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Ramona Thümmler: ADHS im Schnittfeld verschiedener Professionen

Cover Ramona Thümmler: ADHS im Schnittfeld verschiedener Professionen. Eine Forschungsstudie zu Zusammenarbeit, Strukturen und gelingender Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3248-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Über das Phänomen ADHS und mögliche Weisen des Umgangs mit dieser sog. Störung gibt es mittlerweile zahlreiche Literatur. Allerdings zeigt sich in der Forschungslandschaft eine Lücke, gibt es doch scheinbar keine Untersuchung, die sich mit der Kooperation von Fachpersonen bei Aufmerksamkeitsstörungen befasst. Es ist u.a. diese Lücke, die Ramona Thümmler mit ihrem vorliegenden Buch zu schließen versucht.

Autorin

Ramona Thümmler, Dr. phil., ist Diplom-Pädagogin und angehende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung an der PH Ludwigshafen und ist aktuell als Vertretungsprofessorin an der FH Erfurt tätig.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei der Publikation um eine Dissertation, die 2013 der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund vorgelegt wurde.

Aufbau und Inhalt

„ADHS im Schnittfeld verschiedener Professionen“ ist in insgesamt 8 Kapitel gegliedert. Die Kapitel 1 – 4 bilden den theoretischen Teil, die Kapitel 5 – 7 stellen den forschungsmethodischen Part und das Kapitel 8 einen kurzen Ausblick dar.

In Kapitel 1 („Einführung“) konkretisiert die Autorin das Ziel ihrer Forschungsarbeit, das im Kern in der Frage besteht, welches förderliche bzw. hinderliche Faktoren auf struktureller Ebene bei der Behandlung der ADHS zu beobachten sind (vgl. S. 19). Dabei verfolgt sie gleichsam als übergeordnetes Ziel, „die Situation der Versorgung bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS zu beschreiben, um die Entwicklungschancen der Kinder und Jugendlichen aufrechtzuerhalten“ (ebd.).

In Kapitel 2 („Gesundheitliche und psychosoziale Situation von Kindern und Jugendlichen“) werden im wesentlichen zwei Studien fokussiert. Es handelt sich dabei einerseits um den Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey (KiGGS), bei dem mithilfe von drei verschiedenen Erhebungstechniken repräsentative Daten von über 17.000 Jungen und Mädchen im Alter von 0 – 17 Jahren aus ganz Deutschland erhoben worden sind. Zum anderen wird der WHO-Jugendgesundheitssurvey in den Blick genommen. Die Ergebnisse beider Studien verweisen darauf, dass psychische Auffälligkeiten bei etwa 5% der Kinder und Jugendlichen vorkommen, Jungen in der Regel häufiger davon betroffen sind als Mädchen und dass Kinder und Jugendliche aus unteren sozialen Schichten sowohl über einen schlechteren Gesundheitszustand verfügen als auch eine stärkere Beeinträchtigung ihrer psychosozialen Gesundheit erleben (vgl. S. 27). Zwar bietet das Versorgungssystem in Deutschland verschiedene gesundheitsfördernde und rehabilitative Maßnahmen an, dieses werden allerdings tendenziell weniger von jenen Eltern wahr- und angenommen, die der sozialen Unterschicht angehören (vgl. S. 37f.).

Kapitel 3 („Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen“) befasst sich mit der ADHS. Dabei werden die Genese des Konzepts ADHS, deren Symptomatik und Klassifikation und darüber hinaus die Prävalenz und der Verlauf dargestellt und analysiert. Dies geschieht vorwiegend in Orientierung an die ICD-10 und dem DSM IV. Im Rückgriff auf Hampel & Desman, Kahl et al und Lehnkuhl et al. werden die mit der ADHS einhergehenden komorbiden Störungen unterstrichen. Dabei gelingt es der Autorin, die unterschiedlichen Symptome der ADHS anhand verschiedener Lebensalter detailliert zu exemplifizieren (vgl. S. 47ff.). Daran anknüpfend werden drei Erklärungsmodelle für die ADHS vorgestellt (die monokausale biologistische Erklärung, die psychodynamischen Erklärungsansätze und das integrative Modell). Die Autorin bleibt dabei keineswegs rein deskriptiv, sondern zeigt kritisch die Stärken und Schwächen der einzelnen Modelle auf (vgl. S. 50ff.). Im Anschluss an die Leitlinien und Diagnostik werden Interventionsmöglichkeiten thematisiert. Thümmler geht dabei sowohl auf kinderzentrierte als auch auf eltern- und familienzentrierte Interversionen ausführlich ein (vgl. S. 67ff.).

