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Sandra A. Habeck: Freiwilligen­management

Cover Sandra A. Habeck: Freiwilligenmanagement. Exploration eines erwachsenenpädagogischen Berufsfeldes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 302 Seiten. ISBN 978-3-658-07401-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

In Organisationen, in denen Ehrenamt und Freiwilligenarbeit eine größere Rolle spielen, gibt es für diese Personen Ansprechpartner, Begleitung, zumeist auch Schulung. Die Autorin sieht, dass sich derartige Ansätze, ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen, zu qualifizieren und zu halten, zu einem professionellen Personalmanagement für Ehrenamtliche fortentwickeln. Sie vertritt die Auffassung, insoweit sogar schon von einem neuen erwachsenenpädagogischen „Berufsfeld“ des Freiwilligenmanagements sprechen zu können. Dieses analysiert sie in theoretischer (erwachsenenpädagogischer) Hinsicht und empirisch, letzteres mit Hilfe von 24 Interviews mit „Vorgesetzten, Ehrenamtlichen und Freiwilligenmanagern“.

Autorin

Die Autorin hat Diplom-Pädagogik studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg im Schwerpunkt Erwachsenenbildung.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit lag dem Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg im Jahre 2014 als Dissertation vor. Es wurde beim Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften in die Reihe „Lebenslanges Lernen“ aufgenommen, welche ausweislich der Verlagsangaben schwerpunktmäßig „ein Publikationsforum für NachwuchswissenschaftlerInnen mit innovativen Themen- und Forschungsansätzen“ bietet.

Aufbau

Über rund 70 Seiten stellt die Verfasserin zunächst den erwachsenenpädagogischen theoretischen Hintergrund von Freiwilligenmanagement dar. Der Hauptteil der Arbeit (S. 71-272) ist der Darstellung und Auswertung von 24 in den Jahren 2007-2009 durchgeführten Interviews gewidmet. „Fazit und Ausblick“ schließen die Arbeit ab (S. 273-292).

Inhalt

Die 24 Interviews, deren Darstellung und Auswertung den Hauptteil der Arbeit bilden, sind in acht sehr verschiedenen Organisationen durchgeführt worden: Die Spanne reicht vom Ambulanten Hospizdienst über die Bildungsarbeit im Bereich „Jugend“ einer Gewerkschaft und ein kommunales Projekt zur Förderung von Berufstätigkeit von Frauen bis hin zu einer Einrichtung der Behindertenhilfe. Ausgewählt wurden solche Einrichtungen, in denen eine Person hauptamtlich für den Ehrenamtsbereich zuständig war und sich nach der Terminologie der Verfasserin als „FreiwilligenmanagerIn“ bezeichnen ließ. Die tatsächlichen Berufs- oder Funktionsbezeichnungen waren Jugendbildungsreferentin, Freiwilligenkoordinatorin, Gemeindepädagogin oder Geschäftsführerin etc. In diesen Einrichtungen wurden sodann auch jeweils eine ehrenamtliche Kraft (im Alter zwischen Ende 20 und Mitte 70) und die „Vorgesetzten“ des Freiwilligenmanagers / der Freiwilligenmanagerin interviewt (Sample-Darstellung S. 72-81).

Die Auswertung geschieht einerseits (und überwiegend) „ebenenspezifisch“, also auf die Vorgesetzten, die Ehrenamtlichen und die FreiwilligenmanagerInnen bezogen (S. 155-272), andererseits in einer Gesamtschau der Interviews bezogen auf Typus und Aufgabenbereiche des Freiwilligenmanagements (S. 103-154).

Das Interview-Material wurde aufgrund thematischer, induktiv gebildeter Kategorien analysiert; die Textpassagen der Interviews wurden entsprechend codiert und sodann mit Hilfe einer Software zur Qualitative Data Analysis sortiert (S. 92). Dadurch standen der Autorin zu ihren thematischen Kategorien geeignete Textpasssagen zur Verfügung. Diese finden sich in der Ausarbeitung als Zitate oder Paraphrasen wieder.

Die Ausarbeitung folgt in ihrer Gliederung sodann den gewählten thematischen Kategorien:

Bei der Behandlung der Vorgesetzten finden sich Aussagensammlungen und Analysen zu

  • „Hauptamtliche und ehrenamtliche Vorgesetzte“ (S. 156 ff.) und
  • „Präsenz der Vorgesetzten“ (S. 190 ff.),

bei den Ehrenamtlichen zu

  • „Motive ehrenamtlichen Engagements, Einstiegsmotive, Benefit und Bleibemotive“ (S. 203 ff.) und
  • „Einflussfaktoren ehrenamtlichen Engagements, Kontextualisierung und engagementsspezifische Spannungsfelder“ (S. 220 ff.) und

bei den Freiwilligenmanagern zu

  • „Berufstätigkeit im Freiwilligenmanagement“ (S. 241 ff.) und
  • „Besonderheiten des Berufsfeldes Freiwilligenmanagement“ (S. 251 ff.).

