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Bernd Dollinger, Nina Oelkers (Hrsg.): Sozialpädagogische Perspektiven auf Devianz

Cover Bernd Dollinger, Nina Oelkers (Hrsg.): Sozialpädagogische Perspektiven auf Devianz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-2960-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Herausgeber und Herausgeberin

Bernd Dollinger ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Siegen mit den Lehr-und Forschungsschwerpunkten:

  • Theorie und Geschichte der Sozialpädagogik
  • Sucht und Devianzforschung
  • Professionalisierung
  • Sozialpolitik

Eine beeindruckende Zahl von Publikationen (allein der letzten 10 Jahre) zeigt Dollinger als kritischen Sozialwissenschaftler und Vertreter eines auf Devianz und Jugendhilfe bezogenen Diskurses zu aktuellen Sozial-und Sicherheitspolitiken.

Nina Oelkers ist Professorin für Soziale Arbeit an der Universität Vechta mit den Lehr- und Forschungsschwerpunkten:

  • Devianz- und Sicherheitsforschung
  • Professionalität sozialer Arbeit im Umgang mit schwierigen Kindern/Jugendlichen
  • Handlungsbefähigung und Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten sozialpädagogischer Klientel.

Grundlinien ihrer Argumentation und Diskurspräferenzen erschließen sich aus Mitgliedschaften in der Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie und dem „Center for Education and Capability Research“ der Universität Bielefeld.

Thema

In einem knappen Vorwort skizzieren die Hrsg. erkenntnisleitende und argumentative Grundzüge des Buches: Vor dem Hintergrund ihrer Einschätzung, dass Theorie wie auch Praxis sozialer Arbeit sowohl über Konstruktion und Definition von Devianz als auch über die Bearbeitung des Verhältnisses von Devianz und Normalität eng verbunden seien, sollen im vorliegenden Band aktuelle empirische Studien vorgestellt werden, in denen Soziale Arbeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit Devianz befasst ist. Ein besonderer Schwerpunkt (so die Autoren) soll der Blick auf Einschätzung und Bearbeitungspraktik von jugendlicher Kriminalität und kriminellem Verhalten durch Professionelle der Sozialen Arbeit darstellen. Die HerausgeberInnen beabsichtigen damit vor dem Hintergrund fehlender bzw. wenig präsenter sozialpädagogischer Forschungsstudien zu

  • Normalitätskonstruktionen
  • Zu Optionen professioneller Kriminalitätsarbeit
  • Zum Leben und Erleben von Adressaten in entsprechenden Handlungszusammenhängen,

aktuelle empirische Studien zu präsentieren, „durch die Soziale Arbeit gewissermaßen auf Devianz zugreift“ (S.5). Darüber hinaus gehe es darum, „…einzelne, bedeutsame, theoretische Zugänge sichtbar zu machen“.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitungder Herausgeber/innen Bernd Dollinger & Nina Oelkers, „Zur Einleitung: Sozialpädagogische Perspektiven auf Devianz“ ist in drei Unterabschnitte aufgegliedert:

  1. Soziale Arbeit und die Konstitution von Normalität
  2. Soziale Arbeit und Kriminalität
  3. Sozialpädagogische Fragen an Kriminalität

Zu a. Die Autoren verweisen darauf, dass Soziale Arbeit ihre historisch gewachsene, normkonstituierende Rolle und die damit verbundene Involviertheit in gesellschaftliche Grenz – und Normalitätsbestimmungen, d.h. ihren eigenen Normalisierungsauftrag, ihre eigenen Normalitätserwartungen kritisch reflektieren und befragen müsse.

Zu b. Trotz der Nähe Sozialer Arbeit zu Kriminalität und kriminalisierter Klientel ( z.B. in Handlungsfeldern des Kriminalitätsjustizsystems), besäße sie dennoch gegenüber Polizei und Justiz eine nur nachrangige Stimme und – so die Autorinnen – stehe auch in ihrer eigenen sozialpädagogischen Kriminalitäts – und Devianzforschung erst am Anfang.

