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Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer

Cover Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer. Psychoanalytische, sozialpädagogische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-2494-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Inzwischen dürfte niemand mehr auf die Idee kommen zu hinterfragen, dass Kinder für ihre gesunde Entwicklung Männer genauso wie Frauen brauchen. Dass Männer jedoch nicht nur in vielen öffentlichen Bereichen der Betreuung und Erziehung noch unterrepräsentiert sind, sondern auch im Familienleben oftmals nur selten zur Verfügung stehen, unterstreichen die Beiträge des vorliegenden Bandes. Ungleich bedeutender als die Diagnose eines solchen Status quo sind die Forschung nach Ursachen und die Suche nach Perspektiven für die Erhöhung des Männeranteils in professionellen Kontexten. Die psychoanalytisch ausgerichteten Studien beweisen zudem eindrücklich, welche entscheidende Rolle dem Vater im Rahmen der ödipalen Triangulierung, im Dreieck Mutter-Vater-Kind, zukommt.

Herausgeber

Die Herausgeber des Sammelbandes, Josef Christian Aigner und Gerald Poscheschnik, arbeiten beide am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck. Josef Christian Aigner, Prof. Dr. phil., Dr. h.c., ist Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik und gleichzeitig Psychoanalytiker, Psychotherapeut sowie Erziehungswissenschaftler. Gerald Poscheschnik ist wissenschaftlicher Mitarbeiter, Klinischer und Gesundheitspsychologe.

Entstehungshintergrund

In dem Buch finden sich Studien aus dem Forschungsprojekt „elementar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern“ (2008-2011, Universität Innsbruck), und – wie Aigner und Poscheschnik schreiben – „zahlreiche weitere Projekte und Beiträge von Kolleginnen und Kollegen aus der empirischen wie theoretischen Forschung zu diesem recht neuen Thema“ (S. 14/15). So entsteht ein interdisziplinärer und multimethodaler Strauß an Stimmen zu einem wissenschaftlich, gesellschaftlich und alltagspraktisch hoch relevanten Themenkreis.

Aufbau

Auf das Vorwort, für das unter dem plakativen und chiastisch-antithetischen Titel („Kinder brauchen Männer – Männer brauchen Kinder!“) die beiden Herausgeber verantwortlich zeichnen, folgen in tendenziell lockerer Reihenfolge insgesamt elf Einzelbeiträge, deren Untertitel, was positiv hervorzuheben ist, im Inhaltsverzeichnis abgedruckt sind. Am Ende jeder Studie findet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Inhalt

Am Anfang stehen Aigners Überlegungen zu den „public fathers“ („‚Public Fathers‘. Zur Bedeutung und Problematik der Mann-Kind-Beziehung in der öffentlichen Erziehung“). Ausgangspunkt ist einerseits die „Diagnose des ‚fernen Vaters‘“ (S. 25), andererseits die Neigung vieler Menschen Institutionen und öffentlich agierende Figuren zu parentifizieren. „Public fathers“, ein spontan kreierter Begriff (vgl. S. 15), bezeichnet „Männer, die durch ihre berufliche Tätigkeit in der öffentlichen Erziehung in der Lage sind, bei Kindern so etwas wie eine väterliche Instanz zu repräsentieren“ (S. 26). Dabei stellt sich die Frage, wie „positive Väterlichkeit“ zu konkretisieren ist. Das Attribut scheint zwar bereits auf Schüler im Bereich der Elementarpädagogik zuzutreffen, aber nur bedingt die öffentliche Wahrnehmung von Familienvätern zu bestimmen. Vielmehr sei hier ein Defizit zu konstatieren, ein Manko einer väterlichen Autorität, das der Herrschaft anonymer Systeme Vorschub leiste. Damit, so konstatiert Aigner, „scheint mir eine derzeit gar nicht so latente, verbreitete Misandrie zusammenzuhängen“ (S. 32), woraus sich die Forderung ergebe zu zeigen, dass „Mannsein“ erstrebenswerte Ziele berge, an denen sich Heranwachsende orientieren könnten. Darüber hinaus spricht Aigner als erster Beiträger „das Dreieck Mutter-Vater-Kind“ (S. 33) an um hinsichtlich dieser Triangulierung zu explizieren, dass es notwendig sei die „Männlichkeit des Jungen“ in Prozessen „der Bestätigung und Anerkennung durch Männer bzw. durch Frauen, die die Männlichkeit anerkennen können“ (S. 34) wertzuschätzen.

