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Claudia Gliemann, Nadia Faichney: Papas Seele hat Schnupfen (Bilderbuch Depression der Eltern)

Cover Claudia Gliemann, Nadia Faichney: Papas Seele hat Schnupfen (Bilderbuch Depression der Eltern). Monterosa Verlag (Karsruhe) 2014. 62 Seiten. ISBN 978-3-942640-06-0. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Ihre Versorgung wurde lange vernachlässigt, hat sich aber in den letzten Jahren erkennbar verbessert.

Probleme bereiten, Sorgen haben jedoch auch die Kinder der Betroffenen: Sie stellen in psychiatrischer Hinsicht eine Risikogruppe dar, die in den letzten Jahren vermehrt in den Blickpunkt gerückt ist. Die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen ist bei dieser Gruppe aufgrund von genetischen und psychosozialen Faktoren deutlich erhöht.

In manchen Familien gelingt es gut, die mit der Erkrankung einhergehenden Belastungen und Konflikte zu bewältigen, in anderen dagegen werden Entwicklung und Erziehung der Kinder stark beeinträchtigt.

Kinder von psychisch kranken Eltern übernehmen häufig früh Verantwortung, stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Das Leid dieses Rollentauschs verfolgt sie oft ihr ganzes Leben.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Kinderbüchern, Ratgebern oder Websites, die über die Situation der betroffenen Familien informieren und auf mögliche Hilfen hinweisen. Hierbei sind allerdings gewisse Qualitätsunterschiede festzustellen.

Autorin/Illustratorin

Claudia Gliemann arbeitete 15 Jahre lang als Kinderbuchübersetzerin und hat über 50 Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, bevor sie im Jahr 2010 ihren eigenen Kinderbuchverlag „MONTEROSA“ gründete. Ihr Buch „Ohne Oma“ (2012) kam auf die Empfehlungsliste der vom Deutschen Ärztinnenbund verliehenen „Silbernen Feder“, „Paula ist glücklich“ (2012), von der Stiftung Lesen empfohlen, wurde bereits ins Spanische und Koreanische übersetzt.

Nadia Faichney studiert derzeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg (Department Design) Illustration. Spezialisiert auf Kinderbuch- und Sachbuchillustration hat sie sich das Ziel gesetzt, durch ihre analoge Mal- und mit eigener Stempeltechnik neue Räume zu erschließen, um Kinder und Jugendliche zum Nachdenken und Bewegen zu bewegen. „Papas Seele hat Schnupfen“ ist ihr erstes großes Buchprojekt.

Entstehungshintergrund

Claudia Gliemann legte die Beweggründe für ihr Buch dar: „Ich kenne einige Menschen, die selbst unter Depressionen leiden, von denen einige Kinder haben. Eine Depression ist eine sehr langwierige Krankheit, die oft mit Klinikaufenthalten verbunden ist. Damit, dass Väter oder Mütter nicht mehr zu Hause sind, dass Eltern schwach sind, obwohl sie doch eigentlich stark sein müssten.“ Mit diesem Buch möchte sie versuchen, die Situation zu beschreiben und Kindern das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine in ihrer Situation sind. Dass es auch anderen so geht, dass sie die Gefühle haben dürfen, die sie haben, dass sie auch wütend und traurig sein dürfen. Das Buch soll zudem eine Möglichkeit für Eltern und Therapeuten sein, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen.

"Papas Seele hat Schnupfen" ist in Zusammenarbeit mit der "Deutschen DepressionsLiga" entstanden, einem Selbsthilfeverein von Betroffenen für Betroffene. Zusätzlich wurde das Buch von anderen Personen gelesen: Von Ärzten, Psychologen und Betroffenen und Kindern.

