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Uwe Becker: Die Inklusionslüge

Cover Uwe Becker: Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus. transcript (Bielefeld) 2015. 210 Seiten. ISBN 978-3-8376-3056-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Der Begriff der ‚Inklusion‘ findet in sehr unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen und sozialpolitischen Kontexten Verwendung. Er hat seinen festen Platz in der Systemtheorie, wenn es um die spezifische Form der Einbeziehung von Individuen in ausdifferenzierte Funktionssysteme moderner Gesellschaften geht. Ebenso wird er genutzt zur Analyse von Zugehörigkeit und Ausgrenzung in kapitalistischen Gesellschaften. Durch die Auseinandersetzung mit Fragen der Umsetzung der UN Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen hat der Begriff sich zu einem politischen Schlagwort in einem neuen Kontext entwickelt, in dem es um die Sicherung des Zugangs zu zentralen Lebensbereichen durch Rechte geht.

Die Bundesregierung hatte zunächst in ihrer offiziellen Übersetzung die Verwendung des Begriffes vermieden und den englischen Terminus ‚inclusion‘ – meist mit ‚Einbeziehung‘ übersetzt – an einigen Stellen mit ‚Integration‘ gleichgesetzt. Es ist dem politischen Engagement der Selbsthilfe und Verbände von Menschen mit Behinderungen zu verdanken, dass der kritische Ansatz des Inklusionsbegriffes in der UN-Behindertenrechtskonvention dagegen zur Geltung gebracht wurde. So wurde eine Schattenübersetzung erstellt und es konnte erreicht werden, dass eine neue offizielle Übersetzung erarbeitet wird. Vor dem Hintergrund einer Achtung vor Verschiedenheit werden Beeinträchtigungen als Teil der menschlichen Vielfalt angesehen.

Die Sicherung der Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen verlangt, dass für sie die sozial gestaltete Umwelt auf der Basis der Gleichberechtigung zugänglich und nutzbar ist. Behinderungen werden nicht als individuelles Defizit angesehen, das der Fürsorge und Behandlung in besonderen sozialen Räumen bedarf. Ziel der – in der Konvention bezogen auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen konkretisierten -(Menschen)rechte und der von den Vertragsstaaten eingeforderten Maßnahmen zum Schutz dieser Rechte ist die selbstverständliche und gleichberechtigte Teilhabe. Dafür wurde mit der Konvention der Begriff der Inklusion in die Debatte um den Schutz der Menschenrechte eingeführt, ohne dass damit bereits ein ausformuliertes Handlungskonzept beschrieben werden könnte.

Weit über den spezifischen Kontext der Konvention hinaus hat der Ansatz damit Bedeutung für die – durch Rechte und staatliche Maßnahmen für alle Menschen zu sichernde – Zugehörigkeit zu den gesellschaftlich relevanten Systemen. Dieser steht allerdings in Spannung zu den Ausgrenzungsmechanismen, die durch eben diese Systeme hervorgebracht werden. Die Bedeutung der Inklusion für die Ausgestaltung des Bildungs- und Erwerbssystems, der Systeme sozialer Sicherung und für alle weiteren Bereiche gesellschaftlichen Lebens ist daher im politischen Raum strittig. Besonders intensiv werden Fragen der Inklusion gegenwärtig im Bereich der schulischen Bildung diskutiert.

Entstehungshintergrund

Uwe Becker ist evangelischer Theologe. Er hat als Pfarrer, speziell Sozialpfarrer gearbeitet und ist seit 2004 zunächst im Vorstand des Diakonischen Werkes der Ev. Kirche im Rheinland und seit 2008 der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe tätig. Mittlerweile hat er einen Ruf auf eine Professur für Diakoniewissenschaft, Sozialethik und Verbändeforschung an der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe angenommen, wo er bereits zuvor als Honorarprofessor tätig war. Uwe Becker publiziert sowohl in Fachkontexten als auch in Tages- und Wochenzeitungen zu sozialpolitischen Themen und bezieht dabei pointiert Position. Zum Thema der Inklusion hat er sich bereits kritisch in der Süddeutschen Zeitung und in einem ‚Diakonischen Zwischenruf‘ geäußert. Hier kritisiert er insbesondere den Aktionsplan der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Wenngleich die Arbeit als Vertreter eines Wohlfahrtsverbandes an vielen Stellen des Buches deutlich wird, geht es ihm um eine grundsätzliche Kritik der Vereinnahmung des Ansatzes der Inklusion, der diesen seines kritischen Impulses beraubt. Im Untertitel greift Becker den von Richard Sennett geprägten Begriff des ‚flexiblen Kapitalismus‘ auf, mit dem vage ein Übergang von einer durch Massenproduktion und Befriedung durch soziale Sicherung und Konsum geprägten Phase der kapitalistischen Entwicklung hin zu einer durch Globalisierung, Flexibilisierung und neue Formen sozialer Ausgrenzung gekennzeichneten Entwicklung kapitalistischer Wirtschaft markiert wird. Mit dem im Untertitel angedeuteten Primat der Ökonomie stellt sich immer auch die grundsätzliche Frage, ob durch Rechte und speziell Menschenrechte den – mit den Marktmechanismen einhergehenden – Tendenzen der Ausgrenzung entgegen gewirkt werden kann.