Im zweiten Beitrag, „Männer in der Elementarpädagogik. Ein internationales Thema“, erwähnt Tim Rohrmann zunächst, dass, auch auf der Ebene internationaler Betrachtung, der Anteil männlicher Pädagogen im Elementarbereich meist unter der 5%-Marke liegt. Lediglich die absoluten Zahlen männlicher Beschäftigter sind angestiegen. Männer, die sich für eine Tätigkeit in der Frühpädagogik entscheiden, so legt Rohrmann dar, haben oftmals keinen lückenlosen Lebenslauf aufzuweisen. Ihre Situation in den Einrichtungen selbst sei in hohem Maße ambivalent. Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und eine ausgeprägten Arbeitszufriedenheit gehen jedoch einher mit problematischen Aspekten, so etwa geringe Bezahlung und vor allem eine als dominant erlebte weibliche Kultur, in die man sich einzuordnen habe. Rohrmann benennt diverse Projekte zur Erhöhung des Männeranteils in Kindertagesstätten, so etwa Männer in Kitas, und betont, dass diese gesellschaftliche und politische Unterstützung benötigen.

Als nächstes konzentrieren sich Tim Rohrmann, Bernhard Koch, Barbara Mösinger-Strubreither und Gabriele Schauer auf das Thema „Männer in Kindergärten und Ausbildungseinrichtungen in Österreich“. Sie berichten über das Forschungsprojekt „elementar“ und die damit unter anderem einhergehende empirische Studie zum Thema „Männer in der Elementarpädagogik“ (S. 62). Diese basiert auf Befragungen der beteiligten Personengruppen. Die Autoren beginnen die inhaltsanalytische Auswertung mit Aussagen zu „allgemeinen Einstellungen zu Männern im Kindergarten“ (S. 62), zeichnen danach unter anderem „Wege in den Beruf“ (S. 66) nach und stellen die Frage, ob es einen „männlichen Stil“ in der Erziehung gebe (S. 70). Die Antworten legen die tägliche Erfahrung einer Gratwanderung nahe: Einerseits haben es die Männer mit einer zumindest impliziten Erwartungshaltung zu tun, die sich an ihre „Männlichkeit“ knüpfe, andererseits sei es unerwünscht, wenn diese Erwartungshaltung erfüllt werde, stünde dies doch im Gegensatz zu den Normen des Kindergartens. Abschließend eruieren die AutorInnen aus ihren Forschungsergebnissen „Strategien zur Erhöhung des Männeranteils“ (S. 79).

Die Studie „Bodybuilder, Dandys, Kinderflüsterer. Biografie und Männlichkeitskonstruktionen von Kindergartenpädagogen“ von Gerald Poscheschnik und Josef Christian Aigner beinhaltet die psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Auswertung von insgesamt zwölf Tiefeninterviews mit Kindergartenpädagogen. Daraus resultiert, dass die Väter dieser Erzieher meist dem „klassisch-distanzierten Typus“ (S. 84) entsprachen, das Verhältnis zur Mutter nur vordergründig unbelastet war und meistens eine „positive männliche Bezugsperson“ (S.85) außerhalb des Vaters gefunden werden konnte. „Der Kindergarten als symbolischer Raum“ (S. 87) erlaube es diesen meistens sehr altruistisch orientierten Männern „die als defizitär erlebte Vaterrolle kompensatorisch zu reinszenieren“ (S.88). Die Tätigkeit mit den Kindern garantiere eine „enorme narzisstische Gratifikation“ (S. 90) im Abseits männlicher Konkurrenz. Aus den Antworten zu den Fragen des Interviews, die „die Männlichkeitsentwürfe der Interviewten“ (S. 94) in den Blick nahmen, ergeben sich zwei Möglichkeiten, die „Prekarität des Geschlechts“ (S.95) zu verarbeiten: während Männer, die eine „protomaskuline Position“ einnehmen, alles traditionell Männliche überbetonen und großen Wert auf die Abgrenzung zum Weiblichen legen, nähern sich Männer auf „semifemininer Position“ ihren Kolleginnen an und sind im schlimmsten Fall misandrisch.

