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Eva Nadai, Michael Nollert (Hrsg.): Geschlechter­verhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat

Cover Eva Nadai, Michael Nollert (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 214 Seiten. ISBN 978-3-7799-3044-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Dieser Band aus der Buchreihe „Arbeitsgesellschaft im Wandel“ ( Hrsg. Brigitte Aulenbacher und Birgit Riegraf) enthält zehn Beiträge aus verschiedenen methodischen und theoretischen Perspektiven zu den Geschlechterverhältnissen im Post-Wohlfahrtsstaat.

Aufbau

Nach einer Einführung und einem Problemaufriss durch Eva Nadei gibt es drei verschiedenen Schwerpunkte:

  1. im ersten Teil geht es um die entsicherten Arbeitsmärkte und die Erosion des Ernährermodells,
  2. im zweiten um die Carearbeit und
  3. im dritten um Geschlechterpolitiken im Post-Wohlfahrtsstaat.

Zu Teil 1

Hildegard Maria Nickel diskutiert die Geschlechterdimensionen der Erwerbsarbeit zunächst in den Effekten der „Feminisierung“ und fokussiert dann auf den Zusammenhang von Vermarktlichung und Subjektivierung. Zuletzt geht sie auf der Basis einer empirischen Studie auf betriebliche Geschlechterpolitik ein. Sie hält eine Re-thematisierung von Geschlecht auf betrieblicher Ebene für dringend geboten, wirbt aber auch dafür, arbeits-und geschlechterpolitische Gestaltungsoptionen im Konkreten nicht zu übersehen.

Ute Klammer gibt eine Kurzfassung der empirischen Ergebnisse zur Verbreitung und Lebenssituation von Familienernährerinnen, wobei sie enge Zusammenhänge zu bestehenden sozialstaatlichen Strukturen und neueren Reformen herausarbeitet. Zum Schluss formuliert sie sieben Schlussfolgerungen für eine sozialpolitische Strategie der Förderung eines gleichberechtigten Geschlechtermodells.

Susanne Völker entfaltet das Begriffsfeld Prekarität, Prekarisierung und das Prekäre. In diesem Kontext geht sie auf die Instabilität männlicher Erwerbsarbeit und auf den Zusammenhang zwischen dem Paradigma der Aktivierung und den daraus entstehenden neuen Sorgekonflikten ein. In ihren Folgerungen für die Prekarisierungsforschung plädiert sie für ein Aufspüren sowohl von singulären Konstellationen aber auch für ein Kenntlichmachen von deren makrologischen Einbettungen.

Zu Teil 2

Birgit Pfau-Effinger und Steven Saxonberg eröffnen den zweiten Teil des Bandes mit einem Vergleich europäischer Wohlfahrtsstaaten bezüglich ihrer Politiken zu Elternzeit und öffentlicher Kinderbetreuung. Diese Politiken differenzieren sie nach dem Grad ihrer Großzügigkeit. Sie kommen zu dem Schluss, dass nur eine „multi-optionale“ Familienpolitik dem traditionellen Muster geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung entgegen wirken kann. Damit widerlegen sie die Annahme, dass eine großzügige Elternzeitregelung zu einer „Familiarisierung“ der Kinderbetreuung durch den Wohlfahrtsstaat führen muss: Vielmehr sind solche Regelungen meistens Bestandteil einer Familienpolitik derjenigen Staaten, die generell auf die Förderung der Arbeitsmarktintegration der Mütter und die Gleichstellung der Geschlechter abzielen. Je mehr echte Wahlfreiheit zwischen der privaten Betreuung und der öffentlichen Betreuung gewährt wird, desto größer ist der Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter.

Tina Schmidt analysiert empirisch die intergenerationale Pflege in vierzehn europäischen Ländern und fragt, wie wohlfahrtsstaatliche Politik mit den Geschlechterunterschieden in diesem Bereich verknüpft ist. Sie stellt fest, dass die Überrepräsentation der Töchter unter den pflegenden Kindern in den optional familialistischen Wohlfahrtsstaaten Dänemark und Niederlanden am niedrigsten ist. Diese Länder garantieren einen universellen Zugang zu professioneller Pflege und haben generell einen niedrigen Grad an intergenerationeller Pflege.

Michael Nollert geht es um die Bedingungsfaktoren, die für Unterschiede der geschlechtsspezifischen Verteilung der Arbeitszeit (bezahlte und unbezahlte Arbeit) in den Kantonen der Schweiz herangezogen werden können: dabei untersucht er mit komplexen statistischen Methoden den Einfluss von Faktoren wie Traditionalismus, Rückhalt für Gleichstellungspolitik, Sozialausgaben, öffentlichen Sektor und Pflegebedarf. Am stärksten sind die Unterschiede in der Verteilung der Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen, wenn ein hoher Grad an Traditionalismus mit geringen Sozialausgaben und/oder einem schwachen öffentlichen Sektor und/oder einem hohem Pflegebedarf kombiniert ist.