Aufbau und Inhalt

Das Buch insgesamt lässt sich als Streitschrift bezeichnen, in der – dem provozierendem Titel folgend – in immer neuen Anläufen der Missbrauch des Inklusionsbegriffes kritisiert wird. Dem Autor ist daran gelegen, den scheinbaren Konsens, die die Inklusionsdebatte häufig durchzieht, grundlegend in Frage zu stellen. Bereits in der Einleitung macht Becker deutlich, dass er den kritischen Gehalt des Inklusionsbegriffes im Sinne einer Utopie retten möchte. Er sieht darin Normen der „Empathie, Entschleunigung, Solidarität, Konkurrenzreduktion, Toleranz und eine Lebensführung ohne primär ökonomische Rationalität“ (S. 18) verankert und schreibt dem Ansatz im letzten Kapitel seines Buches ein revoltierendes Potenzial zu.

Der Argumentationsgang des Buches zielt im Kern auf eine Entlarvung von Befriedungsstrategien, in denen der Inklusionsbegriff im politischen Raum missbraucht wird. Nach Meinung des Autors eignet sich der Inklusionsbegriff dafür, da er sehr diffus verwendet werden kann. Anhand von Zitaten von Politiker/inne/n belegt Becker, dass insbesondere der politische Appell zur Inklusion an die Arbeitsmarktakteure die Ausgrenzungsmechanismen des Arbeitsmarktes verschleiert oder sogar verstärkt.

Er würdigt den Entstehungshintergrund der Behindertenrechtskonvention im Kontext einer internationalen Bewegung von Menschen mit Behinderungen, ist allerdings der Meinung, dass die in der Konvention verankerten Instrumente zur Durchsetzung von Menschenrechten zu schwach sind, um die Vertragsstaaten zu einer verbindlichen Umsetzung zu zwingen. Er kritisiert, dass die Umsetzung von Inklusion auf einen Appell an Haltungen ausweicht, eher vage in einer Kultur des Miteinanders verankert wird und sich nicht mit konkreten Maßnahmen zur Änderungen ausgrenzender Strukturen verknüpft. Er nennt darüber hinausgehend Beispiele von Maßnahmen, in denen mit dem Verweis auf Inklusion seiner Meinung nach sinnvolle Leistungen verweigert und Ausgrenzungstendenzen verstärkt werden. So kritisiert er im Bereich der Arbeitsmarktpolitik eine nach seiner Wahrnehmung einseitige Infragestellung der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), ohne, dass die Ausgrenzungsmechanismen des Arbeitsmarktes insgesamt thematisiert werden.

Im Fortgang seiner Argumentation stellt Becker die Inklusionsdebatte in den Kontext des Aktivierungsdiskurses mit dem in der Bundesrepublik Deutschland in der Ära Schröder von der Sozialdemokratie ein Rückzug des Sozialstaates gefordert und ein Rückbau von Schonräumen und sozialer Absicherung betrieben wurde. Hier verortet der Autor einen Übergang in eine neue Phase der kapitalistischen Entwicklung, die sich einer neosozialen Gouvernementalität bedient, nach der sich die Individuen selbst steuern und für ihr Schicksal allein verantwortlich gemacht werden. Dies führt Becker zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem im Inklusionsdiskurs bedienten Bildes von ‚Drinnen‘ und ‚Draußen‘. Im Anschluss an den sozialpolitischen Exklusionsdiskurs, insbesondere an Kronauer und Castel analysiert er die für weite Teile der Bevölkerung immer prekärer und fraglicher werdende Einbindung in die Gesellschaft, die den Erfordernissen eines flexiblen Arbeitsmarktes bzw. flexiblen Kapitalismus entspricht. Er belegt dies durch die Entwicklung der Erwerbsarbeit und der Systeme der sozialen Sicherung. Becker warnt daher vor der Einladung an Menschen mit Behinderungen zur ‚Teilhabe‘ und ‚Inklusion‘ in solche durch eine einseitige kapitalistische Verwertungslogik gekennzeichneten gesellschaftlichen Räume, der nach seiner Meinung bereits die Frauenbewegung im Zeichen der Emanzipation viel zu unkritisch gefolgt sei.

In einem weiteren Abschnitt zeigt Becker, dass die Ausgrenzungsmechanismen selbstverständlich auch Auswirkungen auf das Bildungssystem haben. Er kritisiert vor diesem Hintergrund eine vorschnelle Infragestellung von Förderschulen, die ohne Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems nur zur „‚Einpassung‘ in das bestehende System bis an die Grenze des Zumutbaren für alle Beteiligten“ (S. 151) führe.