Aufbau

Das Buch im Format 25 (Breite): 22 (Höhe) beinhaltet in einem solide kartonierten Einband 62 Text- und Bildseiten. Die Seiten sind nicht nummeriert. Den Kurzinformationen über die Autorin und die Illustratorin folgt ein Grußwort von Paul-Gerhard Buyken von der „Deutschen DepressionsLiga“, der als ehemals Betroffener resümiert: „Meine Frau hätte sich damals gewünscht, ein Kinderbuch zur Hand zu haben, um ihnen besser erklären zu können, warum ihr Papa nicht zu Hause sein konnte. (…) Wenn in einer Familie ein Elternteil an einer Depression erkrankt, ist dieses Buch ein ‚Muss‘“.

Es schließen sich zwei Widmungen von Claudia Gliemann und Nadia Faichney an, die eindringlich zu erkennen geben, mit welcher Ernsthaftigkeit und hohen Motivation beide das Projekt realisiert haben.

Inhalt

Nele wohnt im Zirkus Miraconda und damit in einer – zunächst – bunten und fröhlichen Welt. Ihre Eltern sind berühmte Artisten und zählen zu den besten Seilkünstlern überhaupt. In diesem Zirkus fühlt sich Nele wie in einer großen Familie. Irgendwann aber dann ist ihr Vater sehr niedergeschlagen und wird von Tag zu Tag trauriger. Nele ringt mit sich, kann die Entwicklung nicht verstehen. In die fröhliche Zirkuswelt scheint der Zustand des Vaters nicht zu passen.

Bei einer Zirkusolympiade im italienischen Manello kommt es zum Zusammenbruch. Der große Artist kann nicht mehr mit dem Fahrrad übers Seil fahren und Kunststücke mit seiner Frau vorführen. Das Fahrrad fällt in die Tiefe. Er selbst muss abgeseilt werden. Ein Arzt eilt herbei und führt ihn in ein Zelt hinter die Manege.
Wut, Ärger, Scham steigen in Nele auf. Sie rennt zum Zelt hinter die Manege und sieht ihren Vater zusammengekauert, müde und sehr traurig dort sitzen. Ihre Wut schlägt in Mitleid um.

Die bohrenden Fragen aber bleiben: Warum geht es dem Vater schlecht? Was plagt ihn? Wird es sich irgendwann ändern?

Ein Klinikaufenthalt trennt den erkrankten Seilkünstler für längere Zeit von der Familie. Nele vermisst ihren Vater und grübelt anhaltend. Der ‚dumme August‘ vermag es schließlich, Nele zu erklären, dass nicht nur der Körper, sondern auch die Seele erkranken kann. Er macht ihr Mut und ermuntert sie mit einfühlsamen Worten und Vergleichen zur Geduld: „Manche Krankheiten dauern länger, Nele, (…). Manchmal hat man nur einen Schnupfen, manchmal hat man sich aber auch ein Bein gebrochen und das dauert länger.“ Dieser August ist alles andere als ‚dumm‘ …

Die Behandlung (zwischendurch besuchen die Mutter und Nele den Vater) verläuft erfolgversprechend. Nach und nach geht es dem Patienten wieder besser, so dass er entlassen werden kann. Doch ‚der Alte‘ ist er noch nicht. Nele aber ist heilfroh, dass zumindest ein Anfang gemacht worden ist. Auf das Hochseil darf ihr Vater vorerst noch nicht zurückkehren, aber in der Schlussszene deutet sich an, dass dies vielleicht bald wieder möglich sein könnte.

Die Geschichte endet offen.

Diskussion

Erkrankt ein Elternteil psychisch, bricht für Kinder in aller Regel eine ganze Welt zusammen. Sie können sich Erleben und Verhalten von Vater/Mutter nicht erklären, leiden unter deren scheinbarer Abwesenheit und den zwischen den Eheleuten/Partnern aufkommenden Spannungen. Das Vertraute bricht weg, die sichere emotionale Bastion ‚Mama/Papa‘ ist in ihren Fundamenten erschüttert.