Das 4. Kapitel („Kooperation – Begriffsbestimmung, Grundlagen und Rahmenbedingungen“) befasst sich mit der Abgrenzung von Kooperation zu Koordination, darüber hinaus werden aber auch mehrere Formen und Ebenen der Kooperation (die individuelle, die interpersonelle und die strukturelle Ebene) skizziert (vgl. S. 88ff.).

Ab Kapitel 5 („Untersuchung – Aufbau und Methodik“) geht die Autorin auf das von ihr gewählte forschungsmethodische Design ein. Sie greift dabei auf die Mixed-Method zurück, eine methodenübergreifende Triangulation zwischen qualitativen und quantitativen Ansätzen. In der ersten Phase greift Thümmler auf eine Felderkundung durch Expertengespräche zurück. Als Experten werden dabei Teilnehmer eines Qualitätszirkels zur ADHS an einem Stuttgarter Klinikum bestimmt. In der zweiten Phase wird mit 15 Experten (Kinder- und Jugendärzte, Ergotherapeuten etc.) eine Interviewstudien durchgeführt. In der anschließenden dritten Phase setzt die Autorin eine quantitative Erhebung mittels Fragebögen zur Datenerschließung ein. Die Adressaten sind dabei verschiedene Institutionen innerhalb Deutschlands, die mit Kindern und Jugendlichen mit ADHS arbeiten (vgl. S. 104f.).

Nach der detaillierten Darstellung der Ergebnisse im 6 Kapitel geht Thümmler in Kapitel 7 („Interpretation und Diskussion der Ergebnisse“) zur Auswertung über. Im Anschluss an eine methodenkritischen Reflexion werden die Ergebnisse diskutiert. Dies geschieht zum einen mit Blick auf die Vielfalt der Professionen und Institutionen, zum anderen mit Blick auf strukturelle Bedingungen in der Unterstützung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsauffälligkeiten und zuletzt mit dem Augenmerk auf den Aspekt der Kooperation (vgl. S. 228ff.).

Die Arbeit schließt im 8. Kapitel mit einem kurzen Ausblick („Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsauffälligkeiten im Netz der Hilfen“).

Diskussion und Fazit

Es ist nicht Gegenstand der Arbeit, das Phänomen ADHS als solches in Frage zu stellen. Sie richtet sich also nicht an die Kritiker dieser Diagnose und behandelt nicht die Frage, ob es sich bei ADHS ggf. auch „nur“ um eine soziale Konstruktion, eine Antwort auf gesellschaftliche Missstände oder um ein kulturell induziertes Problem handeln könnte. Dies ist auch nicht das erklärte Ziel der Lektüre. Vielmehr handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um eine durchaus bemerkenswerte Arbeit. Bemerkenswert insofern, weil sie im großen und unübersichtlichen Dickicht der Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche, die von ADHS betroffen sind, auf eine entscheidende Lücke hinweist. Diese Lücke betrifft die mangelnde Kooperation von Fachpersonen bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsstörungen. Das Netz der Hilfen kann nur dann greifen, wenn eine solche Kooperation gelingt, dazu bedarf es aber eines analytischen Blicks auf Professionen und Institutionen, auf Strukturen und – vor allem – auf den Aspekt der Kooperation. Dieser Blick wird von Ramona Thümmler vollzogen. Heraus kommt eine methodisch überzeugende, sprachlich eingängige und inhaltlich gelungene Arbeit, die sich in erster Linie an Wissenschaftler richtet, aber auch an jene, die sich ausführlicher mit der Situation der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS befassen wollen.


Rezensent
Dr. Thomas Damberger
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Zitiervorschlag
Thomas Damberger. Rezension vom 27.03.2015 zu: Ramona Thümmler: ADHS im Schnittfeld verschiedener Professionen. Eine Forschungsstudie zu Zusammenarbeit, Strukturen und gelingender Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3248-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18639.php, Datum des Zugriffs 25.08.2016.


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