Ein eigenes Kapitel widmet Becker dem öffentlichen Raum (S. 159 ff.). Er hebt gegenüber der Verengung der Inklusionsdebatte auf die schulische Bildung und den Arbeitsmarkt hervor, dass die UN-Behindertenrechtkonvention unter anderem mit ihren Forderungen nach Barrierefreiheit und der Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens dieses Feld ganz zentral in den Blick nimmt. Er plädiert auf dieser Grundlage für eine reflektierte Sozialraumorientierung als Ansatz für die Weiterentwicklung sozialer Unterstützungsdienste.

Im Abschlusskapitel spricht sich Becker zusammenfassend für zwei grundlegende Korrekturen im Inklusionsdiskurs aus. Bei der einen geht es um die Überwindung der „selbstgenügsame[n] Tabuisierung der Normierungsfaktoren gesellschaftlicher Teilhabe inklusive all ihrer ausgrenzenden Tendenzen“ (S. 172), bei der anderen um die Hinterfragung der als quasi natürlich hingenommenen ökonomischen Prozesse. Genau gegenüber dieser „machtvollen Zentrallogik der ökonomischen Verwertung“ entfaltet nach seiner Meinung die UN-Behindertenrechtskonvention ihr bereits eingangs herausgestelltes revoltierendes Potential.

Fazit

Das durch den Titel angekündigte Versprechen einer Provokation löst die Streitschrift von Uwe Becker überzeugend ein. Er entlarvt die Inklusionsrhetorik im politischen Raum, die geeignete Maßnahmen zur Entwicklung inklusiver Strukturen häufig eher blockiert. Zugleich zerstört der Autor die naive Annahme, mit einem Appell an die Inklusionsbereitschaft und die Beschwörung der Zusammengehörigkeit, die Interessensgegensätze in kapitalistischen Gesellschaft überwinden zu können. Hier argumentiert der Autor, ganz im Stil einer Streitschrift häufig zugespitzt, jongliert souverän mit Zitaten von Politikern und stellt diese den tatsächlichen Gegebenheiten und Erfahrungen in der Gesellschaft gegenüber. Das Buch kann allen empfohlen werden, die an der Entwicklung inklusiver Strukturen arbeiten und dabei das Unbehagen des Autors an einer zunehmenden Profillosigkeit des Inklusionsbegriffes teilen.

Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Position des Autors letztendlich auch moralisch und appellativ bleibt. Der scheinbar unentrinnbaren Logik des flexiblen Kapitalismus stellt er die Idee der Inklusion als Utopie oder Revolution unverbunden gegenüber. Überraschend verständnisvoll und eher an der Erhaltung bestehender Strukturen orientiert bleibt hingegen seine Argumentation, wenn es um Sondereinrichtungen wie Werkstätten für behinderte Menschen oder Förderschulen geht. Wenn Becker „die Politik“ kritisiert meint er ganz offensichtlich Regierungen und die sie tragenden Parteien. Dies wird der Komplexität von politischen Entscheidungsprozessen nicht gerecht. Gerade das Feld der Sozialpolitik, und darin die Rehabilitation und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen ist dadurch bestimmt, dass die Politikformulierung durch ein hohes Maß an Einflussnahme nichtstaatlicher Akteure, insbesondere der Verbände der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer und der Wohlfahrtspflege geprägt ist.

Die Entwicklung der Menschenrechte, die sich auch in der Entstehung und Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention niederschlägt, ermöglicht eine andere Sichtweise. Menschenrechte lassen sich als konkrete Utopie bezeichnen, die auf der Grundlage erfahrener Missachtung von grundlegenden Rechten formuliert werden. Sie tragen daher ein Janusgesicht, das zugleich der Moral und dem Recht zugewandt ist (Habermas). Ihre Umsetzung bedarf daher sozialer Bewegungen und eines Rechtssystems, das sich nicht der Sicherung politischer Macht oder kapitalistischer Verwertungslogik unterordnet, sondern mit eigenen Autonomiespielräumen die Ordnung menschlichen Zusammenlebens thematisiert. Die Erarbeitung der UN-Behindertenrechtskonvention und ihre Umsetzung belegt, dass dies möglich ist. Sie hat die Menschen mit Behinderungen und andere kritische Akteure darin bestärkt, die Entwicklung inklusiver Strukturen einzufordern. Dabei werden Strategien der Einflussnahme auf politische Entscheidungen, die Nutzung rechtlicher Mittel gegen Benachteiligung und Aktivitäten der Bewusstseinsbildung genutzt. Dies zeigt sowohl im Bereich der Politik, des Bildungssystems und der Wohlfahrtspflege durchaus Wirkungen. Dabei steht allerdings die Umsetzung der Konvention – wie unlängst die Beratung der Umsetzungsbemühungen in der Bundesrepublik Deutschland im zuständigen Ausschuss der Vereinten Nationen gezeigt haben – erst ganz am Anfang. Die Streitschrift von Uwe Becker ermutigt dazu, in den Debatten das Bemühen um einen vorschnellen Konsens immer wieder kritisch in Frage zu stellen.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 17.07.2015 zu: Uwe Becker: Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3056-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18667.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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