Bei vorhandenem Geschick der Erwachsenen können erklärende Worte Kindern erste Orientierung geben und sie trösten, es bleibt aber die Frage, ob das (gut meinende) gesprochene Wort die unter der Situation leidenden Kinder vollends erreicht. Mögen sie auch artig nicken, wenn man im Begriff ist, ihnen etwas zu erklären, was nur schwer zu verstehen ist – spätestens in den Nächten greifen Angst und Sorge wieder Raum …

Die Methode, das Geschehen über das Medium Kinderbuch nachvollziehbar zu machen, ist folglich nur zu gut nachvollziehbar und goldrichtig. Wählt man diesen Weg, ist nur noch die Frage, mit welcher Sprache, welchen Bildern und welchen Botschaften man Kinder auf verantwortbare Weise anspricht – ohne also die Krankheit zu verharmlosen oder Entwicklungen in Aussicht zu stellen, die letztlich dann doch nicht eintreten.

Aus diesem kritischen Hinweis wird deutlich, dass in der auf Kinder bezogenen Aufklärungsarbeit zu Depressionen nicht immer der richtige (Farb-) Ton getroffen wird …

Claudia Gliemann und Nadja Faichney haben ihre Hausaufgaben gemacht, bevor sie ein derartig herausforderndes Projekt begannen. Offensichtlich haben sie sich auch mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beschäftigt, denn ihre Einschätzung der Realität durch Kinderaugen ist stimmig. Die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik schlägt sich auf das Endprodukt nieder: Eine kindgemäße (nicht verniedlichende) Sprache, die Konzeption der Geschichte insgesamt, eine genial gewählte Metaphorik (im Sinne von: Das Leben ein bunter Zirkus, aber auch ein Drahtseilakt, bei dem es einer guten Balance bedarf), der Mut zu einem offenen Ende (das jedoch Hoffnung zulässt) und schließlich die faszinierenden (auf dunkle Töne verzichtenden) Illustrationen machen „Papas Seele hat Schnupfen“ zu einem Juwel der dringend erforderlichen Aufklärungsarbeit.

Fazit

Das Buch ist allen zu empfehlen, die therapeutisch/beratend mit von Depressionen betroffenen Eltern arbeiten. Es bietet die Möglichkeit, Kinder mit psychiatrischen/psychologischen Aspekten in einer solchen Weise vertraut zu machen, dass sie verstehen und nachempfinden können, was es bedeutet, wenn die Seele krankt. Dabei entlässt es die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer/Leserinnen und Leser keineswegs in ein Tal der Ratlosigkeit, sondern transportiert dosiert, pädagogisch durchdacht und einfühlsam (ohne in den Kitsch abzudriften) die für uns alle geltende Lebensweisheit, dass im Leben immer, manchmal auch völlig unvermittelt, Wendungen eintreten können, die leidvoll sind. Zugleich befreit es in überzeugender Weise von der in unserer schnelllebigen, auf Erfolg fixierten Zeit, die Bienenfleiß bei anhaltender Konsumfreudigkeit zum Götzen gemacht hat, von der tumben, viel zu oft zu vernehmenden Botschaft, man könne seelische Krisen wie Depressionen überwinden, indem man sich schlicht und ergreifend zusammenreißt. Wer solche Parolen ausgibt bzw. an sie glaubt, den mag einzig entschuldigen, dass er aus Unwissenheit oder gar aus Angst vor dem eigenen Tief an derlei Plattitüden festhält. Mit der Wirklichkeit hat es wenig zu tun.

„Papas Seele hat Schnupfen“ wurde im April 2015 von der „Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V.“ der Titel „Buch des Monats“ verliehen. Eine Entscheidung, zu der man nur dankbar gratulieren kann!


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
Pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Erwachsenenbildner, Autor
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 02.04.2015 zu: Claudia Gliemann, Nadia Faichney: Papas Seele hat Schnupfen (Bilderbuch Depression der Eltern). Monterosa Verlag (Karsruhe) 2014. ISBN 978-3-942640-06-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18622.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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