe auch vielfach der Wunsch mit, eigene Aktivitäten angesichts engerer finanzieller Spielräume zurückfahren zu können und privatem Engagement zu überlassen. Daraus resultiert vielfach eine Tendenz zur Ökonomisierung von Bereichen und Aktivitäten, die bisher eher als marktfern angesehen wurden, wie z. B. der Gesundheits- und Pflegebereich, aber auch Kindergärten und Schulen.

Eine mögliche Alternative zu gewinnorientiertem privaten Handeln kann gemeinnütziges und Gemeinwohl orientiertes Handeln bieten, sofern es gelingt, adäquate Strukturen zur Bewältigung der Aufgaben zu etablieren. Dies setzt aber auch voraus, dass sich genügend Menschen bereit finden, sich zu engagieren und mitzuwirken. Gleichzeitig erfordern die veränderten Rahmenbedingungen eine größere Effizienz und Effektivität innerhalb gemeinnütziger Organisationen. Dies geht in vielen Fällen mit einer Tendenz zur Professionalisierung einher. Es zeigt sich also, dass in der Tat neue Formen und Wege der Gemeinnützigkeit gesucht - und gefunden - werden müssen.

Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch besteht aus acht Beiträgen verschiedener Autoren, denen eine Einleitung der beiden Herausgeber vorangestellt ist. Helmut K. Anheier und Volker Then skizzieren den Rahmen, innerhalb dessen sich zukünftig gemeinnütziges Verhalten ereignen wird. Sie schlagen damit einen großen Bogen, aus dem in den anschließenden Beiträgen einzelne Facetten vertieft werden.

  1. Den Anfang bildet eine Analyse von Gunnar Folke Schuppert, der sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Gemeinwohl und Staatsverständnis befasst. Hintergrund seiner Ausführungen ist der Umstand, dass aus unterschiedlichen Staatstypen entsprechend verschiedene Vorstellungen über das Gemeinwohl und gemeinnütziges Verhalten resultieren. Schuppert gelangt in seinen Überlegungen zu dem Ergebnis, dass in modernen Staaten die Verpflichtung für das Gemeinwohl auf einer Verantwortungsteilung basiert, bei der private Organisationen unterschiedlicher Gestalt neben und mit dem Staat agieren.
  2. Christoph Sachße befasst sich danach mit Fragen der Organisation des Gemeinwohls in der Bürgergesellschaft. Dabei hebt er hervor, dass das Funktionsprinzip des Dritten Sektors neben Staat und Markt in der Freiwilligkeit besteht. Dieses Prinzip schlägt sich sowohl in freiwilligen Aktivitäten als auch in freiwilligen Finanzzuwendungen nieder. Aus dem Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Elemente sind entsprechend differente Organisationsformen entstanden, an deren Existenz und Aktivität von staatlicher Seite ein erhebliches Interesse besteht. Sachße weist in diesem Zusammenhang daraufhin, dass dem Staat zwei Wege offen stehen, um das Handeln von Organisationen des Dritten Sektors zu befördern: Er kann adäquate Rahmenbedingungen setzen und er kann steuerliche Privilegierungen gewähren.
  3. Sachße signalisiert bereits, dass es sich - zumindest in Deutschland - bei Gemeinnützigkeit um eine Frage der Besteuerung handelt. Rupert Graf Strachwitz greift diesen Aspekt auf und beleuchtet Gemeinnützigkeit als einen Organisationsaspekt. Dabei beleuchtet er das Selbstverständnis des Dritten Sektors und das bürgerschaftliche Engagement. Ausgehend hiervon skizziert er verschiedene gemeinnützige Organisationen mit unterschiedlicher Struktur.
  4. Auch Herfried Münkler und Karsten Fischer knüpfen beim Aspekt der Gemeinnützigkeit an und beleuchten Auswüchse einer "Aufwandsentschädigungskultur".
  5. Sebastian Braun wendet sich nach diesen eher theoretischen Ausführungen der praktischen Fragestellung zu, wie sich freiwillige, Gemeinwohl orientierte Zusammenschlüsse ereignen. Dabei gelangt ein Begriff des 19. Jahrhunderts zu neuer Prominenz, nämlich das Assoziationswesen. Dieser ursprünglich in Zusammenhang mit den ersten Genossenschaften unter Raiffeisen und Schulze-Delitzsch in Verbindung stehende Begriff wird von Braun gezielt auf die neuen sozialen Bewegungen übertragen. Diese stehen dadurch nicht nur in einer bestimmten Denktradition, sondern - wichtiger noch - auch in einer Tradition erfolgreicher Aktivitäten.
  6. Eckart Pankoke wendet den Blick weg von den Organisationsformen und hin zu den handelnden Personen: Keine Organisation - erst recht keine gemeinnützige Organisation - ohne Menschen die sie stützen und führen. Dass sich hierbei in der Praxis wie in der Theorie sehr divergente Akteurstypen unterscheiden lassen, macht Pankoke mit dem Begriff der "Charaktermasken" deutlich.
  7. Aufbauend auf dieser Typologie von Akteuren knüpft Christoph Badelt an dem Umstand an, dass nicht nur in gewerbliche Organisationen Unternehmer zu finden sind, sondern dass dies für Nonprofit-Organisationen ebenso gilt. Zu diesem Zweck untersucht er verschiedene Theorien unternehmerischen Handelns auf ihre Eignung zur Erklärung beobachtbaren Verhaltens in Nonprofit-Organisationen. Er gelangt dabei zu dem Fazit, dass das Konzept des Unternehmertums durchaus auch für eine wirtschaftliche Theorie der Nonprofit-Organisationen adaptierbar ist. Ihre Eignung als Erklärungsansatz ist allerdings, so Badelt, noch ausbaubedürftig. Derzeit seien sie besser geeignet, das Verhalten in Nonprofit-Organisation zu verändern als zu erklären (S. 197).
  8. Den Abschluss des Buches bildet ein Beitrag Wino van Veens, der im Rahmen einer Rechtsvergleichung verschiedene europäische Konzepte des Gemeinnützigkeitsverständnisses und -rechts beleuchtet.

Fazit

Bei dem Buch handelt es sich um eine gelungene Bestandsaufnahme der aktuellen Bedingungen sowie wesentlicher Veränderungssignale im Dritten Sektor. Dabei wird durch die verschiedenen Autoren ein Schwerpunkt auf den Aspekt der Gemeinnützigkeit gelegt, der - verstanden als steuerrechtliches Kriterium wie auch als Förderinstrument - die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Andere Facetten - wie z. B. die Frage der Gewinnung von Ehrenamtlichen - haben deshalb weniger Gewicht. Auch aus diesem Grund wendet sich das Buch de facto eher an Wissenschaftler als an die Praktiker in Nonprofit-Organisationen. Dies schmälert nicht den Wert der einzelnen Beiträge, unter denen insbesondere der Artikel von Badelt hervorragt, dürfte aber den Leserkreis begrenzen.


Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)
Homepage www.wi.hs-wismar.de/fbw/personen/J.Kramer/
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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 26.07.2005 zu: Helmut K. Anheier, Volker Then (Hrsg.): Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl.[...] Gemeinnützigkeit. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2004. 224 Seiten. ISBN 978-3-89204-580-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1852.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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