Zu c. Gerade aber in ihrer Nähe zu einer interdisziplinären, kritischen Kriminologie könne eine sozialpädagogische Kriminalitäts- und Devianzforschung ihre besonderen Fragestellungen einbringen.

Zwar seien die Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit festgelegt und beschränkt durch kriminalpolitische Normierungen und justizielle Funktionslogiken. Es sei aber wünschenswert, dass sich soziale Arbeit auch in Handlungsfeldern der Strafjustiz eigenständig artikuliert. In dieser Hinsicht benennen die Autorinnen drei relevante Themen- und Problembereiche:

  • Sozialpädagogisches Handeln erscheine grundsätzlich eingebettet in komplexe politische Kontexte. Im Verweis auf Ergebnisse empirischer Befunde angelsächsischer Kriminalitätspolitik sehen die Autorinnen die Gefahr des schleichenden Bedeutungsverlustes einer wohlfahrtsstaatlich an Resozialisierung, Erziehung und Behandlung ausgerichteten Sozialen Arbeit.
  • Charakteristisch für sozialpädagogische Deutungen sei die Annahme von Devianz als sozial bedingter Problemlage, als kontextuell bedingt und interaktiv zugeschrieben, insbesondere vor dem Hintergrund einer seit Anfang der 1970-er Jahre dauernden Stigmatisierungsdebatte. Auch der deviantes Verhalten „verstehende“ Ansatz rekonstruktiver Sozialpädagogik, der eine Trennung von Person und Verhalten erst ermögliche, sei in diesem Zusammenhang von Bedeutung.
  • Gemäß der Zielmaximen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes sei es die Aufgabe Sozialer Arbeit, zur „Förderung individueller Entwicklung“ und „Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ beizutragen. Damit gerate die Soziale Arbeit aber in Konflikt zu strafverhindernden und -verfolgenden Institutionen wie Polizei und Justiz. Ihr Ziel könne es nicht primär sein, Kriminalität zu verhindern -eine Kriminalität, bei der es sich bezogen auf Jugendliche in der Regel ohnehin um „bagatellhafte Regelverletzungen, die nur episodisch, also in einem biografisch relativ kurzen Zeitraum verübt werden“ (S.22) handele. Vielmehr sei es Aufgabe Sozialer Arbeit, die kriminalisierte Klientel in den Status zu versetzen, selbständig entscheidungsfähig zu werden.

Allerdings machen die AutorInnen darauf aufmerksam, dass gegenwärtig zwischen einem diziplinär und sanktionskritisch geführtem Diskurs auf der einen Seite und der praktischen Bearbeitung von Devianz andererseits gravierende Differenzen bestünden. Dies rufe auf zu einer Auseinandersetzung mit den Zielen sozialpädagogischer Kriminalitätsarbeit, wie sie sich in sozialpädagogischen Handlungsfeldern gegenwärtig darstellten.

Nach ihrer Einleitung geben die Autorinnen ein einführenden Überblick über die einzelnen Beiträge des Bandes, die sie in 4 Themenblöcke eingeordnet haben.

  • Kernprobleme sozialpädagogischer Professionalität
  • Jugend und Alter
  • Gewalt und Sucht
  • Kooperation mit Polizei und Justiz.