Was bringen Männer in die Erziehung ein?“ - diese Frage stellt Holger Brandes und referiert dabei „Zum Forschungsstand über Männer als Väter und pädagogische Fachkräfte“. Der Mangel an männlichen Erziehern gehe mit einem Mangel an wissenschaftlichen Beiträgen zum Thema konform. Brandes fasst den Stand der Forschung zusammen und reflektiert ihn. Die Ergebnisse von Studien, die Männer als Väter untersuchen, seien widersprüchlich: Einerseits zeigen sich so gut wie keine Unterschiede im Verhalten von Müttern und Vätern zu Kindern, andererseits scheine aus der bindungstheoretischen Forschung hervorzugehen, dass insofern eine Differenz bestehe, als das Bindungsverhalten eher durch die Mutter, das Explorationsverhalten eher durch den Vater gesteuert werde (vgl. S. 111). Allerdings beklagten einige Forscher die „Eindimensionalität der bisherigen Untersuchungsdesigns“ und sprächen sich für eine kritische Interpretation der Forschungsergebnisse aus, die die Lebenswelt der Beteiligten berücksichtige. Geht man über zum professionellen pädagogischen Handeln, dann verflachen die Unterschiede. Der Autor bezieht sich auf die sogenannte „Tandemstudie“ (vgl. S. 116), in deren Verlauf 41 männliche und 65 weibliche pädagogische Fachkräfte in ihrer Interaktion mit einem Kind beobachtet wurden. Obwohl sich in fachlicher Hinsicht keine geschlechtsbezogenen Unterschiede in der Interaktion manifestieren, lässt die Studie vermuten, „dass die Fachkräfte hinsichtlich Materialien, Themen und Spielprinzipien geschlechtstypische Neigungen einbringen, die mit denen von Jungen und Mädchen korrespondieren“ (S. 118). Daraus erhellt, dass sowohl weibliche als auch männliche Fachkräfte ihr Verhalten immer wieder reflektieren und weiter professionalisieren müssen.

Johannes Huber und Laura Burkhardt berichten über die „Innsbrucker Pilotstudie zur Wirkung männlicher Kindergartenpädagogen (Innsbrucker Wirkungsstudie W-INN)“, in deren Mittelpunkt Videoaufzeichnungen aus dem Kindergartenalltag stehen („Männliche Pädagogen als Bezugspersonen für Jungen und Mädchen. Ein multimethodaler Zugang zum elementarpädagogischen Wirkungsfeld“). Während ein quantitatives Ratingverfahren im Rahmen eines „Fachkräfte-Rating“ Aussagen zur „erzieherischen Qualität“, „Gruppendynamik“ und „gendersensiblen Interaktivität“ zulässt und im Rahmen eines „Zielkinder-Rating“vor allem „beobachtbare Verhaltenstendenzen von Jungen und Mädchen gegenüber männlichen und weiblichen Fachkräften“ erfasst werden können, ermöglicht eine qualitative „Interaktions-Sequenzanalyse“ die Betrachtung dyadischer Fachkraft-Kind-Interaktionen. Vor allem diese bringt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang der Fachkräfte mit den Kindern ans Licht. Auf einen Nenner gekürzt lassen sich diese als „Interaktionsmuster“ bezeichnen, „die die potenziell herausfordernde Wirkung von Männern im Kontakt mit Kindern“ (S. 135) bestätigen.

Unter dem Titel „Mehr Männer in den Kindergarten – ein steiniger Weg. Strategien zur Erhöhung des Anteils von Männern in der professionellen Erziehung“ führt Bernhard Koch aus, wie ein „Kindergarten als »gendered Organisation«“ (S. 139) aussehen kann. Die differenzierten Überlegungen münden in eine zusammenfassende Charakterisierung von Kindergärten, die Frauen und Männern einen adäquaten Arbeitsplatz bieten können. Neben allgemeinen Merkmalen, wie etwa „generelle Offenheit des Trägers, der Leitung und des Teams für Innovationen“ (S. 147) stehen das „Vorhandensein sowohl von »weiblich konnotierten« als auch von »männlich konnotierten« Symbolen, Körpern, Werthaltungen, Dingen und Verhaltensweisen“ sowie vor allem „Geschlechterparität als Konzeptionsbestandteil“ (ebd.).

