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Stefanie Elisabeth Schmalz: Kommunikation und Interaktion weiblicher Inhaftierter [...]

Cover Stefanie Elisabeth Schmalz: Kommunikation und Interaktion weiblicher Inhaftierter in einer Justizvollzugsanstalt. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2015. 386 Seiten. ISBN 978-3-8300-8268-2. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR, CH: 135,00 sFr.
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Thema

Einem forschungsmäßig in Deutschland recht unterbelichteten Thema widmet sich diese Untersuchung: den weiblichen Inhaftierten. Sie machen nur 5,7% (11) ihrer Bezugsgruppe aus; den Löwenanteil bestreiten die Männer im Gefängnis. Mit der Methode der verdeckten teilnehmenden Beobachtung, ergänzt durch 20 qualitative Interviews werden Kommunikation und Interaktionen in einer großen deutschen Justizvollzugsanstalt (15) eruiert.

Aufbau und Inhalt

Zunächst werden die Rahmenbedingungen des Lebens in einer Justizvollzugsanstalt und insbesondere diejenigen, in der die Untersuchung stattfand – die Anstalt soll aus Gründen der Diskretion nicht genannt werden –, beschrieben:

  • Tagesablauf,
  • Arbeit,
  • Freizeit,
  • Gesundheitsfürsorge,
  • Vorgehen bei Krankheit,
  • allgemeine Regelungen,
  • Haftraum,
  • persönlicher Kontakt zur Außenwelt und
  • die Ahndung von Verstößen.

Untersucht werden sollen dann im Anschluss der Kontakt zur Außenwelt, der Kontakt der Inhaftierten untereinander, die Gestaltungsmöglichkeiten von Freundschaft, Liebe und Sexualität, Streitigkeiten, Feindschaft und Delinquenz, das Verhältnis von Inhaftierten zu den Bediensteten und umgekehrt, die Gestaltung der Subkultur.

Die Autorin geht so vor, dass sie zunächst den Forschungsstand zu den entsprechenden Themenbereichen darstellt. Die vielen Facetten der verstreuten Literatur zu den Subthemen zusammengetragen und im Zusammenhang dargestellt zu haben, ist ein großer Verdienst dieser Arbeit. Die Zitate der beobachteten und interviewten Insassinnen der untersuchten JVA haben dann besonders illustrativen Charakter.

Im Hinblick auf den Kontakt nach außen stellen sich der Autonomieverlust (80ff), die Ohnmacht (86ff) und Trennung von den Kindern (91ff), wenn diese vorhanden sind, als besonders gravierend heraus. Was die Beziehungen der Insassinnen untereinander angeht, so ist das Thema „Hilfe“ mit großer Vorsicht zu genießen. (105ff) Hilfe kann sich in Richtung von Ausbeutung der hilfsbedürftigen Person entwickeln, wie auch in die Richtung der Ausnutzung der Helfenden. Freundschaft ist ein wichtiges Gut im Strafvollzug. Die Mehrzahl der Beziehungen kann als Zweckgemeinschaft bezeichnet werden. Die meisten Inhaftierten haben eine Freundin in der JVA, sind jedoch davon überzeugt, dass sie diese Freundschaft außerhalb der JVA nicht fortsetzen werden. (126) Das allgemeine Umgangsklima wird als durch Misstrauen, Lügen, Intrigen, Tratsch und Erpressung geprägt beschrieben. (127ff) Die Möglichkeit, heterosexuelle Beziehungen anzufangen oder zu pflegen ist weitgehend nicht gegeben, obwohl es u.a. als Coping-Strategie durchaus wichtig wäre. Unter dem Erleben, ihrer Sexualität depriviert zu sein, entwickeln sich Frauen zu „Knastlesben“ (160), so die Beamtinnen oder „Pseudo-, Hobby- oder Freizeitlesben“, so die Insassinnen selbst. (161). Die Übernahme des männlichen Parts führt hier häufig zur Steigerung der Attraktivität einer Insassin. (178ff)

Konflikte unter den inhaftierten Frauen treten auf im Kontext der allgemein geltenden Putzordnung und Putzbefreiung, Küchen- und Putzutensilien, die nicht am vorgesehenen Ort sind, im Zusammenhang mit Lebensmitteln, Essen und anderen Ressourcen, die geteilt und nicht wieder zurückgegeben werden.(186ff) Konfliktpotenziale bergen auch das Zusammenwohnen im Haftraum und die üble Nachrede sowie Mobbing. Meist werden diese Konflikte untereinander über die Machtschiene geregelt. Sogenannte „Präventivschläge“ gelten als das effektivste Mittel, um Mobbinganschlägen oder Gewaltanwendungen zu entgehen. (215ff) Physische Gewalt findet im weiblichen Strafvollzug meist versteckt statt. (233) Unlautere Bereicherung in Form von Diebstahl, Wucher, nicht erlaubten Tauschgeschäften, Erpressung und Schutzzahlungen kommen vor. (238ff) Eine JVA ist keine „alkohol- und drogenfreie Zone“; Suchtmittel werden an den Kontrollen vorbei geschmuggelt oder in verschiedenen Körperöffnungen durch Besucher importiert. (239ff)

Tendenziell eher positiv wird der Kontakt zu den Beamtinnen geschildert. Diese werden auch als Gesprächspartnerinnen wahrgenommen. Gelegentlich finden sie sich in Situationen vor, die sie überfordern. (252ff)

Der JVA-interne Verhaltenscodex der Inhaftierten dient dem Zusammenhalt untereinander und dem Erwerb von Ansehen. (268ff) Größte Akzeptanz findet dabei die Norm, andere nicht zu verraten, während die Normen zur Regelung der materiellen Güter oft nicht eingehalten werden.

Untersucht wird auch der „Knastjargon“. Ihm wird ebenfalls identitätsstiftende Wirkung zugeschrieben. Die Insassinnen bedienen sich dieser Sprache jedoch meist nicht. (305ff)

In der Achtungshierarchie werden Mörderinnen, wenn sie aus nachvollziehbaren Gründen getötet haben, respektiert. Kindstötung oder Kindesmissbrauch jedoch stehen am untersten Ende der Hierarchie begangener Straftaten. Solche Täterinnen sind erheblichen Anfeindungen durch ihre Mitinhaftierten ausgesetzt. (341ff)

Fazit

Diese Untersuchung ist ein wichtiger Markstein in der Forschung über weibliche Inhaftierte. Alle Berufsgruppen, die im Bereich weiblicher JVA tätig sind, sollten sich hier informieren. Das Ausleuchten der verschiedenen Felder im Erleben der Inhaftierten untereinander und im Verhältnis zu den Bediensteten und den wichtigen Menschen draußen in Freiheit, ist sehr instruktiv dargestellt.

Offen bleibt die Frage, warum der Kontakt zur Gefängnisseelsorge hier keinen Platz findet. Dass über Inhalte von Seelsorgegesprächen nicht berichtet werden kann, versteht sich von selbst. Aber auch die Gefängnisseelsorge ist eine von Inhaftierten wahrgenommene Ressource, die hier nicht beleuchtet wird.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Burbach
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Zitiervorschlag
Christiane Burbach. Rezension vom 03.07.2015 zu: Stefanie Elisabeth Schmalz: Kommunikation und Interaktion weiblicher Inhaftierter in einer Justizvollzugsanstalt. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-8300-8268-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18567.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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