Mit ihrem Aufsatz „Professionelles Handeln im Kontext gegenwärtiger Sicherheitspolitiken“ leiten Dollinger/Oelkers den Beitragsteil des Bandes ein. Hier nun skizzieren sie zunächst Beispiele neuerer US-amerikanischer Finanzierungsmodelle sozialer Projekte zur Rückfallvermeidung jugendlicher Inhaftierter, um damit vor dem Hintergrund angloamerikanischer Fachliteratur auf Tendenzen hinzuweisen, sozialpädagogische Praxis im Umgang mit kriminalisierten Jugendlichen (z.B. Inhaftierten) zunehmend auf eine „aktuariale“ Perspektive auszurichten. Auf eine Praxis also, in der (so die Autor/innen) mittels Methoden des Risk-Assessments (Asset) jugendliche Täter über quantifizierbare psychosoziale Faktoren mit Risikoprofilierungen versehen werden, die als Basis von Falleinschätzungen und Interventionsplanung dienen, um zu manualisierten Handlungsvorgaben zu gelangen. Diese Tendenz zur Standardisierung und damit Verengung sozialarbeiterischer Praxis kritisieren die Autor/innen als Ausdruck einer sicherheits-und kriminalpolitisch aufgeladenen Inszenierung des Gesellschaftsschutzes in populistischer Absicht. Eine solche, auch die Rolle und Bedeutung Sozialer Arbeit verengende Tendenz erscheint den VerfasserInnen kaum kompatibel mit einer an der Lebenspraxis, an der Subjektivität der jugendlichen Klientel orientierten sozialarbeiterischen Professionalität.

Die Verbundenheit Sozialer Arbeit mit gegenwärtigen kriminalpolitischen Entwicklungen verdeutlichen die VerfasserInnen im dritten Teil, der sich auf sozialpädagogische Professionalität bezieht. Sie verdeutlichen Tendenzen, in denen z.B. über Querschnittsbefragungen von Kriminologen zur Jugendgewalt die Effizienz offener Jugendarbeit bestritten wird, oder in Kooperationen von Jugendhilfe, Polizei und Justiz sich sehr schnell die Dominanz einer polizeilich und strafrechtlich bestimmten Perspektive durchsetzt.

Gegenüber diesen sicherheitspolitisch begründeten Tendenzen zur Marginalisierung sozialpädagogischer Professionalität arbeiten die Verf. in einer knappen Synopse neuerer Literatur Konturen einer Professionalität in der Auseinandersetzung mit Delinquenz heraus, die sich nicht primär am Modell der Expertin orientiert, oder sich expertokratisch zeigt, sondern vielmehr einem Professionswissen folgt, das unterschiedlichste Wissensbestände „im konkreten Fall und in reflexiver Praxis“ in Beziehung setzt.

In einem abschließenden Fazit entwickeln die Verf. Grundzüge einer sozialpädagogischen Perspektive, die Menschen als sinnhaft handelnde Subjekte fokussiert, professionelles Handeln die Steigerung subjektiver Handlungsmöglichkeiten der Klientel zum Ziel hat sowie deren Partizipation an verfügbaren Bildungsmöglichkeiten. Eine so konstituierte Professionalität sei „geradezu ein Gegenmodell zu den standardisierten Verfahren im Kontext gegenwärtiger Sicherheitspolitiken…“ (S.46).

Frank Mücher& Uwe Uhlendorf stellen in ihrem Aufsatz: „Das fragend-begleitende Gespräch. Sozialpädagogische Diagnostik im Kontext von Jugendwohnungslosigkeit“ Leitfaden gestützte Interviews mit wohnungslosen Jugendlichen vor, die im Kontext von Straßensozialarbeit durchgeführt wurden, als Grundlage eines Konzeptes sozialpädagogisch-hermeneutischer Diagnose in der Jugendhilfe. Mit den von ihnen knapp dargestellten Grundlinien von Straßensozialarbeit ordnen sich die Verf. mit dem von ihnen dargestellten diagnostischen Konzept einer Lebenswelt orientierten Jugendhilfe zu. Bezogen auf den sozialpädagogischen Umgang mit wohnungslosen Jugendlichen kritisieren die Verfasser, dass ein die subjektiven Sinnkonstruktionen von Jugendlichen auslotender und akzeptierender, Entwicklungsräume zugestehender Ansatz zunehmend in die Kritik gerate. In einem an Prävention, Risiko und ökonomischer Effizienz der öffentlichen Verwaltung orientierten Blick würden die Jugendlichen zunehmend als gefährlich bzw. als gefährdet definiert. Darüber hinaus erhöhe sich der Druck auf eine gewährende, die individuellen Problemlagen von Jugendlichen zunächst diagnostisch rekonstruierende Sozialarbeit durch die tatsächlichen Gefahrenlagen (Gewalt, Drogen, Prostitution) im Lebensumfeld Straße, die PraktikerInnen Sozialer Arbeit zunehmend vor die Entscheidung zwischen „Gewähren lassen“ und „Eingreifen müssen“ stellen würde.