Nachfolgend widmet sich Frank Dammasch der Analyse repräsentativer Narrative aus seiner psychoanalytischen Praxis und schlägt damit eine neue Richtung im Kontext des Sammelbandes ein („Warum brauchen auch Mädchen einen männlichen Dritten? Psychoanalytische Erfahrungen mit der Vatersehnsucht“). Die zehnjährige Carla, die ihren Vater nur kurz vor seiner Emigration nach Schweden kennengelernt hat, konstruiert sich zwar in ihrer Fantasie einen Ersatzvater, aber die Absenz des realen Vaters bedeutet gleichzeitig die Absenz ödipaler Realität. Im Gegensatz zu Carla hatte die achtjährige Rita eine sehr innige Beziehung zu ihrem Vater, bevor dieser verunglückte. Beide Mädchen folgen einem idealisierten Vaterbild, das sie in der Psychotherapie auf den dort wirksamen „männlichen Dritten“ übertragen (S. 164). Abschließend erläutert Dammasch, welche „psychischen Basisfunktionen der Väterlichkeit“ (S. 166) bei Jungen zu unterscheiden sind und in welchem Maße Mädchen auf die Unterstützung durch den Vater angewiesen sind (ebd.).

Lothar Bönisch beginnt seine Argumentation mit der These, dass dem „Diskursideal der Geschlechtergleichheit im Partnerschaftsalltag eine Praxis der Geschlechterungleichheit entgegenstehen kann“ (S. 170). Dass die titelgebende Frage „Bedürftige Väter?“ alles andere als unberechtigt ist, unterstreicht unter anderem die „Südtiroler Männerstudie“ aus dem Jahre 2010. Obwohl der Anspruch der aktiven Präsenz des Vaters im Familienalltag besteht, spricht die Lebenswelt der Väter eine andere Sprache. Viele sind trotz entgegengesetzter Wünsche nach wie vor stark von Arbeit und Beruf absorbiert. Was bleibt, so konstatiert Bönisch, ist die „ambivalente Befindlichkeit“ (S.180) eines Vaters, der zwischen den ökonomischen Anforderungen der Berufswelt und den Bedürfnissen der Familie stehe. Die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei inzwischen nicht mehr ausschließlich ein Problem der Frauen. [1]

Der Beitrag „Die Bedeutung des Vaters und die neuen Formen der Elternschaft“ von Hans-Geert Metzger schlägt eine neue Saite der Diskussion an. Sich beziehend auf „neue Elternschaften“ (S. 184) und die Reproduktionsmedizin, moniert der Autor, dass manchen Spenderkindern „die essenzielle Erfahrung mit ihrem Vater“ und damit „tatsächlich eine Hälfte ihrer Eltern“ (S. 186) fehle. Fragen nach allem, was diese Fremdheit betreffe, seien unerwünscht, an die Stelle der „Forderung nach Gleichberechtigung“, so folgert Metzger, sei die „Forderung nach Gleichartigkeit“ (S. 187) getreten, die jedwede Differenz ausschließen solle. Die Gendertheorie, so argumentiert Metzger weiter, vertrete „die ideologische Absicherung der Gleichheit“ (S. 188) und stigmatisiere das Vaterbild, weil es eng mit Machtstrukturen verquickt sei. Eine an sich unerfüllbare Forderung nach Gleichheit ziehe unterschiedliche Formen der Bewältigung nach sich, so etwa der „defensive Rückzug“ (S. 192) und die „phallisch-narzisstische Einstellung“ (S. 193). Mit Bemerkungen zum „väterlichen Raum“ rundet Metzger seine Ausführungen ab. Da „die ödipal geprägte Väterlichkeit infrage gestellt“ (S. 196) werde, sei ein neues „Leitbild“ vonnöten, das die „unterschiedlichen Qualitäten der Vaterschaft integrieren“ (S. 198) integrieren könne.

Thilo Naumann beendet den Sammelband mit der Studie „Kindliche Entwicklung, Familie und Pädagogik in der heterosexuellen Matrix“. Vor dem Hintergrund einer Kritik an der Heteronormativität, an einer heterosexuellen Matrix, der eine „destruktive Wirkmacht“ (S. 203) zu bescheinigen sei und die trotz zunehmender Problematisierung dominiere, plädiert Naumann dafür, „Kindern geschlechtlich triangulierende Erfahrungen mit vielfältigen Weiblichkeiten und Männlichkeiten zu ermöglichen“ (S. 210). In traditionellen Familienformen verwirkliche einer von sechs ermittelten Vatertypen, der „egalitäre Vater“ (S. 214), das Desiderat einer „selbstbestimmten väterlichen Identität“ (S. 212), die mit Mutter und Kind in eine Triangulierung eintreten könne. Ein kurzer Blick auf Regenbogenfamilien zeigt, dass die Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern, so etwa, dass eine Konfusion der Geschlechtsidentität bei den Kindern entstehe, unbegründet sind. Die heteronormative Prägung des Kita-Alltags müsse kritisch hinterfragt werden. Naumann skizziert pädagogische Konsequenzen, die sich in erster Linie am „Anti-Bias-Approach“ orientieren und das Reflexionsvermögen der pädagogischen Fachkräfte so fordern – dies belegt er mit einem Beispiel aus der Praxis –, dass sogar eine „nachholende innere Triangulierung, eine Versöhnung mit der unweigerlichen geschlechtlichen und sexuellen Begrenztheit“ (S. 220) möglich sein könnte.

