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Anne van Rießen, Christian Bleck u.a. (Hrsg.): Sozialer Raum und Alter(n)

Cover Anne van Rießen, Christian Bleck, Reinhold Knopp (Hrsg.): Sozialer Raum und Alter(n). Zugänge, Verläufe und Übergänge sozialräumlicher Handlungsforschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 334 Seiten. ISBN 978-3-658-06599-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Heutige alte Menschen verbringen ihr Leben zwar auch noch überwiegend in ihrer Wohnung. Sie sind jedoch auch im öffentlichen Raum präsent. Ihre Teilhabe am allgemeinen Leben hängt davon ab, wie sie in für alle zugänglichen Räumen agieren und kommunizieren können. Ob und wie stark sie dies tun, hängt neben individuellen Bereitschaften und Kompetenzen wiederum auch davon ab, welche Anregungen und Möglichkeiten sie für ihren Auftritt im öffentlichen Raum vorfinden. Diesen zu erweitern gingen Forschungsprojekte an den sechs Fachhochschulen Köln, Düsseldorf, Dortmund, Darmstadt, Dresden und Mittweida mit Fördermitteln aus dem Programm „Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“ SILQUA des Bundesministeriums für Bildung und Forschung nach. Beteiligte Lehrende der Fachhochschule Düsseldorf haben die mitgeteilten Projektforschungen jetzt im 334seitigen Sammelband „Sozialer Raum und Alter(n)“ heraus gegeben. Er ist im Verlag für Sozialwissenschaften VS bei Springer in Wiesbaden erschienen und führt die Projekte in vierzehn Einzelbeiträgen zusammen und reflektiert sie.

HerausgeberInnen

  • Professor Dr. phil. Christian Bleck lehrt Wissenschaft Soziale Arbeit und Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf.
  • Diplom-Sozialarbeiterin Anne van Rießen ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf mit dem Schwerpunkt demografischer Wandel und alternde Gesellschaften tätig.
  • Professor Dr. phil. Reinhold Knopp lehrt Stadtsoziologie mit Stadtgestaltung im Kontext demografischer Entwicklung am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf.

Aufbau und Inhalt

Die Forschung der sechs Fachhochschulen Köln, Düsseldorf, Dortmund, Darmstadt, Dresden und Mittweida verfolgte die Absicht, alte Menschen durch höhere Nutzung der sie umgebenden öffentlichen Räume in ihrer Lebensgestaltung und Kommunikation zu fördern. Als durchweg aktivierende Forschung sollte die Altersklientel auch umgebungs-räumliche Barrieren für das Agieren in ihren Quartieren überwinden oder gar beseitigen können. Die insgesamt vierzehn Einzelbeiträge mit zusätzlichen Beiträgen von Lehrenden an Hochschulen in Bremen, Kassel und Freiburg gliedert der Sammelband „Sozialer Raum und Alter(n)“ in fünf Einzelabschnitte.

Als theoretische Grundlagen arbeitet Cornelia Kricheldorff zunächst heraus, dass alte Menschen in ihrem Sozialraum förderliche Bedingungen für Vergemeinschaftung und Sorgearbeit vorfinden sollen. Der Nahraum soll helfende Beziehungen im Hilfe-Mix zwischen Bürger, Nachbarschaft und Professionellen ermöglichen. Die Aktivierung der alten Menschen zum sozialen Humankapital hinterfragt Silke van Dyk zum einen mit der zu erwartenden geringeren Ausstattung künftiger Alterskohorten mit finanziellem, sozialem und kulturellem Kapital; zum anderen warnt sie vor der Nutzung der erhöhten Selbstsorge alter Menschen zum Abbau sozialstaatlicher Leistungen, die gerade Benachteiligten in schwierigen Lebenslagen in geeigneten Sozialräumen zugute kommen müssten. Das Konstrukt Lebensqualität verfolgt Manuela Weidekamp-Maicher auf der eher soziologischen Makro- und auf der eher psychologischen Mikro-Ebene. So müsse Lebensqualität auf den sechs Ebenen sozial, physisch, psychisch, kognitiv, spirituell und ökologisch verortet werden. Es sollen alte Menschen Urich Deinet zufolge ökologisch zu Mit- und Umgestaltern ihrer Umgebungen werden, sie sollen sozialräumliche Akteure werden und „Spacing“ betreiben. Am Ende dieses Theorie-Abschnitts zeigt Reinhold Knopp Wege auf, damit solche Aktivierungen alter Menschen im Quartier nicht nur eine Alibi-Funktion in einer ‚Mitmach-Falle‘ erfüllen, sondern dass sich wirklich etwas für sie ändert.