Eine an die lebensweltlich- hermeneutische Tradition der Sozialpädagogik anknüpfende Diagnostik beabsichtige, die ausgrenzenden Wirkungen einer kategorialen Diagnostik zu vermeiden, stehe dem Devianzbegriff daher grundsätzlich kritisch gegenüber und setze vielmehr auf methodisch kontrollierte Verstehensprozesse und daran anschließende Aushandlungsprozesse zwischen Jugendlichen und Professionellen, deren Aufgabe es wiederum sei, zwischen Lebenswelt von Adressat/innen und normativen Erwartungen gesellschaftlicher Institutionen zu vermitteln.

Sven Huber & Peter Rieker gehen in ihren Beitrag: „Der sozialpädagogische Umgang mit Devianz zwischen Hilfe und Kontrolle. Exemplarische Erkundungen“ der Frage nach, wie sich Fachkräfte sozialer Arbeit (hier in den Arbeitsfeldern mobile, aufsuchende Jugendarbeit / sozial Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen) in der Spannung zwischen Kontrollanforderungen und lebensweltlich orientierter Hilfestellung verhalten, wenn angesichts staatlicher Aktivierungspolitiken eher repressive, die Verhaltenskontrolle der AdressatInnen einfordernde Interventionsformen an Bedeutung gewinnen. Nach einer knappen Skizze von Grundlinien mobiler Jugendarbeit und einer Darstellung differierender Positionen im Fachdiskurs, verdeutlichen die Verf. am Beispiel von Interviewausschnitten unterschiedliche Strategien von Fachkräften mobiler Jugendarbeit, in der sozialarbeiterischen Praxis vermittelnd und eher auf (Arbeits-) Beziehung zur Klientel setzend zu agieren.

Titus Simon wirft in seinem Aufsatz „Konfrontierende Pädagogik – eine Einordnung. Wechselnde Konjunkturen für konfrontative Techniken in der Erziehung“ einen intensiven Blick auf die konzeptionellen Grundlagen der vom „Deutschen Institut für Konfrontative Pädagogik“ unter der Leitung von Weidner vermarkteten „Anti-Aggressivitätstraining/Coolness-Training“ und ihrer Ableger. In einer knappen Darstellung von Forschungsergebnissen zur Wirksamkeit von AAT/CT Maßnahmen ebenso wie zur Wirksamkeit von Boot Camps verdeutlicht der Verf. dass weder die den Boot Camps eigene Mischung aus Drill und strenger Alltagsstruktur die gewünschten Erfolge brachten noch die AAT/CT Maßnahmen bislang die von ihren Protagonisten versprochenen kriminalitätsverhindernden Ergebnisse zeigten. in Anlehnung an Mollenhauer und Thiersch setzt der Verfasser auf Modelle dialogischer Pädagogik im Umgang mit den Jugendlichen die sich orientiert an der Lebenswelt der Klientel und an dem Ziel der Herstellung eines „gelingenden Alltags“.

In ihrem Aufsatz „Konstruktionen von Devianz im Blick pädagogischer Fachkräfte“ wirft Friederike Schmidt vor dem Hintergrund von Perzeptionsforschung und interaktionistischen Positionen (labeling-Ansatz) einen Blick auf die Wahrnehmungspraxis pädagogischer Fachkräfte. Unter Bezug auf Dollinger postuliert sie einen spezifischen selektiv-interpretativen Zugang Sozialer Arbeit zur Devianz und verdeutlicht am Beispiel von Interviews die perzeptiven Logiken, mit denen Fachkräfte in ihren je eigenen Wahrnehmungsräumen Devianz erkennen und bearbeiten.