Um globalisierte Care-Arrangements in Schweizer Privathaushalten geht es Sarah Schilliger. Mittels einer globalen Ethnographie arbeitet sie die zentralen Triebkräfte und die verflochtenen sozialen Logiken auf lokaler wie globaler Ebene heraus, die das Phänomen der Care- Migration in Schweizer Privathaushalten strukturieren. Dabei lässt sie auch die migrantischen Pflegekräfte zu Wort kommen. Sie arbeitet heraus, dass es sich nicht etwa um eine win-win Lösung für die Pflegekräfte und die Privathaushalte handelt, aber auch eine Skandalisierung als „moderne Sklaverei“ unangemessen ist. Vielmehr plädiert sie dafür, den Ausbau bedürfnisgerechter Institutionen im Bereich der Altenpflege voranzutreiben, in dem würdige Arbeitsbedingungen für einheimische wie für migrantische Care-Arbeiterinnen institutionalisiert sind.

Zu Teil 3

Im dritten Teil setzt sich Jane Jenson kritisch mit der Sozialinvestitionsperspektive auseinander. Dieses politische Konzept zeichnet sich dadurch aus, dass das Prinzip des permanenten Lernens und die frühkindliche Bildung sowie die Zukunftsorientierung, und damit die Zentrierung der Sozialinvestitionen auf die Kinder, im Vordergrund stehen. Einen re-etablierten Maternalismus und damit eine den feministischen Forderungen nach Gleichberechtigung zuwiderlaufende Tendenz sieht sie darin, dass trotz der vermeintlichen Gendersensibilität des Konzeptes die Gleichstellungsproblematik mit den Forderungen nach vollen Bürgerrechten für die Frauen „hinausgeschrieben“ wird und nun statt der des Denkens vom männlichen Alleinernährer eine Konzentration auf die Kinder erfolgt, was wenig Spielraum für die Rechte der Frauen und ihren Kampf gegen genderspezifische Ungleichheiten und Diskriminierungen lässt.

Gesine Fuchs stellt die schweizerischen und deutschen frauenbewegten Akteurinnen und ihre Erfolge bei der Politikberatung im Wohlfahrtsstaat in den Mittelpunkt. Sie erkennt zwei Strategien: zum einen ihren Versuch, Profil als erfahrene Dienstleisterinnen zu gewinnen und zum anderen mit fachlichem Wissen Handlungsempfehlungen zu geben. Der Erfolg dieser Strategien ist zwiespältig: einerseits kann es zur Depolitisierung der Empfehlungen führen oder die Akteurinnen können von den männerbündischen und expertokratischen Ausschließungsmechanismen betroffen werden und kein Gehör finden. Das Potential sieht sie in der Schaffung empirischer Glaubwürdigkeit und der Beeinflussung der öffentlichen Diskurse. Sie empfiehlt zur Stärkung der politischen Handlungsfähigkeit eine feministische Institutionsbildung und die Orientierung auf Aktion und Intervention, auf Protest und die Schaffung einer starken feministischen Öffentlichkeit.

Diskussion

Die Beiträge umfassen ein breites Spektrum der Sozialpolitik. Sie folgen alle der Tradition kritischer Geschlechterforschung: die (Sozial)politiken werden entweder durch empirische Daten oder durch ideologiekritische Überlegungen analysiert und auf ihren Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit überprüft.

Der Band bietet einen guten Einblick in den Stand der feministischen Forschungsfragestellungen: Es geht um die Lage bestimmter Frauengruppen, der Familienernährerinnen, der Mütter, der pflegenden Töchter und der migrantischen Pflegekräfte in Privathaushalten. Jeder Beitrag gibt auch konkrete Empfehlungen, zur (Sozial)politik oder auch zu Forschungsstrategien. Es werden theoretische Fragen erörtert, aber auch die verschiedenen Sozialpolitiken in ihren Wirkungen auf die Lage der Frauen untersucht. Der Band zeigt eine große methodische Vielfalt: quantitative, qualitative, hermeneutische und vergleichende Forschungsansätze werden benutzt.

Die Gretchenfrage für die Gestaltung der Geschlechterverhältnisse in den Post- Wohlfahrtsstaaten ist nach wie vor die nach der privaten, unbezahlten Arbeit: welche unbezahlte Arbeit wird von wem unter welchen Bedingungen geleistet. Die Antworten darauf können auch Wege aufzeigen, wie egalitärere Geschlechterverhältnisse hergestellt werden können. Die empirisch basierten Beiträge dieses Bandes geben dazu viele neue Erkenntnisse. Denn die Abkehr vom Ernährermodell, auch wenn sie noch nicht einmal vollständig in den (deutschen) sozialstaatlichen Regelungen vollzogen ist, bringt ja nicht automatisch mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Fazit

Die Lektüre wird zu vielen spannende Erkenntnisse führen: wer sich für die konkrete Lebenssituation von Frauen im Postwohlfahrtsstaat interessiert wird genauso gut informiert wie diejenigen, die sich Gedanken über die Möglichkeiten der Emanzipation von Männern und Frauen durch Wohlfahrtpolitik machen. Vor allem aber sei dieser Band denjenigen empfohlen, die sich für eine (Sozial)politik einsetzen wollen, die die Geschlechterverhältnisse gerechter machen will.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 20.05.2015 zu: Eva Nadai, Michael Nollert (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3044-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18558.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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