Diskussion

Die Gewinnung, Anleitung und Qualifizierung Ehrenamtlicher ist als Arbeitsbereich bislang noch wenig erforscht. Hier leistet die Autorin einen interessanten Beitrag, den sie zwischenzeitlich durch weitere einschlägige Veröffentlichungen ergänzt hat. Die von der Autorin durchgeführten Interviews geben auch eine gewisse Anschauung über Entwicklungen der letzten Jahre. Bei der Hälfte der Stellen der von ihr als „Freiwilligenmanager“ interviewten Personen handelt es sich immerhin um neu geschaffene Stellen (S. 80).

Den Fokus legt die Autorin dabei von Anfang an auf ihre Herkunftswissenschaft, die Erziehungswissenschaft: Die acht interviewten „Freiwilligenmanager“ wurde so ausgewählt, dass sieben davon ein erziehungswissenschaftliches Studium hatten (davon fünf mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung), einer eine Ausbildung als Jugend- und Heimerzieher (Arbeitsbereich Behindertenhilfe) (S. 80). In der Praxis der Anleitung von Ehrenamtlichen und Freiwilligen wird nach dem empirischen Wissen des Rezensenten hingegen in erheblichem Umfang auch auf anderes professionelles und Erfahrungswissen zurückgegriffen.

Die Autorin ist sich bewusst, dass ihre Interviewpartner aus sehr unterschiedlichen Einrichtungen, Aufgabenbereichen und Altersgruppen kommen. Sie nutzt dies als Vorteil, um die begrenzte Zahl der Interviews durch eine möglichst große Varianz auszugleichen, was methodisch gut vertretbar ist. Die große Varianz zwingt sie jedoch dazu, in ihren übergreifenden Analysen recht allgemeine Begrifflichkeiten zu wählen, z.B. „Ehrenamtliche befinden sich in ihrem Engagement auf besondere Weise in einem Spannungsfeld zwischen Grenzen und Freiheiten“ (S. 230). Diese Allgemeinheit wird durch nachfolgende Zitate und Paraphrasen zwar auch wieder konkret, führt jedoch in den zusammenfassenden Schlussfolgerungen wieder zu „Erkenntnissen“ die sehr allgemein sind, z.B. „hauptberufliche Freiwilligenmanager haben für Ehrenamtliche hohe Bedeutung“ (S. 235) oder „In der professionellen Arbeit des Freiwilligenmanagements zeigt sich folglich eine vielfältige Reflexion als bedeutsam.“ (S. 290). Da fragt sich der an der wissenschaftlich fundierten Fortentwicklung von Praxis Interessierte, ob sich die Lektüre der Arbeit wirklich lohnt.

Vielfach verbliebt die Arbeit auch in einer substantivischen, wissenschaftlichen Sprachwelt („Kontextualisierung“, „Verortung“, „biografische Passung“), was in den forschungsmethodischen Passagen seinen Platz haben mag, im Übrigen jedoch die Lesbarkeit erschwert.

Fazit

Die Autorin verfolgt neben ihren wissenschaftlichen Zielen inhaltlich auch das Anliegen, dass sich in den Organisationen, die sich auch auf bürgerschaftliches Engagement stützen, ein adäquates Freiwilligenmanagement entwickelt. Sie bewertet dieses Anliegen selbst so, dass dazu noch „tiefgreifende Entwicklungsprozesse erforderlich (seien), allen voran erhebliche organisationale und professionsbezogene Entwicklungen“ (S. 291). Dem ist zuzustimmen. Diese Notwendigkeit weiterer Entwicklungen wird aktuell durch die Schwierigkeiten bestätigt, welche sich bei der Koordinierung der unzähligen ehrenamtlichen Hilfsangebote aus der bundesdeutschen Bevölkerung für Syrien-Flüchtlinge zeigen.

Die gewählte Form und Sprache der Arbeit ist jedoch, was bei einer Dissertation auch nicht überrascht, deutlich mehr auf wissenschaftlich Interessierte im Bereich der Erziehungs- und Sozialwissenschaften ausgerichtet als auf Verantwortliche in der Praxis des „Freiwilligenmanagements“.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Schaub
Dozent für Bürgerliches Recht (incl. Familien- und Jugendrecht) Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Stefan Schaub. Rezension vom 05.10.2015 zu: Sandra A. Habeck: Freiwilligenmanagement. Exploration eines erwachsenenpädagogischen Berufsfeldes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07401-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18556.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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