Lothar Böhnisch & Wolfgang Schroerentfalten in ihrem Aufsatz „Devianz als Bewältigungsverhalten“ ein sowohl interdisziplinäres wie auch psychosozial und psychodynamisch angelegtes sozialpädagogisches Modell. Abweichendes Verhaltens wird verstanden als Bewältigungsverhalten im Kontext von personal-psychodynamischen, relational-intermediären und sozialstrukturellen- sozialpolitischen Ebenen, die miteinander verwoben sind. In ihrem Konstrukt der „Bewältigungslage“, verstanden „als Brückenkonzept zwischen Lebenslage und Lebensbewältigung“ sehen sie eine Möglichkeit, sozialpädagogischen Zugang zur Lebenslage der Klientel zu finden und vor dem Hintergrund gesicherter Beziehung Einfluss auf deren Handlungsfähigkeit in prekären Lebenslagen zu nehmen. Im Umgang mit devianter Klientel gelte daher „das Prinzip der Trennung von Person und Delikt, das uns den pädagogischen Zugang zum Selbst ermöglicht“.

Christine Meyer beleuchtet in ihrem Aufsatz „Devianz im Lebenslauf – Alterskriminalität als Bewältigungsstrategie für Alternsprozesse?!“ aus kriminologischer Sicht die Bedeutung, die neben einer Vielzahl von Mehrfachbenachteiligungen auch sozial- und kriminalpolitische Vorgaben für die Verfestigung von bzw. den Ausstieg aus Straffälligkeit von Jugendlichen im Lebenslauf besitzen. Angesichts der von ihr referierten Zahlen und Daten zur Alterskriminalität erscheint die von ihr vertretene lebenslauftheoretische Perspektive im Blick auf Jugendliche auch sinnvoll zum Verständnis und zur Erklärung von Phänomenen der Alterskriminalität aufgrund z.B. von Altersarmut, Vereinsamung, Gefühlen der Perspektivlosigkeit. Sie plädiert für eine „alternsfreundliche Kultur“ d.h. für sozialstrukturelle Kontexte, in denen ältere Menschen nicht diskriminiert bzw. ausgegrenzt würden.

Ursula Unterkofer stellt in ihrem Aufsatz „Gewalt als Risiko. Kontrolle von Gewaltentwicklung in der offenen Jugendarbeit zwischen Normalisierung und Disziplinierung“ die Frage, wie Professionelle in der offenen Jugendarbeit die von ihnen in ihrem Arbeitsfeld wahrgenommenen Gewaltmuster interpretieren und beantworten. Auf der Basis von durch teilnehmende Beobachtung im Feld generierten Daten arbeitet sie heraus wie Professionelle Gewalt als Risiko konzeptionalisieren und dabei Strategien des „Eindämmens“ von Gewalt entwickeln. Diese Strategien werden von der Verf. als „Praxis der Normalisierung“ oder als „Praxis der Disziplinierung“ interpretiert.

Holger Schmidt fragt in „Normalität im sozialpädagogischen Alltag“ vor dem Hintergrund einer ethnografischen Studie, wie Professionelle den von ihnen konstruierten sozialen Normen interaktiv Gültigkeit verschaffen.

Rebekka Streck zeigt in ihrem Aufsatz „Undoing Addiction? Situative Neutralisierung von Sucht in der offenen Drogenarbeit“, anhand einer Analyse von Interaktionssequenzen zwischen SozialarbeiterInnen und DrogenkonsumentInnen,wie in den Rückzugsräumen dieser Arbeit die kulturell aufgeladene Problemkategorie „Sucht“ von den Fachkräften in unterschiedlichen Interaktionsstrategien neutralisiert wird und wie andererseits die NutzerInnen diese Form offener Drogenarbeit würdigen als wohltuenden, zuschreibungsfreien Erfahrungsraum.