Im Abschnitt der Zugänge fasst Reinhold Knopp die an den sechs Forschungs-Standorten angewandten Forschungstechniken zusammen. Praktiziert wurden Sekundärbefragungen (im Anschluss an kommunale Erhebungen), persönliche Interviews (teils in türkischer und russischer Sprache), standardisierte Fragebogen-Erhebungen, aktivierende Motivation der Klientel bis zu ihrem Einsatz als Ko-Forschende, Experteninterviews, Begehungen (mit bildlichen Aufzeichnungen) und Tagebuchführung. Als hilfreich erwiesen sich Auftaktveranstaltungen und das Entwickeln einer Projektstruktur. Forschungsmethodologisch wurde die Frage möglicher Verfälschung des Erkannten durch teilnehmende Interaktion der Mit-Forschenden diskutiert.

Der Abschnitt Verläufe teilt die wesentlichen Ergebnisse der von den sechs Hochschulstandorten ausgegangenen forschenden Projekte mit.

  • In Köln konnten mit vermittelnden Schlüsselpersonen in Praxen, Apotheken, Lokalen und Geschäften sowie mit alten Menschen als Quartiersforschern die Vernetzungen verdichtet werden.
  • Das Dortmunder Team verhalf dem Projekt „Gut leben in Schalke“ zu einer verbesserten Situation des Gelsenkirchener Stadtteils. Die beteiligten alten Menschen erfuhren einen erhöhten Selbstwert (Koproduzentenschaft, Wertschätzung, Lernanreiz und stärkere Quartiers-Identität).
  • Die Darmstädter Projektgruppe befähigte benachteiligte Bewohnerschaften zu verstärkter Selbstorganisation und höherem Engagement. Die Klientel lernte wirksame Interessendurchsetzung gegenüber der Kommune.
  • Der Versuch, von Mittweida aus die Bewohnerschaften von sächsischen Wohnungsbaugenossenschaften zu Quartiers-Verbesserungen zu motivieren, blieb in der Beschränkung auf die Zufriedenheiten mit den jeweiligen Hilfen innerhalb der Hausgemeinschaften stecken.
  • Das Dresdner Vorhaben, die Selbstverwirklichung älterer Bewohner in Leipzig-Leutzsch zu stärken, erfuhr nach einer Stadtteil-Begehung mit erstellten Fotowänden, Beobachtungsprotokollen und Infoständen einen Perspektivenwechsel ins Sozial-Kulturelle: Die Aktivierten drehten einen Film und arbeiteten eine Vorstellung ihres „Kabaretts der Nicht-mehr-Jungen“ Leutzscher aus.
  • In sieben Düsseldorfer Quartieren erhöhten sich die nachbarschaftlichen Kontakte merklich nach der Aktivierung der Bewohnerschaften mittels Begehungen, Ausfüllen einer Infrastrukturtabelle und durch niederschwellige Zugänge (in Blumenläden, auf Märkten und Probierständen).

Im Abschnitt Übergänge stellt Harald Rüßler an Folgewirkungen der Forschungsperioden eine erhöhte Kommunikation unter den involvierten Alten fest. An einigen Standorten arbeiteten die motivierten alten Bewohnerschaften auch ohne die Hochschul-Begleiter selbstständig weiter. Die zu den kommunalen Verwaltungen gefundenen Kontakte wurden weiterhin genutzt. In Köln weitete die Stadtverwaltung die Vernetzungserfolge auf alle Stadtteile aus. Teilweise verengte sich der Lernzugewinn der Beteiligten jedoch auch im Individuellen.

Im Schluß-Abschnitt reflektiert Christian Spatscheck die Fachhochschul-Projekte nach ihrem individuellen Ertrag für die beteiligte Klientel, nach der Erhöhung der Lebensqualität und nach der Belebung der Quartiersräume. Der Bilanzierer kommt zu durchweg positiven Bewertungen. Bezüglich der Erhöhung der Lebensqualität scheinen strukturelle Aspekte aber doch stärker im Vordergrund zu stehen als individuelle und gesundheitliche Einschätzungen der Beteiligten. Quartiers-räumlichen Innovationen an sich wurde in einigen Fällen doch stärker nachgegangen als ihrem Herunter-Brechen auf die individuelle Ebene. So hat sich gerade bei Schlüsselpersonen und sozialen Gebilden in den Quartieren etwas Beobachtbares getan, was sich bei den Klientinnen und Klienten nicht immer als angekommen feststellen ließ.