Diskussion

Obwohl ausnahmslos alle Texte, die in „Kinder brauchen Männer“ versammelt sind, ihren spezifischen und hochwertigen Beitrag zum Forschungsgebiet „Männer in der privaten und öffentlichen Erziehung“ leisten, seien die psychoanalytisch akzentuierten Studien in besonderem Maße hervorgehoben. Sie liefern nicht selten auf partikularer Ebene die Erklärung dessen, was schnell über das Individuelle hinaus zu einem Typischen avanciert: Jenseits quantitativer Erhebungen manifestiert sich auf diese Weise ein bei den Einzelausprägungen ansetzendes Induktives, ganz besonders in den Texten von Frank Dammasch (S. 151 ff.), Lothar Böhnisch (S. 169 ff.) und Thilo Naumann (S. 201 ff.), das – allerdings auf eher unhinterfragter theoretischer Grundlage – Schlussfolgerungen allgemeinerer Natur erlaubt.

Zwar sind an manchen Stellen ideologische Differenzen zwischen den Beiträgern zu vermuten (dies scheint insbesondere auf Metzger und Naumann zuzutreffen), allerdings überwiegen die einenden Elemente, die sich nicht zuletzt in einer Reihe von, alle Disziplinen durchwandernden, Querschnittthemen äußern, als da sind:

  1. „Public fathers“ – einerseits konturiert dieser Begriff den Anspruch, der an männliche Elementarpädagogen herangetragen wird, andererseits konkretisiert er die oftmals a priori enthusiastische Akzeptanz derselben. Diese Ambivalenz, so verantwortungsvoll und so vertrauenswürdig wie ein Vater sein zu können, gleichzeitig jedoch ohne eigenes Zutun als „Fürst“, „König“ (vgl. S. 90 ff., S. 141 ff.), zumindest aber als „Exot“ gefeiert zu werden, scheint für Männer in öffentlichen Erziehungskontexten prägend zu sein und kommt in vielen Beiträgen zur Sprache. Es liegt auf der Hand, dass die alleinige Präsenz eines Mannes noch lange keine gute Pädagogik ausmacht.
  2. Die Suche nach Geschlechteregalität bei gleichzeitiger Anerkennung der Differenzen – bezogen auf die pädagogische Praxis illustrieren die Beiträge, dass im professionellen Handeln im Allgemeinen kaum geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen (vgl. Brandes, S. 117), dass aber zumindest in dyadischen Interaktionen und bei der Auswahl der Aktivitäten ein Gefälle zwischen männlichen und weiblichen Fachkräften zu beobachten ist (Huber und Burkhardt, S. 135; Brandes, 105 ff.).
  3. Immer wieder haben Männer in elementarpädagogischen Settings mit dem „Generalverdacht“ der Pädophilie zu kämpfen. Darauf weisen unter anderem Aigner (S. 32), Rohrmann (S. 48) und Rohrmann et al. hin (S. 76).
  4. Die Ausbildung der zukünftigen ErzieherInnen – für Österreich beklagen Aigner (S. 26) sowie Rohrmann et. al. (S. 61), dass die Ausbildung auf Sekundarschulniveau stattfinde und zu früh beginne. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele männliche Mitarbeiter erst auf Umwegen in eine Kindertagesstätte gelangen.