Stefan Eberitzsch befasst sich in „Die Abwendung von Untersuchungshaft für Jugendliche als sozialpädagogisches Handlungsfeld. Anforderungen, Konflikte und aktuelle Befunde“ mit der Schnittstelle von Jugendhilfe und Justiz. Er weist darauf hin, dass die Aufgabe der Jugendhilfe, im Strafverfahren auf die Abwendung von Untersuchungshaft hinzuwirken auch nach dem aktuellen Forschungsstand „als nicht realisiert betrachtet werden muss“. Die von ihm vorgestellten Ergebnisse neuerer Umfragen verdeutlichen, dass sich Jugendgerichtshilfe als zentrale Aufgabe der Jugendhilfe zwar etabliert hat, dennoch aber weiterhin Kooperationsdefizite zu Justiz und Ermittlungsbehörden bestehen. In der Arbeit nun mit oft mehrfach benachteiligten Jugendlichen sei die Jugendhilfe im Kontext der Straffälligenhilfe aufgefordert, notwenige strukturelle und konzeptionelle Entwicklungen zu leisten.

Martin Karolczak stellt in „Sozialpädagogische Praxis in der Interinstitutionellen Kooperation. Das Beispiel der Bearbeitung von Jugendgewalt auf den Hamburger ‚Gemeinsamen Fallkonferenzen‘“ ein Verfahren vor, das in der Arbeit mit mehrfachauffälligen gewalttätigen Jugendlichen inzwischen in mehreren Bundesländern zum politisch akzeptierten Teil „neuerer Maßnahmen gegen sogenannte Mehrfach- oder Intensivtäter“ gehört – neben z.B. Angeboten der konfrontativen Pädagogik oder neueren Modellen geschlossener Unterbringung. In der Fachdiskussion sei dieses Verfahren der Zusammenführung unterschiedlicher (am Fall beteiligter) Fachkräfte zur Herbeiführung von Synergieeffekten umstritten. Am Beispiel der Auswertung von Transkripten, die im Rahmen teilnehmender Beobachtung generiert wurden, verdeutlicht erdie Dominanz polizeilicher Perspektiven gegenüber der sozialarbeiterischen Fallinterpretation. Obwohl Fachkräfte der Jugendhilfe eher Hilfeplankonferenzen „als das ihrer Profession originäre Gremium“ betrachteten, sieht der Verf. in einer Beteiligungsverweigerung der Jugendhilfe eine verlorene Chance, sozialpädagogische Interpretationen von Fällen innerhalb der Hamburger GF zu vertreten.

In ihrem Aufsatz „Unerkannt, unerreicht und unverstanden? Straffällige männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund als Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe“ schreiben Sabrina Hoops & Bernd Holthusen (auf der Grundlage von Befunden laufender Arbeiten zum Themenschwerpunkt Migration des DJI), über Delinquenzverläufe und institutionelle Karrieren straffälliger männlicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Am Fall wird exemplarisch verdeutlicht, wie über viele biographische Stationen des Jugendlichen das Stigma des Außenseiters sich verdichtet, ohne dass es Einrichtungen der Jugendhilfe hinreichend gelingt, nachhaltigen Zugang zum Jugendlichen zu gewinnen oder tragfähige Hilfebündnisse zu schließen. Die Verf. plädieren u.a. für den verstärkten Einsatz von Fachkräften mit Migrationshintergrund, für die Installation „migrationssensibler Settings“ und die Einbindung Ehrenamtlicher bzw. Semiprofessioneller, die gleichfalls Migrationshintergrund haben.

Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von Sascha Schierz „Bewährungshilfe, Risiko und ‚neue Pönologie‘“. Zur gegenwärtigen Regierung von JustizsozialarbeiterInnen und Probandinnen am Beispiel von Standardisierung und Risikoorientierung in der Bewährungshilfepraxis“. Der Verf. verdeutlicht in einer an Foucault orientierten analytischen Perspektive, wie eine historisch gewachsene, an Rehabilitation und Resozialisierung ausgerichtete Bewährungshilfepraxis zunehmend überformt wird durch die risiko- und effizienzorientierte Perspektive der „new penologie“ einer neuen, gouvernementalen Reformstrategie. Damit gehe, so konstatiert der Verf., auch eine veränderte Fachpraxis des Risikomanagements einher, die gänzlich ohne individualisierend-verstehenden Ansatz, bzw. „ohne größere theoretische Erklärungsmuster auskommt und anschlussfähig an unterschiedliche politische wie administrative Fragestellungen wird.“ Er zeichnet das Bild einer zunehmend digitalisierten Hilfepraxis, die ihr ProbandInnen in unterschiedliche, statistisch konstruierte Betreuungsgruppen kategorisiert, denen unterschiedliche Handlungsvorgaben zugeordnet werden – eine Praxis, die er durch unterschiedliche Reformvorhaben der Bundesländer bereits teilweise realisiert betrachtet.

Diskussion

Die Herausgeber/innen stellen ihre eigenen und die in diesem Band vorgestellten Positionierungen von Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen der Sozialen Arbeit in den Zusammenhang eines Kontrolldiskurses. Dieser Diskurs reflektiert insbesondere den historisch gewachsenen Normalisierungsauftrag Sozialer Arbeit im Umgang mit devianter Klientel unter den Bedingungen sich verändernder Kriminal-und Sozialpolitiken. Gegenüber einer neoliberal umgebauten Sozialen Arbeit, die vor allem das Risikopotential ihrer devianten Klientel managed, zeichnen sie das Bild einer sozialpädagogischen Professionalität, die sich – lebensweltlich und dialogisch orientiert – um verstehende, rekonstruktive Zugänge zu den problematischen Verhaltensweisen ihrer AdressatInnen bemüht. In den weiteren Beiträgen des Bandes finden sich neben den analytisch ausgerichteten Beiträgen der Herausgeber/innen auch qualitativ ermittelte Binnenansichten aus einzelnen Arbeitsfeldern zum Verhältnis von Hilfe und Kontrolle, die überwiegend generiert werden aus den Daten von Leitfadeninterviews/ Gesprächsmitschnitten bzw. dokumentierten Beobachtungen von Interaktionssequenzen. Neben eher paradigmatisch ausgerichteten theoretischen Standortbestimmungen zum pädagogisch- wissenschaftlich geleiteten Blick auf den Umgang mit Devianz und devianter Klientel finden sich in diesem durchaus informativen Band ebenso düster stimmende Einblicke in die politisch gewollte Nachrangigkeit Sozialer Arbeit und ihrer komplexeren Fallperspektiven in der Kooperation mit Polizei und Justiz. Insofern erscheint mir der Band besonders empfehlenswert für an der Praxis Sozialer Arbeit interessierte Wissenschaftler/innen oder fortgeschrittene Student/innen, die sich einen ersten Überblick zum Thema Kontrolldiskurs verschaffen wollen.

Unter disziplinärer Perspektive fällt auf, dass die Herausgeber/innen neben ihrer Absicht, die Auswirkungen neoliberal orientierter, veränderter sozial- und sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen (z.B. Präventionsorientierung, Risk-assessment) auf die Berufspraxis Sozialer Arbeit zu verdeutlichen, einen weiteren Schwerpunkt in der Ausformulierung von notwendigem Professionswissen setzen.

Hier nun beziehen sie sich auf Lebenswelt und Eigensinn der Adressat/innen, deuten ebenso auf interaktionistische Positionen früher Stigma Theorien hin sowie auch auf eine eigenständige hermeneutische Tradition der Sozialpädagogik als Wissenschaft.

