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Michael Boecker: Erfolg in der Sozialen Arbeit

Cover Michael Boecker: Erfolg in der Sozialen Arbeit. Im Spannungsfeld mikropolitischer Interessenkonflikte. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 267 Seiten. ISBN 978-3-658-07346-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Die vorliegende Arbeit untersucht und analysiert die makro- und mikropolitischen Prozesse, Interessenlagen, Strategie- und Machtoptionen der beteiligten Akteure im Hinblick auf die komplexe Erfolgs- und Effektivitätsdiskussion in der Sozialen Arbeit. Den qualitativen Zugang liefern die aktuellen Entwicklungen in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention. Ansatzpunkt weitergehender Analysen stellt die Hypothese dar, dass die am Dienstleistungsprozess beteiligten Akteure sich nicht nur von fachlichen Argumenten bei der spezifischen Definition von erfolgreicher und effektiver Arbeit leiten lassen, sondern individuelle, politische, ökonomische und professionelle Interessen eine wichtige Rolle spielen. Dies hat weitreichende Folgen für das Professionsverständnis Sozialer Arbeit und nicht zuletzt für die „Kunden“ sozialer Dienstleistungserbringung.

Autor

Dr. Michael Boecker ist Professor an der Fachhochschule Dortmund mit Lehrgebiet Sozialmanagement/ Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit und Fachbereichsleiter beim Caritas Verband Hagen e.V.

Aufbau und Inhalt

„Erfolg in der Sozialen Arbeit“ ist in sieben Hauptkapitel und ein kurzes Resümee unterteilt.

Kapitel Eins beschreibt makropolitische Aspekte Sozialer Arbeit in Deutschland, sozialstaatliche Grundprinzipien des Grundgesetzes, Grundlagen der Sozialpolitik und das bundesdeutsche System sozialer Dienstleistungserbringung.

Kapitel Zwei erklärt mikropolitische Aspekte Sozialer Arbeit, führt eine Standortbestimmung und konzeptionelle Rahmung mikropolitischer Theorie durch und diskutiert Begriffe wie Macht, Unsicherheitsbewältigung, Organisation und Umwelt bzw. Moral.

Im dritten Kapitel wird die Umgestaltung der Wohlfahrtsproduktion in Deutschland in Bezug auf Rahmenbedingungen und das Spannungsfeld erfolgreicher, effektiver und effizienter Leistungserbringung beleuchtet.

Im vierten Kapitel stellt der Verfasser den Stand der Forschung und das Untersuchungsdesign seiner Dissertation vor.

Mikropolitische Arenen der Aushandlung, Reflexionen von Rollen und Auftrag, Spannungsfelder und Unsicherheitszonen Sozialer Arbeit, ein Diskurs über Messbarkeit werden im Kapitel fünf diskutiert. Partizipation von NutzerInnen anstatt Abhängigkeit, und das Fürsorgeprinzip statt „neuer Professionalität“ und kooperative Hilfepläne anstatt Konkurrenz der Anbieter werden gegenübergestellt.

In Kapitel sechs diskutiert der Verfasser seine theoretischen und empirischen Ergebnisse. Er reflektiert zur Ökonomisierung und Mikropolitisierung Sozialer Arbeit, zur Macht sozietaler Akteure und zur Frage des „Erfolges“ in der sozialen Arbeit.

Kapitel sieben stellt professionstheoretische, sozialpolitische und gesellschaftliche Implikationen vor und entwickelt Forschungsperpektiven. Das abschließende achte Kapitel ist ein kurzes Resümee.

Diskussion

Das Buch bietet einen exzellenten Überblick über die Entwicklung und den aktuellen Gegenstand der Erfolgs- und Wirksamkeitsdiskussion sowie der Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit. Es stellt einen wesentlichen Beitrag zum Diskurs über Effektivität und Effizienz in der Sozialen Arbeit dar. Es behandelt darüber hinaus Aspekte der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Bei der Publikation handelt es sich um eine Dissertation an der Fakultät Erziehungswissenschaft und Soziologie der Technischen Universität Dortmund. Einige Teile der Arbeit haben daher eine klare Eingrenzung der Ausführungen auf die Bundesrepublik Deutschland, ein europäische und sogar internationaler Blick daher kein Gegenstand der Fragestellung. Insbesondere die rechtlichen Bezüge sind mit Ausnahme von internationalen Normen wie der Behindertenrechtskonvention, sehr spezifisch auf Deutschland ausgerichtet.

Wesentliche Teile der Arbeit, insbesondere die Analyse mikropolitischer Aspekte der Sozialen Arbeit, Analysen über Spannungsfelder, die Reflexionen über Effektivität und Effizienz und die Frage des „Erfolges“ in der Sozialen Arbeit sind auch gut in andere mitteleuropäische Sozialarbeitskontexte übertragbar. Der Verfasser erarbeitet die Akteurkonstellationen bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen exakt und bereitet die Auswirkungen reiner managerieller und wirtschaftlicher Paradigmen und Handlungen sehr gut auf. Er verortet in der Sozialen Arbeit tätige Organisationen im intermediären Raum zwischen Gesellschaft, Staat und Markt. Die Arbeit belegt, dass die Wirksamkeitsdiskussion im Kontext von Macht, Definieren, Interpretieren und Deutungshoheit angesiedelt ist; und dass die Annahmen zu Kausalität von Ursachen und Wirksamkeit subjektiven akteursspezifischen Interessen unterliegen. Die Schwierigkeiten der ehemaligen „Anwälte der Schwachen“ sich im Wettbewerb um Wohlfahrt und am Markt als Unternehmen mit sozialem Hintergrund zu behaupten werden sehr gut aufbereitet.

Fazit

Das Buch ist ein sehr gutes Überblickswerk über die „Erfolgsfrage“ in der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld mikropolitischer Interessenskonflikte. Als Dissertation verfasst und publiziert verfolgt es einem entsprechenden formalen und logischen Aufbau. Ein Stichwortverzeichnis bzw. Glossar würde die Lesefreundlichkeit erhöhen. Das Buch ist sehr gut geeignet für „fortgeschrittene“ LeserInnen im Bereich Soziale Arbeit, Soziale Verwaltung und Sozialmanagement mit entsprechendem einschlägigem Grundlagenwissen. Es richtet sich insgesamt an Dozierende und Studierende von Pädagogik, Psychologie, Sozialwissenschaften, Sozialpolitik und Sozialer Arbeit und bietet Fachkräften in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung wertvolle Hintergrundinformationen.

Nicht zuletzt kann das Buch auch einen Beitrag zur Burn-Out-Bewältigung bei betroffenen Führungskräften und SozialarbeiterInnen leisten, die unter der unreflektierten „Vermessung“ und unsachlicher und unqualifizierter Erfolgsbewertung leiden, indem zumindest ein Verstehen auf theoretischer Ebene erfolgen kann.


Rezensent
FH-Prof. DSA Mag.(FH) PhDr. Christoph Redelsteiner
FH Dozent Fachbereich Soziale Arbeit Fachhochschule St.Pölten
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Zitiervorschlag
Christoph Redelsteiner. Rezension vom 15.10.2015 zu: Michael Boecker: Erfolg in der Sozialen Arbeit. Im Spannungsfeld mikropolitischer Interessenkonflikte. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07346-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18550.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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