Diskussion

Der Sammelband „Sozialer Raum und Alter(n)“ richtet den Blick auf den wichtigen geronto-ökologischen Zusammenhang zwischen Wohn-Quartier und seiner Alten-Klientel. Verbesserungen dieses Verhältnisses zum Wohl der alten Menschen erwiesen sich durchweg durch mannigfache Anstöße als gestaltbar. Insofern ist der Band eine Fundgrube für belebende Instrumentarien. Die Grundeinsicht, dass ein Quartiersraum nur durch die in ihm statthabenden Interaktionen existent wird, wird anhand der geschilderten Fachhochschul-Forschungsprojekte eindrucksvoll deutlich.

Positiv zu vermerken ist auch, dass die Lehrenden und Forschenden mit ihren Studierenden nicht nur etwas für die alten Menschen in den betrachteten und belebten Quartieren taten, sondern dies mit ihnen unternahmen. In den meisten Fällen wurde die alte Bevölkerung zu mitbeteiligten Akteuren motiviert, in einigen Projekten sogar zu Ko-Forschern eingesetzt. Die Beeinträchtigung der person-neutralen Forschungs-Objektivität durfte zugunsten der Betrachtung eines prozesshaften Geschehens hintan gestellt werden.

Der Vorwurf der Alibi-Funktion des Aufrufs zur Selbstsorge nach Sozialleistungskürzungen verliert dann an Gewicht, wenn die beteiligten Alten, wie in den Projekten gezeigt, eine deutliche Persönlichkeits-Aufwertung erfahren und dadurch ihre Rechte wirksamer verfolgen.

Denn das soziale Engagement ist auch in der Altenpopulation nach wie vor hoch und wohl eher nicht im Sinken begriffen, wie im Band teilweise unterstellt wird.

Die geschilderten Forschungsprojekte gehen zumeist von ökologischen Ansätzen aus. Es bleiben dadurch aber eher individuell-subjektive Lebensqualitäts-Dimensionen, wie sie in den theoretischen Grundlagen des Bandes eingeführt werden, unterbelichtet. Auch wird die Raum-Aneignung der alten Menschen in ihren Quartieren zu sehr im Kommunikativen erblickt. Vordergründige Hilfen und wirksame Erleichterungen wie Absenken von Bürgersteigen, ausreichende Sitzgelegenheiten, einfacher handhabbare elektronische Vollzüge, leichter sich öffnende Behältnisse, veränderte Taktzahlen, Verkehrberuhigung und Großdruck-Aufschriften wurden bei den Projekten überwiegend nicht ins Gespräch gebracht. Sie sind aber auch ein Teil Gemeindeökologie des alten Menschen.

Ein Teil der Projekte driftete auch vom ursprünglich intendierten Ökologischen zu neuen Interessensfeldern wie den soziokulturellen Theater- und Selbstdarstellungs-Projekten weg. Auch erlangten einige projekt-induzierte Aktionsgruppen eine so starke Binnenkohäsion, dass interessierte, neu hinzu stoßende Außenstehende wieder abgesondert wurden, wogegen nicht wirksam angegangen wurde.

Das Dilemma, über vordergründiges Mitmachen hinaus zu kommen, damit sich im Quartier wirklich etwas ändert, statt nur das Gefühl zu vermitteln, einmal mit agieren zu dürfen, konnte nicht in allen Fällen gelöst werden.

Am Rande sei für eine eventuelle Neuauflage doch auf wiederholte, gravierende orthografische Fehler hingewiesen (neben nicht weg redigierten Dopplungen bei Satzumstellungen auf Seiten 108 und 319 fehlerhafte Setzung von Kommata auf Seiten 118 bis 126, Verwechslung von „dass“ und „das“ auf Seiten 84, 90, 101 und 241 sowie die noch immer nicht mit „ä“ gültige Schreibweise von „Verstetigung“ auf Seiten 293 und 294).

Fazit

Der Band „Sozialer Raum und Alter(n)“ verdeutlicht an mehreren anschaulichen Orten wichtige Zusammenhänge zwischen Quartiersbeschaffenheit und dem Befinden alter Menschen. Er zeigt in erfreulicher Weise, dass aktive Bewohnerschaften etwas auszulösen vermögen. Wenn sich solche Aktivitäten in objektiven Bedingungen und nicht nur in subjektiven Befindlichkeiten niederschlagen, ist viel gewonnen. Die geschilderten Forschungsprojekte legen einmal mehr Zeugnis ab von der wissenschaftlichen Relevanz der Fachhochschulen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.11.2015 zu: Anne van Rießen, Christian Bleck, Reinhold Knopp (Hrsg.): Sozialer Raum und Alter(n). Zugänge, Verläufe und Übergänge sozialräumlicher Handlungsforschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-06599-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18691.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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