Bei aller Anerkennung der vertretenen kritischen Positionen hätte der Rezensent (der die Diskurse der wissenschaftlichen Sozialpädagogik seit 1969 aktiv verfolgt und kommentiert ) sich für die Professionsdebatte der Sozialen Arbeit eine Überschreitung der inzwischen 45 Jahre alten Labelingdebatte hin zu einer integrativeren, psycho-sozial kenntnisreichen Sichtweise gewünscht. Auch die Texthermeneutisch-verstehende Zugangsweise zur devianten Klientel - scheint bezüglich seiner Gültigkeit zur Erfassung von subjektiven Aneignungsprozessen seit den 1980iger Jahren wenig kritisch reflektiert und als intersubjektives Instrument aktualisiert. Integrativ wäre es gewesen, wenn im Band auch Positionierungen bezüglich eines interdisziplinären, forschungsgestützten Wissens zur thematisierten Zielgruppe sichtbar gemacht worden wären – wie sie ja auch z.B. im Rahmen der Belastungsforschung vorliegen. Hier z.B. zu erfahren, wie die Autor/innen die Bedeutung dieser Ergebnisse im Rahmen des Kontrolldiskurses und der Professionalität Sozialer Arbeit bewerten, wäre wünschenswert gewesen.

Beim Lesen des Bandes kann vielmehr der Eindruck entstehen, die professionelle Nutzung vorliegender empirischer Ergebnisse dazu, was deviante Jugendliche in biopsychosozialer Perspektive über die Lebensspanne, in ihrer Lebenslage, im sozialen Netzwerk, in ihren Milieus beeinflusst und damit auch ihr Denken, Fühlen und Handeln, stehe unter dem Generalverdacht einer stigmatisierenden Perspektive auf Devianz.

Damit stellen sich dem Rezensenten folgende Fragen:

  1. Kommt die im Buch favorisierte Strategie der Normalisierung durch Soziale Arbeit gänzlich ohne die Anerkennung der psycho-sozialen Auswirkung von Dauer- und Mehrfachbelastungen, von Traumata und biographischen Problemverläufen aus?
  2. Ist eine in diesem Sinne fachlich begründete Risiko-Ressourcenanalyse immer gleichzusetzen mit einer verengenden, neoliberalen Bankerlogik?

Fazit

Die Herausgeber/innen stellen ihre eigenen und die in diesem Band vorgestellten Positionierungen von Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen der Sozialen Arbeit in den Zusammenhang eines Kontrolldiskurses. Dieser Diskurs reflektiert insbesondere den historisch gewachsenen Normalisierungsauftrag Sozialer Arbeit im Umgang mit devianter Klientel unter den Bedingungen sich verändernder Kriminal-und Sozialpolitiken. Gegenüber einer neoliberal umgebauten Sozialen Arbeit, die vor allem das Risikopotential ihrer devianten Klientel managed, zeichnen sie das Bild einer sozialpädagogischen Professionalität, die sich – lebensweltlich und dialogisch orientiert – um verstehende, rekonstruktive Zugänge zu den problematischen Verhaltensweisen ihrer AdressatInnen bemüht. In den weiteren Beiträgen des Bandes finden sich neben den analytisch ausgerichteten Beiträgen der Herausgeber/innen auch qualitativ ermittelte Binnenansichten aus einzelnen Arbeitsfeldern zum Verhältnis von Hilfe und Kontrolle, die überwiegend generiert werden aus den Daten von Leitfadeninterviews/ Gesprächsmitschnitten bzw. dokumentierten Beobachtungen von Interaktionssequenzen. Neben eher paradigmatisch ausgerichteten theoretischen Standortbestimmungen zum pädagogisch- wissenschaftlich geleiteten Blick auf den Umgang mit Devianz und devianter Klientel finden sich in diesem durchaus informativen Band ebenso Einblicke in die politisch gewollte Nachrangigkeit Sozialer Arbeit und ihrer komplexeren Fallperspektiven in der Kooperation mit Polizei und Justiz. Insofern erscheint mir der Band besonders empfehlenswert für an der Praxis Sozialer Arbeit interessierte Wissenschaftler/innen oder fortgeschrittene Student/innen, die sich einen ersten Überblick zum Thema Kontrolldiskurs verschaffen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Schreiber
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Zitiervorschlag
Werner Schreiber. Rezension vom 06.08.2015 zu: Bernd Dollinger, Nina Oelkers (Hrsg.): Sozialpädagogische Perspektiven auf Devianz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2960-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18636.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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