Als „Hyperthema“, als eine Art „Meta-Querschnitt“, sind alle Fragen zu nennen, die sich um den schier unüberschaubaren Bereich Egalität und Differenz ranken. Trotz vieler punktueller Erklärungsansätze und aufkeimender Antworten bleibt hier leider ein Manko, besser, eine Leerstelle bestehen, die gefüllt werden müsste, wobei selbstredend immer der Verdacht mitschwingt, dass eine solche Forderung a priori obsolet sein könnte. Die inzwischen bis zum Exzess beschworene Differenz von Sex und Gender kommt so abgenutzt daher, dass man es kaum mehr wagt erneut an sie zu erinnern. Und dennoch: gerade hier wären so klare Positionen wie möglich wünschenswert, weil im gegenteiligen Fall vieles im Vagen verbleibt. Welche „typisch weiblichen“ und welche „typisch männlichen“ Attribute sind biologisch gegeben, sind Natur, welche werden konstruiert, sind also Kultur? In manchen Beiträgen scheint die Psychoanalyse die Deutungshoheit so weit zu beanspruchen, dass ihre Erkenntnisse als „Natur“ erscheinen. Das ist nicht ausgeschlossen, aber: quod est demonstrandum. Etwas mehr Trennschärfe wäre nützlich gewesen, bei gleichzeitigem Bewusstsein, was paradoxal wirkt, dass diese, bezieht man sie auf den heutigen Wissensstand, ebenfalls eine Konstruktion ist.

Erwarten sollte man, dass WissenschaftlerInnen, die zu der gesellschaftlichen Rolle von Männern und/oder Väter im Allgemeinen und zu männlichen pädagogischen Fachkräften im Besonderen publizieren, von der insgesamt sehr bunten Gendertheorie profitieren, diese aufmerksam rezipieren und sich davor hüten bei Unstimmigkeiten ins Polemische abzurutschen. Eindeutig in diese Bresche schlägt Hans Geert Metzger, der mit Vorwürfen gegenüber VertreterInnen von Gendertheorien nicht sparsam umgeht, diese aber nur unzureichend begründet (vgl. S. 183 ff.).

Wenn man das vermutlich wichtigste Ergebnis für öffentliches pädagogisches Handeln aus den hier vereinten Forschungen herausfiltert, dann ist zu wiederholen, dass im professionellen Handeln kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beobachten sind. Eine Differenz offenbart sich zum einen in der konkreten dyadischen Interaktion und in den Angeboten, die von respektive weiblichen und männlichen Fachkräften ausgehen. Ob hier erneut die Gefahr droht Stereotypen von Männlichkeit und Weiblichkeit aufzusitzen, sei dahingestellt. Abschließend betont sei lediglich, dass es auf Dauer in einem geschlechtergerechten und gendersensiblen Umfeld alltäglich werden müsste, dass alle Angebote, bestehen sie beispielsweise eher aus stillem Sitzen, Malen, Falten und Handarbeiten oder überwiegen in ihnen körperliche Aktivität, Raufen und Rennen, sowohl von Frauen als auch von Männern ausgehen sollten.

Fazit

Auf einer basalen Ebene sei das Buch allen empfohlen, die über die schlichte Aussage, dass auch Männer in Kitas gehören, hinausgehen wollen. Es liefert Begründungszusammenhänge, fördert Reflexion und Professionalität im Hinblick auf Geschlechteregalität, die in elementarpädagogischen Kontexten verwirklicht werden muss. Egalität funktioniert jedoch nur bei gleichzeitiger Anerkennung der Differenz und vor dem Hintergrund der Dekonstruktion genderbedingter Stereotypen. Methodisch könnte dies mit dem sogenannten „Anti-Bias-Ansatz“ von Louise Derman-Sparks geschehen, den Thilo Naumann erfreulicherweise am Ende des Bandes würdigt. Die Anerkennung einzelner, „konkreter“, Familien, Eltern und Kinder erlaubt es nicht nur die Folie der Heteronormativität kritisch zu hinterfragen (vgl. S. 217), sondern ist ebenfalls die Matrix für die dynamische Ambivalenz geschlechtergerechten und gendersensiblen Handelns.

Viele Beiträge des Bandes, vor allem dann, wenn sie über Empirizität hinausgehen, fordern dazu heraus kritische Fragen zu stellen und quer zu denken, Bekanntes zu unterhöhlen, gegen den Strich zu bürsten und dabei immer wieder ideologische Prämissen zu überprüfen. Aus dieser intellektuellen Beweglichkeit lassen sich einlösbare und anschlussfähige Perspektiven für die Zukunft der privaten und öffentlichen Erziehung entwickeln.


[1] Vgl. dazu auch: Marc Brost und Heinrich Wefing: „Wenn du mal ehrlich bist. Warum ist es so schwer, alles miteinander zu vereinbaren – das Vatersein, die Liebe und den Job?“, in: Die Zeit 14, 1. April 2015, S. 48.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 13.08.2015 zu: Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer. Psychoanalytische, sozialpädagogische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2494-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18620.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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